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05.04.2019

Chinas Städte entdecken sich neu

Hoher Bedarf an Altbausanierung und Denkmalpflege / Von Stefanie Schmitt

Beijing (GTAI) - In Chinas Städten besteht wachsender Bedarf an Ideen zur Renovierung und Umnutzung von Bauten bis zur Revitalisierung ganzer Stadtviertel. Vermehrt ist die Denkmalpflege ein Thema.

Besonders in den chinesischen Ballungsräumen ist die Umgestaltung wenig effizienter Hotels, Einkaufszentren und Bürogebäude ein drängendes Zukunftsthema. Allerdings schrecken viele Investoren gegenwärtig vor den hohen Kosten zurück. Tatsächlich wurden viele Anforderungen beispielsweise an den Brandschutz (breitere Treppenhäuser etc.), an die Erdbebensicherheit oder an die Statik gesetzlich verschärft. Hinzu kommen die gestiegenen Ansprüche an die Haustechnik (Lüftung, möglichst mit Filtertechnik, Platz für Leitungsschächte etc.).

Beides erfordert besonderes Know-how und treibt die Kosten in die Höhe. Nicht selten wäre Abriss der bessere Weg, doch vielfach werden in den Städten bestimmte Nutzungen für Neubauten gar nicht mehr genehmigt. Letztlich bleibt den Betreibern nichts anderes übrig, als in den sauren Apfel zu beißen.

Des Weiteren sehen sich Shopping Malls angesichts boomender Internetbestellungen landesweit unter Druck, sich attraktiver zu gestalten. Zumeist sind nur noch die Restaurant- und Spieleangebote für Kinder gut besucht. Die Betreiber reagieren mit umfassenden Renovierungen, um den Kunden nicht mehr nur viel Glitzer, sondern überdies ausgefallenes Entertainment anbieten zu können.

So hat etwa Shanghai New World im März 2019 mit dem Umbau begonnen. Nach Beendigung soll das Einkaufszentrum mit einer 55 Metern hohen und damit weltgrößten Indoor-Kletterwand und einer verbesserten Eislaufbahn aufwarten. Insgesamt 468 Millionen Renminbi Yuan (RMB; umgerechnet fast 62 Millionen Euro; 1 Euro = 7,58 RMB) lässt sich das Warenhaus den Facelift kosten.

Einbeziehung alter in neue Bausubstanz gefragt

Ein weiterer Trend ist die Einbeziehung alter in neue Bausubstanz. Beispielsweise erhielt der chinesische Architekt Liu Weibing 2018 für seinen Entwurf "Buhou" den "Unbuilt Innovation Award" des Berufsverbandes American Institute of Architects. Der Wohn- und Gewerbekomplex aus den 1930er Jahren in Chengdu war zuletzt 20 Jahre lang als Kantine der Sichuan Daily genutzt worden, die den Architekten um einen Umbauvorschlag bat, der Neues und Altes verbinden sollte.

Bei diesen Projekten bestehen auch für ausländische Firmen Mitwirkungsmöglichkeiten. So stammt etwa das Design eines Mega-Wohnprojekts mit 1,6 Millionen Quadratmeter Fläche und einem Investitionsvolumen von 10 Milliarden RMB in Luoyang von Chapman Taylor aus dem Vereinigten Königreich. Die Dennis Jiuzhou City ist Teil des "Sui and Tang Luoyang City National Heritage Parks" und wird quasi über den Gartenanlagen des Han-Kaisers Wu Zetian errichtet, deren archäologische Überreste weiterhin öffentlich zugänglich bleiben. Zum Projekt wird eine der größten Shopping Malls Chinas gehören.

Die Planungen für diese ausgefallene Wohnanlage scheinen den Geschmack zu treffen - denn die Einheiten der ersten und zweiten - noch nicht begonnenen - Bauphase sind bereits komplett verkauft. Tatsächlich ähneln sich die meisten chinesische Städte stark: vielspurige Straßenzüge, monumentale Apartmentkomplexe in mehrfacher Ausführung und dazwischen öffentliche Gebäude wie Schulen und Sportstätten im Wechsel mit Einkaufsmalls oder Bürotürmen mit Hotels. Individualität ist Mangelware.

Achtung vor historische Bausubstanz

Charakteristische, alte Gebäude sind dagegen häufig dem Drang zu Neubau und Modernisierung zum Opfer gefallen. Erst neuerdings (und vielerorts zu spät) begreifen Städte ihre historische Bausubstanz als identitätsstiftend und damit erhaltenswürdig. Im Shanghaier Stadtteil Jing´an beispielsweise wurden 2018 ganze 631 Gebäude katalogisiert, um ihnen in einem zweiten Schritt einen Schutzstatus zu gewähren, der sie vor "Stadterneuerungsprojekten" schützen soll. Hierzu gehört auch die 2018 nach siebenjähriger Renovierungsarbeit wiedereröffnete Shanghai Chamber of Commerce von 1912.

Ganz im Trend liegen derzeit Städte wie Datong (Shanxi), Luoyang (Henan) oder Taierzhuan (Shandong), welche sich mit dem Wiederaufbau (Teile) ihrer Altstädte ihr "traditionelles" Zentrum zurückgeben.

Nicht nur in den Städten ist "Altes" mehr gefragt. Noch 2019 sollen laut dem "Traditional Chinese Villages Catalog" des chinesischen Bauministeriums über 6.000 Dörfer unter Denkmalschutz gestellt werden, für die es Restaurierungs- und Nutzungskonzepte zu erarbeiten gilt. Allerdings ist das Wissen um den Umgang mit alter Bausubstanz bisher kaum entwickelt - eine Erfahrung, die deutsche Unternehmen in China einbringen könnten, ist Annette Erpenstein, die Repräsentantin des Netzwerk Architekturexport (NAX) in Shanghai überzeugt. Damit geht nicht zuletzt oft der Wunsch nach Revitalisierung ganzer Stadtviertel einher.

Chinas Baubestand kommt in die Jahre

Viele der im China der 1960er- bis 80er-Jahren häufig rasch und mit eher minderwertigen Baumaterialen hochgezogenen Gebäude sind mittlerweile stark renovierungsbedürftig. Aber auch die danach entstandene Bausubstanz kommt allmählich in die Jahre. Während für den Innenausbau in der Regel die Wohnungseigentümer zuständig sind, obliegt der Außenausbau nicht selten der Kommune oder der Wohnverwaltung. Dabei stehen insbesondere die Dämmung der Gebäude, der Einbau von Überwachungskameras, Fahrstühlen und neuen elektrischen Leitungen im Mittelpunkt.

Zugleich will die Regierung ihre nationale Kampagne zur Renovierung heruntergekommener Wohnbauten fortsetzen und bis 2020 die letzten rund 2 Millionen benachteiligten Familien besser unterbringen. Seit ihrem Start 2008 bis 2016 konnte die Kampagne 20 Millionen Familien ein neues Zuhause bieten.

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekten in China können Sie unter http://www.gtai.de/china abrufen. Die Seite http://www.gtai.de/asien-pazifik bietet einen Überblick zu verschiedenen Themen in Asien-Pazifik.

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China Architektur, Bau-Consulting, Bauüberwachung, Architektur, Bau-Consulting, Bauüberwachung, Urbanisierung, Stadtentwicklung

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