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27.04.2016

Bulgariens Kfz-Zulieferindustrie expandiert

Deutsche Firmen überwiegen / Modulares Elektroauto vorgestellt / von Michael Marks

Sofia (GTAI) - Die bulgarische Kfz-Zulieferindustrie wächst deutlich. Auch ohne große Tradition profitiert die Branche von vergleichsweise niedrigen Produktionskosten und der günstigen geographischen Lage des Landes. Bereits ansässige Unternehmen erweitern ihre Aktivitäten, neue Interessenten kommen hinzu. Eine Reihe deutscher Firmen investiert weiter und bestätigt so ihre Standortwahl. Auch Forschung und Entwicklung sowie Innovationen haben ihren Platz in dem Balkanstaat.

Die Branche der Kfz-Zulieferer in Bulgarien hat sich in den letzten Jahren recht dynamisch entwickelt. Der Umsatz der 100 Kfz-Zulieferer mit 20.000 Beschäftigten lag laut Automotive Cluster Bulgaria (ACB) 2015 in einer Größenordnung von 1,5 Mrd. bis 2 Mrd. Euro. Das Wachstum wird dabei auf etwa 30% gegenüber dem Vorjahr veranschlagt. Die vor vier Jahren gegründete ACB hat 32 Mitgliedsunternehmen mit 15.000 Beschäftigten.

Das Entwicklungspotenzial der Branche hängt vor allem von zwei Faktoren ab. Zum einen geht es um die Bewältigung des Problems des Fachkräftemangels, zum anderen um ein erfolgreiches Anziehen eines international bekannten Autoproduzenten nach Bulgarien. Die ersten Schritte hat dabei das Werk Litex Motors gemacht mit der Montage von Autos der Marke Great Wall (http://greatwall.bg/en/ ).

Investitionsinteresse steigt

Einen Autohersteller, am besten mit Weltruf, ins Land zu holen, ist seit Jahren ein Traum von Politik und Investitionsförderung. Bulgarien ist kein Land mit Tradition in der Kfz-Produktion oder -Montage. Fast neidvoll schweift der Blick ins benachbarte Rumänien, das mit Dacia-Renault und Ford zwei schlagkräftige Unternehmen und eine recht blühende Zulieferindustrie vorweisen kann. Ungeachtet dessen geht es mit der heimischen Branche selbst ohne staatliche Förderpolitik voran.

Die Branchenorganisation ACB konstatiert in letzter Zeit neben europäischen Aktivitäten auch weiteres Investitionsinteresse aus den USA und der Türkei. Zurzeit gibt es sechs Unternehmen, die Fallstudien durchführen und eine mögliche Produktionsaufnahme in Bulgarien vorbereiten.

Investitionsinteresse hat auch die deutsche Firma BÖCO Böddecker & Co. GmbH & Co. KG beim letzten Besuch des bulgarischen Wirtschaftsministers Bozhidar Lukarski in Bonn gezeigt. Die Firma ist ein führender Produzent von innovativen Verschlusssystemen für Automobile.

Die kanadische Firma Magna Powertrain Company (Ixetic) hat Interesse am Bau eines Werks in Stara Sagora bekannt gegeben. Eine neue Fertigung hat das Unternehmen zuletzt in der Industriezone Rakovski abgeschlossen. Ein chinesisches Unternehmen erkundet die Möglichkeit zur Eröffnung eines Werks für Kfz-Teile. Die Investition soll sich auf rund 100 Mio. Euro belaufen. Es geht um die Produktion von Kfz-Teilen für Volvo und Bentley.

Deutsche Unternehmen investieren in Erweiterung

Der deutsche Produzent Witte Automotive hat seine Tätigkeit in Bulgarien mit der Eröffnung eines neuen Forschungs- und Entwicklungs-Zentrums im Jahr 2015 erweitert. Die Finanzierung erfolgte durch das operationelle Programm (OP) Wettbewerbsfähigkeit 2007 bis 2013 der EU. Die Investition belief sich auf 6 Mio. Lewa beziehungsweise rund 3 Mio. Euro (fester Wechselkurs: 1,9558 Lewa (BGN) = 1 Euro).

Das FuЕ-Zentrum wird innovative Produkte und Prozesse für Pkw-Türschließsysteme ausarbeiten. Die neuen Produkte sind für Kfz-Hersteller wie Volkswagen, Volvo, Toyota und General Motors vorgesehen. Witte produziert in seinem neuen Werk in Ruse elektronische und mechanische Kfz-Teile für VW, Audi und Mercedes.

Ebenfalls 2015 hat das deutsche Unternehmen Festo sein zweites Werk in Sofia für 10 Mio. Euro eröffnet. Das Unternehmen plant in den nächsten drei Jahren Investitionen in Höhe von 25 Mio. Lewa für den Einkauf von Maschinen und Einrichtungen und eine Erhöhung der Anzahl des Personals bis 1.000 Mitarbeiter. Festo beabsichtigt in den nächsten Jahren auch eine Erweiterung des Werks in Smoljan.

Der deutsch-japanische Kfz-Zulieferer Sumitomo Electric Bordnetze hat 2015 die Erweiterung der Werke in Mezdra und Karnobat für 10 Mio. Euro abgeschlossen. Der Investitionsbedarf entstand durch neue Projekte des Unternehmens für den SUV von Seat und den Skoda Yeti. Produziert werden Kabelsätze und elektrische Systeme. Rund 30% aller Kabelsätze der Volkswagen Gruppe werden durch SE Bordnetze Bulgarien produziert.

Der deutsche Produzent Mecalit hat 2015 mit der Herstellung von Kfz-Teilen aus Kunststoff in seinem Werk in Plovdiv begonnen. Die Investition in neue Produktlinien lag bei rund 3 Mio. Euro. Die Produktion ist für Automotive Produzenten wie Renault-Nissan, Volkswagen und Mercedes vorgesehen. Hergestellt werden Kunststoffboxen für elektronische Kfz-Teile.

Ein deutsch-bulgarisches Unternehmen wird seine Tätigkeit Ende 2016 aufnehmen. Der bulgarische Kfz-Zulieferer Arexim Engineering Ltd erweitert seine Aktivitäten mit einem neuen Werk in Pasardzhik. Die deutsche Beteiligung kommt von der Firma Kostal. Es werden Kfz-Teile aus Kunststoff für die Autohersteller BMW, VW und Ford produziert. Eine Erweiterung des Werks ist geplant. Ende 2016 soll die Beschäftigtenzahl bei 300 liegen. Innerhalb von zehn Jahren ist eine Erhöhung auf 2.000 vorgesehen.

Die deutsche Firma Kemmler Electronic produziert seit 2014 nahe Plovdiv Kabelbäume für die Fahrzeugindustrie und plant, bis 2016 bis zu 100 neue Arbeitsplätze zu schaffen. Elektrokabel Bulgaria (NEXANS) hat eine Produktionsstätte für Verkabelungssysteme und Komponenten in Pleven eröffnet.

Elektroautos gewinnen an Bedeutung

Die bulgarisch-chinesische Firma SolarLab (http://solar-lab.eu/en/) hat mit finanziellen Mitteln aus dem OP Wettbewerbsfähigkeit 2007 bis 2013 ein Demonstrationsmodell eines "modular electric car" entwickelt. Es wurde anlässlich der Ausstellung MachTech& InnoTech und BulControl im Inter Expo Center in Sofia gezeigt. Dieses Elektroauto kann in Krankenhäusern, Kureinrichtungen, Tourismusorten, Flughäfen, Metrostationen, Sporthallen, Messehallen und Schuleinrichtungen benutzt werden.

Autoelektronik stark vertreten

Diverse Produzenten von Autoelektronik sind seit Jahren vor Ort, unter anderem Witte, Yazaki, IMI Integrated Micro-Electronics, Melexis, Sensata Technologies. Der Hersteller Sensata Technologies (USA) hat die erste Bauetappe seines Werks nahe Plovdiv, Industriezone Mariza im Jahr 2015 für rund 40 Mio. US$ beendet. Dort werden Drucksensoren für den Einsatz in Autos produziert. Sensata hat auch das Werk in Botevgrad für geschätzte 10 Mio. bis 15 Mio. US$ erweitert. Das Unternehmen produziert dort Temperatursensoren für VW, Daimler, Volvo, Fiat und GM.

In Bulgarien befindet sich seit 2001 das FuE-Zentrum der Firma Visteon, die eine Plattform für "Connected Devices" unter dem Namen Fusion entwickelt hat. Die Technologie erhielt den Preis für Innovationen durch die European Association of Automotive Suppliers (CLEPA) und den Verband der Deutschen Automobilindustrie (VDA).

Fusion integriert die traditionellen Systeme für Fahrerinformationen, Informations- und Unterhaltungssysteme sowie Systeme mit Cloud Technologien und soll 2018 in Modellen der führenden Autoproduzenten auf dem europäischen Markt präsentiert werden. Die Firma Visteon plant 2016 eine Erhöhung der Beschäftigtenzahl von 500 auf 700 Mitarbeiter.

Ausfuhr wichtiger Kfz-Teile aus Bulgarien ( in Mio. Euro)
SITC Warenbezeichnung 2014 2015 Nach Deutschland (2015)
713.21 bis .22 Hubkolbenmotoren mit Fremdzündung keine Angaben keine Angaben keine Angaben
713.23 Diesel- oder Halbdieselmotoren 0,38 0,36 0,04
742.2 Kraftstoff-, Öl- und Kühlmittelpumpen für Kolbenverbrennungsmotoren 0,91 0,99 0,29
773.13 Kabelsätze 270,28 348,95 26,87
778.31, .33 Zündanlagen, Anlasser, Lichtmaschinen etc. 7,35 5,57 0,35
778.34 bis .35 Beleuchtungs- und Signalgeräte (ohne 778.2), Scheibenwischer etc. 20,10 19,83 8,04
784.1 Fahrgestelle 0,10 1,66 0,14
784.2 Karosserien (einschließlich Fahrerhäuser) 0,05 keine Angaben keine Angaben
784.3 Andere Kfz-Teile (Stoßstangen, Bremsen, Schaltgetriebe, Achsen etc.) 83,22 71,92 28,24

Quelle: Eurostat; Stand: 18.4.16

(M.M.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Bulgarien Kfz-Teile, -Zubehör (ohne Brennstoffzellen)

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