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05.04.2019

Chinas Müllberge wachsen in den Himmel

Recyclingquote weiter niedrig / Von Stefanie Schmitt

Beijing (GTAI) - In China wird seit Jahren unter 5 Prozent des Mülls wiederverwertet. Zugleich produziert das Land immer mehr Abfall. Die Regierung will mit neuen Anreizen das Recyceln fördern.

In China ist der Handlungsdruck in Sachen Abfallbehandlung groß: Allein die städtischen Festmüllberge sind zwischen 2012 und 2017 um etwa die Hälfte angeschwollen. Die China Daily schätzte den Müllberg für 2018 auf rund 10 Milliarden Tonnen - mit einem dramatischen Trend nach oben.

Traditionell wurde in China der Abfall auf mehr und nicht selten eher minder geeigneten Deponien ("landfill") entsorgt. Aufgrund der damit verbundenen Risiken und des knapper werdenden Landes treibt die Politik seit vielen Jahren die Müllverbrennung voran, bevorzugt mit gleichzeitiger Stromerzeugung. Tatsächlich konnte der Anteil des verbrannten Festmülls zwischen 2012 und 2017 (jüngste verfügbare Zahlen) von 24,7 auf 43,8 Prozent erheblich hochgefahren werden. Zugleich sank der Anteil deponierten Mülls entsprechend (von 72,6 auf 53,0 Prozent).

Entwicklung der Festmüllbehandlung in Chinas Städten
2012 2017
Abfallmenge, entsorgt (in Mio. t pro Tag) 144,9 210,3
hiervon in %:
.deponiert 72,6 57,2
.verbrannt 24,7 40,2
.sonstiges 2,7 2,5

Quelle: National Bureau of Statistics of China (NBS)

Dagegen ist die Recyclingquote nach wie vor erschreckend niedrig. Experten wie Professor Zhang Xuehua vom Lishui Institut für Ökologie und Umwelt (Institute of Ecology and Environment) der Nanjing-Universität sehen hierfür zwei Hauptgründe. Erstens rechne sich flächendeckendes Müllsortieren und -wiederverwerten für potenzielle Investoren nicht, solange es keine kostendeckenden Müllgebühren gibt - bei der thermischen Verwertung "leben" die Investoren vom verkauften Strom. Zweitens fehle es am Bewusstsein der Verbraucher, welche Mengen an Abfällen sie produzieren, zumal der Müll immer sofort und ohne spürbare Kosten aus ihrem Gesichtsfeld verschwinde. Überdies seien die gewillten Haushalte frustriert, wenn sie sehen, dass mühsam getrennter Müll letztlich doch wieder zusammengekippt wird.

Mülleinfuhrverbot wichtiger Impulsgeber für Mülltrennungssystem

So kam es zu der absurden Situation, dass China selbst Unmengen an Festmüll produzierte, es aber für die heimischen Recyclingfirmen bislang profitabler war, selbst schlecht vorsortierte Abfälle minderer Qualität im Ausland zuzukaufen statt ein heimisches Sortier- und Sammelsystem zu etablieren. Einer im Journal Sciences Advances veröffentlichten Studie zufolge landeten seit 1992 rund 72 Prozent des weltweit produzierten Plastikmülls in China und Hongkong. Doch damit ist Schluss, seit die Regierung 2017 den Import bestimmter Abfälle verboten hat. Seither sieht sich die chinesische Recyclingwirtschaft mit ihren aufgebauten Kapazitäten unter Zugzwang.

Ab 31. Dezember 2018 will China zudem die Einfuhr von 16 weiteren festen Abfällen verbieten, darunter Hardware, Schiffe und Autoteile. Ab 31. Dezember 2019 soll das Importverbot auf weitere 16 Müllarten ausgeweitet werden, darunter Holz und Edelstahlschrott. Entsprechend gingen die Importe für Festmüll in den ersten beiden Monaten 2019 im Vergleich zur Vorjahresperiode um 22,9 Prozent auf knapp 2,7 Millionen Tonnen zurück, so der chinesische Zoll.

Die neue Knappheit erhöht die Attraktivität des Müllsammelns und -trennens. So stieg der Preis für PVC-Kunststoffabfälle seit dem Verbot 2017 von damals rund 1.800 Renminbi Yuan (RMB, rund 266,5 US-Dollar, 1 US$ = circa 6,7531, Jahresdurchschnittskurs 2017) pro Tonne bis März 2019 auf etwa 3.900 RMB oder 581,7 US$ (1US$ = circa 6,7042 RMB; Stand März 2019).

Darüber hinaus gibt es eine Reihe weiterer positiver Signale für mehr Recycling. So soll bis 2020 nach einer Vorgabe der Nationalen Entwicklungs- und Reformbehörde NDRC (National Development and Reform Commission) landesweit ein System installiert werden, nach dem jeder Haushalt gemäß der von ihm produzierten Müllmenge zur Kasse gebeten wird. Dies gilt als wichtige Voraussetzung dafür, diesen Wirtschaftszweig für Investoren attraktiv zu machen.

Des Weiteren hat China das "No-Waste"-Programm ins Leben gerufen. Zehn Pilotstädte nehmen daran teil. Die Ergebnisse sollen bis 2021 vorliegen. Geplant ist der Aufbau einer leistungsfähigen Müllrecycling-Industrie. Insbesondere sollen landwirtschaftliche Abfälle komplett verwertet werden.

Einsatz digitaler Technik noch wenig effektiv

Eher für Augenwischerei halten Müllexperten dagegen die in der staatlichen Presse hochgelobten Versuche, die privaten Haushalte über den Einsatz digitaler Techniken zur Mülltrennung zu bewegen. Als Vorbild für die digitale Überwachung von Müllsammelsystemen dient Hangzhou, wo ein dichtmaschiges Monitoring-System genau festhält, welche Müllcontainer wann geleert werden, sodass nachvollzogen werden kann, welche Einheiten und Firmen ihren Müll nicht vorschriftsmäßig getrennt haben.

In Shanghai sollen sich bis Ende 2018 etwa 3,8 Millionen Haushalte für ein Punkteprogramm haben registrieren lassen. Wer vorschriftsmäßig Müll vorsortiert und in die entsprechenden Behältnisse gibt, wird mit Punkten belohnt, die sich beispielsweise in bestimmte Produkte wie Milch, Seife, Zahnpasta, Telefonkarten umtauschen lassen.

In einigen Shanghaier Vierteln wurden inzwischen "Nachbarschaftsmüllüberwacher" ernannt, die die Anwohner persönlich zum ordnungsgemäßen Müllentsorgen anhalten sollen. In Shenhao Lingyu soll das laut Shanghai Daily so funktionieren: Die Rentnerin Wu Degen öffnet jeden Morgen und jeden Abend die drei Müllbehältnisse ihrer Nachbarschaft, kontrolliert den Inhalt der eingeworfenen Beutel und scannt die aufgedruckten QR-Codes. Je nach Sortierleistung erhalten die betroffenen Haushalte Punkte und Belohnungen etwa in Form von frischen Eiern.

Außerdem werden die Daten gesammelt und im Erdgeschoss eines jeden Hauses mit Namen öffentlich ausgehängt. Als sie damit im März 2018 begonnen habe, sei sie auf großes Unverständnis gestoßen, sagte Wu gegenüber der Zeitung. Doch nach einem halben Jahr machten fast alle mit, sortierten zu 90 Prozent korrekt und wurden mit Punkten belohnt. Umgekehrt erhalten Müllsortiermuffel Minuspunkte. Auch ihre Namen werden dank des Tracking-Systems öffentlich gemacht.

Kenner der Szene beurteilen das System hingegen ganz anders. "Selbst meine Mutter würde doch nicht wegen eines Eis anfangen, ihren Müll zu trennen - und schon gar nicht so eine Kontrolle mitmachen," so eine gut vernetzte Abfallexpertin. All diese digitalen Systeme funktionierten doch nur, wenn im Vorfeld eine Kontrolle angesetzt ist - und all die mit Codes bedruckten Mülltüten wurden zwar verteilt, kämen aber so gut wie nie zum Einsatz. Tatsächlich müssen ganz andere substanzielle Änderungen durchgeführt werden, um die Recyclingquote ernsthaft zu steigern.

Ein großer Hinderungsgrund wird nicht zuletzt darin gesehen, dass hinter den Kulissen um den richtigen Weg gerungen wird. Die Lobby der Müllverbrennungsanlagen hat kein Interesse am Erhöhen der Recyclingquote. "Ansonsten läge diese in unserem autokratischen System schon viel höher. Wenn die Regierung wirklich Recycling und Wiederverwertung wollte, dann würde sie diese auch durchsetzen", so die oft geäußerte Vermutung.

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekten in China können Sie unter http://www.gtai.de/china abrufen. Die Seite http://www.gtai.de/asien-pazifik bietet einen Überblick zu verschiedenen Themen in Asien-Pazifik.

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China Abfallentsorgung, Recycling

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