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13.07.2017

Brasiliens Stromübertragung im Visier ausländischer Investoren

Konzessionen über 6 Mrd. Euro seit Oktober 2016 / Aussicht auf weitere Vergaben / Von Gloria Rose

São Paulo (GTAI) - Nach der Investitionskrise zeichnet sich für die kommenden Jahre ein intensiver Ausbau von Brasiliens Strominfrastruktur ab. Der Wettbewerb um die Konzessionen wird härter. Unter den neuen Investoren finden sich viele ausländische Unternehmen. Für Investmentbanken und Zulieferer gilt Transmission derzeit als das aussichtsreichste Segment in Brasiliens Energiesektor. (Internetadressen)

Die zunehmende Bedeutung von Biomasse, Windkraft und Solarenergie insbesondere in der dezentralen Stromerzeugung stellt neue Anforderungen an Brasiliens Strominfrastruktur. Zudem verzögerte die Investitionskrise der vergangenen vier Jahre den Ausbau des Verbundnetzes SIN (Sistema Interligado Nacional). Der Energieplanungsbehörde EPE zufolge sind bis 2022 zusätzliche Investitionen von insgesamt 38,8 Mrd. brasilianischen Reais (R$, etwa 10,1 Mrd. Euro, Durchschnittskurs 2016: 1 Euro = 3,8561 R$) erforderlich. Für die Erweiterung um 21.503 km Übertragungsleitungen berechnet EPE einen Aufwand von 25,9 Mrd. R$. Weitere 12,9 Mrd. R$ fallen für den Bau von 54 neuen Umspann- und Lastverteilwerken an.

Wettbewerb um Konzessionen nimmt zu

Die Investmentbanken Credit Suisse und Goldman Sachs sowie der brasilianische Verband der Elektroindustrie Abinee sehen Transmission derzeit als interessantestes Segment in Brasiliens Energiesektor. Erstmals seit 2012 läuft der Wettbewerb um Konzessionen für die Stromübertragung wieder an. Die Auktion im Oktober 2016 war ein erster großer Erfolg. Vergeben wurden 21 der 24 angebotenen Konzessionen mit einem Investitionsvolumen von 11,6 Mrd. R$. Der Preisabschlag lag im Durchschnitt bei 12,1%.

Ende April 2017 bewiesen die Investoren ein noch stärkeres Interesse. Die Versteigerung von 31 der 35 Konzessionen erzielte Investitionen von insgesamt 12,7 Mrd. R$ zu einem durchschnittlichen Preisabschlag von 36,5%.

Geplanter Ausbau des brasilianischen Verbundnetzes SIN (in km)
Spannung Länge Ende 2015 Ausbau 2016 Voraussichtl. Ausbau 2017 *) Voraussichtl. Ausbau 2018 *) Voraussichtl. Ausbau 2019 *)
Bis 230kV 53.910 1.715 675 830 1.899
345kV 10.303 16 0 22 15
440kV 6.733 14 40 0 0
500kV 42.622 3.943 2.491 2.305 2.452
600kV (CC) 12.816 0 0 0 0
750kV 2.683 0 0 0 0
800kV 0 0 0 4.184 5.386
Insgesamt 129.068 5.689 3.206 7.341 9.752

*) Abteilung Elektrizität des Energieministeriums (SEE/MME), Stand: April 2017

Quelle: Verbundnetzbetreiber ONS, Energieministerium MME

Weitere Vergaben geplant

Der Direktor der Stromregulierungsbehörde Aneel André Pepitone kündigte im April weitere Versteigerungen von Konzessionen an. Im zweiten Halbjahr 2017 sollen 4,4 Mrd. R$ an Investitionen mobilisiert werden. Für das erste Halbjahr 2018 sind Verträge im Umfang von 5,3 Mrd. R$ geplant. Bislang wurden diese Ankündigungen jedoch nicht formalisiert. Angesichts der Verschärfung der politischen Krise ab Mitte Mai ist ein Aufschub wahrscheinlich.

Möglich ist auch eine erneute Versteigerung der Konzessionen des Konkursunternehmens Abengoa im zweiten Halbjahr 2017. Je nach Gerichtsentscheidung wird Abengoa jedoch vielleicht auch ein direkter Verkauf von Aktiva an die zahlreichen Interessenten wie State Grid, Cteep, Taesa und Equatorial zugestanden.

Immer mehr ausländische Unternehmen investieren

Die Einschränkung des Kreditvolumens der Entwicklungsbank BNDES benachteiligt inländische Investoren. Ohne Kapitalkraft bleiben die staatlichen Unternehmen der Vergabe neuer Konzessionen weiter fern. Somit rückt Brasiliens Strominfrastruktur ins Visier von Stromerzeugern, ausländischen Konzernen und Holdinggesellschaften. Deutsche Unternehmen unterstützt das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie über die neue Geschäftsstelle "Strategische Auslandsprojekte" (E-Mail: v-gap@bmwi.bund.de).

Der chinesische Großkonzern State Grid erwarb 2014 zwei Transmissionsunternehmen und ersteigerte im Anschluss daran weitere Konzessionen, zuletzt im April 2016. In den letzten beiden Versteigerungsrunden traten allerdings der portugiesische Energiekonzern EDP, der Netzbetreiber Cteep der kolumbianischen Gruppe ISA, die Firma Elektro der spanischen Iberdrola-Gruppe, das indische Unternehmen Sterlite und die spanische Gruppe Cobra als bedeutendste ausländische Investoren auf. EDP gewann fünf Konzessionen mit einem Investitionsvolumen von 3,7 Mrd. R$. Für insgesamt acht Konzessionen (drei als Konsortium mit Taesa) wird Cteep knapp 3 Mrd. R$ investieren. Die italienische Gruppe ENEL und Frankreichs Konzern Engie beteiligten sich bislang erfolglos an den Versteigerungen.

Der brasilianische Stromkonzern Equatorial wird 4,5 Mrd. R$ für sieben Konzessionen aufbringen. Vor der Auktion im Oktober war Equatorial ausschließlich im Bereich Erzeugung und Verteilung aktiv. Auch der Verteilnetzbetreiber Energisa steigt mit zwei Konzessionen in den Bereich Transmission ein. Zu den Gewinnern von Konzessionen zählen auch Holding-Gesellschaften wie Patria Investments, CYMI, Brasil Energia FIP und RC Administrações.

Unter den etablierten Betreibern von Übertragungsnetzen gewannen neben Cteep in den letzten beiden Runden auch Taesa und Alupar neue Konzessionen, die jeweils Investitionen von über 2 Mrd. R$ erfordern. Die Firma Eate der Gruppe TBE wird für eine Konzession 486 Mio. R$ investieren.

Investitionskrise bewirkte Reformen

Die Instandhaltung und den Ausbau des Verbundnetzes organisiert die Stromregulierungsbehörde Aneel über 30-jährige Konzessionsverträge. Zwischen 2013 und 2016 fanden 42% dieser Konzessionen keine Interessenten. Die traditionellen Konzessionsnehmer hatten sich nach Gewinneinbußen um durchschnittlich 24% aus den Versteigerungen zurückgezogen. Insbesondere Chesf, Furnas, Eletronorte und Eletrosul des staatlichen Konzerns Eletrobras gerieten durch die Regierungsmaßnahme zur Senkung der Stromtarife (MP 579/2012) in Bedrängnis.

Anhaltende Trockenheit und die daraus resultierende Verteuerung von Strom, die politische und wirtschaftliche Krise Brasiliens sowie weitere Faktoren verschärften die Lage. In Finanznot gerieten auch die ersten ausländischen Investoren in Brasiliens Stromübertragung, die spanischen Unternehmen Abengoa und Isolux.

Darüber hinaus verzögerte sich der Bau der vergebenen Projekte um durchschnittlich anderthalb Jahre. Als Hauptursache nennen die verantwortlichen Unternehmen das restriktive Genehmigungsverfahren der Umweltbehörden. Um den immer nötigeren Ausbau des Verbundnetzes SIN anzukurbeln, verlängerte Aneel die Errichtungsfrist auf bis zu 60 Monate, setzte Anreize für eine vorzeitige Inbetriebnahme und verbesserte die Renditeaussicht.

Internetadressen

Ministério de Minas e Energia - MME (Ministerium für Bergbau und Energie)

Internet: http://www.mme.gov.br

Agência Nacional de Energia Elétrica - ANEEL (Stromregulierungsbehörde)

Internet: http://www.aneel.gov.br

Operador Nacional do Sistema Elétrico - ONS (Verbundnetzbetreiber)

Internet: http://www.ons.org.br

Associação Brasileira das Empresas de Transmissão de Energia Elétrica - Abrate (Verband der Unternehmen der Energieübertragung)

Internet: http://www.abrate.org.br

Associação Brasileira da Indústria Elétrica e Eletrônica - Abinee (Verband der Elektroindustrie)

Internet: http://www.abinee.org.br

Revista Eletroevolução

(Fachzeitung für Stromerzeugung und -übertragung des Nationalausschusses Cigré)

Internet: http://www.cigre.org.br

XXIV Seminário Nacional de Produção e Transmissão de Energia Elétrica

(24. Seminar der Stromerzeugung und -übertragung)

Datum: 22. bis 25. Oktober 2017

Ort: Curitiba (Paraná)

Internet: http://www.xxivsnptee.com.br

International seminar on policies, incentives, technology and regulation of smart grids

Datum: 04. bis 07. Dezember 2017

Ort: Rio de Janeiro

Internet: http://www.cigrebrazilrio2017.net

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekten in Brasilien finden Sie unter http://www.gtai.de/brasilien.

(G.R.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Brasilien Stromübertragung und -verteilung

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‎+49 228 24 993 248

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