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08.03.2017

Britische Baubranche spürt den geplanten Brexit

Auftragsflaute für den Industrie- und Geschäftsbau / Hoffnungen liegen auf dem Infrastrukturbau / Von Annika Pattberg

London (GTAI) - Der britische Bauprodukteverband (Construction Products Association) rechnet in seiner jüngsten Prognose für 2017 und 2018 mit einem sehr leichten Wachstum für die lokale Baubranche. Die Wachstumsvorhersagen beruhen allerdings auf sehr guten Prognosen für den Infrastrukturbau. Die Entwicklung der Branche hängt also davon ab, ob große geplante Infrastrukturprojekte tatsächlich verwirklicht werden. Für den Industrie- und Geschäftsbau meldet die Branche Auftragsrückgänge. (Internetadressen)

Aufgrund der enormen Unsicherheiten vor dem anstehenden Brexit hält sich die britische Wirtschaft insgesamt mit Investitionen sehr zurück. Die Unternehmensinvestitionen lagen 2016 laut Angaben des Statistikamtes ONS 1,5% unter dem Niveau von 2015. Ganz besonders zurückhaltend zeigen sich laut CPA Investoren bei neuen Vorhaben im Bereich Büroflächen. Dies gilt ganz besonders stark für Büroflächen für den Finanzsektor.

Bauwirtschaft Vereinigtes Königreich: Entwicklung und Prognosen (mittleres Szenario, reales Wachstum gegenüber Vorjahr in %)
2016 *) 2017*) 2018*)
Bauwirtschaft insgesamt 1,6 0,8 0,7
.Wohnungsbau (nur Neubauten) 7,1 1,4 1,5
..Privater Wohnungsbau 10,0 2,0 1,0
..Öffentlicher Wohnungsbau -8,0 -2,0 5,0
.Andere Neubauten 2,9 1,5 1,8
..Infrastrukturbau -4,0 7,0 10,7
..Industriebau (Fabriken, Lagerhallen) -7,3 -3,8 -3,7
..Geschäftsbau (Büros, Einzelhandel etc.) 5,4 -0,8 -3,6
.Reparatur und Instandsetzungsarbeiten -0,7 -0,5 -1,2

*) Schätzung

Quelle: Construction Products Association (CPA); Stand: Februar 2017

Die Unsicherheiten sind enorm

Bei der Lektüre der knapp 60-seitigen Prognose der CPA-Vertreter wird vor allem eins klar: Genaue Vorhersagen sind angesichts der enormen Unsicherheiten im Vorfeld des anstehenden EU-Austritts der Briten unmöglich. Die CPA-Verbandsvertreter gehen wie die meisten Beobachter davon aus, dass die britische Premierministerin Theresa May bis Ende März 2017 Artikel 50 des Vertrags von Lissabon aktiviert und die Briten dementsprechend zwei Jahre später aus der EU austreten. Zu welchen Bedingungen dies geschehen wird und wie die künftigen Beziehungen zu der EU aussehen werden, weiß derzeit niemand.

Genaue Prognosen sind außerdem schwierig, weil die Umsetzung vieler Infrastrukturprojekte noch unklar ist. Hinter Großprojekten wie dem geplanten Atomkraftwerk Hinkley Point C oder dem Ausbau des Flughafens London-Heathrow stehen weiterhin noch große Fragezeichen. Andere ohnehin langfristig angedachte Vorhaben wir die Schnellzugverbindung London-Birmingham-Manchester können sich ebenfalls noch länger als ohnehin schon geplant hinziehen.

Aufgrund der diversen Unsicherheitsfaktoren entschlossen sich die Verbandsvertreter, wie schon bei ihrer vorhergehenden Prognose, mehrere Szenarien zu entwerfen. Während die CPA-Analysten in ihrem mittleren Szenario von einem leichten Gesamtwachstum der Baubranche um 0,8% im Jahr 2017 und um 0,7% im Jahr 2018 ausgehen, rechnen sie in ihrem schlechtesten Szenario für beide Jahre mit einem Rückgang der Bauaktivitäten (2017: -4,4%; 2018: -2,9%). Dabei machen die CPA-Vertreter in ihrem schlechtesten Szenario die Annahme, dass sowohl der Bau des Atomkraftwerkes Hinkley Point C als auch Straßenbauprojekte nicht vorankommen. Auch berücksichtigt das schlechteste Szenario, dass sich die Haushalte aufgrund fallender Reallöhne mit neuen Bauvorhaben und auch mit Reparaturmaßnahmen zurückhalten. All diese Annahmen erscheinen aktuell recht wahrscheinlich.

Wenig wahrscheinlich erscheinen hingegen die Annahmen, die dem günstigsten Szenario zugrunde liegen. Dieses geht von einem Branchenwachstum von 2,7% für 2017 und 4,2% für 2018 aus. Das optimistische Szenario macht unter anderem die wenig realistischen Annahmen, dass Infrastrukturvorhaben zügig vorankommen und die Reallöhne trotz steigender Inflation zunehmen. Steigende Realeinkommen würden zu mehr privaten Wohnungsbauinvestitionen führen, aber auch zu mehr Konsum und dementsprechend mehr Nachfrage nach Einzelhandelsflächen. Auch geht das optimistische Szenario davon aus, dass die im Januar 2017 von Theresa May angekündigte Industriestrategie schnelle Impulse geben wird (vergleiche dazu: http://www.gtai.de/vk-industriestrategie). Aktuell ist allerdings davon auszugehen, dass die Regierung die Industriestrategie in den nächsten Monaten nochmal deutlich überarbeiten wird. Die tatsächliche Umsetzung dürfte sich also noch hinziehen. Noch länger offen wird bleiben, ob die geplanten Maßnahmen tatsächlich greifen werden.

Ausgewählte Großprojekte im Vereinigten Königreich
Projekt Investitionssumme (Mrd. Euro/Mrd. GBP) 1) Projektstand Entwickler/Anmerkung
Schienenprojekt Highspeed Rail 2 (HS2) 65,2 (56,0 £) 2) Geplanter Baustart des 1. Abschnitts: Frühjahr 2017 HS2 Ltd., Internet: http://www.hs2.org.uk
Schienenprojekt Crossrail 2 34,9 (30,0 £) Angedachter Baustart: 2020 Crossrail 2 Ltd.
Atomkraftwerk Hinkley Point C in Somerset 20,9 (18,0 £) Theresa May genehmigte den Bau im Herbst 2016 Joint Venture: EDF Energy/China General Nuclear Power Generation (CGN)
Ausbau: Flughafen Heathrow 20,5 (17,6 £) 3) Regierung genehmigte Projekt in 2016 Derzeit laufen Konsultationen betroffener Anwohner
U-Bahn Erweiterung London (Bakerloo Line) 3,6 (3,1 £) Angedachter Baustart: 2021/22 Transport for London
Offshore- Windfarm Hornsea One (1,2 GW), Nordengland 3,3 (2,8 £) Geplanter Baustart: 2018 Dong Energ; Zulieferer: Siemens, EEW Special Pipe Constructions (Rostock)

1) 1 £ = 1,1638 Euro, Bank of England-Tageswechselkurs vom 24.1.17; 2) inkl. Ausgaben für Grundstückskauf und Schienenfahrzeuge; 3) inkl. Ausgaben für Grundstückskauf

Quellen: Recherchen von Germany Trade & Invest; Pressemeldungen, Bank of England

Importkosten und Einschränkung der Arbeitnehmerfreizügigkeit bereiten Sorgen

Die im Zusammenhang mit dem EU-Referendum deutliche Schwäche des britischen Pfund Sterling führt dazu, dass der Import von Baumaterialien für britische Firmen wesentlich teurer ist. Noch völlig ungeklärt ist die Frage, zu welchen Konditionen künftig Arbeiter aus dem europäischen Ausland auf britischen Baustellen arbeiten dürfen. Die Branche ist stark von billigen Arbeitskräften aus unter anderem Rumänien und Bulgarien abhängig. Die britische Regierung plant allerdings, die Arbeitnehmerfreizügigkeit einzuschränken. Die hohe Arbeitsmigration war eins der Hauptargumente der EU-Gegner vor dem Referendum am 23.6.16 gewesen.

Neben dem Brexit gibt es weitere Herausforderungen

Unabhängig von dem anstehenden EU-Austritt der Briten und den ungewissen Infrastrukturprojekten gibt es weitere Herausforderungen für die Branche. So leidet der Bau von Einzelhandelsflächen unter der starken Vorliebe der Briten, im Internet zu shoppen. Letzteres führt allerdings einer erhöhten Nachfrage nach Logistikflächen beziehungsweise Lagerhallen.

Internetadressen

Construction Products Association (CPA)

Internet: http://www.constructionproducts.org.uk

Informationsportal zum Brexit

Internet: http://www.gtai.de/brexit

Industriestrategie der britischen Regierung

Internet: http://www.gtai.de/vk-industriestrategie

Artikel "Briten planen den Bau neuer Städte und Gemeinden"

Internet: http://www.gtai.de/GTAI/Navigation/DE/Trade/Maerkte/suche,t=briten-planen-den-bau-neuer-staedte-und-gemeinden,did=1622676.html

Kostenlose GTAI-Studie für deutsche Handwerksbetriebe und Architekten zu Chancen im Rahmen britischer Denkmalpflegeprojekte

Internet: http://www.gtai.de/vk-denkmalschutz

Kostenlose GTAI-Broschüre "Branche kompakt Hochbau Vereinigtes Königreich"

Internet: https://www.gtai.de/GTAI/Navigation/DE/Trade/Maerkte/Branchen/Branche-kompakt/branche-kompakt-bauwirtschaft,t=branche-kompakt-grosse-unsicherheit-im-hochbau-des-vereinigten-koenigreichs,did=1580230.html

(A.P.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Vereinigtes Königreich Bauwirtschaft, allgemein, Brexit

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