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31.03.2017

Chile schafft Grundlagen für umfassende Digitalisierung

Digitale Agenda der Regierung / Transaktionen zunehmend papierlos / Von Anne Litzbarski

Santiago de Chile (GTAI) - Chile punktet mit guten und fast landesweit verfügbaren Netzwerkverbindungen. Die Internet-Werbeindustrie boomt. Der Spitzenreiter Lateinamerikas bei der Verbreitung von Smartphones und der Internetnutzung ebnet Technologie-Start-ups den Weg. Rechnungen in Papierform sollen mittelfristig komplett entfallen. Die digitale Signatur hat sich schon durchgesetzt. (Kontaktanschriften)

High-Speed-Internetzugänge und gute Netzwerkverbindungen sind nur zwei der Gründe, warum Chile - in Anlehnung an das kalifornische Silicon Valley - auch als "Chilecon Valley" bezeichnet wird. Allein im Online-Marketing wird etwa 10% des Weltumsatzes in Lateinamerika erwirtschaftet und davon 4% in Chile, so Carlo Casorzo, Geschäftsführer der Technologiesparte des Marketing-Strategen Pagoranking in einem Interview mit CNN Chile. Bemerkenswert ist der Anteil, weil nur rund 18 Mio. der insgesamt 500 Mio. Lateinamerikaner in Chile leben.

Gegenüber Germany Trade & Invest begründete Casorzo diese Tatsache mit der schnelleren Entwicklung der chilenischen Branchengrößen im Vergleich zu ihren Konkurrenten in der Region. Die digitale Transformation des Marketings werde von den Einzelhandelsunternehmen wie Falabella, Cencosud und Ripley angeführt. Der zweite Grund ist die hohe Internetdurchdringung des Landes.

Innerhalb Lateinamerikas belegt Chile den ersten Platz in den meisten Statistiken zu Faktoren, die den Boden für Digitalisierung ebnen: Bei der Internetnutzung, der Verbreitung von Smartphones und der Anwendung von Informationstechnologien. Die Geschwindigkeit der Verbindung ist in abgelegenen Regionen zwar langsam, aber immerhin an fast jedem Ort verfügbar. Kulturzentren, Museen, Schulen und Stadtverwaltung bieten einen kostenlosen Anschluss und die Preise in den Internetcafés sind moderat. Eine aktuelle Ausschreibung zur Glasfaserverkabelung im Süden des Landes soll die Breitbandverbindung zur gut vernetzten Zentralregion verbessern.

Regierung plant Digitalisierung auf allen Ebenen

Der Bevölkerung eine hervorragende Netzqualität zu erschwinglichen Preisen zu gewährleisten gilt als die größte Herausforderung der Digitalen Agenda der chilenischen Regierung. Sie stellt strategische Leitlinien anhand von fünf Achsen, unterteilt in 60 Maßnahmen, auf. Dazu zählt die "digitale Regierung", die vorsieht, die staatlichen Online-Dienste zu verbessern und zu erweitern. Der Agendapunkt "digitale Wirtschaft" hat das Wachstum und die Diversifizierung der Wirtschaft zum Ziel. Konkrete Maßnahmen sind unter anderem die Förderung von Unternehmertum sowie Innovation in allen Sektoren und speziell der IKT-Branche. Hintergrund ist die niedrige Produktivität in Chile. Der Versuch, angesichts der großen Abhängigkeit von Rohstoffen die Wirtschaft zu diversifizieren, blieb bisher relativ erfolglos.

Verbessert werden sollen auch die digitalen Fähigkeiten der Bevölkerung: Neben einer höheren Qualität der Bildung sollen in Zukunft auch mehr technologische Ressourcen für Absolventen technischer Berufe in der IKT zur Verfügung gestellt werden.

Digitale Signatur ebnet Weg für rein elektronische Rechnungen

Der sonst eher traditionell aufgestellte Bankensektor stellt sich bereits auf veränderte Kundenwünsche ein. BICE wirbt als erste chilenische Bank damit, dass für die Eröffnung eines Girokontos und die Beantragung von Kreditkarten ausschließlich ein Smartphone oder ein PC notwendig ist und der Gang in die Filiale entfällt. Für ein Fintech-Förderprogramm von BICE haben sich zuletzt 109 Start-ups aus zehn Ländern beworben.

Auch der Umgang mit der digitalen Unterschrift ist in Chile einfach und deshalb schon recht verbreitet: Eine Verschlüsselungssoftware ist auf einem personalisierten USB-Stick gespeichert, um elektronische Rechnungen zu unterschreiben. Eine telefonische Sperrung ist jederzeit möglich. Das Ziel, mittelfristig die Rechnungen in Papierform komplett durch das neue System zu ersetzen, entstand vor dem Hintergrund der verbreiteten Steuerhinterziehung.

Eine elektronische Archivierung hat die Chilenin Carolina Calderon entwickelt. Die Software Dentidesk optimiert die klinischen und finanziellen Verwaltungsaufgaben von Zahnkliniken wie die digitale Umwandlung von Papierakten, Rezepten und Arztberichten. Patienten werden an Termine erinnert. Das Start-up ist in den Vereinigten Staaten und mehreren Ländern in Lateinamerika auf dem Markt. Gründerin Calderon ist jedoch der Meinung, dass die digitalen Ansätze in der lateinamerikanischen Gesundheitsindustrie noch nicht mit Branchen wie dem Einzelhandel, Immobilien oder Finanzen Schritt halten.

Staat fördert Ausbau des öffentlich verfügbaren Internets

Chiles Bevölkerung digitalisiert sich zunehmend. Bevor 2006 die erste Kommune öffentliches Wlan bereitstellte, war der Markt von privaten Anbietern geprägt, wie beispielsweise Internetcafés. Von Stadtbüchereien und anderen Institutionen aus erweiterte sich die Infrastruktur. Sogar Parks und einige Metrostationen in Santiago zählen zu den inzwischen 1.127 Orten. Im März 2017 kam das Geschäftszentrum der Hauptstadt rund um die Plaza Perú dazu. Gestartet war das Regierungsprogramm ChileGob 2014 mit 196 Plätzen.

Im Stadtbild entsteht der Eindruck, dass Chilenen ununterbrochen online sind. Statistiken belegen, wie sehr die Konzentration auf die Arbeit und den Straßenverkehr darunter leidet. Handytelefonate während der Fahrt sind für Autofahrer erst seit kurzem strafbar. Die Zahl der Unfälle war rasant gestiegen.

Mehr Wettbewerbsfähigkeit durch schlankere Prozesse

Unternehmen, die sich für den Markteinstieg in Chile interessieren, können sich auf der neuen digitalen Plattform der Regierung informieren, über die GTAI unter http://www.gtai.de/GTAI/Navigation/DE/Trade/Maerkte/suche,t=chile-lanciert-digitale-plattform-fuer-unternehmen,did=1490030.html berichtete. Zu den 15 integrierten Verfahren und Dienstleistungen der ersten Phase zählen die Gründung einer Firma ("Unternehmen an einem Tag"), Patentanmeldungen, die Eröffnung eines Bankkontos sowie die Eintragung in Suchmaschinen und das staatliche Register der Lieferanten.

Die "Expo Internacional de Desarrollo Digital" (EIDD, Internationale Ausstellung für Digitale Entwicklung) soll Möglichkeiten öffentlich-privater Partnerschaften sondieren. Sie findet vom 18. bis 19. Oktober 2017 in Santiago statt und richtet sich an Firmen, die digitale Technologie bereitstellen. Weitere Zielgruppen sind Repräsentanten staatlicher Institutionen und Endverbraucher, die sich über den Zugang zum Internet und staatliche Angebote wie Online-Behördengänge informieren.

Kontaktanschriften

Ministerio Secretaría General de la Presidencia, Unidad de Modernización y Gobierno Digital, Präsidialministerium/Generalsekretariat, Abteilung für Modernisierung und digitale Regierung

Tel.: 0056 2/22 19 84 07 und 83 27

Internet: http://www.modernizacion.gob.cl

Ministerio de Transportes y Telecomunicaciones, Ministerium für Transport und Telekommunikation

Tel.: 0056 2/24 21 30 00

Internet: http://www.mtt.cl

Ministerio de Economía, Fomento y Turismo, Ministerium für Wirtschaft, Entwicklung und Tourismus,

Internet: http://www.economia.gob.cl

"Unternehmen an einem Tag"

Internet: http://www.empresasenundia.cl

Plattform "Escritorio Empresa" (Desktop-Unternehmen)

Internet: http://www.escritorioempresa.cl

Digitale Agenda der chilenischen Regierung mit Prozentangaben der bereits umgesetzten Maßnahmen

Internet: http://www.agendadigital.gob.cl/#/seguimiento

País Digital, Stiftung "Digitales Land"

Internet: http://www.paisdigital.org

Die nächste Fachmesse EIDD findet vom 18.-19. Oktober 2017 in Santiago statt.

Internet: https://www.eidd.cl

(A.LI.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Chile Telekommunikationsdienste, Software / EDV-Dienstleistungen, Computer, -Hardware, Peripheriegeräte etc., Banken, Kreditinstitute, Internetdienste, Telekommunikations- u. Navigationstechnik (inkl. Mobilfunk), Signal-, Sicherheitstechnik (nicht Zugangs-Kontrolltechnik), Digitalisierung

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