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16.08.2019

Britisches Gesundheitswesen wird digital

Telemedizin und Diagnostik durch künstliche Intelligenz stehen im Vordergrund / Von Robert Scheid

London (GTAI) - Der Markt für E-Health-Lösungen im Vereinigten Königreich wächst rasant. Die Rahmenbedingungen für innovative Unternehmen sind gut.

Das Vereinigte Königreich setzt auf digitale Lösungen für das Gesundheitswesen. Der britische E-Health-Markt erreichte 2017 laut einer Studie von Global Market Insights ein Volumen von über 3 Milliarden Pfund Sterling (umgerechnet rund 3,4 Milliarden Euro). Nach Angaben des Marktforschers Digital Health Intelligence sollen die E-Health-Investitionen des staatlichen Gesundheitssystems NHS im Jahr 2022 mehr als 4 Milliarden Pfund Sterling erreichen. Der Investitionsfokus liegt dabei auf dem Ausbau der Infrastruktur für Informations- und Kommunikationstechnik (IKT).

IT-Dienstleistungen für das Gesundheitswesen, vor allem Cloud-basierte Services, sind sehr gefragt. Die Nachfrage nach Personal und Software-Lösungen im IT-Bereich wächst hingegen langsamer als in den vergangenen Jahren.

Nachdem der "papierlose" Gesundheitsservice ab 2016 im Fokus stand, investiert der NHS nun zunehmend in die Cybersicherheit. Insbesondere nachdem der Cyberangriff WannaCry im Jahr 2017 viele IT-Systeme des NHS lahmlegte und einen Schaden im Wert von über 90 Milliarden Pfund Sterling verursachte, hat die Sicherheit inzwischen oberste Priorität.

Die Voraussetzungen für E-Health-Produkte und Dienstleistungen sind im Vereinigten Königreich gut. Britische Patienten sind technologieaffin und offen für Neues. Moderne medizinische Geräte und Smartphones sind weit verbreitet. Das NHS sucht dringend nach digitalen Lösungen, um die medizinische Versorgung weiter zu verbessern und Kosten einzusparen.

NHS investiert in E-Health

Bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens ist der NHS bereits auf einem guten Weg. Onlineterminbuchungen, sichere Onlinekommunikationsdienstleistungen zwischen Ärzten und Patienten, die digitale Übermittlung von Rezepten an Apotheken sowie die elektronische Gesundheitsakte sind im Königreich bereits Realität. Eine komplette Liste der aktuellen digitalen Dienstleistungen des NHS findet man unter https://digital.nhs.uk/services.

Im Bereich der Telemedizin gehören die Briten zu den Vorreitern. Patienten können per Smartphoneapp Termine buchen und per Video einen Hausarzt konsultieren. Nur in wenigen Fällen müssen Patienten die Praxis besuchen. Dieser sogenannte "Babylon GP at Hand"-Dienst ist seit 2017 in London aktiv. In Birmingham wird der Service seit Juni 2019 angeboten. Doch die Einführung stellt das NHS vor Herausforderungen. Insbesondere das Finanzierungsmodell des NHS für Hausärzte ist noch nicht auf das digitale Zeitalter zugeschnitten. Reformen diesbezüglich sind in Vorbereitung. Weitere Informationen können unter https://www.gpathand.nhs.uk abgerufen werden.

Der NHS ist dezentral organisiert, mit Zuständigkeiten in den vier Nationen England, Wales, Schottland und Nordirland. Die besten Marktchancen haben Unternehmen in England, weil hier laut Digital Health Intelligence gut 85 Prozent der E-Health-Investitionen getätigt werden.

Fünf neue Zentren für künstliche Intelligenz

Die britische Regierung sieht künstliche Intelligenz (KI) als wichtiges Instrument für das Gesundheitswesen und investiert viel in KI-Lösungen. Ende 2018 hat die Regierung 50 Millionen Pfund Sterling für fünf neue KI-Zentren zugewiesen. Die Zentren sollen Foren für Ärzte, Unternehmen und Akademiker werden, um KI in der Diagnostik zu verfeinern und neue KI-Lösungen auf den Markt zu bringen. Die Leitung übernehmen wichtige Branchenunternehmen wie Siemens, GE Healthcare, Philips, Roche Diagnostics, Canon und Leice.

Neue KI-Zentren im Vereinigten Königreich
London London Medical Imaging and Artificial Intelligence Centre for Value-Based Healthcare
Glasgow iCAIRD (Industrial Centre for AI Research in Digital Diagnostics)
Oxford NCIMI (National Consortium of Intelligent Medical Imaging)
Coventry PathLAKE (Pathology image data Lake for Analytics, Knowledge and Education)
Leeds NPIC (Northern Pathology Imaging Collaborative)

Regierung setzt klare Rahmenbedingungen

Die rechtlichen Rahmenbedingungen für den E-Health-Bereich nehmen Form an. Das National Institute for Health and Care Excellence (NICE) gab im März 2019 Richtlinien für digitale Gesundheitstechnologien bekannt: http://www.nice.org.uk/about/what-we-do/our-programmes/evidence-standards-framework-for-digital-health-technologies. Wichtig ist zudem die Care Quality Commission (CQC), die Online-Gesundheitsdienste prüft. Für die Nutzung von KI im Gesundheitswesen veröffentlichte das Gesundheitsministerium im Frühling 2019 einen entsprechenden Kodex: http://www.gov.uk/government/publications/code-of-conduct-for-data-driven-health-and-care-technology/initial-code-of-conduct-for-data-driven-health-and-care-technology.

Analog zu Deutschland wird im Vereinigten Königreich ab Mai 2020 die neue Medizinprodukte-Verordnung (MDR) der Europäischen Union (EU) in Kraft treten. Für Anbieter von E-Health-Lösungen wird dies in vielen Fällen zu einer anderen Klassifizierung, einer Hochstufung der Produktkategorie, führen. Dies gilt beispielsweise für Diagnosesoftware, Onlinedienstleistungen oder KI im medizinischen Bereich. Im Fall einer Hochstufung ist die Eigenzertifizierung nicht mehr möglich. Dadurch können sich der bürokratische Aufwand erhöhen sowie Zusatzkosten entstehen.

Der Brexit wirft viele Fragen auf

Kopfschmerzen bereitet deutschen Unternehmen die anhaltende Brexit-Unsicherheit. Noch ist unklar, wie die Handelsbeziehungen zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich nach dem geplanten EU-Austritt aussehen werden.

Im Fall eines Ausstiegs ohne Austrittsabkommen werden unter anderem neue Zolltarife auf einzelne Produktkategorien erhoben. Diese können online unter http://www.gov.uk/guidance/check-temporary-rates-of-customs-duty-on-imports-after-eu-exit abgerufen werden. Für medizintechnische Geräte hat die Regierung bereits Maßnahmen für den Fall eines No-deal-Brexits verabschiedet. Geräte, die bereits für den europäischen Markt zugelassen wurden, werden vorübergehend auf dem britischen Markt anerkannt. Dies gilt beispielsweise für CE-zertifizierte Produkte. Für Dienstleistungen aus EU-Mitgliedsstaaten ist hingegen noch kein klares Rahmenwerk definiert. Auch wenn das Vereinigte Königreich nach dem Austritt in der Zollunion bliebe, könnten Handelshemmnisse den Export auf die britische Insel verlangsamen und verteuern.

Eine ausführliche Liste britischer Organisationen, die im Bereich digitale Gesundheit und Pflege tätig sind, kann unter https://www.gov.uk/government/publications/uk-life-sciences-support/digital-health-and-care eingesehen werden.

Weitere Informationen zum Vereinigten Königreich finden Sie unter http://www.gtai.de/vk.

Über den geplanten Brexit informiert Germany Trade & Invest regelmäßig auf der Sonderseite http://www.gtai.de/brexit.

Dieser Artikel ist relevant für:

Vereinigtes Königreich Gesundheitswesen allgemein, Medizintechnik, allgemein, Brexit, Digitalisierung

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