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14.06.2019

China braucht mehr Facharbeiter

Firmeninitiativen schließen Ausbildungslücken / Von Stefanie Schmitt

Beijing (GTAI) - Chinas Ausbildungssystem entspricht den Anforderungen der Wirtschaft nur bedingt. Im nordchinesischen Shenyang griffen deutsche Firmen deshalb zur Selbsthilfe.

"Eltern in China wissen den Wert einer fundierten Berufsausbildung nicht zu schätzen", weiß Professor Hou Bomin, Leiter des 2017 gegründeten berufsbildenden Shenyang China-Deutschland Instituts. "Aber ich habe die Hoffnung, dass sie mittelfristig dazulernen, um ihren Kindern gute Berufsperspektiven zu eröffnen."

In der Tat gilt Berufsausbildung bislang eher als "Stiefkind" des chinesischen Bildungssystems, und sie verliert weiter an Gewicht: 2017 zählten die 10.686 mittleren und unteren Berufsschulen rund 5 Millionen Absolventen - etwa 370.000 weniger als im Vorjahr, ein seit 2013 anhaltender Negativtrend. Auch die Zahl der Berufsschulen selbst ist seit vielen Jahren rückläufig.

Dabei ist es nicht nur die abnehmende Menge, die vielen Arbeitgebern Kopfzerbrechen bereitet. Auch die Qualifikation lässt häufig zu wünschen übrig. Viele Ausbildungsgänge werden als zu praxisfern kritisiert. Für bestimmte Berufe - vor allem im Bausektor - gibt es überhaupt keine formalisierten Ausbildungswege.

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Ausbildungssystem wird Erfordernissen nicht gerecht

Damit verschärft sich der ohnehin bestehende Facharbeitermangel. Die amerikanische Personalberatungsgesellschaft Mercer schätzt, dass bis 2020 rund 16 Millionen Stellen respektive 20 Prozent der offenen Stellen im Berufsbildungsbereich unbesetzt bleiben dürften. Mancher fragt sich vor diesem Hintergrund, wie China auf dieser Basis zur führenden Industrie- und Hightech-Nation gemäß "Made in China 2025" werden will. Auch automatisierte Fabrikhallen bedürfen zwar weniger, aber doch sachkundiger Spezialisten.

Zumindest scheint es, als wolle die Regierung in Beijing das Problem gezielter angehen. In der Folge legte der Staatsrat im Februar einen Plan zur Reform der beruflichen Bildung vor, woraufhin das chinesische Bildungsministerium nachschob, die Entwicklung der Berufsausbildung sei ein Schwerpunkt der Kampagne "Education Modernisation 2035". Die Kampagne hat zwei Stoßrichtungen: zum einen die Qualität der Berufsausbildung anzuheben und zum anderen sie von ihrem schlechten Image zu befreien.

Unternehmen verringern Ausbildungsdefizite selbst

Doch bis diese Bemühungen in der Praxis ankommen, müssen sich die Firmen im Zweifel selbst behelfen. Vor diesem Hintergrund entstand beispielsweise als Pilotprogramm für duale Berufsausbildung mit der Rückendeckung der lokalen Stadtregierung das oben genannte Shenyang China-Deutschland Institut am Shenyang Polytechnic College.

Shenyang ist Hauptstadt der einst von Schwerindustrie geprägten Nord-Ost-Provinz Liaoning und Sitz des deutsch-chinesischen Gemeinschaftsunternehmens von BMW und Brilliance. Seit dessen Gründung 2003 siedelten sich im Umfeld zahlreiche Automobilzulieferer an, woraufhin die Nachfrage nach bestimmten technischen Qualifikationen in die Höhe schoss.

Derzeit kooperieren die Unternehmen BMW Brilliance Automotive, Dräxlmaier, EBZ-Group, Festo, Mubea, Otto Fuchs Technology, Rexroth (Bosch Group) und Siemens mit dem Institut, etwa durch die Bereitstellung von Motoren und Maschinen, an denen die Studenten lernen, durch die Betreuung von Auszubildenden im eigenen Betrieb angelehnt an das duale System in Deutschland oder durch die Schulung der Lehrkräfte selbst.

Außer dem Autobauer BMW, der sich schon länger für die Ausbildung von Kraftfahrzeugmechatronikern engagiert, haben die Firmen Dräxlmaier und Otto Fuchs Technology eigene Ausbildungsklassen initiiert und parallel betriebliche Ausbildungswerkstätten aufgebaut. Koordiniert wird das Projekt von der Deutschen Auslandshandelskammer (AHK) in Shenyang.

Die DEG - Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft mbH fördert den Aufbau der Lehrwerkstatt bei Otto Fuchs Technology (China) Co. Ltd. mit Mitteln aus dem develoPPP.de-Programm des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Drei Jahre dauert die Ausbildung. Die 43 Teilnehmer des ersten Jahrgangs absolvierten 2019. Derzeit nehmen 178 Azubis dem Programm teil.

Damit die heißbegehrten Absolventen nicht sofort zu einem anderen Arbeitgeber wechseln, gilt es, schon frühzeitig Bindungen aufzubauen - etwa über Bezahlung. Zwar ist der Besuch einer Berufsschule kostenpflichtig (am Shenyang Polytechnic College werden 4.500 Renminbi Yuan pro Jahr fällig (RMB; umgerechnet rund 680 US-Dollar; 1 US$ = 6,61 RMB, Jahresdurchschnittskurs 2018), doch erhalten die Auszubildenden bei "ihren" Firmen je nach Lehrjahr und Firma eine finanzielle Anerkennung (diese bewegt sich etwa im zweiten Lehrjahr bei rund 100 RMB pro Tag).

Familie mit ins Boot holen

Darüber hinaus ist es wichtig, die Familie - vor allem die Eltern - von der Werthaftigkeit einer beruflichen Ausbildung zu überzeugen. "Ausbildung ist in China meist elterngetrieben", bestätigt Matthias Scheurich, Geschäftsführer von Otto Fuchs Technology in Shenyang. Er empfiehlt daher beispielsweise Einladungen zu "Familientagen", an denen sich die Eltern und andere Angehörige vor Ort ein Bild machen können.

In der Tat "schwelt" das Thema Berufsausbildung in China schon seit Jahrzehnten. In und um die Metropolen der Ostküste gibt es deshalb bereits eine Vielzahl von Vorhaben. Bekanntestes Beispiel ist die deutsch-chinesische Kooperation in Taicang bei Shanghai, welche als größtes deutsches Berufsausbildungsprojekt im gewerblich-technischen Bereich gilt. Doch gerade in den Städten im Inland besteht enormer Nachholbedarf, weiß Jan Block, Leiter des Büros der AHK Nordostchina.

Doch trotz hohen Bedarfs schaffen viele Ansätze nicht den Sprung in die Umsetzung. Selbst wenn alle Beteiligten hoch motiviert sind, stecke der Teufel oft im Detail, beschreibt Jan Block die Situation. Mitunter sind Kompromisse unausweichlich. So sei eine Eins-zu-Eins-Kopie der deutschen Ausbildungsinhalte in Shenyang für die lokalen kleinen und mittelständischen Unternehmen aufgrund der nötigen Ressourcen sowie Komplexität gar nicht attraktiv.

In Shenyang geht es deshalb in erster Linie darum, die vorhandene technische Grundausbildung am lokalen College praxisnäher zu gestalten und mit möglichst einfachen Mitteln langsam in Richtung einer deutschen Facharbeiterausbildung zu entwickeln. Aufgrund der langen Theoriephasen in den meist staatlich gesteuerten chinesischen Berufsschulen ist dies kein einfaches Unterfangen. Auch deutsche Handwerksmeister nach China einzufliegen, ist keine Alternative. Sie bekommen ohne Studienabschluss kein dauerhaftes Arbeitsvisum.

Lehrinhalte den lokalen Möglichkeiten anpassen

Darüber hinaus sind schon die Vorkenntnisse ganz andere als in Deutschland. "Hier liegen sie fast bei null", sagt ein deutscher Ausbilder. "Bei uns hat doch jeder 16jährige wenigstens schon einmal an einem Fahrrad oder an einem Moped herumgeschraubt, bevor er einen technischen Beruf ergreift. Wenigstens bekommen heute mehr Kinder in China technisches Spielzeug geschenkt - aber ansonsten wird den Kleinen doch alles abgenommen, selbst einen Besen hatten die meisten hier noch nie in der Hand. Doch zumindest gibt es keine Probleme mit Drogen und Alkohol - da haben wir doch in Deutschland ganz andere Konflikte."

Vor diesem Hintergrund seien die Prüfungsanforderungen zwar nicht mit denen in Deutschland vergleichbar, erklärt Jan Block, deshalb aber noch lange keine "Schmalspurvariante".

Weitere Informationen zum chinesischen Arbeitsmarkt enthält die Publikation "Lohn- und Lohnnebenkosten - China 2019", http://www.gtai.de/china-lohn

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekten in China können Sie unter http://www.gtai.de/china abrufen. Die Seite http://www.gtai.de/asien-pazifik bietet einen Überblick zu verschiedenen Themen in Asien-Pazifik.

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China Arbeitsmarkt / Löhne / Ausbildung

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