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29.10.2018

China mit großem Abstand führender Lieferant für Afrika

Beijing hat in fast allen Branchen die Nase vorn / Von Bernd Schaaf

Bonn (GTAI) - Seit dem WTO-Beitritt 2002 hat China seine Exporte nach Afrika gewaltig ausgeweitet. Fast alle anderen Lieferanten gerieten dagegen ins Hintertreffen.

Die Wettbewerbssituation für Lieferungen nach Afrika hat sich in den letzten Jahren grundlegend verändert. Spielte China bis zur Jahrtausendwende nahezu keine Rolle, so dominiert das Reich der Mitte zwischenzeitlich als Exporteur von Gütern nahezu alle Regionen, Länder und Branchen dieser 54 Staaten.

Knapp ein Viertel der Gesamteinfuhren Afrikas stammen mittlerweile aus China. Und in Sparten wie Bekleidung (Anteil Chinas an der Gesamteinfuhr: 77,4 Prozent), Schuhe (72,6), Textilien (51,8), Elektronik (36,6) oder Eisen und Stahl (32,5) liegt das Reich der Mitte mit großem Abstand vorne.

Afrikas Außenhandel vergleichsweise dynamisch

Afrika gehört - bezogen auf die Zuwachsraten bei den Einfuhren - zu den dynamischen Regionen der Welt. Während der Weltimport von 2010 bis 2016 auf Basis von Daten der WTO nur um 5,0 Prozent auf 16, 3 Billionen US-Dollar (US$) zulegen konnte, steigerten sich die Auslandsbezüge der 54 afrikanischen Staaten im gleichen Zeitraum um 7,4 Prozent auf 406 Milliarden US$.

Dieses Ergebnis lag zwar weit hinter dem der VR China, deren Gesamteinfuhren im gleichen Zeitraum um 13,8 Prozent auf 1.588 Milliarden US$ nach oben schnellten. Aber im Vergleich zur Stagnation beispielsweise Indiens (+0,2 Prozent auf 357 Milliarden US$) war der afrikanische Vorsprung dennoch erheblich.

Von dieser dynamischen Entwicklung konnten deutsche Lieferanten - ganz im Gegensatz zu chinesischen - allerdings nur unterdurchschnittlich profitieren. So gingen die deutschen Lieferanteile an der afrikanischen Gesamteinfuhr seit 2010 (deutscher Anteil: 6,9 Prozent) um 0,4 Prozentpunkte auf 6,5 Prozent zurück, während China bis 2016 um 7,2 Punkte auf 22,4 Prozent zulegen konnte.

In absoluten Zahlen gerechnet stagnierten die deutschen Lieferungen nach Afrika von 2010 bis 2016 mit einem Plus von 1,9 Prozent auf knapp 27 Milliarden US$ nahezu, während die Exporte Chinas um 58,4 Prozent auf 91 Milliarden US$ expandierten.

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Noch schlechter als Deutschland schnitt Frankreich ab, dessen Ausfuhren nach Afrika im gleichen Zeitraum sogar um 19,5 Prozent auf 28 Milliarden US$ zurückgingen. Auf Rang vier der größten Exporteure nach Afrika rangiert dagegen Indien. Afrika bezog 2016 aus diesem südasiatischen Land Waren im Wert von 22 Milliarden US$ - ein Plus von 28,7 Prozent im Vergleich zu 2010. Hart traf es hingegen die USA, deren Lieferungen bis 2016 um 22,7 Prozent auf nur noch 22 Milliarden US$ (Rang fünf) einbrachen.

Dabei kamen deutsche Lieferanten nicht nur im Querschnitt der 54 afrikanischen Staaten ins Hintertreffen, sondern auch regionale Vorteile zum Beispiel bei den Exporten nach Nord- oder in das Südliche Afrika gingen in den letzten Jahren verloren. So war China 2016 überall erfolgreicher als Deutschland. Dies zeigte sich insbesondere in Ostafrika (Lieferanteil: China 36,1/Deutschland 2,9) und Westafrika (29,8/2,7), aber auch im Südlichen Afrika (21,5/12,4) und Nordafrika (14,5/7,2) liegt das Reich der Mitte inzwischen deutlich vorne.

Tunesien letzte deutsche Bastion

Von den 54 Ländern Afrikas ist Deutschland nur noch in einem einzigen Land etwas stärker als China vertreten: in Tunesien. So stellten deutsche Exporteure aufgrund dynamischer Lieferungen in der Elektrotechnik 2016 etwa 9,3 Prozent der Auslandsbezüge dieses nordafrikanischen Landes, während auf China nur 7,7 Prozent der Einfuhren entfielen.

Hoffnungslos unterlegen ist Deutschland in Ost- und Westafrika. In Ostafrika sind insbesondere Dschibuti (Lieferanteile in Prozent: China 53,4/Deutschland 0,6), Tansania (41,1/1,8) sowie Kenia (39,5/2,7) weitgehend verloren. Nicht viel besser schneiden deutsche Hersteller in Westafrika ab, wo China vor allem in Benin (42,6/1,0), Ghana (38,9/3,0) und Nigeria (33,3/3,0) die Märkte dominiert.

Die Wettbewerbsschwäche deutscher Lieferanten in Afrika zeigt sich nicht nur regional- und länderspezifisch, sondern zieht sich - von wenigen Ausnahmen abgesehen - auch quer durch alle Branchen.

Deutschland in drei Branchen führend

So lag Deutschland noch zur Jahrtausendwende in 17 von 20 relevanten Branchen als Lieferant vor dem Wettbewerber China. Das Reich der Mitte hingegen war damals nur bei Textilien, Bekleidung sowie Schuhen an der Spitze. Bis 2016 hat sich nun das Blatt komplett gewendet. Jetzt liegt das Reich der Mitte im Vergleich zu Deutschland als Exporteur in 17 Segmenten vorn, während die Bundesrepublik nur noch in drei Branchen vor China platziert ist: Arzneimittel, Medizintechnik sowie Pkw.

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So lieferte China 2016 um 60 Prozent mehr Maschinen nach Afrika als Deutschland (10,4 Milliarden versus 6,5 Milliarden US$), bei Halbwaren wie Eisen und Stahl mehr als zehn Mal so viel (26,9 Milliarden versus 2,6 Milliarden US$), und selbst im Bereich Mess- und Regeltechnik (1,4 Milliarden versus 0,9 Milliarden US$) liegt das Reich der Mitte inzwischen weit vor Deutschland.

Auch der deutsche Maschinenbau bekommt die chinesische Konkurrenz immer stärker zu spüren. Im Zeitraum 2010 bis 2016 stagnierten die afrikanischen Maschinenimporte bei 49,8 Milliarden US$. Während gleichzeitig die entsprechenden Brancheneinfuhren aus China um 53,6 Prozent auf 10,4 Milliarden US$ nach oben schnellten, wuchsen die Bezüge aus Deutschland nur um 20,7 Prozent auf 6,5 Milliarden US$.

Maschinenbau unter Druck

Innerhalb der etwa 20 von Germany Trade & Invest untersuchten Untergruppen des Maschinenbaus lag Deutschland 2016 bei den Lieferungen nach Afrika nur noch in einer Branche vorn: bei Verpackungsmaschinen.

Unter Druck gerieten insbesondere Heiz-, Kühl- und Klimatechnik (2010 bis 2016: -32,7 Prozent auf 218 Millionen US$), Antriebstechnik (-31,0 Prozent auf 245 Millionen US$) sowie Berg-, Hoch- und Tiefbaumaschinen (-13,7 Prozent auf 333 Millionen US$). Zuwächse konnten zwar beispielsweise Textilmaschinen verbuchen (+26,4 Prozent auf 115 Millionen US$), aber China war auch in diesem Segment noch weitaus dynamischer (+61,3 Prozent auf 300 Millionen US$).

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Positiv entwickelten sich im Zeitraum 2010 bis 2016 die deutschen Lieferungen von Arzneimitteln. Allerdings ist auch hier die Situation nicht nur rosig. Der Exportzuwachs von 30,9 Prozent auf 894 Millionen US$ scheint auf den ersten Blick gewaltig, aber auch hier hat China - von der Dynamik her betrachtet - mit einem Plus von 67,0 Prozent auf 748 Millionen US$ die Nase vorn. Als Lieferant von Medikamenten liegt allerdings Indien uneinholbar an der Spitze. Afrika importierte 2016 Pharmazeutika im Wert von 2,89 Milliarden US$ aus dem südasiatischen Land. Dies entsprach im Vergleich zu 2010 einem Plus von 82,5 Prozent.

Deutsche Medizintechnik gefragt

Führend bleiben hingegen bislang die deutschen Medizintechnikhersteller. Sie lieferten 2016 Produkte im Wert von 438 Millionen US$ nach Afrika. Dies entspricht einem Plus von 27,3 Prozent im Vergleich zu 2010. An zweiter Stelle folgte allerdings schon China mit 356 Millionen US$ (+34,8 Prozent) vor den USA (347 Millionen US$/+26,2 Prozent) und Frankreich (334 Millionen US$/+12,1 Prozent).

Das einzige Segment, in dem Deutschland nach wie vor dominiert, sind Pkw. Während die afrikanischen Autoeinfuhren im Zeitraum 2010 bis 2016 um 18,4 Prozent auf 11,9 Milliarden US$ zurückgingen, schrumpften die deutschen Exporte dorthin nur um 5,4 Prozent auf 2,29 Milliarden US$, während Japan (1,47/-28,5 Prozent), Südkorea (1,06/-50,6 Prozent) und die USA (844 Millionen/-52,0 Prozent) regelrecht abstürzten. China (277 Millionen/+3,4 Prozent) spielt hingegen als Lieferant von Pkw für Afrika bislang nur eine geringe Rolle.

2017 gingen etwa 2 Prozent der deutschen Exporte - rund 29 Milliarden US$ - in die 54 afrikanischen Staaten. Das entspricht etwa dem Volumen der Ausfuhren nach Ungarn. Die Gesamteinfuhren des Kontinents (406 Milliarden US$) erreichen gerade mal die Werte Südkoreas, und der kleine südostasiatische Stadtstaat Singapur importiert mehr Medizintechnik als das gesamte Afrika.

Konzentration auf wenige Märkte erforderlich

Vor diesem Hintergrund empfiehlt es sich für deutsche mittelständische Unternehmen (KMU), eigene Export- und Geschäftsanstrengungen auf nur wenige Märkte zu konzentrieren. Weit mehr als die Hälfte der gesamten afrikanischen Einfuhren entfallen auf Nord- und Südafrika, wo auch die Chancen für deutsche KMU am größten sind. Dies unter anderem deswegen, weil deren Importbedarf strukturell eher den Stärken des deutschen Exports entgegenkommt.

Aktuell gehen mehr als vier Fünftel der deutschen Lieferungen nach Afrika in den Maghreb, nach Ägypten und nach Südafrika. Davon wurden allein Waren im Wert von 11,0 Milliarden US$ nach Südafrika exportiert. Darüber ergeben sich allenfalls noch Geschäftschancen bei Ländern, deren Einfuhren ein gewisses Volumen erreicht haben und die über eine hinreichende Infrastruktur verfügen. Hierzu zählen Nigeria und Ghana (Westafrika), Äthiopien und Kenia (Ostafrika) sowie Angola im Südlichen Afrika.

Anmerkungen: Da viele afrikanische Länder entweder selten oder aber verspätet (und häufig unzuverlässig) über ihren jeweiligen Außenhandel an die UN berichten, werden in der vorliegenden Studie ausschließlich die Spiegelstatistiken der jeweiligen Partnerländer ausgewertet. Das heißt, der Begriff "afrikanischer Import" ist gleichbedeutend mit dem Export der jeweiligen Partnerländer dorthin (vice versa für "Export"). Ferner wird nur der Extra-Handel berücksichtigt, das heißt, "afrikanischer Export" entspricht dem jeweiligen Import der nicht-afrikanischen Abnehmerländer. Der afrikanische Intra-Handel bleibt dabei grundsätzlich unberücksichtigt. Auch cif/fob-Differenzen finden keinen Niederschlag in den verwendeten Statistiken.

Das Basis-Jahr 2010 wurde gewählt, um die Entwicklung eines längeren Zeitraums abzubilden. Das letztverfügbare Jahr ist 2016, da wichtige Außenhandels-Akteure wie die VR China, Frankreich oder die Niederlande zum Zeitpunkt der Abfassung der Analysen (Juni 2018) für 2017 noch nicht an die UN-Datenbank Comtrade berichtet haben, so dass weder die afrikanischen Ein- noch die Ausfuhren (auf Basis der Spiegelstatistiken der Partnerländer) korrekt abgebildet werden konnten.

Der Regionalbegriff "Afrika" umfasst 54 Staaten, davon Nordafrika (5) (Algerien, Ägypten, Marokko, Tunesien, Libyen), Südliches Afrika (11) (Südafrika, Angola, Namibia, Botswana, Mosambik, Sambia, Madagaskar, Simbabwe, Malawi, Swasiland, Lesotho), Ostafrika (14) (Äthiopien, Kenia, Sudan, Tansania, Mauritius, Uganda, Ruanda, Dschibuti, Seychellen, Burundi, Eritrea, Somalia, Komoren, Südsudan) und Westafrika (24) (Nigeria, Ghana, Côte d´Ivoire, Liberia, Kamerun, Mali, Senegal, DR Kongo, Guinea, Kongo, Mauretanien, Burkina Faso, Benin, Togo, Gabun, Niger, Sierra Leone, Tschad, Äquatorialguinea, Gambia, Zentralafrikanische Republik, Kap Verde, Guinea-Bissau, São Tomé und Príncipe).

Liste der verwendeten Codes der Standard International Trade Classification (SITC) der UN: Antriebstechnik 746 + 748, Arzneimittel 54, Bekleidung 85, Berg-, Hoch-, Tiefbaumaschinen 723, Chemie 5, Heiz-, Kühl-, Klimatechnik 741, Kfz 78, Maschinen 71-74, Medizintechnik 774 + 872, Pkw 781, Schuhe 85, Textilen 65, Textilmaschinen 724, Verpackungsmaschinen 745.27.

Die gesamte Studie "China in Afrika - Perspektiven, Strategien und Kooperationspotenziale für deutsche Unternehmen" von DIHK; Afrika-Verein der deutschen Wirtschaft und GTAI (Bestell-Nr. 21054, 32 Seiten) ist unter http://www.gtai.de/china-in-afrika abzurufen.

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekten in Afrika können Sie unter http://www.gtai.de/afrika abrufen.

Dieser Artikel ist relevant für:

China, Deutschland, Afrika Wirtschaftsbeziehungen zu Deutschland, Außenhandel / Struktur, allgemein, Wirtschaftsbeziehungen zu anderen Ländern, Regionen

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