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23.11.2017

Britische Automobilbranche bereitet sich auf den Brexit vor

Preise könnten deutlich steigen / Aston Martin droht bei hartem EU-Ausstieg Produktionsstopp / Von Annika Pattberg

London (GTAI) - Für die britische Automobilbranche ist der geplante Brexit der Super-GAU. Auch wenn der EU-Austritt erst Ende März 2019 stattfinden soll, leidet die Branche schon jetzt. Neue Investitionsprojekte gibt es kaum noch. Die Neuwagenverkäufe sind aufgrund der fallenden Kaufkraft seit Monaten rückläufig und dementsprechend auch die Produktion. Trotz des schwachen Pfund Sterling sinken die britischen Pkw-Exporte. Stark gefragt sind Elektroautos. Immer mehr Unternehmen testen autonome Fahrzeuge.

Im Falle eines harten Brexit würde der Handel zwischen den verbleibenden 27 EU-Ländern und dem Vereinigten Königreich nach Regeln der Welthandelsorganisation (WTO) abgewickelt werden. Für jeden importierten Pkw würde ein Zoll in Höhe von 10 Prozent und für Kfz-Teile in Höhe von 4,5 Prozent anfallen. Dies würde nach Berechnungen des britischen Automobilverband, Society of Motor Manufacturers and Traders (SMMT), den durchschnittlichen Preis eines neuen Pkw um 1.500 Pfund Sterling erhöhen (rund 1.681 Euro; 1 GBP = 1,1209 Euro, Wechselkurs vom 16. November 2017).

Wohl als erster Wirtschaftsverband überhaupt hatte der SMMT, schon lange vor dem EU-Referendum im Juni 2016 vor einem Brexit gewarnt. Dabei wies der Verband auch auf die äußerst komplexen Lieferketten zwischen dem europäischen Festland und dem Vereinigten Königreich hin. Einige Teile überqueren drei- oder viermal den Kanal, bevor sie in ein Modell eingebaut werden.

Jetzt haben die die Branchenvertreter im November 2017 auf Bitte des Wirtschaftsausschusses des britischen Parlaments über ihre Vorbereitungen auf den Brexit berichtet. Die Teilnehmer, darunter der Chef des Automobilverbandes SMMT sowie je ein Vertreter des britischen Sport- und Luxuswagenherstellers Aston Martin und des ebenfalls vor Ort produzierenden japanischen Automobilbauers Honda, blieben während der Anhörung zwar - so wie es sich vor Ort gehört - "calm". Zweifel an ihrer äußerst schwierigen Lage ließen sie aber nicht.

Aston Martin sorgt sich über möglichen Produktionsstopp

Mark Wilson, Aston Martin-Finanzvorstand (CFO), berichtete dem Wirtschaftsausschuss von seinen Sorgen über die weitere Gültigkeit der Zertifizierungen der Vehicle Certification Agency (VCA). Sollte es zu keinem Abkommen mit der EU kommen, wären die VCA-Zertifizierungen nicht mehr in der EU gültig. Um auf ein alternatives, im Ausland anerkanntes Zertifizierungssystem umstellen zu können, wäre ein Produktionsstopp notwendig. Dies wäre eine "halbe Katastrophe".

Honda-Vertreter Patrick Keating sieht für die günstige Massenproduktion seines Unternehmens eine besonders hohe Belastung durch die im Falle eines harten Brexit langwierige Zollabwicklung der Kfz-Teile-Importe. Aktuell kommen täglich 350 Lkw mit Pkw-Teilen durch den Euro-Tunnel oder über den Hafen in Dover bei Honda in Swindon an, erklärte Keating. Fast alle Teile werden innerhalb einer Stunde eingebaut. Eine solche Just-in-time-Produktion wäre bei einer langwierigen Zollabfertigung aber unmöglich. Stattdessen müsste Honda Lager für Automobilteile bauen.

Für die Luxusmarke Aston Martin wäre weniger die Einfuhr von Kfz-Teilen, sondern mehr die Ausfuhr problematisch, sagte CFO Wilson. Der Gedanke, dass teure Luxuskarossen bei der Ausfuhr tagelang im Zoll stecken und die Einnahmen somit erst deutlich später eintreffen, erschien Wilson schwer erträglich.

Inlandsproduktion sinkt

Schon mehr als ein Jahr vor dem eigentlichen Brexit spürt die Branche deutliche Auswirkungen. Haushalte und Unternehmen investieren weniger oft in ein neues Familienauto oder in einen Firmenwagen. Sowohl die Inlandsproduktion als auch die Neuwagenverkäufe dürften 2017 unter dem Vorjahresniveau liegen. Die britischen Produzenten stellten im Zeitraum Januar bis September 2017 rund 2,2 Prozent weniger Pkw und sogar 11,7 Prozent weniger Nutzfahrzeuge her als im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Im September 2017 lag die Produktion von Pkw rund 4,1 Prozent und die von Nutzfahrzeugen sogar 26 Prozent unter dem Niveau von September 2016.

Noch vor ein paar Monaten hieß es, dass die britischen Hersteller ihre Exporte wegen des für sie günstigen Wechselkurses steigern könnten. Laut SMMT lagen die Exportstückzahlen von Januar bis September 2017 aber um 0,7 Prozent unter dem Stand des Vorjahreszeitraums und im September 2017 sogar 1,1 Prozent niedriger als im September 2016.

Die verunsicherten britischen Konsumenten spüren zunehmend die inflationsbedingt sinkenden Realeinkommen. Die Anzahl der Zulassungen von neuen in- und ausländischen Modellen lag im Zeitraum Januar bis Oktober 2017 deutliche 4,6 Prozent unter dem Wert des entsprechenden Vorjahreszeitraums.

Britische Kunden mögen weiterhin Modelle "made in Germany"

Deutsche Modelle erfreuen sich nach wie vor einer hohen Beliebtheit im Königreich. Laut SMMT wurden im Zeitraum Januar bis Oktober 2017 mehr Mercedes- und Volkswagen-Modelle verkauft als in der entsprechenden Vorjahresperiode. BMW und Audi (Volkswagen-Konzern) büßten zwar Umsatz ein, allerdings weniger stark als andere Modelle.

Pkw-Zulassungen Januar bis Oktober 2017 nach ausgewählten Marken (in Stück; Veränderung im Vergleich zur Vorjahresperiode)
Hersteller Neuzulassungen Veränderung 2017/16 *)
Ford 253.760 -7,9
BMW, inklusive Mini 203.794 -2,4
Vauxhall (GM) 171.491 -21,3
Volkswagen 179.132 1,2
Mercedes-Benz, inklusive Smart 167.818 5,9
Audi (Volkswagen-Konzern) 152.234 -0,6
Nissan 135.574 3,0
Peugeot 73.019 -16,1
Insgesamt 2.224.603 -4,6

*) im Vergleich zum Zeitraum Januar bis Oktober 2016

Quellen: SMMT; eigene Berechnungen

Elektromobilität ist auf dem Vormarsch

Gegen den Trend um sehr deutliche 34,8 Prozent gestiegen sind die Zulassungen von Fahrzeugen mit alternativen Antrieben. Vor allem Elektro- und Hybridfahrzeuge sind auf den britischen Inseln auch aufgrund staatlicher Zuschüsse sehr stark gefragt.

Pkw-Neuzulassungen Januar bis Oktober 2017 nach Antriebsform im Vereinigten Königreich (in Stück; Veränderung 2017/16 in Prozent)
Antriebsform 2017 Veränderung 2017/16 (%) *)
Pkw-Neuzulassungen insgesamt 2.224.603 -4,6
davon:
.Benziner 1.175.697 2,9
.Diesel 946.537 -14,9
.alternative Antriebsformen 102.369 34,8
davon:
..reine Elektroantriebe 11.799 38,8

*) im Vergleich zu Januar bis Oktober 2016;

Quelle: The Society of Motor Manufacturers and Traders (SMMT)

Auch Staubsaugenhersteller Dyson will ein Elektroauto bauen

Noch produziert Nissan (Japan) mit seinem Modell Leaf als einziger Hersteller auf den britischen Inseln Elektrofahrzeuge. Nach und nach wollen aber alle anderen folgen, darunter BMW mit einem E-Modell des Mini. Aston Martin arbeitet gleich an zwei Elektromodellen. Geely (VR China) will das bekannte Londoner Taxi künftig als Hybrid-Taxi (Range-Extender TX5) bauen. Sogar der Elektrogerätehersteller Dyson, dessen Chef als extremer Brexiteer bekannt ist, plant ein Elektroauto. Dyson will ausschließlich eigene Komponenten verwenden, weiß aber noch nicht, ob das Modell in Asien oder auf britischem Boden produzieren werden soll.

Erst seit Kurzem investiert die britische Regierung auch in die Forschung von autonomen Fahrzeugen. Beobachter gehen davon aus, dass Finanzminister Philip Hammond in seinem nächsten Haushaltsplan weitere Gelder dafür bereitstellen wird. Die Unternehmen sind zum Teil schon weiter und haben bereits Modelle auf britischen Straßen getestet, unter ihnen auch Jaguar-Land Rover.

(A.P.)

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Vereinigtes Königreich Straßenfahrzeuge, allgemein, Motor- und Fahrräder, Personenkraftwagen (Pkw), Nutzfahrzeuge (Nfz), Elektromobilität, Brexit

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