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31.05.2018

Chemische Erzeugnisse: Briten liefern Waren im Wert von 36 Milliarden Euro in die EU

Brexit könnte Konkurrenten auf dem Kontinent Chancen eröffnen

London (GTAI) - Das Vereinigte Königreich lieferte 2017 rund 35,8 Milliarden Euro an chemischen Erzeugnissen in die Europäische Union, dazu rund 17 Milliarden an Erdölerzeugnissen. Wichtigste Abnehmerländer waren - hinter Deutschland - die Niederlande, Frankreich, Irland, Belgien und Italien. Lesen Sie hier über Brexit-bedingte Absatzpotenziale in elf europäischen Ländern. (Kontaktadressen)

Die britische Chemieindustrie ist ein eng verbundener Teil der hoch komplexen europäischen Lieferkette, deren Rohstoffe und Vorprodukte mehrfach die Grenzen überschreiten. Besonders bei folgenden Produkten liefern britische Hersteller erwähnenswerte Anteile in die Europäische Union: Arzneimittel, Primärkunststoffe, Farben und Lacke, Wasch- und Reinigungsmittel, Kunstfasern, Insektizide, Diagnostik- und Laborreagenzien, Katalysatoren sowie zahlreiche andere Produkte. Auch Erdölerzeugnisse führten mehrere EU-Länder in größeren Umfang aus dem Vereinigten Königreich ein.

Britische Lieferungen von chemischen Erzeugnissen in die EU 2017 (in Millionen Euro)
SITC Warengruppe Britischer Export in die EU
33 Erdöl, Erdölerzeugnisse, darunter 16.993,0
.3346 Erdöl und Öl (inklusive Zubereitungen) aus bituminösen Mineralien (ausgenommen rohe Öle) 5.851,2
51 Organische Chemikalien 5.167,1
52 Anorganische Chemikalien 1.101,1
53 Farbmittel, Gerbstoffe 1.602,5
54 Arzneimittel 14.457,5
55 Waschmittel, Kosmetika 4.345,3
56 Düngemittel 153,1
57 Kunststoffe in Primärform 2.734,8
58 Kunststoffe in anderen Formen 2.086,3
59 Div. chemische Erzeugnisse 4.086,4

Quelle: Eurostat

Die Länder der Europäischen Union nahmen 2017 rund 55 Prozent der britischen Exporte chemischer Erzeugnisse ab und stellten sieben der größten zehn Absatzmärkte für das Vereinigte Königreich, darunter besonders die europäischen Chemiezentren Deutschland und Frankreich. In die USA, das größte einzelne Abnehmerland, gingen mit 11,1 Milliarden Euro etwa 11 Prozent der britischen Lieferungen.

MKT201805308019.14

Niederlande: Briten liefern über 1,6 Milliarden Euro an Arzneimitteln

Die Chemiebranche ist der zweitwichtigste Industriezweig der Niederlande. Der deutsche Nachbarstaat ist Europas viertgrößter Chemikalienfabrikant, 19 der 25 weltweit größten Konzerne produzieren vor Ort. Begünstigt durch niedrigere Gaspreise und eine gute Konjunktur fuhr die Branche 2017 einen Rekordumsatz von rund 52 Milliarden Euro ein. Davon wurden rund 70 bis 80 Prozent durch Basischemikalien generiert.

Eine erhebliche Menge an Rohstoffen, Vor- und Endprodukten kommt aus dem Ausland. Die Niederlande importierten 2017 rund 64 Milliarden Euro an chemischen Produkte, dazu rund 62 Milliarden Euro an Erdöl und -erzeugnissen. Aus dem Vereinigten Königreich wurden rund 6,1 Prozent der importierten chemischen Produkte

und rund 12 Prozent der eingeführten Erdöl und -erzeugnisse bezogen. Laut Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) stammen in der niederländischen Chemiebranche etwa 6,2 Prozent der Wertschöpfung aus dem Vereinigten Königreich (letzter Wert von 2011). Das ist fast doppelt so viel wie im Durchschnitt der gesamten niederländischen Industrie. Britische Hersteller haben größere Anteile am niederländischen Import von Farben und Lacken (7,5 Prozent), Arzneimitteln (7,3 Prozent), Waschmitteln und Kosmetika (7,2 Prozent) und organischen Chemikalien (6,4 Prozent).

Käme es durch den Brexit zu Lieferverzögerungen und Kostenerhöhungen bei britischen Produkten, ergäben sich hieraus Chancen für Konkurrenzanbieter, darunter auch deutsche Firmen aller Branchensegmente. Besonders interessant ist der Markt für Arzneimittel, da hier die Briten mit Pharmazeutika im Wert von über 1,6 Milliarden Euro eine erwähnenswerte Menge in die Niederlande liefern. Ein möglicher Ausstieg des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Chemikalienverordnung REACH hätte verstärkte Einfuhrkontrollen angesichts abweichender Branchen- und Produktsicherheitsstandards zur Folge. Dies könnte die britischen Lieferanteile reduzieren.

Auch als Lieferant von (petro-) chemischen Vorprodukten und Erdölderivaten könnte Deutschland sich als alternative Quelle positionieren. Der voraussichtliche Rückgang der niederländischen Exporte ins Vereinigten Königreich könnte allerdings die lokale Produktion von Chemikalien, Gummi- und Kunststoffen laut Experten um bis zu 4,8 Prozent senken und die Nachfrage nach Rohmaterialien und Vorprodukten negativ beeinträchtigen.

Niederländische Einfuhr (petro-) chemischer Erzeugnisse 2017 (in Millionen Euro)

SITC Warenbezeichnung/Produktgruppe Gesamteinfuhr aus Deutschland aus dem Vereinigten Königreich
33 Erdöl, Erdölerzeugnisse, darunter 62.313,4 2.003,9 7.366,6
.3346 Erdöl und Öl (inklusive Zubereitungen) aus bituminösen Mineralien (ausgenommen rohe Öle) 25.579,8 1.588,0 2.874,0
51 Organische chemische Erzeugnisse 14.673,8 2.757,9 938,3
52 Anorganische chemische Erzeugnisse 2.949,7 521,1 64,7
53 Lacke und Farben 2.384,5 594,9 178,9
54 Arzneimittel 21.685,1 3.889,2 1.588,9
55 Waschmittel und Kosmetika 4.782,3 966,2 342,1
56 Düngemittel 673,7 122,3 29,9
57 Kunststoffe (Vorprodukte) 6.326,8 1.782,4 273,8
58 Kunststoffe (Halbwaren) 2.952,1 991,8 151,9
59 Andere chemische Erzeugnisse 7.310,0 1.706,2 308,2

Quelle: Eurostat

Frankreich: Arzneimittelimporte aus dem Königreich erreichen 1,5 Milliarden Euro

Frankreich ist nach Deutschland der zweitgrößte Chemieproduzent in Europa und der Sektor konnte 2017 in fast allen Segmenten steigende Produktions- und Umsatzzahlen vorweisen. Er profitiert dabei vom Konjunkturaufschwung in den wichtigen Abnehmerbranchen wie Bau, Landwirtschaft und Automobilindustrie.

Die Einfuhren chemischer Erzeugnisse sind in den vergangenen Jahren stetig gewachsen und betrugen 2017 rund 73 Milliarden Euro. Das Vereinigte Königreich ist in der chemischen Industrie vor allem bei Arzneimitteln ein wichtiges Lieferland Frankreichs, aber auch in anderen Segmenten sind britische Lieferungen bedeutend.

Falls das Vereinigte Königreich aus dem EU-Kontrollregime für chemische Erzeugnisse, der sogenannten REACH-Verordnung herausfällt, könnte dies den Handel mit Chemikalien empfindlich stören und Chancen für deutsche und andere EU-Anbieter eröffnen. Das Vereinigte Königreich ist in der chemischen Industrie vor allem bei Arzneimitteln ein wichtiges Lieferland Frankreichs, aber auch in anderen Segmenten sind britische Lieferungen bedeutend.

Britische Pharmakonzerne wie GlaxoSmithKline (GSK), AstraZeneca und Reckitt Benckiser Produktionsstandorte in Frankreich. Diese Firmen könnten ihre Fertigung in Frankreich ausweiten oder von der Insel auf andere Standorte innerhalb der EU verlagern. Bereits 2017 war ein Vorhaben zur Ausweitung der GSK-Fabrik in Evreux bekannt geworden, das aber nach Presseberichten aufgrund der fortlaufenden Brexit-Verhandlungen noch nicht offiziell verkündet worden ist.

Französische Einfuhr (petro-) chemischer Erzeugnisse 2017 (in Millionen Euro)
SITC Warenbezeichnung/Produktgruppe Gesamteinfuhr aus Deutschland aus dem Vereinigten Königreich
33 Erdöl, Erdölerzeugnisse, darunter 38.309,7 1.042,7 1.542,1
334.6 Erdöl und Öl (inklusive Zubereitungen) aus bituminösen Mineralien (ausgenommen rohe Öle) 16.364,6 865,1 477,6
51 Organische chemische Erzeugnisse 10.544,0 2.286,3 447,1
52 Anorganische chemische Erzeugnisse 4.018,9 799,6 151,1
53 Lacke und Farben 2.794,2 875,4 182,7
54 Arzneimittel 24.598,1 3.767,4 1.457,9
55 Waschmittel und Kosmetika 6.962,2 1.219,1 447,9
57 Kunststoffe (Vorprodukte) 8.573,5 2.419,4 330,9
58 Kunststoffe (Halbwaren) 5.273,4 1.350,8 269,5
59 Andere chemische Erzeugnisse 10.350,7 2.723,2 533,5

Quelle: Eurostat

Irland: Pharma- und Chemieindustrie ist der wichtigste Industriezweig

Die Pharma- und Chemieindustrie ist Irlands mit Abstand wichtigster Industriezweig und erwirtschaftete 2016 etwa 56 Prozent des gesamten Umsatzes in verarbeitendem Gewerbe und Bergbau. Viele multinationale, oft US-amerikanische Investoren fertigen in Irland für den Weltmarkt, daher hat der Export chemischer Erzeugnisse 2017 rund 67,7 Milliarden Euro erreicht.

Die irischen Importe chemischer Erzeugnissen sind 2017 um 21,1 Prozent auf 17,7 Milliarden Euro gestiegen. An dieser Einfuhr wiederum hatten Arzneimittel mit 9,6 Milliarden Euro den bei weitem größten Anteil. Bei Irlands Chemieimporten fällt auf, dass der britische Beitrag 2017 mit 20,7 Prozent sehr viel bedeutender war als derjenige Deutschlands (11 Prozent). Hier könnten deutsche Anbieter mittelfristig Marktanteile gewinnen, sollten sich die Lieferbedingungen britischer Hersteller aufgrund des Brexits verschlechtern. Mit Abstand führender Lieferant Irlands waren in Irland 2017 allerdings die USA mit einem Anteil von 31,2 Prozent.

Irische Einfuhr (petro-) chemischer Erzeugnisse 2017 (in Millionen Euro)
SITC Warenbezeichnung/Produktgruppe Gesamteinfuhr aus Deutschland aus dem Vereinigten Königreich
33 Erdöl, Erdölerzeugnisse, darunter 3.633,2 19,0 1.961,1
334.6 .Erdöl und Öl (inklusive Zubereitungen) aus bituminösen Mineralien (ausgenommen rohe Öle) 2.286,3 12,1 1.684,3
51 Organische chemische Erzeugnisse 3.276,0 141,6 147,0
52 Anorganische chemische Erzeugnisse 320,3 24,5 80,8
53 Lacke und Farben 246,6 19,2 134,2
54 Arzneimittel 9.545,1 1.352,1 1.408,3
55 Waschmittel und Kosmetika 1.485,2 69,4 1.003,2
56 Düngemittel 369,0 36,3 47,4
57 Kunststoffe (Vorprodukte) 936,6 154,0 289,1
58 Kunststoffe (Halbwaren) 613,1 66,6 203,3
59 Andere chemische Erzeugnisse 936,5 826,0 347,9

Quelle: Eurostat

Belgien: Großer Importbedarf

Belgien führte 2017 chemische und Erdölerzeugnisse im Umfang von 119 Milliarden Euro ein. Die Chemie- und Pharmaindustrie hat in Belgien eine große Bedeutung und generierte 2016 rund 23,6 Prozent aller Umsätze des verarbeitenden Gewerbes.

Insbesondere Antwerpen ist mit seinen Produktionsanlagen, Lagerkapazitäten und großen Raffinerien einer der wichtigsten Branchencluster in Europa. Dort haben die zehn weltgrößten Hersteller einen Sitz, unter anderem BASF, Covestro, Lanxess und Monsanto. Rund ein Zehntel aller global gehandelten chemischen Produkte findet nach Angaben der Betreibergesellschaft seinen Weg durch den Hafen von Antwerpen.

Das Vereinigte Königreich zeichnete 2017 für etwa 4,5 Prozent aller belgischen Importe an chemischen und Erdölerzeugnissen verantwortlich. Weitaus bedeutender waren die Niederlande mit einem Anteil von 23,5 Prozent, aber auch Deutschland (9,5 Prozent) und Frankreich (7,3 Prozent). Eine besonders gute Lieferposition hatte das Vereinigte Königreich 2017 bei Waschmitteln und Kosmetika mit einem Anteil von 14,3 Prozent an Belgiens Gesamteinfuhr dieser Produktgruppe. Überdurschnittich hohe britische Einfuhrquoten gab es ferner bei Erdölprodukten der SITC-Position 334.6 (9,5 Prozent) sowie bei Lacken und Farben (5,1 Prozent).

Belgische Einfuhr (petro-) chemischer Erzeugnisse 2017 (in Millionen Euro)
SITC Warenbezeichnung/Produktgruppe Gesamteinfuhr aus Deutschland aus dem Vereinigten Königreich
33 Erdöl, Erdölerzeugnisse, darunter 31.632,0 871,8 1.834,2
334.6 Erdöl und Öl (inklusive Zubereitungen) aus bituminösen Mineralien (ausgenommen rohe Öle) 16.658,9 610,5 1.603,5
51 Organische chemische Erzeugnisse 26.118,3 2.855,9 1.124,3
52 Anorganische chemische Erzeugnisse 2.429,5 456,8 78,0
53 Lacke und Farben 1.660,2 2.172,4 65,0
54 Arzneimittel 32.452,0 2.172,4 713,6
55 Waschmittel und Kosmetika 4.120,0 589,5 592,5
56 Düngemittel 1.023,2 211,3 2,6
57 Kunststoffe (Vorprodukte) 10.764,5 1.817,5 470,4
58 Kunststoffe (Halbwaren) 2.975,6 690,9 93,5
59 Andere chemische Erzeugnisse 6.036,9 1082,0 393,2

Quelle: Eurostat

Italien: Chancen für Pharmahersteller

Mit einem Produktionswert von rund 51,6 Milliarden Euro 2016 ist Italien nach Deutschland und Frankreich der drittgrößte Hersteller von Chemikalien in Europa. Hinzu kommt die Produktion der Pharmaindustrie, die seit 2009 um 28 Prozent auf 30 Milliarden Euro gestiegen ist. Beide Sektoren werden durch örtliche Fertigung multinationaler Großkonzernen geprägt. Für deren Werke in Italien werden zudem viele Vorprodukte und Rohstoffe importiert.

Das Vereinigte Königreich kommt auf einen Anteil von circa 3,7 Prozent an den italienischen Branchenimporten. Überdurchschnittlich fallen die britischen Lieferquoten bei Farbmitteln, Gerbstoffen und Farben (7 Prozent) sowie Arzneimitteln (5 Prozent) aus.

Käme es durch den Brexit zu Lieferverzögerungen und Kostenerhöhungen bei britischen Produkten, ergäben sich Chancen für Konkurrenzanbieter. Profitieren würden zum Beispiel deutsche Pharmahersteller, die in Italien 2017 einen Importmarktanteil von 13,7 Prozent innehatten. Dies könnte besonders dann relevant werden, wenn sich die Briten zu einem Ausstieg aus der Europäischen Chemikalienverordnung zur Registrierung, Bewertung, Zulassung und Beschränkung chemischer Stoffe (REACH) entschlösse. Verstärkte Einfuhrkontrollen angesichts abweichender Branchen- und Produktsicherheitsstandards wären die Folge.

Italienische Einfuhr (petro-) chemischer Erzeugnisse 2017 (in Millionen Euro)
SITC Warenbezeichnung/Produktgruppe Gesamteinfuhr aus Deutschland aus dem Vereinigten Königreich
33 Erdöl, Erdölerzeugnisse, darunter 30.255,0 187,3 382,5
.334.6 Erdöl und Öl (inklusive Zubereitungen) aus bituminösen Mineralien (ausgenommen rohe Öle) 6.795,5 153,8 129,3
51 Organische chemische Erzeugnisse 10.332,7 1.846,0 182,5
52 Anorganische chemische Erzeugnisse 1.802,5 317,6 42,8
53 Lacke und Farben 2.408,3 760,4 168,2
54 Arzneimittel 23.149,6 3.058,2 1.160,1
55 Waschmittel und Kosmetika 3.678,4 701,5 166,0
56 Düngemittel 659,2 68,3 5,8
57 Kunststoffe (Vorprodukte) 11.187,1 2.808,1 187,5
58 Kunststoffe (Halbwaren) 3.243,5 1.028,2 121,0
59 Andere chemische Erzeugnisse 6.618,3 1.628,7 282,3

Quelle: Eurostat

Spanien: Regulierungshürden können Chemielieferungen verteuern

Spaniens Chemieindustrie ist breit aufgestellt und hat ihr Vorkrisenniveau deutlich überschritten. Sie erlöst 56 Prozent der Umsätze im Ausland und gehört damit zu den Hauptmotoren des spanischen Exports. Nach einer Prognose des Dachverbands Feique soll ihr Geschäftsvolumen 2018 um 2 Milliarden Euro auf über 63 Milliarden Euro zulegen. Das Vereinigte Königreich steht als Absatzmarkt mit 1,6 Milliarden Euro an siebter Stelle. Ein Drittel dieser Summe entfällt auf Arzneimittel.

Bei den Einfuhren führt Deutschland die Liste mit 7,5 Milliarden Euro (17 Prozent des Importwerts) an. Das Vereinigte Königreich liefert etwa ein Drittel dieses Wertes und steht damit auf Rang sieben. Speziell bei der Einfuhr von Arzneimitteln kommt Deutschland erst nach den USA; das Vereinigte Königreich liegt auf Rang fünf.

Die Lieferchancen britischer Anbieter nach dem Brexit werden maßgeblich von der Gestaltung eines möglichen Freihandelsabkommens und der künftigen Wechselkursentwicklung abhängen. Auf Arzneimittel und viele Erzeugnisse der organischen Chemie gilt in der EU ein Einfuhrzoll von 0 Prozent. Die ohnehin stark sehr regulierte Branche fürchtet daher eher nichttarifäre Hürden durch abweichende technische Normen, Spezifizierungen, Ursprungs- und Sicherheitsdokumentationen. Dies kann Lieferketten auf beiden Seiten treffen und die Einfuhren aus dem Vereinigten Königreich durch eine Verteuerung der Produkte und Verzögerungen bei der Auslieferung benachteiligen.

Spanische Einfuhr (petro-) chemischer Erzeugnisse 2017 (in Millionen Euro)
SITC Warenbezeichnung/Produktgruppe Gesamteinfuhr aus Deutschland aus dem Vereinigten Königreich
33 Erdöl, Erdölerzeugnisse, darunter 30.1732,8 96,1 1.131,8
.334.6 Erdöl und Öl (inklusive Zubereitungen) aus bituminösen Mineralien (ausgenommen rohe Öle) 6.962,7 70,4 147,7
51 Organische chemische Erzeugnisse 8.563,7 1.182,0 258,7
52 Anorganische chemische Erzeugnisse 1.910,6 196,0 218,0
53 Lacke und Farben 1.803,8 576,7 139,0
54 Arzneimittel 13.019,6 1.787,6 1.053,0
55 Waschmittel und Kosmetika 3.942,5 641,3 256,0
57 Kunststoffe (Vorprodukte) 4.939,1 993,2 122,3
58 Kunststoffe (Halbwaren) 2.521,3 509,8 132,0
59 Andere chemische Erzeugnisse 6.004,6 1.530,0 313,3

Quelle: Eurostat

Polen: Handelsumlenkung ist zu erwarten

Keine andere Industriesparte in Polen ist bei ihren Auslandseinkäufen so abhängig von britischen Anbietern wie die Chemie- und Pharmaindustrie: Nahezu 5 Prozent ihrer Lieferungen stammen von der Insel. Von dort kommt unter anderem fast die Hälfte der Nucleinsäure-Einfuhren (Einfuhren aus dem Vereinigten Königreich 2017: 217 Millionen Euro) oder ein Fünftel der Deodorants (16 Millionen Euro). Über 202 Millionen Euro setzten britische Pharma-Konzerne 2017 mit dem Polengeschäft um, rund die Hälfte verdienten Anbieter von Pigmenten, Farben und Lacken. Besonders beliebt waren britische Pigmente auf Titandioxidbasis, die etwa 20 Prozent aller Einfuhren ausmachten und ein Volumen von 38,5 Millionen Euro erreichten. Wichtig waren Zulieferer von der Insel ebenfalls bei: Essigsäure (Anteil: 33 Prozent; Wert: 9 Millionen Euro), Antiklopfmitteln und anderen Mineralöladditiven (14 Prozent; 11 Millionen Euro), Platten und Folien aus Acrylpolymeren (13 Prozent; 8 Millionen Euro), Kunststoffabfällen (11 Prozent; 8 Millionen Euro) sowie Styrol (11 Prozent; 12 Millionen Euro).

Deutsche Anbieter sind in bester Ausgangslage, um die möglicherweise entstehende Lücke zu füllen. Allein zwischen 2010 und 2017 wuchsen die polnischen Chemieeinkäufe beim westlichen Nachbarn um nahezu die Hälfte und erreichten einen Wert von 8,8 Milliarden Euro. Mit knapp 30 Prozent der polnischen Branchenimporte war die Bundesrepublik in diesem Bereich Polens wichtigstes Bezugsland. Die nachfolgenden Staaten Belgien, Niederlande, Frankreich und Italien kommen auch zusammengerechnet nicht auf dieses Volumen.

Die gesamten Chemieimporte Polens wuchsen seit dem EU-Beitritt 2004 auf mehr als das Dreifache, zwischen 2015 und 2017 um ein Fünftel. Im Bereich der organischen Chemie haben sich die Gesamtimporte zwischen 2010 und 2015 verachtfacht, legten aber seitdem nur noch geringfügig zu.

Polnische Einfuhr (petro-) chemischer Erzeugnisse 2017 (in Millionen Euro)
SITC Warenbezeichnung/Produktgruppe Gesamteinfuhr aus Deutschland aus dem Vereinigten Königreich
33 Erdöl, Erdölerzeugnisse, darunter 11.671,5 894,1 62,6
.334.6 Erdöl und Öl (inklusive Zubereitungen) aus bituminösen Mineralien (ausgenommen rohe Öle) 3.175,3 777,2 22,2
51 Organische chemische Erzeugnisse 3.969,0 794,6 318,3
52 Anorganische chemische Erzeugnisse 1.080,6 206,7 22,2
53 Lacke und Farben 1.682,1 631,6 114,3
54 Arzneimittel 6.044,0 1.192,1 263,1
55 Waschmittel und Kosmetika 3.075,9 911,7 175,5
56 Düngemittel 755,5 110,1 11,0
57 Kunststoffe (Vorprodukte) 6.113,2 1.898,3 164,7
58 Kunststoffe (Halbwaren) 3.259,1 1.302,4 134,7
59 Andere chemische Erzeugnisse 3.854,9 1.707,6 170,0

Quelle: Eurostat

Schweiz: Chemie und Pharma boomen auch ohne das Vereinigte Königreich

Die chemisch-pharmazeutische Industrie in der Schweiz ist auf Life-Science-Produkte spezialisiert. Auf diese entfallen mehr als 80 Prozent der Produktion. Hierzu gehören insbesondere Pharmazeutika, pharmazeutische Wirkstoffe, Vitamine und Diagnostika. Große Pharmakonzerne wie Roche und Novartis sind weltbekannt, aber auch viele Mittelständler - wie zum Beispiel der Aromen- und Dufthersteller Firmenich - gehören auf ihren Spezialmärkten zu den Weltmarktführern.

Die Branche ist sehr international ausgerichtet - gerade einmal zwei Prozent ihrer Umsätze macht sie im eigenen Land. Fast alle Ausgangsstoffe müssen importiert werden, rund 80 Prozent kommen aus Europa. Mit Exporteinnahmen von 88 Milliarden Euro im Jahr 2017 erwirtschaftete der Sektor beachtliche 45 Prozent aller Exporteinnahmen (ohne Gold und Kunst). Und das Auslandsgeschäft der Chemiebranche boomt, nachdem es im Zuge der Aufwertung des Schweizer Franken Anfang 2015 einen leichten Dämpfer hinnehmen musste. Im Jahr 2016 verbuchte der Chemie- und Pharmasektor mit 11 Prozent das stärkste Exportplus seit zehn Jahren und expandierte 2017 um weitere 4,5 Prozent. Für 2018 stehen die Zeichen in fast allen Segmenten auf Wachstum.

Die Brancheneinfuhren aus dem Vereinigten Königreich sind mit rund 2 Milliarden Euro recht umfangreich, doch ist die Insel damit nicht unter den Top-Lieferländern. Gut ein Viertel der schweizerischen Chemieimporte stammt aus Deutschland, das damit die wichtigste Liefernation ist, deutlich vor Irland, den USA und Italien. Wohin die Reise geht, zeigte sich ansatzweise bereits 2017. Während die deutschen Lieferungen um 12 Prozent zulegten, gingen die Bezüge aus dem Vereinigten Königreich um fast 10 Prozent zurück. Die großen Hersteller haben bereits begonnen, andere Lieferketten - insbesondere in anderen europäischen Ländern - aufzubauen und deutsche Unternehmen profitieren ganz besonders davon.

Schweizer Einfuhr chemischer Erzeugnisse 2017 (in Millionen Euro)
SITC Warenbezeichnung/Produktgruppe Gesamteinfuhr aus Deutschland aus dem Vereinigten Königreich
51 Organische chemische Erzeugnisse 8.613 1.180 1.393
52 Anorganische chemische Erzeugnisse 499 174 18
53 Lacke und Farben 957 409 22
54 Arzneimittel 26.743 7.562 466
55 Waschmittel und Kosmetika 1.617 488 96
57 Kunststoffe (Vorprodukte) 1.835 650 38
58 Kunststoffe (Halbwaren) 1.663 868 37
59 Andere chemische Erzeugnisse 1.763 721 85

Quelle: Eidgenössische Zollverwaltung

Schweden: Auf deutsche Chemiefirmen könnte mehr Aufmerksamkeit fallen

Deutsche Unternehmen sind in allen wichtigen Segmenten des schwedischen Chemiemarktes gut positioniert. Wenn sich britische Waren durch den EU-Austritt des Vereinigten Königreichs verteuern, könnten sie daher im Zuge von Substitutionseffekten stärker in den Fokus rücken.

Bei mineralischen Brennstoffen wären auf der schwedischen Importseite durch den Brexit vor allem die Rohölbezüge betroffen. Das würde vornehmlich den Transportsektor berühren. Allerdings will das nordische Land ab 2030 ohnehin kein Fahrzeug mehr zulassen, das mit fossilen Brennstoffen betrieben wird.

Einen relativ hohen Lieferanteil (gut 10 Prozent) hat das Vereinigte Königreich auch bei Waschmitteln und Kosmetika. Bei Waschmitteln könnten sich daher für alternative Anbieter neue Marktchancen ergeben. Bei Kosmetika achten Schweden auf Ökosiegel, was deutschen Biokosmetikanbietern neue Absatzperspektiven nach dem Brexit eröffnen könnte.

Auch der bilaterale Handel mit pharmazeutischen Erzeugnissen ist umfangreich. Allerdings machen die Aus- und Einfuhren solcher ins beziehungsweise aus dem Vereinigten Königreich in Schweden jeweils einen geringeren Anteil an den gesamten Warenexporten beziehungsweise -importen aus als in den meisten anderen EU-Ländern.

Schwedische Einfuhr (petro-) chemischer Erzeugnisse 2017 (in Millionen Euro)
SITC Warenbezeichnung/Produktgruppe Gesamteinfuhr aus Deutschland aus dem Vereinigten Königreich
33 Erdöl, Erdölerzeugnisse, darunter 12.267,8 203,7 990,1
334.6 Erdöl und Öl (inklusive Zubereitungen) aus bituminösen Mineralien (ausgenommen rohe Öle) 5.331,3 161,1 110,1
51 Organische chemische Erzeugnisse 2.228,0 247,6 142,3
52 Anorganische chemische Erzeugnisse 1.054,7 139,2 50,3
53 Lacke und Farben 698,9 166,8 61,8
54 Arzneimittel 3.847,6 769,4 409,9
55 Waschmittel und Kosmetika 1.229,4 220,9 128,8
56 Düngemittel 248,5 50,1 2,1
57 Kunststoffe (Vorprodukte) 2.091,4 471,2 83,1
58 Kunststoffe (Halbwaren) 1.095,3 288,3 57,6
59 Andere chemische Erzeugnisse 2.397,6 607,9 182,8

Quelle: Eurostat

Tschechien: Königreich hat relativ starke Position bei Arzneimitteln und Kosmetika

Tschechien ist ein bedeutender Standort der Chemieindustrie, die dort überwiegend Grundchemikalien wie Düngemittel oder Kunststoffe in Primärform produziert. Das Vereinigte Königreich gilt vornehmlich bei Arzneimitteln sowie bei Waschmitteln und Kosmetika als Wettbewerber. Dieser Bereich erscheint mittelfristig besonders interessant, weil die Einkommen in Tschechien überdurchschnittlich steigen und die Haushalte damit mehr Geld für den Konsum zur Verfügung haben. Bei den meisten anderen Produktkategorien der Chemieindustrie liegen die Lieferanteile der britischen Hersteller zum Teil bei weniger als einem Prozent.

Tschechische Einfuhr (petro-) chemischer Erzeugnisse 2017 (in Millionen Euro)
SITC Warenbezeichnung/Produktgruppe Gesamteinfuhr aus Deutschland aus dem Vereinigten Königreich
33 Erdöl, Erdölerzeugnisse, darunter 4.629,1 690,5 10,0
334.6 Erdöl und Öl (inklusive Zubereitungen) aus bituminösen Mineralien (ausgenommen rohe Öle) 1.680,7 629,2 9,2
51 Organische chemische Erzeugnisse 1.012,6 290,2 25,1
52 Anorganische chemische Erzeugnisse 740,9 192,2 22,5
53 Lacke und Farben 858,5 366,7 22,6
54 Arzneimittel 4.103,5 838,4 179,2
55 Waschmittel und Kosmetika 1.543,0 446,6 67,7
56 Düngemittel 285,4 63,3 1,9
57 Kunststoffe (Vorprodukte) 3.139,7 1.142,6 68,5
58 Kunststoffe (Halbwaren) 2.063,0 898,3 54,7
59 Andere chemische Erzeugnisse 1.830,7 766,0 76,1

Quelle: Eurostat

Slowakei: Kunststoffe und Arzneimittel dominieren den Import

Das Absatzvolumen für chemische Produkte in der Slowakei ist aufgrund der geringen Marktgröße überschaubar. Zwar steigen die Einkommen überdurchschnittlich stark, was bei Bauchemie und Arzneimitteln höhere Nachfrage erzeugen wird. Dennoch ist der Binnenmarkt mit nur 5,4 Millionen Einwohnern recht klein. In der Industrie fragt besonders die Automobilbranche Chemieprodukte nach (Lacke, Kunststoffe, Beschichtungen).

Die britischen Lieferungen in die Slowakei sind bei Chemieprodukten sehr gering. Lediglich bei Arzneimitteln und bei einigen Vorprodukten aus Kunststoff verzeichnen Hersteller aus dem Vereinigen Königreich größere Volumina. Diese reichen aber bei weitem nicht an die Liefermengen aus Deutschland heran.

Slowakische Einfuhr (petro-) chemischer Erzeugnisse 2017 (in Millionen Euro)
SITC Warenbezeichnung/Produktgruppe Gesamteinfuhr aus Deutschland aus dem Vereinigten Königreich
33 Erdöl, Erdölerzeugnisse, darunter 2.952,3 113,6 9,6
334.6 Erdöl und Öl (inklusive Zubereitungen) aus bituminösen Mineralien (ausgenommen rohe Öle) 983,3 110,1 9,6
51 Organische chemische Erzeugnisse 399,3 75,3 16,9
52 Anorganische chemische Erzeugnisse 258,3 30,5 4,5
53 Lacke und Farben 415,6 114,7 6,9
54 Arzneimittel 1.699,6 236,6 38,7
55 Waschmittel und Kosmetika 557,5 118,1 8,9
57 Kunststoffe (Vorprodukte) 1.274,5 341,7 32,2
58 Kunststoffe (Halbwaren) 703,2 197,0 11,1
59 Andere chemische Erzeugnisse 965,2 230,1 15,0

Quelle: Eurostat

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