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05.04.2017

Britischer Automobilsektor fährt ins Ungewisse

Branche befürchtet Zölle / Regierung fördert autonomes Fahren und Elektromobilität / Von Annika Pattberg

London (GTAI) - Die britische Kfz-Industrie ist besonders von den Folgen des Brexits bedroht, da sie zum einen viele Vorprodukte aus der EU bezieht und zum anderen dort einen Großteil ihrer Kfz absetzt. Infolge der geschwächten britischen Währung hält der Export die Produktion im Vereinigten Königreich 2017 in Gang, 2018 droht ein Einbruch. Neuinvestitionen stehen auf dem Prüfstand. Die Regierung versucht gegenzusteuern, indem sie Elektromobilität und autonomes Fahren stärker fördert. (Internetadressen)

Seitdem klar ist, dass Premierministerin May einen Ausstieg aus dem EU-Binnenmarkt und auch aus der Zollunion anstrebt (sogenannter "harter Brexit"), ist die Verunsicherung in der Branche besonders groß. May hatte in ihrer Grundsatzrede vom 17.1.17 zwar auch gesagt, dass sie ein Freihandelsabkommen mit den verbleibenden 27 EU-Mitgliedern anstrebe. "Ich will (...) einen zollfreien Handel mit Europa", versicherte sie. Und in ihrem offiziellen Austrittsbrief an den Präsidenten des Europäischen Rates, Donald Tusk, vom 29.3.17 ging May noch ein wenig weiter und wünschte sich ein "mutiges und ambitioniertes Freihandelsabkommen", das beispielsweise auch Finanzdienstleistungen einschließe. Doch ob und wann es tatsächlich dazu kommen wird, ist aktuell offen.

Ohne Freihandelsabkommen droht den britischen Autobauern mit dem für 2019 anvisierten EU-Austritt ein Handel zu Konditionen der Welthandelsorganisation (WTO). Beim Export von britischen Pkw in die EU beziehungsweise Import aus der EU könnten Zölle in Höhe von 10% anfallen. Für Kfz-Teile würden je nach Produkt unterschiedliche Sätze gelten.

Branchenverband beobachtet weniger Investitionen

Vertreter des britischen Automobilverbandes SMMT berichteten bereits über einen deutlichen Rückgang neuer Investitionsvorhaben. Der Industrieverband EEF prognostiziert für 2017 zwar noch ein leichtes Plus für die britische Fahrzeugproduktion (+2,9%), aber einen Produktionsrückgang im Jahr 2018 (-1,8%).

Prognosen für Industrieproduktion (reale Veränderung zum Vorjahr in %)
Industriezweig / Jahr 2017 2018
Verarbeitendes Gewerbe insgesamt 1,0 0,1
Fahrzeugbau 2,9 -1,8

Quelle: EEF Manufacturing Outlook 2017 Quarter 1 (Stand: 3.3.17)

Der japanische Autobauer Nissan hatte zwar im Herbst 2016 angekündigt, zwei neue Modelle auf der britischen Insel bauen zu wollen. Die Umsetzung des Vorhabens galt zu Redaktionsschluss (Ende März 2017) allerdings keinesfalls als sicher, obwohl die britische Regierung den Japanern in geheimen Absprachen sogar zugesagt haben soll, für durch den EU-Austritt bedingte Nachteile aufzukommen. BMW erwägt laut Zeitungsberichten, den geplanten Elektro-Mini nicht im eigentlichen Heimatland des Mini, sondern auf dem Kontinent zu bauen. Ford erwägt laut Medieninformationen umfangreiche Entlassungen in seinem Motorenwerk in Wales.

Toyota kündigte Mitte März 2017 den Ausbau seiner Produktionsstätte in Burnaston an. Gleichzeitig sollen hochrangige Firmenvertreter aber klargestellt haben, wie grundlegend wichtig ein freier Warenverkehr mit der EU sei.

Massenproduzenten, die kleinere Margen haben, würden auf Zölle vermutlich empfindlicher reagieren als kleinere, spezialisierte Autobauer. Die britische Insel ist unter anderem auch bekannt für ihre Sportwagenhersteller und Produzenten im Luxusklassesegment (Aston Martin, McLaren, TVR etc.). Aston Martin baut aktuell eine Produktionsstätte in St Athan/Südwales für das neue elektrisch betriebene SUV-Modell "DBX Crossover". Außerdem plant Aston Martin das Elektrosportwagenmodell Rapid E.

Ausgewählte Investitionsprojekte (Elektro- und herkömmliche Antriebe)
Unternehmen Wert (in Mio. £) Anmerkung/aktueller Stand
Toyota 240 Ausbau der Produktionsstätte in Burnaston (angekündigt am 16.3.17) 1)
Aston Martin Lagonda Ltd. (Wales) 200 Bau neuer Produktionsstätte in St Athan/Südwales für geplantes Elektro- SUV-Modell "DBX Crossover" (Baubeginn war Ende 2016)
Aston Martin Lagonda Ltd. k.A. Elektrosportwagen Rapid E in Planung (im Produktionswerk Gaydon/Warwickshire)
National Automotive Innovation Centre (Uni Warwick) 150 Das F&E-Zentrum soll 2017 eröffnet werden (u. a. Beteiligung von Jaguar Land Rover, Tata Motors)
Jaguar Land Rover (Tata) 100 Produktionsverlagerung der XE-Serie von Solihull nach Castle Broomwich (Birmingham)
McLaren 50 Verlagerung von Teileproduktion von Österreich nach Sheffield (Reshoring)
Nissan k.A. Produktion der neuen Modelle "Qashqai SUV" und "X-Trail SUV" in Sunderland/Nordostengland 2)
Riversimple k.A. Entwicklung eines Zweisitzer-Wasserstoffautos "Rasa"

1) Unternehmensvertreter betonten Bedeutung des zollfreien Handels mit der EU; 2) Umsetzung galt zu Redaktionsschluss (März 2017) als unsicher

Bank of England-Wechselkurs vom 13.2.17: 1 £ = 1,179 Euro

Quellen: Recherchen von Germany Trade & Invest, Pressemeldungen

Noch profitieren Hersteller von EU-Mitgliedschaft und günstigem Wechselkurs

Während die Aussichten der Branche für die Zeit nach dem EU-Austritt im Dunkeln liegen, profitieren die lokalen Autobauer noch von der EU-Mitgliedschaft und auch von einem seit dem EU-Referendum deutlich schwächeren Kurs des britischen Pfund Sterling. In den ersten beiden Monaten 2017 lag die Pkw-Produktion 7,8% über dem Niveau desselben Vorjahreszeitraums. Dabei beruhte das Wachstum ausschließlich auf einer deutlich höheren Nachfrage aus dem Ausland (Pkw-Produktion für den Export: +12,1%, Pkw-Produktion für Inland: -5,6%). Im Jahr 2016 produzierten die lokalen Autobauer 10,3% mehr Pkw für den Export als 2015 (Produktion für Inland: +2,4%).

Das schwache Pfund Sterling macht ausländische Fahrzeuge für britische Abnehmer hingegen teurer und damit weniger attraktiv. Der Anteil der deutschen Fahrzeuge an den gesamten importierten Fahrzeugen war 2016 nach Berechnungen von Germany Trade & Invest mit 45,2% immer noch sehr hoch, allerdings geringer als 2015 mit 49% (Rückgang der Pkw-Importe aus Deutschland 2016 um nominal 12,1% auf Euro-Basis).

Zu den Zukunftstrends gehören Elektromobilität und autonomes Fahren

Premierministerin Theresa May kündigte in ihrem ersten Entwurf für eine Industriestrategie an, dass ihre Regierung den Automobilsektor unterstützen will, insbesondere die Bereiche Elektromobilität und autonomes Fahren. Finanzminister Philip Hammond bestätigte die Förderung beider Bereiche in seinem jüngsten Haushaltsplan ("Spring Budget"). So stehen im Rahmen des "Industrial Strategy Challenge Fund" (ISCF) im Fiskaljahr 2017/18 rund 270 Mio. £ für die Entwicklung von Batterien für Elektrofahrzeuge zur Verfügung.

Staat subventioniert Elektrofahrzeuge schon seit vielen Jahren

Der britische Staat bezuschusst bereits seit 2010/11 den Kauf von Elektroautos und Plug-In-Hybridfahrzeugen, die weniger als 75 Gramm CO2 pro Kilometer ausstoßen. Relativ neu ist die Förderung von elektrisch betriebenen Vans, Motorrädern, Mopeds und sogar Lastkraftwagen. Für den Kauf eines elektrisch betriebenen Pkw schießt der Staat aktuell bis zu 4.500 ₤ hinzu (u. a. abhängig von der Reichweite), für ein E-Moped/E-Motorrad bis zu 1.500 ₤, für den Erwerb eines E-Vans bis zu 8.000 ₤ und für den Kauf eines elektrisch betriebenen Lkw bis zu 20.000 ₤.

Noch produziert Nissan (Japan) als einziger Hersteller auf der britischen Insel auch Elektrofahrzeuge (Modell "LEAF"). Andere Autobauer wollen folgen. Neben dem Sportwagenhersteller Aston Martin, der gleich zwei Elektromodelle plant, will Geely (VR China) das bekannte Londoner Taxi künftig als "Hybrid-Taximodell" (Range-Extender TX5) bauen.

Internetadressen

Informationsportal zum Brexit

Internet: http://www.gtai.de/brexit

Grundsatzrede von Theresa May vom 17.1.17

Internet: http://www.gtai.de/GTAI/Navigation/DE/Trade/Maerkte/suche,t=briten-wollen-sich-globaler-ausrichten,did=1639774.html

Übersicht zur Förderung von Elektroantrieben

Internet: http://www.gov.uk/plug-in-car-van-grants/what-youll-get.

Industriestrategie der britischen Regierung

Internet: http://www.gtai.de/vk-industriestrategie

(A.P.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Vereinigtes Königreich Fahrzeuge, -zubehör, allgemein, Straßenfahrzeuge, allgemein, Brexit

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