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13.11.2017

Britischer Bausektor ist besonders vom Brexit betroffen

Bürobau soll 2018 um 15 Prozent einbrechen / Hoffnungen liegen auf Infrastrukturbau und staatlicher Förderung / Von Annika Pattberg

London (GTAI) - Die britische Baubranche spürt den geplanten Brexit bereits deutlich. Vor allem im Industrie- und Geschäftsbau, aber auch im Londoner Wohnungsbau herrscht Auftragsflaute. Der Bürobau wird 2018 nach Einschätzung von Experten um 15 Prozent einbrechen. Die Hoffnungen der Baufirmen liegen mehr denn je auf großen Infrastrukturprojekten und staatlichen Anreizen für den Wohnungsbau. Die gesamte Branche leidet unter höheren Importkosten, der steigenden Inflation und sinkenden Reallöhnen.

Die jüngsten Zahlen des Statistikamtes ONS (Office for National Statistics) für die Entwicklung der Wertschöpfung im Bausektor im 2. Quartal (-0,5 Prozent) und 3. Quartal 2017 (-0,7 Prozent, jeweils gegenüber dem Vorquartal) zeigen, dass sich die Branche per Definition bereits in einer Rezession befindet. Auch wenn der Abwärtstrend eindeutig ist, dürfte die Branche aber dennoch im Gesamtjahr 2017 gegenüber 2016 noch ein leichtes Plus verbuchen. Für 2018 hoffen die Vertreter des britischen Baustoffverbandes CPA (Construction Products Association) auf eine schwarze Null für den Gesamtsektor. Dies wird allerdings nur möglich sein, wenn große Infrastrukturbauvorhaben endlich schneller als bisher vorankommen und so die enormen Ausfälle im Industrie- und Geschäftsbau ausgleichen.

Entwicklung des britischen Bruttoinlandsprodukts und einzelner Sektoren *)
2. Quartal 2017 (%) 3. Quartal 2017 (%)
Bruttoinlandsprodukt (BIP) insgesamt 0,3 0,4
Landwirtschaft -0,1 1,0
Industrie -0,3 1,0
.verarbeitendes Gewerbe -0,3 1,0
Bau -0,5 -0,7
Dienstleistungen 0,4 0,4

*) reale prozentuale Veränderung im Vergleich zum jeweils vorhergehenden Quartal

Quelle: ONS (vorläufige Daten vom 25. Oktober 2017)

Gewerbebau leidet unter fehlenden Investitionen

Da sich die britischen Unternehmen zum Teil schon vor dem EU-Referendum vom 23. Juni 2016 mit Investitionen in neue Geschäftsgebäude, Fabriken und Lagerhallen zurückhielten, kommt die jetzige Auftragsflaute im Industrie- und Geschäftsbau nicht überraschend. Die CPA-Verbandsvertreter erwarten, dass 2017 die Wertschöpfung im Industriebau 9,3 Prozent unter dem Wert von 2016 liegen wird und 2018 um weitere 3,1 Prozent unter den Wert von 2017 fallen könnte. Für den Geschäftsbau (Büros, Einzelhandel etc.) geht der Verband von einem Minus von 0,8 Prozent für 2017 und von 5,3 Prozent für 2018 aus.

In der Geschäftsbau-Sparte ist es ganz besonders der Bürobau, der unter den enormen wirtschaftlichen und politischen Unsicherheiten im Zusammenhang mit dem geplanten Brexit leidet (2017: - 5,0 Prozent; 2018: -15 Prozent). Sämtliche Investmentbanken planen schon seit langem, einen Großteil ihrer Arbeitskräfte nach Frankfurt oder Paris zu verlagern. Sollte es tatsächlich zu einem harten Brexit kommen, womöglich ohne Übergangszeit, dürften zahlreiche weitere Firmen folgen. Das japanische Unternehmen Panasonic beispielsweise verlegt dem Vernehmen nach schon jetzt seine Europa-Zentrale aus der Nähe von London auf das europäische Festland.

Bauwirtschaft Vereinigtes Königreich: Entwicklung und Prognosen ausgewählter Sparten (reales Wachstum gegenüber Vorjahr in Prozent)
2016 2017 2018
Bauwirtschaft insgesamt 2,4 0,7 0,0
.Wohnungsbau 10,0 3,3 3,0
..Privater Wohnungsbau 13,2 3,0 3,0
..Öffentlicher Wohnungsbau -6,4 5,0 3,0
.Andere Neubauten 3,5 1,6 0,5
..Infrastrukturbau -9,2 7,4 6,4
..Industriebau (Fabriken, Lagerhallen etc.) -9,5 -9,3 -3,1
..Geschäftsbau (Büros, Einzelhandel etc.) 8,5 -0,8 -5,3
...Bürobau 13,6 -5,0 -15,0
...Einzelhandel k.A. -7,0 -5,0
.Reparatur und Instandsetzungsarbeiten 0,4 -1,1 -0,8

Quelle: CPA (mittleres Szenario); Stand: 16. Oktober 2017

Branche hofft auf Infrastrukturbau

Mehr denn je liegen die Hoffnungen der Branche auf dem Infrastrukturbau. Allein die Liste mit den schon seit Jahren geplanten Vorhaben im Schienenbau ist lang (siehe Tabelle). Die CPA-Verbandsvertreter halten ein kräftiges Wachstum der Infrastruktursparte von 7,4 Prozent 2017 und 6,4 Prozent 2018 für möglich.

Ausbau des Londoner Flughafens Heathrow zieht weitere Warteschleife

Einige schon seit langer Zeit vorgesehene Großprojekte werden allerdings gerade neu hinterfragt. So galt der Bau einer dritten Start- und Landebahn an Europas größtem Flughafen London-Heathrow eigentlich seit Sommer 2017 als sicher. Nun sollen aber erneut Experten und Anwohner zu Fluglärm und Luftverschmutzung befragt werden.

Ausgewählte Großprojekte im Vereinigten Königreich
Projektbezeichnung Investitionssumme (Mrd. Euro) Projektstand Entwickler/Anmerkung
Schienenprojekt Highspeed Rail 2 (HS2): London-Birmingham-Manchester/Leeds 1) 62,5 Baubeginn des Abschnitts London-Birmingham: 2018/2019 HS2 Ltd http://www.hs2.org.uk
Eisenbahn-Infrastruktur in England und Wales 53,9 Investitionen in Gleise und Züge im Zeitraum 2019 bis 2024 Department for Transport
Schienenprojekt Crossrail 2 im Großraum London 34,8 Genauer Streckenverlauf wird diskutiert. Baustart: 2020/2030 Crossrail 2 Ltd http://crossrail2.co.uk Endgültiger Regierungsentscheid steht noch aus
Flughafen Heathrow: 3. Start-/Landebahn, Terminalbau 1) 19,7 Neue Entscheidung für Sommer 2018 erwartet Anhörungen laufen (Umweltauflagen, Anwohner etc.)
Neuentwicklungs-projekt Earls Court in West-London (u. a. 7.500 Wohneinheiten) 9,1 Im Bau EC Properties LP: http://www.myearlscourt.com
Restaurierung Parlamentsgebäude (Westminster Palace) 2) 6,4 Genaues Vorgehen ist noch unklar. Projektstart ab 2020 geplant Prognostizierte Projektdauer: 32 Jahre
Abwasserkanal Thames Tideway Tunnel (25 km) 4,7 Im Bau. Geplantes Bauende: 2023 Bazalgette Tunnel Ltd www.tideway.london
U-Bahn Erweiterung London (Bakerloo Line) 3,5 Angedachter Baustart: 2023 Transport for London https://consultations.tfl.gov.uk/tube/bakerloo-extension/
Straßentunnel unter der Themse in Ost-London: Silvertown Tunnel 1,1 Geplanter Baustart: 2019; geplantes Bauende: 2023 Transport for London;zu den bevorzugten Bietern gehört Hochtief PPP Solutions

1) Inklusive Kosten für notwendigen Grundstückskauf; 2) Weitere Informationen unter http://www.gtai.de/vk-denkmalschutz

Quellen: Recherchen von Germany Trade & Invest, Pressemeldungen, Bank of England

Finanzminister soll Wohnungsbau fördern

Des Weiteren spekulieren Branchenvertreter auf einen Ausbau der Förderungen für den privaten und sozialen Wohnungsbau, wenn Finanzminister Philip Hammond im November 2017 seinen neuen Haushaltsplan vorstellt. Der politische Druck auf Hammond ist enorm. Viel finanziellen Spielraum hat der Finanzminister allerdings nicht.

Forderungen nach eigener Förderbank werden laut

Bisher profitierten viele Infrastrukturvorhaben, Windkraftprojekte und auch der Bau von Sozialwohnungen von zinsgünstigen Krediten der European Investment Bank (EIB). Die Finanzierung dieser Projekte nach dem für Ende März 2019 geplanten EU-Austritt der Briten ist nun allerdings unklar. Daher gibt es vor Ort bereits Forderungen nach einer eigenen staatlichen Förderbank, deren Aufbau aber sicher Jahre benötigen wird.

Schwaches Pfund Sterling und steigende Inflation ungünstig für Branche

Ein Leid teilen alle Bauunternehmen vor Ort ganz unabhängig von ihrer Sparte: Das seit dem EU-Referendum deutliche schwächere Pfund Sterling macht Importe von Baustoffen und -materialien teurer. Der steigende Inflation (September 2017: 3 Prozent) lässt außerdem die Reallöhne sinken. CPA geht daher auch von weniger Investitionen in Reparatur- und Instandsetzungsarbeiten der privaten Haushalte aus.

Immer weniger ausländische Arbeitskräfte haben Lust auf britische Baustellen

Aufgrund der fallenden Reallöhne und der Pfund-Schwäche sind britische Baustellen jetzt weniger attraktiv für günstige Arbeitskräfte aus Ost- und Südosteuropa. Ähnlich wie das Hotel- und Gaststättengewerbe ist der britische Bau aber extrem auf Mitarbeiter aus unter anderem Polen, Rumänien und Bulgarien angewiesen. Nicht alle Baufirmenchefs gehen offen mit ihren Sorgen über die abziehenden Arbeitskräfte um. Einige befürchten, sich mit Kommentaren bei Brexit-Befürwortern unbeliebt zu machen.

(A.P.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Vereinigtes Königreich Bauwirtschaft, allgemein, Wirtschaftsförderung, Industriepolitik, Verkehrsinfrastrukturbau, allgemein, Gewerbebau, Hochbau, Brexit

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