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07.03.2018

Brexit bereitet britischer Pharmabranche Schmerzen

Konzerne planen Investitionen in anderen EU-Ländern / Regierung verordnet der Branche Beruhigungspille / Von Annika Pattberg

London (GTAI) - Die britische Pharmabranche kalkuliert aktuell Risiken und Nebenwirkungen des EU-Austritts. Da nicht klar ist, wie weich oder hart der Brexit ausfallen wird, investieren einige Firmen vorsorglich viele Millionen Euro auf dem Kontinent. Die Regierung kämpft um den guten Ruf der Insel als Forschungsstandort und verordnete der Branche quasi als Beruhigungspille ein beeindruckendes Förderpaket. Mehrere Unternehmen kündigten daraufhin neue Investitionen in Forschung und Entwicklung an.

Die britische Pharmabranche ist - gemessen am Beitrag zur Bruttowertschöpfung - nach der Automobilbranche der zweitwichtigste Industriesektor des Landes. Für Premierministerin Theresa May ist es sogar der wichtigste: "Es ist schwierig, sich eine Industrie mit größerer strategischer Bedeutung für das Vereinigte Königreich vorzustellen als die Pharmaindustrie", bemerkte sie bereits in ihrer ersten großen Rede als Parteivorsitzende. Das Land hat eine lange Tradition vor allem in der Pharma-Forschung. Rund 40 Prozent der Pharma-Angestellten arbeiten im Bereich Research.

Pharmavertreter kauen auf wichtigen Brexit-Fragen

Seit dem Brexit-Referendum bereiten sich Verbände und Unternehmen auf sämtliche weiche und harte Brexit-Szenarien vor, um den Schaden sowohl für sich als auch für die Patienten gering zu halten. Sie zerbrechen sich die Köpfe über die künftige Zusammenarbeit mit der von London nach Amsterdam abwandernden European Medicines Agency (EMA), möglicherweise künftig zweimal notwendige Zulassungsverfahren und doppelte Chargenfreigabeverfahren, mögliche Handelsbeschränkungen, ein nachlassendes Interesse ausländischer Forscher und den weiteren Zugriff auf Forschungsgelder.

Mitglieder des Wirtschaftsausschusses überrascht über Nebenwirkungen

Ende 2017 berichteten Branchenvertreter dem Wirtschaftsausschuss des britischen Unterhauses von ihren Brexit-Vorbereitungen. Dabei zeigten sich einige Politiker überrascht, wie stark die gegenseitigen Abhängigkeiten der Pharmaindustrien auf beiden Seiten des Ärmelkanals sind und dass der Brexit schon jetzt deutliche Nebenwirkungen verursacht. So hörten sie von dem Vertreter des Generika-Produzenten Xiromed, Peter Ballard, von einem durch die Unsicherheiten und dem seit dem Referendum schwachen Pfundkurs verursachten Medikamenten-Engpass.

Doppelte Verfahren führen zu teureren Arzneimitteln

Eins wurde während der Ausschusssitzung schnell klar: Wenn die EU-27 und das Vereinigte Königreich keine Regelung zur gegenseitigen Anerkennung von Medikamenten-Zulassungen und Testverfahren finden sollten, werden viele Prozesse künftig doppelt, also sowohl in der EU-27 als auch im Vereinigten Königreich, stattfinden müssen. Die Kosten der Medikamente würden dadurch steigen.

Aktuell findet vor der Freigabe einer neuen Charge einmal für die gesamte EU eine Qualitätskontrolle ("batch release test") statt. Fall es nicht zu einer gegenseitigen Anerkennung der Tests, einem "mutual recognition agreement" (MRA) kommt, brauchen britische Produzenten zusätzliche Labore in EU-Ländern und umgekehrt.

Johnson & Johnson-Vertreter Mark Hicken erklärte dem Ausschuss, dass sein Unternehmen von zusätzlichen 50.000 Tests pro Jahr und Kosten von 1 Million Pfund Sterling (£) pro Jahr ausgehe (rund 1,13 Millionen Euro; 1 £ = 1,1341 Euro, Tageskurs vom 27.02.2018). Das seien längst nicht alle Extra-Kosten durch den Brexit, sondern ausschließlich die für die Tests. Xiromed-Vertreter Ballard ergänzte, dass es im Vereinigten Königreich äußerst schwierig sei, Fachkräfte für diese Tests zu finden.

Teure Prophylaxe: GSK und Astra-Zeneca investieren Millionen im EU-Ausland

Da die Notwendigkeit separater Tests noch lange unklar sein wird, der Bau von Testlaboren aber bis zu zwei Jahre dauern kann, investieren einige Unternehmen vorsichtshalber schon jetzt. Aktuell plant GlaxoSmithKline (GSK) für einen zweistelligen Millionenbetrag zusätzliche Anlagen für Testverfahren auf dem Kontinent. Astra-Zeneca baut gleich an mehreren Orten auf dem Kontinent Standorte zur zusätzlichen Qualitätssicherung und -zertifizierung.

Auch die EU profitiert von dem goldenen Dreieck London-Oxford-Cambridge

Der Chef des Verbandes der britischen Pharmaindustrie, Mike Thompson, erklärte, dass die Insel nach der US-amerikanischen West- und Ostküste das weltweit drittbeste Zentrum für Early Stage-Forschung sei. Davon würde auch die EU profitieren. Wenn Pharmaunternehmen nicht im "goldenen Dreieck" zwischen London, Oxford und Cambridge investieren würden, würden sie es in den USA tun und nicht auf dem Kontinent, so Thompson. Es sei im Interesse aller, dass Europa weiterhin zusammen arbeite. Xiromed-Vertreter Ballard sah dies ähnlich: "Wir hängen voneinander ab."

Regierung veröffentlichte Förderplan für den Sektor

Die britische Regierung arbeitet eng mit der Branche zusammen und tut viel, um den Ruf der Insel als weltweiten Life Science-Hub zu verteidigen. Ende 2017 verkündete die Regierung Details ihres neuen Pharmaindustrie-Förderpakets. Der "Life Sciences Sector Deal" stellt unter anderem 146 Millionen £ (rund 165,6 Millionen Euro) für Vorhaben in der Forschung und Entwicklung (F&E) und zur Förderung der Produktion bereit. Außerdem gibt der Deal Anreize für weitere Kooperationen zwischen Wirtschaft und Universitäten. Da sich die Firmen über künftig ausbleibende EU-Forschungsgelder sorgen, dient der Sektor-Deal für die Branche als "Beruhigungspille". Verbandschef Thompson zeigte sich gegenüber dem Untersuchungsausschuss mit dem Engagement der Regierung sehr zufrieden.

Konzerne wollen weiterhin auf der Insel forschen und entwickeln

Die Beruhigungspille wirkt: Beim Thema F&E bekennen sich die Konzerne weiterhin zur Insel. Astra-Zeneca investiert 500 Millionen £ (rund 567,1 Millionen Euro) in ein F&E-Zentrum in Cambridge. Novo Nordisk steckt 115 Millionen £ (rund 130,42 Millionen Euro) in ein Diabetes-Research-Center in Oxford. GSK investiert 40 Millionen £ (rund 45,4 Millionen Euro) in die Gen-Forschung. Qiagen plant einen eigenen Campus in Manchester und MSD (US-Konzern Merck) ein Zentrum für Early Stage-Forschung in London.

Pharmajobs auf der Insel sind für EU-Ausländer weniger attraktiv

Fraglich ist allerdings, ob die Unternehmen genügend Personal für ihre F&E-Vorhaben finden. Fachkräfte und Forscher aus dem EU-Ausland hätten vor dem Brexit wenig Lust, mit ihren Familien auf die Insel zu ziehen, erklärte Verbandschef Thompson. Johnson & Johnson hält laut einem Firmenstatement aufgrund des Fachkräftemangels Standortverlagerungen Richtung Kontinent für möglich.

Die Diagnose lautet: Lieferverzögerungen durch Brexit gefährden Leben

Aktuell gehen rund 44 Prozent der britischen Pharmaexporte in die EU. Ähnlich wie Teile für die Autoindustrie überschreiten auch Vorprodukte für die Pharmaindustrie mehrmals EU-Grenzen, bevor aus ihnen ein fertiges Medikament wird. Noch mehr als über mögliche Zölle sorgt sich Verbandschef Thompson über den möglicherweise sehr langwierige bürokratische Prozesse an den Grenzen. Anders als Kfz-Teile müssen einige Medikamente gekühlt werden. Wenn ein Auto im Zoll von Dover stecken bliebe, sei dies zwar unglücklich, so Thompson. "Aber wenn Medikamente nicht durch den Zoll kommen, ist dies lebensbedrohlich." Dies könnten die Brexit-Verhandlungspartner im Eifer des Gefechts übersehen, befürchtete Thompson. Eine Situation, in der Pharmafirmen nicht liefern können, sei denkbar, erklärte er den Ausschussmitgliedern.

Damit britische Patienten nicht abhängig von Pharmaimporten seien, fragte Ausschussmitglied Mark Pawsey (Konservative Partei) gleich mehrmals, warum nicht einfach die eigene Produktion auf der britischen Insel wiederaufgebaut werden könne. Dies sei weder realistisch noch ökonomisch sinnvoll, erklärte Verbandschef Thompson.

(A.P.)

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Vereinigtes Königreich Arzneimittel, Diagnostika

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