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25.12.2017

Brasiliens Öl- und Gas-Sektor erlebt neuen Investitionszyklus

Stärkerer internationaler Wettbewerb bietet Chancen / Von Gloria Rose (Dezember 2017)

São Paulo (GTAI) - Ein Jahrzehnt nach der Entdeckung erleichtert Brasilien ausländischen Konzernen die Entwicklung der Pré-Sal-Ölfelder. Erstmals treten damit multinationale Player verstärkt in Brasiliens Öl- und Gas-Sektor ein. Auch Branchenriese Petrobras steigert die Investitionen wieder. Neue Bedingungen stimulieren den internationalen Wettbewerb und bieten deutschen Unternehmen mehr Chancen. Die Herausforderungen des schwierigen Marktes erfordern jedoch Durchhaltevermögen. (Kontaktadressen)

Brasiliens Pré-Sal lockt mit neuen Rahmenbedingungen und hoher Produktivität

Nach einer einschneidenden Krise steht Brasiliens Öl- und Gasindustrie vor dem erneuten Aufschwung. Voraussetzung für die Wende war die Schaffung marktfreundlicherer Rahmenbedingungen. Die multinationalen Konzerne können nun auch ohne die Beteiligung und Betriebsführung von Petrobras Ölfelder des Pré-Sal entwickeln. Darüber hinaus wurden die Local-Content-Anteile erheblich gemindert. Zugesichert wurde zudem die Verlängerung des Investitionsförderprogrammes "Repetro" bis 2040, das dem Sektor wichtige Steueranreize bietet.

Weitere Investitionsförderprogramme für den Sektor sind auf dem Weg: "Reate" soll Anreize für die Entwicklung von Onshore-Feldern setzen, "Gás para crescer" Rahmenbedingungen für einen freien Erdgasmarkt schaffen und "Combustível Brasil" Midstream- und Downstream-Aktivitäten fördern, damit der wieder wachsende Kraftstoffverbrauch gedeckt werden.

Über das Programm von insgesamt zehn Versteigerungsrunden von Explorationslizenzen zwischen 2017 und 2019 entstand Dynamik. Vier der Runden bieten ausschließlich Blöcke im Pré-Sal an. Das Portal http://www.brasil-rounds.gov.br bietet aktuelle Informationen auch in englischer Sprache. Zusätzlich zu den Versteigerungen sollen ab 2018 knapp 850 nicht ersteigerte oder zurückgegebene Blöcke dauerhaft angeboten werden.

Die hohe Erfolgsquote und Produktivität von Bohrungen im Pré-Sal sprechen für sich. In dem Jahrzehnt seit der Entdeckung des Pré-Sal-Gebietes wurden technische Hürden überwunden und eine um 30 Prozent höhere Produktivität erreicht als ursprünglich erwartet. Die Förderrate einer Bohrung im Pré-Sal von durchschnittlich 21.000 Barrel Öleinheiten pro Tag liegt zehnmal höher als in den anderen Offshore-Feldern Brasiliens.

Nach Angaben der Regulierungsbehörde Agência Nacional do Petróleo, Gás Natural e Biocombustíveis (ANP) sollen die zehn Versteigerungsrunden dem Sektor in den kommenden zehn Jahren zusätzliche Investitionen von 80 Milliarden US-Dollar (US$) bringen und die Produktion um zwei Millionen Barrel pro Tag erweitern. Zwischen 2017 und 2020 investiert die Branche nach Berechnungen der brasilianischen Entwicklungsbank BNDES voraussichtlich 90 Milliarden US$. Allein Petrobras kündigte für diesen Zeitraum Investitionen von 74 Milliarden US$ an. Derzeit vergibt der Großkonzern Aufträge im Wert von knapp einer Milliarde US$ für die Überholung von 39 Plattformen im Campos-Becken, die bis April 2018 abgeschlossen sein sollen.

Erfolgreiche Lizenzvergaben 2017 leiten neuen Investitionszyklus ein

Die ersten vier der zehn Versteigerungsrunden 2017 verliefen erfolgreich und belegen das große Interesse ausländischer Konzerne. In allen Versteigerungen wurden deutlich höhere Bonuszahlungen geboten als erwartet. Der britische Konzern Shell und Norwegens Statoil sowie die französische Gruppe Total, der chinesische Konzern CNOOC, Petrogal der portugiesischen GALP Gruppe und der spanische Konzern Repsol Sinopec verstärkten ihre Positionierung im Pré-Sal-Gebiet. Als neue Pré-Sal-Investoren beteiligten sich der US-Konzern ExxonMobil, die britische Gruppe BP, Qatar Petroleum und der chinesische Konzern CNODC an den erfolgreichen Konsortien.

Nach der umfassenden Umstrukturierung der vergangenen Jahre trat Petrobras wieder als Protagonist auf und sicherte sich in Konsortien drei der sechs versteigerten Pré-Sal-Blöcke. Damit bleibt Petrobras auch zukünftig der mit Abstand wichtigste Akteur der brasilianischen Öl- und Gasindustrie. Die nächsten Versteigerungsrunden sind für den 29. März und den 7. Juni 2018 angesetzt.

Sowohl die Ergebnisse der Versteigerungen als auch die Produktionsaufnahme im Libra-Feld, das 2013 an das Konsortium von Petrobrás, Shell, Total, CNPC und CNOOC ging, animieren die Zulieferer und Dienstleister. Nach vier Jahren intensiven Rückgangs wird die Nachfrage entlang der Lieferkette im Bereich Upstream wieder deutlich steigen. Der Einbruch der Investitionen nach 2013 brachte den Unternehmen hohe Verluste. Auch im Midstream-Bereich besteht Aussicht auf neue Investitionen. Im zweiten Halbjahr häuften sich die Meldungen über das Interesse chinesischer Investoren an der Fertigstellung der Raffinerieprojekte Comperj im Bundesstaat Rio de Janeiro, Premium I in Maranhão und Premium II in Ceará.

Der Sicherheitsventilhersteller LESER Brasil investierte auch in der Krise und wird den Local-Content-Anteil beibehalten. Der Geschäftsführer Joachim Fritz erwartet, dass die Nachfrage aus dem Öl- und Gas-Sektor erst ab 2019 oder 2020 wieder anzieht, da LESER am Ende der Wertschöpfungskette steht. Jens Hüren von MAN Diesel & Turbo Brasil geht davon aus, dass die Auftragslage im Bereich Service und Wartung sich bereits im kommenden Jahr verbessert. Beide Geschäftsführer rechnen zukünftig mit höherem internationalen Wettbewerb. Die zunehmende Beteiligung multinationaler Konzerne, die Minderung der Local-Content-Anforderungen und die marktwirtschaftliche Ausrichtung von Petrobras verändern die Zulieferstruktur.

Geschäftschancen für deutsche Unternehmen

In einer aktuellen Abfrage der AHK Rio de Janeiro gab Petrobras konkreten Bedarf in den Bereichen Ölbohrungen, Wartungs- und Reparaturdienstleistungen, Chemikalien und Katalysatoren sowie Entsorgung von Offshore-Produktionsanlagen an. Verfügbar ist die komplette Auflistung in dem AHK-Marktbericht unter http://www.ahkbusiness.de/fileadmin/ahk_business_br/01_Home/AHK_Rio_de_Janeiro/2018/Publicacao_Oil___Gas_2018_web.pdf Die AHK Rio de Janeiro unterstützt deutsche Unternehmen bei der Kontaktaufnahme zu Petrobras, EPC-Dienstleistern und möglichen Partnerunternehmen.

Joachim Fritz von LESER Brasil bestätigt, dass persönliche Kontakte in Brasilien deutlich wichtiger sind als in vielen anderen Märkten. Den Markteinstieg erleichtern könne ein Joint Venture mit anderen deutschen Unternehmen oder auch die Kooperation mit lokalen Vertriebspartnern. Die Bereitschaft zu Kooperationen ist nach der einschneidenden Krise hoch. Sehr wichtig ist jedoch, die Vertrauenswürdigkeit im Vorfeld auszuloten. Infolge der Korruptionsermittlung "Lava Jato" schloss Petrobras 80 Unternehmen als Geschäftspartner aus. Der niederländische Betreiber von Öltankschiffen SBM Offshore verpflichtete sich zur Straf- und Entschädigungszahlung von rund 360 Millionen US$, um die Verträge fortzuführen.

Joachim Fritz sieht die größten Herausforderungen in der hohen Bürokratie insbesondere im Bereich Steuern und Lizenzverfahren sowie in der geringen Transparenz und Planbarkeit. Dr. Gerhard Haase, der den größten deutschen Erdöl- und Erdgasproduzenten Wintershall Holding GmbH in Brasilien vertritt, appelliert an das Durchhaltevermögen deutscher Unternehmen: "Der Einstieg in den brasilianischen Markt, der besondere Herausforderungen mit sich bringt, ist nicht leicht. Angesichts der neuen Perspektiven sollten deutsche Anbieter die sich jetzt ergebenen Chancen nicht verstreichen lassen."

Kontaktadressen

Bezeichnung Internetadresse Anmerkungen
Germany Trade & Invest http://www.gtai.de/brasilien Außenhandelsinformationen für die deutsche Exportwirtschaft
AHK Brasilien http://www.ahkbusiness.de Anlaufstelle für deutsche Unternehmen
Agência Nacional do Petróleo, Gás Natural e Biocombustíveis (ANP) http://www.anp.gov.br Regulierungsbehörde des Öl- und Gassektors
Instituto Brasileiro de Petróleo, Gás e Biocombustíveis (IBP) http://www.ibp.org.br Branchenverband Brasilianisches Institut für Erdöl, Erdgas und Biokraftstoffe
Associação Brasileira das Empreas de Serviços de Petróleo (ABESpetro) http://abespetro.org.br Verband der Öl- und Gasdienstleister

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekten in Brasilien finden Sie unter http://www.gtai.de/brasilien.

Dieser Artikel ist relevant für:

Brasilien Öl, Gas

Funktionen

Kontakt

Judith Illerhaus

‎+49 228 24 993 248

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