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01.07.2019

Britischer Dienstleistungssektor vom Brexit bedroht

Bilateraler Handel mit Deutschland ausgeglichen / Von Robert Scheid

London (GTAI) - Dienstleistungen machen fast die Hälfte aller britischen Exporte aus. Der europäische Binnenmarkt ist von enormer Bedeutung. Der Brexit wird das Geschäft erschweren.

Dienstleistungen tragen zu gut 80 Prozent der britischen Wirtschaftsleistung bei und machen rund ein Drittel des Außenhandels im Vereinigten Königreich aus. Bei den Ausfuhren kommen britische Dienstleistungen laut UNCTAD auf knapp 45 Prozent, deutlich mehr als in Deutschland (17 Prozent) und im Durchschnitt der Europäischen Union (28 Prozent). Weltweit rangieren die Briten laut einer Studie des britischen Unterhauses an zweiter Stelle der Dienstleistungsexporteure. Die Tendenz ist weiter steigend.

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Mit dem globalen Finanzplatz London gehören die Briten zu den wichtigsten Finanz- und Unternehmensdienstleistern der Welt. Diese beiden Wirtschaftszweige verantworten zusammen die Hälfte der Dienstleistungsexporte der Briten. Darüber hinaus tragen Reise- und Tourismusdienstleistungen, die Logistik, Services in der Informations- und Kommunikationstechnik (IKT), der Bausektor sowie Kultur und Bildung im erheblichen Maß zu den britischen Dienstleistungsexporten bei.

Bei den Einfuhren machen Reise- und Tourismusdienstleistungen mit einem Drittel der Importe den Löwenanteil aus. Unternehmensdienstleistungen tragen weitere 23 Prozent bei. Logistik- (13,6 Prozent) und Finanzdienstleistungen (10,5 Prozent) sowie IKT (7,3 Prozent) gehören außerdem zu den wichtigsten fünf Dienstleistungsbranchen.

Der Brexit bedroht die Hälfte der britischen Dienstleistungsimporte

Nahezu 150.000 britische Unternehmen exportierten 2018 Dienstleistungen, circa 30.000 Firmen mehr als beim Warenexport. Etwa 118.000 Unternehmen bezogen Dienstleistungen aus dem Ausland. Mehr als 40 Prozent der britischen Dienstleistungsexporte gingen 2018 in Mitgliedsstaaten der Europäischen Union (EU). Gleichzeitig machte der EU-Anteil bei den Dienstleistungsimporten knapp 50 Prozent aus.

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Die verschiedenen Szenarien für den Ausstieg des Vereinigten Königreichs aus der EU berücksichtigen nur selten die Auswirkungen auf den wichtigen Dienstleistungssektor. Während die Briten bei einem Ausstieg ohne Abkommen ("No-Deal-Brexit") für den Warenhandel auf klare WTO-Regeln zurückgreifen können, gibt es für den Dienstleistungssektor kein vergleichbares Rahmenwerk. Zwar existiert das Allgemeine Abkommen über den Handel mit Dienstleistungen (General Agreement on Trade in Services, GATS) der WTO, allerdings beinhaltet das Abkommen keine verbindlichen Vorschriften, sondern allgemeine Rahmenbedingungen.

Dies ist der Komplexität des Dienstleistungshandels und dem breiten Spektrum an Services geschuldet. Je nach Produkt, Branche und Land sind die Vorschriften unterschiedlich. Die Harmonisierung durch den EU-Binnenmarkt ermöglicht neben einem freien Warenhandel auch den Verkauf von Dienstleistungen in andere EU-Länder ohne Handelshemmnisse. Da ein einheitliches Rahmenwerk für die Zeit nach dem Brexit fehlt, wird der EU-Austritt des Vereinigten Königreichs Dienstleister in unterschiedlichem Maße treffen.

Ein wichtiges Beispiel ist das sogenannte "Passporting" für den Finanzsektor, mit dem britische Banken und Finanzdienstleister (sowie ausländische Firmen mit einem Sitz im Vereinigten Königreich) ihre Services in alle EU-Ländern verkaufen dürfen. Nach dem Brexit wird das Vereinigte Königreich ein Drittland. Das künftige Regelwerk ist noch ungewiss. Ausländische Dienstleister können bei der Financial Conduct Authority (FCA) bis Ende Oktober einen Antrag auf eine Betriebserlaubnis stellen, um nach dem Brexit für einen Übergangszeitraum weiterhin auf dem britischen Markt operieren zu können.

Die möglichen Einschränkungen der Arbeitnehmerfreizügigkeit für Bürger aus der Europäischen Union (EU) nach dem Brexit erschweren zudem die Mitarbeitersuche im Dienstleistungssektor. Hotels und Gastronomie sind dringend auf Arbeitskräfte angewiesen. Doch seit dem Referendum über den EU-Austritt kommen gerade aus den wichtigen Zugzugsländern Ost- und Südosteuropas immer weniger Arbeitskräfte auf die Insel. Auch im britischen Finanzsektor sind viele hochqualifizierte EU-Ausländer beschäftigt. Die Unsicherheiten bezüglich der künftigen Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis machen Jobs in der Londoner City weniger attraktiv.

Deutschland ist zweitwichtigstes Bezugsland von Dienstleistungen

Während Deutschland der wichtigste Handelspartner von Waren ist, liegt die USA bei Dienstleistungen vorn. Dies liegt vor allem an der engen Verflechtung des Finanzsektors und der Consultingbranche. Insgesamt gehen 22 Prozent der britischen Dienstleistungsexporte in die USA. Auf den Rängen danach folgen Deutschland (6,7 Prozent), Frankreich (6,2 Prozent), die Niederlande (6,2%) und Irland (5,7 Prozent).

Auch beim Import von Dienstleistungen in das Vereinigte Königreich liegt die USA mit einem Anteil von 17 Prozent an erster Stelle. Dank der Beliebtheit des Landes unter britischen Touristen und Rentnern folgt Spanien mit knapp 9 Prozent auf dem zweiten Platz. Auf den nachfolgenden Rängen liegen Frankreich (8,3 Prozent) und Deutschland (5,3 Prozent).

Deutscher Dienstleistungshandel mit dem Vereinigten Königreich
2017 (in Mrd. Euro) 2018 (in Mrd. Euro) Anteil EU-28 (2018, in %)
Dienstleistungseinnahmen 25,7 26,6 17,7
Dienstleistungsausgaben 24,9 25,6 14,1

Quelle: Destatis

Über die Entwicklung des Warenhandels mit dem Vereinigten Königreich können Sie sich hier informieren:

http://www.gtai.de/MKT201905238006

Weitere Informationen zum Vereinigten Königreich finden Sie unter http://www.gtai.de/vk.

Über den geplanten Brexit informiert Germany Trade & Invest regelmäßig auf der Sonderseite http://www.gtai.de/brexit.

Dieser Artikel ist relevant für:

Vereinigtes Königreich Außenwirtschaft, allgemein, Verschiedene Dienstleistungen, allgemein, Wirtschaftsbeziehungen zu Deutschland, Brexit

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