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06.03.2019

China setzt bei Digitalisierung auf riesige Datenmengen und KI

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Regierung verfolgt zahlreiche Entwicklungs- und Aktionsprogramme / Von Corinne Abele

Shanghai (GTAI) - China begreift Digitalisierung als revolutionäre Technologie und will mit ihrer Hilfe seine Wirtschaft und Gesellschaft modernisieren.

Digitalisierungsstrategie

Chinas Regierung hat früh das Potenzial von Digitalisierung erkannt - sowohl für die Wirtschaft als auch die Gesellschaft. Gerade in der ersten Phase des Programms Made in China 2025 spielt sie eine entscheidende Rolle, um die Industrie zu modernisieren. Auch das 13. Fünfjahresprogramm zur nationalen Informatisierung umfasst konkrete Zielvorgaben für eine moderne Kommunikationsinfrastruktur, Rechenzentren sowie neue Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) für den Zeitraum 2016 bis 2020.

Ausgewählte Ziele des 13. Fünfjahresprogramms zur nationalen Informatisierung 2016 bis 2020
Indikatoren Ziele 2020 realisiert 2017 Veränderung 2017/16 (%) *)
IT-Umsatz (Billion RMB) 26,2 22,1 14,5
Gewährte IT bezogene Patente (in 1.000) 153 167 16,0
Anteil der IT-Investitionen an Investitionen in feste Anlagen(%) 5,0 3,10 (0,33)
Anteil der Optischen Faser-Nutzer an den Gesamtbreitband-Nutzern(%) 80,0 84,0 (7,4)
Durchdringungsrate von leitungsgebundenem Breitband(%) 70,0 72,0 (16,0)
Mobile Breitband-Durchdringungsrate (%) 85,0 70,0 (12,0)
Internationale Exportbandbreite des Internet (Tbps) 20,0 7,0 10,2
E-Commerce Handelsvolumen (Billion RMB) >38 29,16 11,7
Anzahl der Internetnutzer (Milliarden) >1,0 0,772 5,6

*) Einheit in Klammern ist Prozentpunkt

Quelle: Development Report of Construction of Digital China 2017

Inzwischen sind zahlreiche Entwicklungs- und Aktionsprogramme zu unterschiedlichen Themen wie intelligente Fertigung, Big Data, Cloud Computing und künstliche Intelligenz (KI) auf nationaler wie regionaler Ebene mit jeweils eigenen Schwerpunkten aufgestellt worden. Während die Inlandsprovinz Guizhou etwa als Vorreiter für Big Data und den Kapazitätsaufbau bei Rechenzentren gilt, fördert die Provinz Guangdong intelligente Fertigung und Robotik.

Strategie für künstliche Intelligenz

Das KI-Aktionsprogramm des Industrie- und Informationsministeriums MIIT (Ministry of Industry and Information) aus dem Jahr 2017 benennt vier Aufgaben, um bis 2020 internationale Wettbewerbsvorteile in mehreren Schlüsselbereichen zu erreichen.

Chinesische Firmen sollen erstens KI-Schlüsseltechnologien entwickeln - dazu zählen die folgenden intelligenten Produkte: vernetzte Automobile, Dienstleistungsroboter, Drohnen, Systeme zur medizinischen Bildgebung, Videoanalyse und Bildidentifikationssysteme, Sprachinteraktionssysteme, Übersetzungssysteme sowie Smart-Home-Produkte.

Zweitens plant die Regierung, die Voraussetzungen für die Datenerhebung und -analyse zu verbessern, beispielsweise durch die Optimierung von Sensor- und Testtechnologien, um den Einsatz und die Anwendung von KI zu fördern. Sie will drittens die intelligente Fertigungstiefe erhöhen, über vorausschauende Wartung und kundenspezifische Massenproduktion. Und sie möchte viertens ein Supportsystem aus Datenbanken und Plattformen für den KI-Einsatz aufbauen.

Uneingeschränkt steht die Regierung hinter der KI-Förderung. Im Rahmen von Fonds, Forschungs- und Pilotprojekten stellt sie gewaltige Geldsummen bereit. Hinzu kommen Anreize, um KI-Talente anzulocken, Inkubatoren und Start-up-Zentren. Sie unterstützt ebenfalls die innovative Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Hochschulen/Schulen sowie den Ausbau von KI-relevanten Studiengängen.

E-Government

China treibt nicht nur bürgernahe, effiziente E-Governance-Dienstleistungen, sondern eine landesweite E-Governance in beispiellosem Maßstab voran. Im United Nations E-Government Survey 2018 belegt China Rang 65 von insgesamt 193 Ländern; in der Unterkategorie E-Government Online-Service (OSI) landete das Land bereits auf Rang 34. In Städten wie Shanghai, Hangzhou oder Beijing müssen Steuererklärungen inzwischen ausschließlich online erfolgen; auch Geschäftsregistrierungen werden weitgehend papierlos umgesetzt.

Der bislang umfassendste Ansatz der Regierung ist das Social Credit System, das sowohl für Individuen als auch Firmen gelten und ab 2020/21 ausgerollt werden soll. Das Kontrollsystem basiert auf Vergabe und Entzug von Punkten für elektronisch erfassbare Leistungen und Vergehen. Bewertet werden etwa die Kreditwürdigkeit, die Einhaltung der Verkehrsordnung, die Einhaltung von Umweltbestimmungen oder die Abgabe von Steuererklärungen. Punktabzug führt zu Strafen wie beispielsweise Kaufverbote von Flug- und Bahntickets oder Kreditverweigerung.

Stärken/Schwächen

Die Digitalisierung ist in China vor allem durch den Endkunden und die Regierung getrieben. Mit den drei Internetgiganten Baidu, Alibaba und Tencent sowie dem Kommunikationstechnologieanbieter Huawei ist zudem ein einmaliges Ökosystem entstanden.

Längst spielt China im Bereich E-Commerce sowohl was Nutzerzahlen (knapp 650 Millionen) als auch Einnahmen (584 Milliarden US-Dollar, beide Angaben für 2018 laut Statista) angeht in einer eigenen Liga. Seit dem 1. Januar 2019 gilt das E-Commerce-Gesetz, demzufolge der Staat auch die Einrichtung und Nutzung von E-Commerce-Kreditbewertungsdiensten sowie die Nutzung öffentlich verfügbarer Daten durch E-Commerce-Betreiber fördert.

Rasant entwickeln sich im Land Einzelhandelsformen der Zukunft: Onlinebestellung mit Lieferung durch (teil-) autonom fahrende Lieferflotten, vollkommen automatisierte Einzelhandelsgeschäfte und die Verbindung von Online und Offline durch kundenfreundliche mobile Apps. Mobile bargeldlose Bezahlsysteme sind heute in China bereits Alltag.

Auch bei künftigen Mobilitätskonzepten könnte China in Führung gehen. Im Zusammenspiel von Staat und Privatwirtschaft entstehen neue Mobilitätskonzepte wie Bus Rapid Transportation, autonom fahrende Car-Hailing-Flotten oder intelligente Verkehrssteuerung schneller als anderswo.

Über vier Fünftel der chinesischen KI-Unternehmen beschäftigen sich laut dem Bericht China AI Development 2018 der Tsinghua Universität mit Anwendungen im Bereich Computer Vision (46 Prozent), Spracherkennung (22 Prozent) und Natural Language Processing (19 Prozent). Dies eröffnet ein weites Feld für intelligente sprachbasierte Kommunikationssysteme. Computer-Vision-Firmen wie Face++ oder SenseTime zählen zu den am höchsten bewerteten KI-Start-ups weltweit; ein Großteil ihrer Aufträge erhalten sie bislang allerdings vom Staat. Die Qualität der Algorithmen scheint umstritten.

China setzt auch erste KI-gestützte Diagnoseprogramme im Gesundheitswesen ein. Die Regierung arbeitet daran, durch intelligente Steuerung vorhandene Betten-, aber auch Know-how-Kapazitäten besser auszulasten; doch häufig erfüllt die Datenqualität nicht die notwendigen Ansprüche. Generell hinkt das Land bei der Entwicklung von Standards für Datenübertragung sowie Interfaces für die Datenübertragung auch im Zusammenhang mit Industrie 4.0 trotz gewaltiger Anstrengungen hinterher. Erst im November 2018 erließ das MIIT eine Marschroute für die Entwicklung eines konsistenten Standardisierungsrahmens für intelligente Fertigung.

Auch in der Robotik ist China trotz der eigenen Marktgröße und Bemühungen bislang nicht in der Spitze der High-End-Robotikhersteller vertreten. Für die Implementierung von Industrie 4.0-Lösungen sind viele Unternehmen - vor allem kleine Privatfirmen - schlecht gerüstet; viele dürften in den nächsten Jahren daher aus dem Markt ausscheiden. Leuchtturmprojekte für intelligente Fertigung finden bislang häufig in (teilweise) ausländisch investierten Firmen oder stark exportorientierten Hochtechnologie-Unternehmen statt.

Ausblick

Chinas Startkapital in Sachen Digitalisierung ist die Sammlung und Nutzung riesiger Datenmengen bei (noch) geringem Interesse am Schutz eigener Daten. Hinzu kommen der massive Ausbau der 5G-Kommunikationsinfrastruktur, große Forschungsinvestitionen, hohe Risikobereitschaft in der Unternehmerschaft sowie ein riesiger Pool an Risikokapital (aus dem In- wie Ausland).

Die Regierung unterstützt zeitlich und regional begrenzte Pilotprojekte und gestaltet den rechtlichen Rahmen gemäß neuer Technologieentwicklungen so flexibel wie möglich. Firmen können damit zu einem frühen Zeitpunkt große Datenmengen sammeln, was die Entwicklung wiederum beschleunigt und China zu einem rasanten Digitalisierungsstart verhilft.

Fehlende Standards verlangsamen und verteuern jedoch auch für ausländische Firmen innovative Entwicklungen am Markt. Der eingeschränkte beziehungsweise zustimmungspflichtige Cross-Border-Datenverkehr für personenbezogene sowie "kritische" Daten gewinnt an Bedeutung. Für internationale Firmen, aber auch zunehmend chinesische Firmen könnte dies bedeuten, dass sie zwei Firmennetze - eines in China und eines außerhalb Chinas - aufbauen müssen.

In einigen Digitalisierungsbereichen wie Big Data oder KI mischt China bereits heute in der Spitzengruppe weltweit mit. Vor allem in endkundennahen Segmenten wie dem autonomen Fahren sehen Experten große Chancen. Auch bei disruptiven Technologien wie Blockchain gilt es, China im Auge zu behalten.

Kontaktadressen

Bezeichnung Kontakt Anmerkung
Ministry of Industry and Information Technology (MIIT) http://www.miit.gov.cn Ministerium für Industrie und Informationstechnologie
Cyberspace Administration of China http://www.cac.gov.cn Zuständige Regierungsbehörde für Cybersecurity
National Development and Reform Commission (NDRC) http://www.ndrc.gov.cn Staatliche Entwicklungs- und Reformkommission
China Association for Artificial Intelligence (CAAI) http://www.caai.cn Einziger KI-Verband auf staatlicher Ebene unter dem Ministerium für zivile Angelegenheiten Chinas

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekten in China können Sie unter http://www.gtai.de/china abrufen. Die Seite http://www.gtai.de/asien-pazifik bietet einen Überblick zu verschiedenen Themen in Asien-Pazifik.

Mehr zum Thema Digitalisierung finden Sie unter http://www.gtai.de/wirtschaft-digital

Dieser Artikel ist relevant für:

China Verwaltung, Administration, Digitalisierung

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