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16.10.2019

Chinas Halbleiterstrategie gleicht einem Marathonlauf

Abhängigkeit von ausländischen Zulieferungen bleibt mittelfristig sehr hoch / Von Roland Rohde

Hongkong (GTAI) - Chinas Ziel, unabhängiger von Halbleiterimporten zu werden, erfordert hohe technologische Anstrengungen und enorme finanzielle Mittel. Der Erfolg ist zudem nicht garantiert.

Der Handels- und Technologiekonflikt mit den USA hat deutlich vor Augen geführt, wie abhängig China in bestimmten Bereichen von ausländischen Zulieferungen ist. Die Vereinigten Staaten erließen in mehreren Fällen Exportverbote für US-Halbleiter an chinesische Kunden. Davon waren unter anderem große IT-Konzerne wie ZTE oder Huawei, aber auch kleinere Firmen, die im Bereich künstliche Intelligenz tätig sind, betroffen.

Nicht erst seit diesem Ereignis ist Beijing bemüht, die Importabhängigkeit bei Halbleitern zu reduzieren. Im Rahmen der Industriestrategie "Made in China 2025", die im Zuge des Zollstreites von den Medien nicht mehr erwähnt wird, sollte das Land bis 2020 eine Selbstversorgungsquote von rund 40 Prozent erzielen. Für 2025 wurde ein Wert von 70 Prozent angepeilt.

Branchenanalysten sind sich einig, dass diese Ziele unrealistisch sind. Tatsächlich muss China 2019 rund drei Viertel aller benötigten elektronischen Komponenten im Ausland einkaufen. Der technologische Vorsprung von Halbleiterherstellern insbesondere aus den USA, Taiwan und Südkorea sei enorm und ließe sich nur auf sehr lange Sicht (wenn überhaupt) einholen.

Enorme Kapitalaufwendungen notwendig

Der Aufbau einer fähigen Halbleiterindustrie erfordert Jahrzehnte und riesige Investitionen. So investiert der US-Konzern Intel allein 13 Milliarden US-Dollar (US$) pro Jahr in seine Forschung und Entwicklung. Für die Gesamtbranche ergeben sich damit Kapitalaufwendungen, die selbst das Reich der Mitte überfordern können. Chinas Ziel komme, so formulierte es der ehemalige Managing Director von Intel China in der South China Morning Post, einem verlustreichen und mindestens zehn Jahre anhaltenden Marathonlauf gleich.

Nach Recherchen der renommierten Hongkonger Tageszeitung konnte der staatliche Circuit Industry Investment Fund 2018 und 2019 Mittel in Höhe von umgerechnet 37 Milliarden US$ auftreiben. Das ist immer noch viel zu wenig, um es mit der ausländischen Konkurrenz aufzunehmen.

Unternehmen mit Projektanteil am Circuit Industry Investment Fund
Unternehmen Angekündigt
TongFu Microelectronics Co Ltd April 2019
Gigadevice Semiconductor Beijing Inc August 2018
Goke Microelectronics Co Ltd April 2019
Shenzhen Goodix Technology Co Ltd April 2018
Shanghai Wanye Enterprises Co Ltd Januar 2019
Ninestar Corp April 2019
Wuxi Taiji Industry Co Ltd Oktober 2018
Hangzhou Chang Chuan Technology Co Ltd April 2018

Quelle: South China Morning Post

Schließlich findet der technologische Wettbewerb nicht nur über reine Anlageinvestitionen statt. Die Forschungs- und Entwicklungsinfrastruktur in chinesischen Unternehmen muss zugleich effizienter und ergebnisoffener erfolgen. In der Realität passiert das Gegenteil: Es gibt einen steigenden Druck, endlich marktfähige Produkte zu liefern. Schließlich bleiben die Unternehmen im Ausland nicht stillstehen. Riesenkonzerne wie Taiwan Semiconductor Manufacturing (TSMC) werden sich nicht einfach die Butter vom Brot nehmen lassen.

Selbstversorgungsquote von 40 Prozent erst in zehn Jahren möglich?

Branchenanalysten erwarten, dass eine Selbstversorgungsquote von 40 Prozent erst zum Ende des nächsten Jahrzehnts erreicht werden dürfte. Solche Vorhersagen sind in einer Branche, in der künftig noch größere Innovationen zu erwarten sind, mit einer hohen Unsicherheit behaftet. Das sogenannte Mooresche Gesetz, dem zufolge sich die Komplexität integrierter Schaltkreise alle zwei Jahre verdoppelt, stößt an seine Grenzen. Eine weitere Miniaturisierung der Chips erfordert ganz neue Lösungsansätze.

All das dürfte vielen Herstellern durchaus bewusst sein. Sie wollen sich daher stärker auf das Chip-Design konzentrieren, wo sich Vorhaben schneller rentieren. Ebenso beabsichtigen sie, die Entwicklung von Produkten, die mit künstlicher Intelligenz arbeiten, voranzutreiben. Auf diesem Gebiet schwimmt China technologisch ganz weit vorne mit.

Die einheimische Halbleiterindustrie konnte 2018 nach Angaben der China Semiconductor Industry Association (CSIA) ihren Umsatz im Vergleich zum Vorjahr um 20 Prozent auf umgerechnet knapp 100 Milliarden US$ erhöhen. Im 1. Halbjahr 2019 ging das Wachstum im Vergleich zum Vorjahreszeitraum auf 12 Prozent zurück. Damit konnte sie den inländischen Bedarf nur zu knapp einem Viertel decken. Der Rest musste importiert werden. Die Einfuhren von Halbleitern summierten sich laut Verbandsangaben 2018 auf 312 Milliarden US$, ein Plus von rund 20 Prozent gegenüber 2017. Im 1. Halbjahr 2019 sanken sie im Vergleich zur Vorjahresperiode um 7 Prozent.

Importe von elektronischen Komponenten bei über 340 Milliarden US$

Laut Angaben des International Trade Centre (ITC) führte China 2018 elektronische Komponenten im Wert von mehr als 340 Milliarden US$ ein. Das kam im Vergleich zum Vorjahr einer Steigerung von 18 Prozent gleich. In den ersten sechs Monaten 2019 schrumpften die Branchenimporte im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 7 Prozent. Das Minus ist zum Teil darauf zurückzuführen, dass Samsung Fabriken in der Volksrepublik schloss und in Folge weniger Halbleiter aus Südkorea benötigte.

Einfuhren von elektronischen Komponenten (in Mrd. US$) 1)
Jahr Wert
2014 250,1
2015 260,2
2016 255,6
2017 289,5
2018 341,5
2019 2) 310,7

1) HS-Pos. 8540 bis 8542; 2) Prognose von Germany Trade & Invest auf Basis der Zahlen des 1. Halbjahres

Quelle: ITC

Taiwan ist der größte Zulieferer von elektronischen Komponenten. Hersteller wie TSMC fertigen darüber hinaus auf dem chinesischen Festland, allerdings nicht die allerneuesten Produkte. Sie dürften aber als Reaktion auf den Handelskonflikt Teile der Fertigung aus der Volksrepublik abziehen und nach Taiwan zurückholen oder in Länder Südostasiens, wo bereits eine Halbleiterindustrie existiert, verlagern.

Einfuhren an elektronischen Bauelementen nach Lieferländern (in Mrd. US$; Veränderung im Vergleich zum Vorjahreszeitraum in %) 1)
Land / Region 2018 1. Halbjahr 2019 Veränderung
Taiwan 101,8 45,3 -5,0
Südkorea 84,4 31,4 -23,7
Malaysia 2) 28,8 15,7 12,5
Japan 20,0 9,5 2,4
USA 12,9 7,1 22,5
Vietnam 2) 7,6 4,5 53,4
Philippinen 2) 8,2 3,6 -9,6
Singapur 7,3 3,5 9,5
Thailand 2) 4,9 2,3 -4,2
Deutschland 3) 2,2 1,0 -9,3

1) HS-Pos. 8540 bis 8542; 2) Lieferungen stammen vielfach aus Fabriken, die sich im Besitz ostasiatischer Investoren befinden; 3) Rang zwölf im Jahr 2018

Quelle: ITC

Deutsche Firmen liefern vor allem Spezialchips, die im Fahrzeugbau zum Einsatz kommen. Ihnen macht die Schwäche des chinesischen Automobilsektors zu schaffen. Die dortige Kfz-Produktion sank in den ersten acht Monaten 2019 nach Angaben der China Association of Automobile Manufacturers (CAAM) um 12 Prozent zum Vorjahr.

Kontaktanschriften

Bezeichnung Internetadressen Anmerkung
China Semiconductor Industry Association (CSIA) http://www.csia.net.cn/Index.asp (Startseite); http://www.csia.net.cn/Article/ShowInfo.asp?InfoID=82645 (Statistiken für 2018); http://www.csia.net.cn/Article/ShowInfo.asp?InfoID=86830 (Statistiken fürs 1. Halbjahr 2019) Nationaler Branchen-verband; Infos fast nur auf Chinesisch
International Trade Centre https://www.trademap.org/tradestat/Product_SelCountry_TS.aspx?nvpm=1%7c156%7c%7c%7c%7c85%7c%7c%7c4%7c1%7c1%7c1%7c2%7c1%7c1%7c1%7c1 (Chinas Wareneinfuhren) Inter-nationale Handels-zahlen
South China Morning Post https://www.scmp.com/hk (Startseite); https://www.scmp.com/business/banking-finance/article/3018689/china-powering-ahead-its-tech-development-blueprint-its (Bericht zu Investitionsfonds) Englisch-sprachige Zeitung

Zusatzinformationen

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekten in China können Sie unter http://www.gtai.de/china abrufen. Die Seite http://www.gtai.de/asien-pazifik bietet einen Überblick zu verschiedenen Themen in der Region.

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