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31.10.2017

Brexit erschwert Absatz von Kosmetik und Körperpflegemitteln im Vereinigten Königreich

Hersteller hoffen auf weiterhin einheitliche Regeln / Schwächelnde Konjunktur wirkt sich bereits aus / Von Oliver Döhne

Berlin (GTAI) - Hersteller von Kosmetik, Körperpflege- und Reinigungsmitteln könnten den Brexit besonders zu spüren bekommen. Die komplexen Lieferketten sind oft grenzüberschreitend organisiert. Firmen müssen sich nicht nur um eventuelle Zölle sorgen, sondern auch um künftig abweichende Vorgaben zu Inhaltsstoffen, Verpackungen und Labels. Angesichts des großen Marktes bleibt das Vereinigte Königreich aber auch bei leicht abnehmender Kaufkraft weiterhin ein wichtiges Exportziel. (Kontaktadressen)

Großer Markt mit abnehmender Dynamik

Das Konsumentenvertrauen im Vereinigten Königreich ist angeknackst. Zusätzlich zu den nur gering steigenden Löhnen höhlen die Inflation und das schwache Pfund Sterling die reale Kaufkraft aus. Die Einzelhandelsumsätze sind davon bisher nur begrenzt betroffen, weil sich viele Haushalte verschulden. Laut Experten ist es jedoch nur eine Frage der Zeit, bis sich das Konsumklima abkühlt.

Das Kosmetiksegment könnte vorerst verschont bleiben. Laut dem Informationsdienst Mintel soll es 2017 ein Umsatzplus von 1,4% einfahren, was auch durch den "Lippenstifteffekt" zu erklären ist: In Krisenzeiten sparen Haushalte nicht bei Beauty-Produkten. Positive Impulse kommen von der Nachfrage nach Hautpflege, Premiumprodukten und natürlicher Kosmetik sowie durch ältere Käufergruppen. Schlechter sind die Aussichten für Körperpflegeartikel und Reinigungsmittel. Für Letztere erwartet Mintel 2017 einen Rückgang von 2%.

Mit einem Umsatz von rund 11,5 Mrd. Euro ist das Vereinigte Königreich laut Cosmetics Europe hinter Deutschland der zweitgrößte Markt für Kosmetik in Europa. Der britische Reinigungsmittelmarkt setzt laut Branchenverband UKCPI rund 3,8 Mrd. £ (circa 4,2 Mrd. Euro) um.

Intensiver Handel und eng verflochtene Lieferketten

Der bilaterale Handel im Sektor ist intensiv. Importe decken rund ein Drittel der Nachfrage im Vereinigten Königreich ab. Auch Aldi und Lidl sind dort eingestiegen und gewinnen mit Eigenmarken schnell Marktanteile.

Laut Statistischem Bundesamt lieferte Deutschland 2016 rund 765 Mio. Euro an Kosmetika und 338 Mrd. Euro an Reinigungsmitteln ins Vereinigte Königreich, das damit 8,6% beziehungsweise 8,0% der deutschen Produktion abnahm. Insgesamt steuert die Bundesrepublik 12,4% der vom Vereinigten Königreich eingeführten Kosmetika und 20,1% der eingeführten Reinigungsmittel bei.

In der Produktion ist die Verflechtung der Branche ebenso intensiv. Die Supply Chain ist laut dem britischen Branchenverband CTPA komplex aufgestellt und beinhaltet für die meisten Unternehmen grenzüberschreitenden Austausch. Laut einer Untersuchung des Ifo-Instituts liegt der Anteil deutscher Wertschöpfung an der Wertschöpfung in der chemischen Industrie im Vereinigten Königreich bei 5,3%. Umgekehrt sind es etwa 2%.

Mit anderen EU-Ländern sind die Handelsbeziehungen ebenfalls sehr ausgeprägt. Zwei Drittel des britischen Kosmetikimports kommen aus der EU, insbesondere aus Frankreich, Deutschland, Polen und Italien. Umgekehrt gehen auch zwei Drittel der britischen Ausfuhren in die EU, vor allem nach Irland, Deutschland und Belgien.

Deutscher Export von Kosmetik und Reinigungsmitteln ins Vereinigte Königreich (in Mio. Euro, Veränderung gegenüber entsprechender Vorperiode in %)
Produkt (HS-Code) 2015 2016 Veränderung 2016/15 Veränderung Januar-Juli 2017/16
Öle, Resinoide, Konzentrate (3301) 8,1 7,9 -3,0 50,7
Riechstoffe (3302) 98,7 94,3 -4,4 7,0
Parfüms (3303) 156,5 132,0 -15,6 -19,4
Make-up, Haut-, Hand und Fußpflegemittel (3304) 224,2 288,5 28,7 -11,1
Haarbehandlungsmittel (3305) 114,6 113,8 -0,7 -3,3
Zahn- und Mundpflegemittel (3306) 40,7 46,6 14,4 -10,0
Rasiermittel, Deodorants, Badezusätze (3307) 107,1 82,5 -23,0 -14,4
Seifen (3401) 115,6 129,5 12,0 -13,1
Wasch- und Reinigungsmittel (3402) 200,0 208,6 4,3 9,7

Quelle: Statistisches Bundesamt

Den Herstellern drohen nicht nur Zölle

Falls das Vereinigte Königreich tatsächlich 2019 abrupt aus dem gemeinsamen Markt austritt, schätzt der britische Branchenverband CPTA die Risiken für den Handel für beide Seiten als "signifikant" ein. Zwar würden auch innerhalb der Regeln der Welthandelsorganisation (WTO) auf Produkte wie Parfüms, Make-up und Shampoos keine Zölle erhoben. Für andere Erzeugnisse wie Deodorants, Raumsprays, Rasierschaume, Aftershaves, Badesalze, Duschpräparate und Reinigungsmittel fielen hingegen bis zu 7,5% an. Auf Rohstoffe, Vorprodukte und Verpackungen würden im WTO-Fall bis zu 15% erhoben.

Experten halten es für sehr unwahrscheinlich, dass sich die britische Verwaltung rechtzeitig an die neuen Prozesse anpassen und die nötigen administrativen Infrastrukturen bereitstellen kann. Der britische Kosmetikverband CTPA rechnet im Vereinigten Königreich mit einer Überforderung des IT-Systems beim Zoll und entsprechenden Staus vor den Häfen. Ein weiteres Risiko ist, dass benötigte Rohmaterialien schwerer verfügbar und teurer werden.

Selbst bei einem rasch ratifizierten Freihandelsabkommen wird es zu Zusatzaufwand und -kosten bei der Zollabwicklung kommen. Solche KMU, die bisher nur auf dem gemeinsamen Markt aktiv waren, müssten Fachpersonal einstellen oder weiterbilden. Offen ist, welche Vorgaben im Vereinigten Königreich künftig für Markenrecht, Verpackungen, Inhaltsstoffe, Vertrieb, Garantien und Registrierungen gelten.

Die Industrie hofft, dass sich das Vereinigte Königreich weiter an die europäischen Regeln wie zum Beispiel die Chemikalienregistrierung im Rahmen von REACH hält und in engem Kontakt mit den EU-Behörden bleibt, auch wenn es bei Weiterentwicklungen nicht mehr mitreden darf. Zumindest könnten so Doppelstrukturen vermieden werden.

Eine eigene britische Branchengesetzgebung wäre für beide Seiten gleichermaßen disruptiv. Zudem könnten bis zu 5.000 britische REACH-Registrierungen annulliert werden. Aber selbst wenn das Vereinigte Königreich "in-REACH" bleibt, hält die fehlende Gewissheit deutsche Unternehmen davon ab, Produkte und Inhaltsstoffe günstig in England zu registrieren. Im stark forschungsorientierten Sektor könnte insgesamt die Innovation leiden.

Deutsche Industrie besorgt, aber nicht beunruhigt

Deutsche Unternehmen beobachten die Lage aufmerksam, schlagen aber noch keinen Alarm. Dies bestätigt Hanna Philipps, Senior Manager Media Relations bei Henkel: "Henkel ist ein global aufgestellter Konzern. Die unmittelbaren Auswirkungen des Brexits für unser Geschäft in Großbritannien sind sicherlich überschaubar. Wir erzielen dort etwa zwei Prozent unseres Gesamtumsatzes. Welche langfristigen Folgen ein Austritt Großbritanniens allerdings auf den gesamten Euro-Raum haben wird, ist heute noch nicht abzusehen."

Thomas Keiser, Geschäftsführer beim Industrieverband Körperpflege- und Waschmittel (IKW), sieht die Politik in der Pflicht: "Zur Minimierung negativer Brexit-Effekte ist es wichtig, eine hinreichende Übergangs- und Anpassungszeit von mindestens vier Jahren zu gewährleisten, Zollbarrieren zu vermeiden, regulatorische Kooperation und Kontinuität zu behalten, Produktrechte für Innovationen weiter schützen zu können und einen freien Zugang zum Arbeitsmarkt für EU und UK aufrechtzuerhalten."

Kontaktadressen

Bezeichnung Internetadresse Anmerkung
Deutsch-Britische Industrie- und Handelskammer http://grossbritannien.ahk.de Anlaufstelle für deutsche Unternehmen im Vereinigten Königreich
GTAI-Special Brexit http://www.gtai.de/brexit GTAI-Brexit-Sonderseite
UK Cleaning Products Industry Association (UKCPI) http://www.ukcpi.org Britischer Reinigungsmittelverband
Industrieverband Körperpflege und Waschmittel (IKW) http://www.ikw.de Thomas Keiser, Geschäftsführer tkeiser@ikw.org
The Cosmetic Toiletry & Perfumery Association (CTPA) http://www.cpta.org.uk Britischer Verband der Kosmetikindustrie
Cosmetics Europe http://www.cosmeticseurope.eu Europäischer Verband für Kosmetik und Körperpflege

(O.D.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Vereinigtes Königreich Körperpflegemittel und Kosmetika, Wasch- und Reinigungsmittel, Brexit

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Kontakt

Charlotte Schneider

‎+49 228 249 93 279

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