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05.07.2018

Bulgariens Landwirtschaft hat Potenzial

Hohe Konzentration beim Bodeneigentum / Von Michael Marks (Juni 2018)

Sofia (GTAI) - Bulgariens Landwirtschaft ist nach wie vor bedeutend für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes und als Arbeitgeber. Subventionen der Europäischen Union (EU) und Förderprogramme bewegen den Sektor. Die pflanzliche Produktion überwiegt. Wenigen großen Betrieben mit hohen Beihilfen steht eine kleinteilige Subsistenzwirtschaft gegenüber. Die Digitalisierung beginnt erst. Es fehlt an Fachkräften. Investitionen in der Landwirtschaft haben durchaus Chancen.

Wer Landwirtschaft in Bulgarien betreiben will, trifft auf beste Voraussetzungen: Das Land verfügt über sehr gute Klimabedingungen und pflegt eine lange Tradition in bestimmten Segmenten der Pflanzen- und Tierzucht. Das Balkanland ist sogar weltweit führender Produzent von Rosen- und Lavendelöl. Die Bioproduktion wird immer populärer.

Bulgarien ist der Staat in der EU mit der größten Konzentration von Ackerfläche in den Händen von wenigen Unternehmen. Rund 1,5 Prozent aller Betriebe beziehungsweise unter 5.500 Einheiten bewirtschaften 82 Prozent der Agrarfläche. Die Landwirtschaft trug 2017 gut 4 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) des Landes bei. Die landwirtschaftliche Nutzfläche liegt bei etwa der Hälfte des Territoriums, während rund 7 Prozent der Erwerbstätigen in dem Sektor beschäftigt sind.

Die pflanzliche Erzeugung dominiert mit einem Anteil von 60 Prozent. Hierbei sticht Getreide mit Weizen, Gerste, Roggen und Hafer hervor. Auf Getreide entfallen 36 Prozent der Anbaufläche. Von Bedeutung sind auch Ölsaaten und Eiweißpflanzen, etwa Sonnenblumen und Raps. Bulgarien gehört zu den führenden Ländern in der EU, was Qualität und Quantität von Agrarerzeugnissen wie Weizen, Sonnenblumen, ätherische Öle, Trauben, Tabak, Tomaten und Kirschen anbelangt. Wichtig für die Landwirtschaft ist auch die lange Tradition in Milchverarbeitung und der Zucht von Schafen für die Milchproduktion.

Fakten Bulgarien
2017
Einwohner (Millionen) 7,1(Prognose für 2025: 6,7)
Ackerfläche (in Millionen Hektar; Daten für 2016) 5,215
Anteil der Landwirtschaft an der Entstehung des BIP (in Prozent) 4,3
Exporte Agrargüter in Mrd. Euro (SITC 0) 2,78

Quellen: bulgarisches Statistikamt (NSI); Landwirtschaftsministerium; Eurostat

Landwirtschaft und Subventionen sind schwer zu trennen

Die erfolgreichsten Segmente der bulgarischen Landwirtschaft bilden Getreide und Ölsaaten. Dort sind 6 Prozent der Landwirte tätig, die 80 Prozent der direkten Zahlungen (Subventionen) erhalten. Es bleibt der am besten entwickelte Agrarbereich. Nach Analyse der fünf wichtigsten Kulturen (Weizen, Mais, Gerste, Sonnenblumen und Raps) erwarten die Experten des Zentrums für Landwirtschaftsforschung eine relativ stabile, zugleich nachhaltige und konkurrenzfähigere Produktion. Die Subventionen gelten als wichtiger Stoßdämpfer gegen Einnahmerückgänge und Kostenerhöhungen.

Die ätherischen Öle sind ein traditionell gut entwickeltes Segment. Bulgarien findet sich unter den weltweit führenden Produzenten von Ölen aus Lavendel und Rosa Damascena. Fast 100 Prozent der Rosenernte werden exportiert. Wegen der großzügigen Subventionen sind die Ausfuhren von Lavendelöl seit 2008 stark gestiegen. Großes Flächenwachstum zeigen Zitronenmelisse, Kamille und andere medizinische und Aromakulturen. Bulgarien hat lange Traditionen im Traubenanbau und in der Weinproduktion. Das Land zählt zu den führenden Weinproduzenten in Europa.

Nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums waren 2016 nur 1,7 Prozent der Ackerfläche mit Obst und Gemüse bepflanzt. Fast die gesamte Gewächshausproduktion stammt von Tomaten, Paprika und Gurken. Nur wenige Produzenten haben Qualitätssysteme eingeführt, was obligatorisch ist, wenn man mit den Supermarktketten arbeiten möchte.

In der Viehwirtschaft profitieren Schweine- und Geflügelzüchter vom kommunistischen Erbe des großen Maßstabs. Zudem haben die Betriebe eigene Produktionsanlagen und können direkt an den Endkunden verkaufen. Den Schaf- und Ziegenzüchtern kommt zugute, dass in Europa die Produktion von Schaf- und Ziegen-Milch und -Fleisch nicht ausreicht. Der durchschnittliche Betrieb mit Kühen für die Milchproduktion hat etwa 50 Freilandtiere.

Die durchschnittliche Größe eines Betriebs beträgt etwa 15,5 Hektar. Fast drei Viertel aller Betriebe haben eine Fläche von weniger als 2 Hektar. Nach dem EU-Betritt 2007 wurde die Landwirtschaft vor allem durch die Subventionen innerhalb der EU-Förderprogramme vorangebracht und geprägt. So war Bulgarien 2016 größter Produzent von Kürbissen in der EU. Dank Subventionen verfünffachten sich Anbaufläche und Ernte binnen eines Jahres.

Laut Nikolay Valkanov, Geschäftsführer des Beratungsunternehmens InteliAgro, gibt es gute Chancen für deutsche Unternehmen, in den bulgarischen Landwirtschaftsmarkt einzutreten. Dies könne durch eine Erstinvestition erfolgen sowie durch Übernahme eines bestehenden Betriebs.

Die Digitalisierung der bulgarischen Landwirtschaft steckt noch in der Anfangsphase. Svetlana Boyanova, Direktorin des Instituts für Agrostrategien und Innovationen, unterstreicht, dass in der Förderperiode nach 2020 Mittel für die digitale Ausrüstung der Landwirtschaft geplant sind. Sie befürchtet jedoch, dass Bulgarien unvorbereitet sein wird, weil es noch immer keine Politik zum digitalen Umbau gibt. Dieser habe großes Potenzial bis hin zur Erleichterung der administrativen Verfahren in der Landwirtschaft, so Boyanova.

Die wachsende Bioproduktion bedeutet, dass die Unternehmen größeres Interesse an umweltfreundlichen Düngemitteln, Herbiziden und Pestiziden haben. Auch Produkte zum Testen der Wasser- und Bodenverschmutzung können interessant sein. Allgemein entsteht in der Landwirtschaft eine Nachfrage nach GPS- und Topografiegeräten sowie Technologien zur Überwachung der Flächen.

Geschäftsmöglichkeiten - auch für deutsche Unternehmen - bietet das Angebot von Ausrüstung, die zur Bewältigung des Fach- und Arbeitskräftekräftemangels beiträgt. Aufgrund der Tradition für reine Zuchtlinien sind in der Tierzucht jegliche Technologien und Lösungen zur Rückverfolgbarkeit und zur Optimierung der Zuchtprogramme interessant.

Das Landwirtschaftsministerium gilt als wichtiges Ministerium, es verfügt über erhebliche EU-Fördermittel. Allein im Jahr 2018 stellt der Staat rund 1,5 Milliarden Euro für die Landwirtschaft bereit, von denen 1,3 Milliarden Euro auf EU-Fördermittel entfallen. Die Hauptmöglichkeit für EU-Projektfinanzierung in der Landwirtschaft ist das Programm für die Entwicklung des ländlichen Raums mit diversen Untermaßnahmen. Das Ungleichgewicht zwischen den großen subventionierten Landwirtschaftsbetrieben und den vielen kleinen Familienbetrieben ist weiter ein Problem. Zudem gibt es keine starken Verbände, Kooperativen oder öffentliche Beratungsstrukturen.

Projekte landwirtschaftlicher Betriebe
Investitionsprojekt Projektverantwortlicher Projektstand Anmerkung
Mehlhersteller Goodmills Bulgaria investiert weitere 0,5 Mio. Euro in Modernisierung (Brandschutz, Silo) Stefan Hristoskov, Geschäftsführer Realisierung Zudem jährlich 50.000 Euro in Qualitätskontrolle
Regina Herbal plant Produktion von ätherischen Ölen aus Heil- und Aromakulturen Mladen Denev, Eigentümer Bewerbung um EU-Finanzierung von 1,9 Mio. Euro Diversifizierung jenseits der Agrarerzeugung angestrebt
Planeta-98 plant Ausbau seiner Fabrik für biozertifizierte Milchprodukte k.A. Bewerbung um EU-Finanzierung von 1,9 Mio. Euro Aktiv in Landwirtschaft und Viehzucht
Sortovi semena Elit 2001 plant Ausbau und Modernisierung des biozertifizierten Walnussanbaus in Swischtow durch Einkauf von Maschinen und Ausrüstungen k.A. Bewerbung um EU-Finanzierung von 1,8 Mio. Euro Maßnahme zur Diversifizierung; bislang vor allem mit Getreideproduktion befasst

Quelle: Bulgarischer Verband der Landwirtschaftsproduzenten (http://azpb.org/en/)

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht Zoll und Ausschreibungen in Bulgarien sind unter http://www.gtai.de/bulgarien abrufbar.

Weitere Artikel zur Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie in Bulgarien, Rumänien, Russland, der Türkei und der Ukraine finden Sie unter: http://www.gtai.de/ernaehrung-gus-soe

Dieser Artikel ist relevant für:

Bulgarien Land- und Forstwirtschaft, Fischerei, allgemein

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