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23.01.2019

China will bis 2021 eigenen Mittelstrecken-Jet auf den Markt bringen

Zahlreiche ausländische Zulieferer für den C919 / Von Roland Rohde

Hongkong (GTAI) - Der chinesische Staatsbetrieb Comac entwickelt zusammen mit internationalen Partnern ein Mittelstreckenflugzeug. Langfristig plant er sogar den Bau eines Großraumjets.

China leistet in der Raumfahrt inzwischen Erstaunliches. Anfang 2019 konnte es eine Landung auf der Rückseite des Mondes realisieren. Wenn es aber um standardmäßige Verkehrsflugzeuge geht, ist die Volksrepublik bislang zu nahezu 100 Prozent auf den Kauf ausländischer Maschinen angewiesen. Doch das könnte sich mittelfristig ändern.

Im Rahmen der Strategie "Made in China 2025", die von den offiziellen Medien in Zeiten des Handelskonfliktes nicht mehr erwähnt werden darf, soll das Land bis zur Mitte des kommenden Jahrzehntes seine Abhängigkeit von ausländischen Flugzeugzulieferungen auf 90 Prozent reduzieren. Bei Regionaljets wird sogar ein globaler Marktanteil von 10 bis 20 Prozent angepeilt. Während das erste Ziel durchaus zu erreichen ist, erscheint das zweite Branchenanalysten als unrealistisch.

Das chinesische Staatsunternehmen Commercial Aircraft Corporation (Comac) entwickelte bereits ein Kurzstreckenflugzeug namens ARJ21. Mitte 2016 nahmen die ersten Maschinen ihren kommerziellen Betrieb auf. Seitdem gab es einige Dutzend Auslieferungen. Der Regionaljet gilt in Fachkreisen allerdings als technisch nicht konkurrenzfähig.

C919 als Hoffnungsträger

Die Hoffnungen des Staatsunternehmens ruhen stattdessen auf dem Mittelstreckenmodell C919, das sich in der späten Entwicklungsphase befindet. Bis Ende 2018 unternahmen drei Maschinen Testflüge. Mit den ersten Auslieferungen - zunächst wohl ausschließlich an chinesische Fluglinien - ist um 2021 zu rechnen. Zwar könnte es zu weiteren Verzögerungen kommen, doch das passiert Boeing und Airbus ebenfalls.

Passagierjets von Comac (Stand Anfang 2019)
Name ARJ21 C919 C929
Typ Regionaljet Mittelstreckenjet "Wide Body"-Jet
Status In Betrieb seit Mitte 2016 Geplante Erstauslieferung 2021 In Planung bis circa 2030
Sitze 78 bis 90 158 bis 168 280
Reichweite (km) 2.225 bis 3.700 4.075 bis 5.555 12.000
Kommerzieller Erfolg Einige Dutzend Auslieferungen; 528 Bestellungen 815 Bestellungen Keiner

Quelle: Comac

Laut Angaben der renommierten Hongkonger Tageszeitung South China Morning Post (SCMP) soll der chinesische Mittelstreckenjet weniger als 50 Millionen US-Dollar (US$) kosten. Vergleichbare Modelle von Boeing oder Airbus wären damit (gemäß Listenpreis) doppelt so teuer. Allerdings gewähren die Hersteller aus den USA und Europa ihren Kunden bei Großbestellungen hohe Rabatte.

Triebwerke und viele Komponenten von ausländischen Anbietern

Für Fluglinien spielen zudem nicht nur die Anschaffungspreise, sondern auch die Betriebskosten eine Rolle. Insbesondere der Verbrauch ist entscheidend. Doch das dürfte für die Chinesen kein allzu großes Problem darstellen. Die Triebwerke für den C919 liefert nämlich ein französisch-amerikanisches Konsortium, an dem General Electric und Safran zu jeweils 50 Prozent beteiligt sind.

Motoren machen einen Großteil der Herstellungskosten eines Flugzeuges aus. Auch bei anderen Kernkomponenten ist Comac auf ausländische Kooperationspartner angewiesen. Cockpit, Reifen sowie Landungs,- Flugkontroll-, Tank- und Stromsysteme stammen gemäß der SCMP von US-Herstellern. Die einheimische Wertschöpfung fällt daher vergleichsweise gering aus.

Ein weiteres Problem besteht darin, dass der C919 relativ wenige Verbundstoffe einsetzt. Die entsprechende Quote liegt nach Angaben der China Daily bei 30 Prozent. Ein A350 XWB kommt laut Herstellerangaben auf über 50 Prozent. Daher gründete Airbus mit der Aviation Industry Corporation of China (AVIC) - der Staatskonzern liefert auch für das C919-Projekt zu - im Herbst 2018 einen Kooperationsvertrag. Zusammen wollen sie an der Entwicklung von Leichtbaustoffen arbeiten.

Airbus und Boeing engagieren sich in China

Ausländische Flugzeughersteller kooperieren bereits seit vielen Jahren eng mit chinesischen Branchenfirmen. Airbus montiert beispielsweise A320-Flieger in einem Joint Venture (an dem der europäische Luftfahrtkonzern die Mehrheit hält) im nordchinesischen Tianjin nahe Beijing. Im Herbst 2017 begann dort auch die Montage des A330.

Boeing gründete (ebenfalls als Mehrheitseigner) mit Comac ein Joint Venture. Zusammen bauen sie eine Auslieferungsanlage für das Modell B737 in Zhoushan bei Shanghai. Der US-Hersteller Honeywell eröffnete Ende 2018 zusammen mit AVIC eine Fertigungs- und Forschungsanlage in Xi'an. Dort sollen Komponenten für den C919 entwickelt und produziert werden.

Ausländische Firmen sehen daher im C919-Projekt weniger eine Bedrohung als eine Chance. China wird laut Einschätzung aus Fachkreisen noch lange auf Kooperationspartner aus dem Westen angewiesen bleiben. Selbst wenn die Mittelstreckenmaschine fleißig von einheimischen Firmen geordert werde, sage das noch wenig über das Absatzpotenzial auf dem Weltmarkt aus. Außerdem müssen die Luftfahrtbehörden in der Europäischen Union und den USA den Comac-Jet erst einmal zulassen.

China muss noch technisch aufholen

Ein Problem der Chinesen bestehe in einem ineffizienten Forschungs- und Entwicklungssystem. Es gebe zu wenig Toleranz gegenüber Fehlern, was Innovationen behindere. Die Regierung wolle vor allem schnelle Resultate sehen. Außerdem dominieren den Sektor Staatsunternehmen, während die Konkurrenz in den USA und Europa auf private Firmen setzen.

Schließlich habe das Reich der Mitte Schwierigkeiten, geeignetes Personal zu finden. Das Angebot an erfahrenen Flugzeugingenieuren ist begrenzt. Die Möglichkeiten des Technologiezukaufs durch die Übernahme westlicher Firmen erweisen sich zudem als begrenzt. Ausländische Regierungen schieben in dieser Hinsicht einen Riegel vor.

Doch davon lässt sich China nicht entmutigen. Stattdessen plant man bereits den übernächsten Schritt: Die Entwicklung eines Großraumjets namens C929. Wiederum tritt Comac auf chinesischer Seite als federführender Partner auf. Mit der russischen United Aircraft Corporation gründete der Staatsbetrieb bereits ein Joint Venture. Jedoch schloss die chinesische Seite eine Kooperation mit westlichen Unternehmen nicht aus. General Electric oder Rolls Royce haben bereits ihr Interesse bekundet.

Kontaktadressen

Bezeichnung Internetadresse Anmerkungen
Commercial Aircraft Cooperation of China (Comac) http://english.comac.cc (Startseite), http://english.comac.cc/products/ca/ (Offizielle Informationen zum C919); http://english.comac.cc/products/WideBody/ (Offizielle Informationen zum C929) Führender chinesischer Flugzeugbauer
Aviation Industry Corporation of China (AVIC) http://enm.avic.com Chinesischer Flugzeugbauer
South China Morning Post https://www.scmp.com/business/article/2170676/why-china-no-closer-rivalling-boeing-or-airbus;https://www.scmp.com/business/companies/article/2168321/no-take-imminent-chinas-aircraft-sector-panel-discussion (Kritische Berichte zum C919) Renommierte Hongkonger Zeitung

Zusatzinformationen

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekten in China können Sie unter http://www.gtai.de/china abrufen. Die Seite http://www.gtai.de/asien-pazifik bietet einen Überblick zu verschiedenen Themen in der Region.

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