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06.03.2019

Bulgarien ist bei Digitalisierung gut gestartet

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Neues Digitalisierungskonzept kommt 2019 / Von Guenter Maier (Februar 2019)

Sofia (GTAI) - Die Mehrheit der Firmen in Bulgarien steht mit der Digitalisierung erst am Anfang. Massive Investitionen in die neuen Technologien müssen erfolgen. Ausländische Unternehmen gehen voran.

Digitalisierungsstrategie

Die bulgarische Regierung hat einen Programmentwurf Digitales Bulgarien 2025 vorbereitet. Das Transportministerium baut den passenden rechtlichen Rahmen für eine moderne digitale Kommunikationsinfrastruktur auf. Der Entwurf befindet sich derzeit in der Abstimmung mit anderen Behörden.

Das Konzept für die digitale Transformation der bulgarischen Industrie (Konzept Industrie 4.0 bis 2030) billigte das Wirtschaftsministerium bereits im August 2017. Es zielt darauf ab, die Voraussetzungen für Modernisierung und Automatisierung der Industrie zu schaffen, um mittel- bis langfristig eine gute Positionierung der bulgarischen Wirtschaft ermöglichen. Das Land will sich bis 2030 zu einem regionalen Zentrum der digitalen Wirtschaft in Südosteuropa entwickeln und dazu neue Produkte, Geschäftsmodelle und Prozesse der Industrie 4.0 einführen.

Der Ansatz zur Digitalisierung bezieht auch die Exportorientierung und Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit ein. Er umfasst drei Kernbereiche:

1) Stärkung der Beziehungen zwischen Wissenschaft und Industrie mit beschleunigter Integration Bulgariens in europäische und internationale Programme, Initiativen und Netzwerke im Zusammenhang mit der Entwicklung und Umsetzung von Industrie 4.0;

2) technologische Erneuerung der bulgarischen Wirtschaft;

3) Aufbau personeller, wissenschaftlicher, organisatorischer und institutioneller Kapazitäten für die Entwicklung von Industrie 4.0.

Das Wirtschaftsministerium arbeitet mit der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften und mit Unternehmen an der Umsetzung des Konzeptes. Eine aktualisierte Konzeptversion soll 2019 veröffentlicht werden.

Strategie für künstliche Intelligenz

Im Bereich künstliche Intelligenz (KI) hinkt Bulgarien hinterher. Die Regierung verfügt über keine KI-Strategie. Angesichts der boomenden Informationstechnologie-Branche besteht berechtigte Hoffnung, dass sich KI-Engagement in der Privatwirtschaft entfaltet. Branchen, die schon KI nutzen und in denen das Potenzial am größten ist, sind das Bankwesen (Chat-Bots), der Einzelhandel (einschließlich Online-Einzelhandel), Outsourcing und Verbraucher-Support, die Medizin und die Pharmaindustrie. Es gibt bulgarische Firmen, die KI-Lösungen entwickeln, zum Beispiel perpetto.com oder metrillo.com. Deren Produkte sind auf den Einzelhandel ausgerichtet.

E-Government

Die staatliche Agentur E-Government wurde 2016 gegründet. Zu ihren Aufgaben zählen die Einführung von Richtlinien im Bereich E-Governance, strategische Planung und Initiativen sowie Haushaltplanung und -kontrolle. Noch im Frühjahr 2019 will die Agentur die neue Strategie 2019 - 2023 für die Entwicklung des E-Government veröffentlichen. Parallel bereitet das Transportministerium mit der Agentur und anderen Behörden eine Novelle des Gesetzes für E-Government vor. Diese sieht unter anderem Veränderungen in der institutionellen Architektur des E-Government und die Gründung neuer Verwaltungsstrukturen vor.

Ein Meilenstein in der Arbeit der E-Government-Agentur war die Einführung des elektronischen Dokumentenmanagements in der öffentlichen Verwaltung. Seit November 2018 nehmen 719 zentrale, regionale und kommunale Körperschaften am elektronischen Datenaustausch teil. Dadurch endete der Austausch von Papierdokumenten im Behördenverkehr untereinander vollständig. Ferner befasst sich die Agentur mit der landesweiten Einführung eines elektronischen Identifizierungssystems. Der Auftraggeber - das Innenministerium - erwartet, dass es frühestens Mitte 2020 in Betrieb gehen kann.

Die Nationale Einnahmenagentur (Steuerbehörde) und das Nationale Sozialversicherungsinstitut bieten Bürgern und Unternehmen schon seit Jahren online Auskunft und Dienstleistungen an. Der Zugang erfolgt mittels elektronischer Signatur oder durch Personenidentifizierungscode. Rund 34 Prozent der Bürger haben 2018 ihre Steuererklärung online eingereicht. Bei den Unternehmen liegt der Anteil deutlich höher. Hingegen bleibt die Digitalisierung im Gesundheitswesen hinter modernen Möglichkeiten zurück.

Industrie 4.0/Internet der Dinge

Das Thema Digitalisierung beziehungsweise Industrie 4.0 ist in Bulgariens Maschinenbau, Elektronik und Elektrotechnik besonders aktuell. Zu den größten Investoren in der Elektronik-Branche gehören Liebherr, ABB, Sensata, Schneider Electric, Melexis, BHTC, Hyundai Heavy Electricity, Festo und Visteon. Viele der ausländischen Gesellschaften sind Pioniere bei den betrieblichen Digitalisierungsinvestitionen in der bulgarischen Industrie.

Der Hersteller von Automatisierungstechnik Festo zum Beispiel plant im Hinblick auf Industrie 4.0 in Sofia innerhalb von zwei bis drei Jahren ein neues Zentrum für Forschung und Entwicklung zu bauen, das 200 Software-Ingenieure beschäftigen wird. Das Zentrum soll an mehreren Projekten arbeiten, darunter ein Cobot (collaborative robot; ein Roboter, der zusammen mit Menschen arbeitet) sowie Automatisierungskonzepte für Pharma und Life Sciences.

Die Produzenten von Boilern Eldom Invest und Tessy investieren seit Jahren in Internet-Konnektivität. Sie bieten Smart-Produkte mit mobilen Apps an, die der Kunde über das Internet steuern kann. ABB Bulgarien arbeitet unter anderem an Automatisierungsprojekten bei Smart-Homes und dem Internet der Dinge. In Bulgarien betriebt ABB bereits ein paar fertige Projekte in der Sparte Smart-Buildings.

Stärken/Schwächen

Der Index für die digitale Wirtschaft und Gesellschaft der Europäischen Union (Digital Economy and Society Index - DESI) umfasst fünf Indikatoren für die digitale Leistung und Wettbewerbsfähigkeit in den Mitgliedstaaten: Konnektivität, Humankapital, Internetnutzung, Integration digitaler Technologien und digitale öffentliche Dienste. Bulgarien ist neben Rumänien, Griechenland und Italien für 2018 am unteren Ende der Skala eingestuft.

Im Bericht Digital Challengers von Januar 2019 kommt die Beratungsgesellschaft McKinsey zur einer relativ positiven Einschätzung. Bulgarien sei in der Digitalisierung bei Business-Dienstleistungen (Outsourcing), Transport und Lagerung sowie öffentlichen Dienstleistungen im Vergleich zu den anderen Ländern der Region Südosteuropa besser positioniert. Das Land rangiere auf Durchschnittsniveau beim verarbeitenden Gewerbe, in der Energiewirtschaft und beim Groß- und Einzelhandel. Das Balkanland müsse in den Bereichen Finanz- und Versicherungsdienstleistungen den Digitalisierungsrückstand gegenüber den Nachbarn in der Region aufholen.

Die Deutsch-Bulgarische Industrie- und Handelskammer (AHK) und Siemens Bulgarien befragten 2018 zum Thema Digitalisierung 76 Unternehmen. Die Mehrheit gab an, dass sie die Möglichkeiten, die sich durch Digitalisierung ergeben, gut kennen. Dennoch hat fast ein Drittel der Unternehmen keine digitale Strategie. Wenn es eine digitale Strategie gibt, ist diese eher kurz- oder mittelfristig angelegt.

Die wichtigsten Aspekte der Digitalisierung seien die Automatisierung der Produktion (59 Prozent der Befragten), die Optimierung der Ressourcen (59 Prozent) und die Integration der digitalen Prozesse (55 Prozent). Die Mehrheit der Firmen räumte ein, dass sie sich erst in der Anfangsphase ihrer Digitalisierung befänden. Die am meisten implementierten Technologien seien mobile Apps (37 Prozent) und das Internet der Dinge (34 Prozent). Hauptbremsen für die Digitalisierung in Bulgarien seien die unzureichende Qualifizierung der Arbeitnehmer (50 Prozent), vergleichsweise hohe Investitionsausgaben (46 Prozent) und Technologien, die für den Anwendungsbedarf noch nicht ausgereift genug seien (32 Prozent).

Ausblick

Damit Bulgarien die Digitalisierung weiter stärkt, braucht das Land mehr Bemühungen in den folgenden Bereichen:

1) Mehr Flächenabdeckung in der digitalen Infrastruktur;

2) Investitionen in die digitalen und die "soft skills" der gesamten Bevölkerung;

3) Einrichtung digitaler Anwendungen im privaten und öffentlichen Sektor;

4) Entwicklung eines Ökosystems für Innovationen und Förderung von unternehmerischem Engagement.

Das bestehende 4G-Netz umfasst etwa 66 Prozent der Landesfläche. Das bulgarische Transportministerium hat ein Konzept für die Entwicklung von Hochgeschwindigkeits- und Ultrahochgeschwindigkeitskonnektivität und für Aufbau von 5G-Mobilfunknetzen.

Kontaktadressen

Bezeichnung Kontakt Anmerkung
Ministerium für Wirtschaft http://www.mi.government.bg/en -
Ministerium für Transport, Informations-technologien und Kommunikation http://www.mtitc.government.bg/en -
Staatliche Agentur E-Government https://e-gov.bg/en/ -
Kommission für Kommunikationsaufsicht https://crc.bg/en -
ICT Cluster Bulgaria http://ictcluster.bg/en/ -
BASSCOM http://www.basscom.org Bulgarischer Verband der Software-Unternehmen
Bulgarischer Verband der Elektronik und Elektrotechnik http://www.bcee-bg.org -
Bulgarischer IT-Verband http://www.bait.bg -
Webit Festival Europe http://www.webit.org Festival und Messe für Technologien und Innovationen, 13. bis 15. Mai 2019, Sofia
Digitalk http://www.digitalk.bg jährliche Konferenz zu Technologien und digitale Transformation der Unternehmen, 30. bis 31. Mai 2019, Sofia

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll und Ausschreibungen in Bulgarien sind unter http://www.gtai.de/bulgarien abrufbar.

Mehr zum Thema Digitalisierung finden Sie unter http://www.gtai.de/wirtschaft-digital

Dieser Artikel ist relevant für:

Bulgarien Robotik und Automation, Verwaltung, Administration, Digitalisierung

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‎+49 228 24 993 321

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