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22.03.2017

Chile muss in Gesundheitswesen investieren

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Staatlich unterstützter Ausbau des Privatsektors / Medizintechnik größtenteils importiert / Von Anne Litzbarski

Santiago de Chile (GTAI) - Die Pläne der Regierung zum Ausbau von Gesundheitseinrichtungen sowie die mangelhafte Krankenhausinfrastruktur zwingen staatliche und private Betreiber nachzubessern. Da Medizintechnik hauptsächlich importiert wird, bestehen gute Chancen für deutsche Lieferanten. Ein großer Teil der staatlichen Ausgaben geht an private Anbieter und befeuert somit die Zwei-Klassen-Medizin in Chile. Trotz aller Mängel zählt das Gesundheitssystem zu den effizientesten weltweit. (Internetadressen)

Zu Beginn ihrer zweiten Amtszeit 2014 hatte Präsidentin Michelle Bachelet Investitionsvorhaben in Höhe von 4 Mrd. US$ für die Gesundheitsversorgung angekündigt. Der Großteil der Gelder sollte in den Bau von neuen Krankenhäusern und die Modernisierung von bestehenden fließen. Bis Ende 2018 sollten 20 neue Kliniken fertig sein, 20 weitere sich im Bau befinden und wiederum 20 in den Phasen der Ausschreibung und der technischen Studien. Für die Erst- und Notfallversorgung waren 132 neue Einrichtungen geplant, zudem weitere 200 Gesundheitszentren für Familien und Gemeinden. Neben 3.000 neuen Betten sollten knapp 8.000 modernisiert und rund 1.500 neue Ärzte ausgebildet werden.

Regierung kürzt Ausbaupläne

Doch die Umsetzung des Regierungsplans verläuft schleppend und das Investitionsvolumen wurde bereits auf 2,4 Mrd. US$ gesenkt. Zum Jahresbeginn 2017 sind nur 10 der 20 angekündigten Krankenhäuser in Betrieb. Von den 100 Familiengesundheitszentren sind 16 eröffnet und weitere 30 im Bau.

Der öffentliche Sektor stellt rund zwei Drittel der etwa 38.000 verfügbaren Krankenhausbetten. Bis 2018 soll die Anzahl um 7% auf 40.188 erhöht werden. Der Privatsektor will seinen Anteil steigern: Allein Banmédica, die Clínica Las Condes, die Holding Masvida und Bupa (British United Provident Association aus dem Vereinigten Königreich) planen Investitionen von über 289 Mio. US$.

Laut einer Studie des Think Tanks Instituto Libertad y Desarrollo (Lyd) von 2014 steigt das Defizit von 10.564 Betten bis 2018 auf 12.543, sollten die von der Regierung angekündigten Investitionen ausbleiben. Selbst wenn sie erfolgen, fehlen laut Lyd noch knapp 10.000. Gründe dafür sind der demografische Wandel, mehr chronische Krankheiten und die in Chile vergleichsweise geringe Zahl an ambulanten Operationen. Unter den Mitgliedsstaaten der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) steht Chile mit 2,2 Krankenhausbetten pro 1.000 Einwohner an zweitletzter Stelle (OECD-Durchschnitt: 4,8).

Das Gesundheitsministerium räumt ein, dass es an medizinischer Ausrüstung und Fachärzten mangelt. Um 28.000 neue Betten sinnvoll zu nutzen, werden 2.000 Ärzte und 8.000 Fachkräfte benötigt. Die besten Fachärzte arbeiten im Ausland oder bevorzugen den besser bezahlten Privatsektor (52%).

Aufgrund der mangelhaften Krankenhausinfrastruktur und dem Ausbauplan der Regierung müssen staatliche und private Betreiber nachbessern. Der öffentliche Sektor ist Hauptabnehmer von Medizintechnik, die fast ausschließlich importiert wird. Das Land verfügt kaum über eine lokale Produktion. Der chilenische Herstellerkreis beschränkt sich im Bereich der medizinischen Ausstattung auf etwa zehn Unternehmen mit folgender Produktpalette: Tests zur Diagnose, Elektrokardiografen, Ultraschalldiagnosegeräte, Kunststoffspritzen, Metallnadeln, Katheter, Sonden, Dialyseapparate sowie Geräte zum Überwachen der Herzfunktion.

Gute Chancen für deutsche Medizintechnik

Die USA sind das mit Abstand wichtigste Lieferland von Medizintechnik. Deutschland rangiert auf Platz zwei, gefolgt von der VR China. Vorne dabei sind deutsche Lieferanten bei Röntgenapparaten, einigen Elektrodiagnose- und Sterilisierungsapparaten, Therapie- und Atmungsgeräten sowie ophthalmologischen Instrumenten.

Stefano Garbin, Leiter der Siemens Healthcare-Sparte für die Märkte Chile, Peru und Ecuador schätzt die Lieferchancen für deutsche Produkte zurzeit besser ein als die Gesamtnachfrage. Die Importeure profitieren vom guten Image deutscher Produkte und den bisherigen positiven Erfahrungen. Der Fachverband Apis (Asociación de Proveedores de la Industria de la Salud A.G., Internet: http://www.apisag.cl) vertritt seit 2016 Lieferanten von Medizintechnik.

Einfuhr ausgewählter medizintechnischer Produkte nach Chile (in Mio. US$)
HS-Pos. Produktgruppe 2015 2016 davon aus Deutschland (2016)
9018.11 bis .20 Elektrodiagnoseapparate und -geräte 67,4 69,3 13,7
9022 Röntgenapparate etc. 70,4 62,2 13,1
8419.20 Sterilisierapparate 4,6 6,5 3,6
8713 Rollstühle 6,6 6,5 0,35
9018.41, .49 Zahnmedizinische Instrumente; a.n.g. 20,6 21,4 3,5
9018.31 bis .39 Spritzen, Nadeln, Katheter, Kanülen etc. 92,7 137,9 7,8
9018.50 Ophthalmologische Instrumente 18,8 21,5 3,4
9018.90 Andere Instrumente, Apparate und Geräte 189,4 200,1 36,8
9019, 9020 Therapiegeräte, Atmungsgeräte etc. 48,8 48,9 3,4
9402 Medizinmöbel etc. 21,8 25,9 8,9
9021 Orthopädietechnik, Prothesen etc. 128,4 144,9 6,0
Summe 669,5 745,1 100,6

Quelle: Datasur

Gesundheitssystem ist zweigeteilt

Der Unterschied zwischen dem privaten und dem staatlichen Gesundheitswesen ist in Chile immens. Die günstigere Alternative ist die öffentliche Fonasa (Fondo Nacional de Salud, nationaler Gesundheitsfonds, http://www.fonasa.cl). Sie finanziert sich aus einem obligatorischen Beitragssatz von 7% des Einkommens und allgemeinen Steuern. Den Beitrag trägt der Arbeitnehmer allein ohne Beteiligung des Arbeitgebers. Abgesichert sind vorwiegend die Bezieher niedriger Gehälter und deren Familienangehörige sowie Arbeitslose und Bedürftige. Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten werden über Berufsgenossenschaften oder deren eigene Gesundheitseinrichtungen behandelt.

Auf der anderen Seite gibt es die privaten Krankenkassen Isapres (Instituciones de Salud Previsional, Einrichtungen zur Gesundheitsvorsorge, http://www.isapre.cl). Der individuelle Vertrag hängt vom Alter, Geschlecht, Gehalt und den Vorerkrankungen des Versicherten ab. Zusätzlich zum Beitrag in Höhe von 7% des Einkommens fällt der Betrag für den jeweiligen Vertrag an.

Beteiligungen, Fusionen und Übernahmen haben dazu geführt, dass große Holdings die Isapres und die Krankenhäuser - als Erbringer der Leistungen - kontrollieren. Einige Großkonzerne sind sowohl im Versicherungssektor als auch im Betrieb von Klinken und Gesundheitszentren tätig. Zu den größten privaten Betreibern zählt die Clínica Alemana (Deutsche Klinik). Neben zwei Krankenhäusern im Großraum der Hauptstadt ist sie im Besitz der Corporación Chileno-Alemana de Beneficiencia, die mittlerweile Ableger in Temuco und Valdívia sowie einige zahnmedizinische Zentren unterhält.

Die soziale Trennlinie innerhalb des Gesundheitssystems zeigt sich daran, dass etwa die Hälfte der Fonasa-Mitglieder weniger als 500 US$ monatlich verdient, während 90% der Isapre-Beitragszahler ein Einkommen über dem Landesdurchschnitt beziehen. Besser verdienende gesetzlich Versicherte nutzen laut dem Verband der Privatkliniken Clínicas de Chile verstärkt die Möglichkeit, entgeltlich Leistungen privater Anbieter in Anspruch zu nehmen. Viele Privatkliniken behandeln zum Beispiel auch Patienten der Fonasa, sodass die Grenzen oft verwischen. Von 8 Mio. in Privatkliniken behandelten Patienten sind 3,3 Mio. Mitglieder der Isapres und 5 Mio. der Fonasa, die sich für eine Zusatzversicherung entschieden haben. Bereits 2013 flossen auf diesem Wege rund 1,2 Mrd. US$ in die privaten Kassen.

Wegen des staatlich garantierten Anspruchs auf Behandlung springt der öffentliche Sektor bei der Umsetzung des Programms GES (Garantías Explícitas de Salud, vormals "Plan Auge") ein. Dieses beinhaltet eine staatliche Garantie für die Behandlung von zurzeit 80 Krankheitsbildern. Die hohe Selbstbeteiligung soll damit eingedämmt werden. Das Recht auf bestimmte medizinische Leistungen und kostenlose medikamentöse Versorgung können die Chilenen somit einklagen.

Die Reformen zeigen Erfolge, doch Geringverdiener bleiben unterversorgt. Im Jahr 2016 wurden 3,4 Mio. Behandlungen im Rahmen des Plans AUGE durchgeführt - die höchste Zahl seit der Einführung. Etwa 17% der Chilenen nahmen AUGE 2016 in Anspruch, davon gehörten 5% der Isapre an.

Rahmendaten zum Gesundheitssystem in Chile
Indikator Wert
Einwohnerzahl (2016 in Mio.) 18,2
Bevölkerungswachstum (2015 in % p.a.) 0,8
Altersstruktur der Bevölkerung (2014)
.Anteil der unter 14-jährigen (in %) 20,7
.Anteil der über 65-jährigen (in %) 9,9
Durchschnittliche Lebenserwartung bei Geburt (2015) 81,5
Durchschnittseinkommen (2015 in US$) 693,51
Gesundheitsausgaben pro Kopf (2015 in US US$) 1.130
Anteil der Gesundheitsausgaben am BIP (2016 in %) 8,9
Ärzte/100.000 Einwohner (2015) 170
Zahnärzte/100.000 Einwohner (2017) 120
Krankenhausbetten/100.000 Einwohner (2016) 209
.privat 38
.öffentlich 138

Quellen: Instituto Nacional de Estadísticas, Banco Central de Chile, Weltbank, Berechnungen von Germany Trade & Invest

An der Spitze Lateinamerikas

Trotz seiner Mängel steht das chilenische Gesundheitssystem im Vergleich gut da: Im Ranking der US-Nachrichtenagentur Bloomberg zu den effizientesten Gesundheitssystemen weltweit befand sich Chile 2016 als einziges Land Lateinamerikas unter den Top Ten (8. Platz). Vor sieben Jahren war der 15. Platz erreicht worden. Deutschland belegt nur Rang 39. Untersucht wurden die Lebenserwartung der Bevölkerung in 55 Staaten, die Gesundheitsausgaben pro Kopf und die Ausgaben für Gesundheit im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt. Chile gibt 8,85% des BIP für Gesundheit aus. Das Angebot an medizinischer Versorgung in den größeren Städten ist mit europäischen Städten vergleichbar.

Internetadressen

Exportinitiative Gesundheitswirtschaft

Portal der Exportinitiative des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie

Ansprechpartnerin: Marion Lükemann, Leiterin

E-Mail: Marion.Luekemann@gtai.de, Internet: http://www.exportinitiative-gesundheitswirtschaft.de

Superintendencia de Salud, überprüft alle Einrichtungen der Gesundheitsversorgung sowie die Krankenversicherungen

Internet: http://www.supersalud.cl

Instituto de Salud Pública, vergibt Genehmigungen zum Vertrieb von Medizinprodukten

Internet: http://www.ispch.cl

Ministerio de Salud de Chile, Gesundheitsministerium

Internet: http://www.minsal.cl

Central de Abastecimiento del Sistema Nacional de Servicios de Salud, Amt für Beschaffungen im Gesundheitsbereich

Internet: http://www.cenabast.cl

Asociación Proveedores Industria de la Salud A.G.- APIS A.G., Fachverband der Lieferanten im Gesundheitsbereich

Internet: http://www.apisag.cl

Clínicas de Chile A.G.- Asociación Gremial, Verband der Privatkliniken

Internet: http://www.clinicasdechile.cl

Expohospital, jährliche Messe für Krankenhauswesen,

nächster Termin: 30.08. - 01.09.2017

Internet: http://www.expohospital.cl

Expodent, Messe für die Zahnmedizin,

alle zwei Jahre; nächster Termin: voraussichtlich 2018

Internet: http://www.expodent.cl

Dieser Artikel ist relevant für:

Chile Gesundheitswesen allgemein, Medizintechnik, allgemein, Arzneimittel, Diagnostika, Labortechnik

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