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07.12.2018

Der US-Markt für Biopharmazeutika soll kräftig zulegen

Einschränkungen bei der Preisgestaltung würden forschende Unternehmen treffen / Von Heiko Steinacher

San Francisco (GTAI) - Die US-Nachfrage nach Biopharmazeutika soll sich von 2016 bis 2021 mehr als verdoppeln. Internationale Pharmaunternehmen schauen sich nach Übernahmekandidaten um.

Der US-Pharmamarkt wird nach einer Studie der Freedonia Group bis 2021 jährlich im Schnitt um 3,4 Prozent wachsen. Das mit Abstand stärkste Plus erwartet das Marktforschungsunternehmen bei Biopharmazeutika: Die Nachfrage nach ihnen soll sich von 2016 (50,5 Milliarden US-Dollar) bis 2021 mehr als verdoppeln (auf 106,5 Milliarden US$). Das entspricht einem Anstieg um durchschnittlich 16 Prozent pro Jahr.

Wachstumstreiber seien vor allem neue Präparate, die besser wirken als die klassischen Wirkstoffe aus der Gruppe der niedermolekularen Substanzen. Auch dürften kostengünstige Biosimilars, also Nachahmerprodukte von Biopharmazeutika, Marktanteile gewinnen, da einige umsatzstarke Originalprodukte in den nächsten Jahren ihren Patentschutz verlieren. Ferner sehen die Freedonia-Analysten in den USA ein nennenswertes Potenzial für Grippeimpfstoffe aus gentechnisch veränderten Pflanzen.

Biopharmazeutika ersetzen zunehmend herkömmliche Arzneimittel

Die Nachfrage nach Arzneimitteln zur Steuerung von Zell- und Körperfunktionen soll in den USA Freedonia zufolge bis 2021 auf 68 Milliarden US$ steigen, was einen mittleren Zuwachs pro Jahr um 4,3 Prozent bedeuten würde. Einen Teil dieses Kuchens dürften künftig auch Anbieter von Biopharmazeutika abbekommen. Insbesondere in den Bereichen Immunologie und Onkologie erweitern sie ihre Marktanteile. Biotechnologisch hergestellte, monoklonale Antikörper ersetzen immer häufiger Hormone und verwandte Mittel, die bei Indikationen wie Krebs, Diabetes und Fruchtbarkeitsstörungen angewandt werden.

Rückschlag in der Alzheimer-Forschung

Auch in anderen Therapiegebieten, zum Beispiel zur Behandlung von Erkrankungen des zentralen Nervensystems, werden in den USA immer häufiger Biopharmazeutika eingesetzt. Bei Alzheimer gilt das nach Freedonia-Angaben für rund die Hälfte aller Medikamente. Ein Markt, der trotz zahlreicher Rückschläge in der Forschung stark wachsen soll: Laut der Alzheimer's Association werden die Pflegekosten für Alzheimer-Patienten in den USA bis 2050 auf fast das Vierfache gegenüber 2017 klettern. Angaben des amerikanischen Verbands der forschenden Arzneimittelbranche (Pharmaceutical Research and Manufacturers of America, PhRMA) zufolge hatten biopharmazeutische Unternehmen, darunter Eli Lilly und Biogen, noch im Herbst 2017 an der Entwicklung von um die 90 Wirkstoffen zur Behandlung von Demenzerkrankungen gearbeitet. Allerdings war der Rückzug von Pfizer aus der Alzheimer- und Parkinson-Forschung zu Jahresbeginn 2018 ein Rückschlag.

Das Übernahmekarussell dreht sich weiter

Eine beliebte Strategie für den US-Markteintritt sind Fusionen und Übernahmen. So hat Sanofi im März 2018 für 11,6 Milliarden US$ das auf seltene Blutkrankheiten spezialisierte US-Biotechnologieunternehmen Bioverativ aus Waltham bei Boston gekauft. Im gleichen Monat hat Celgene die auf neuartige Zelltherapien spezialisierte Juno Therapeutics aus Seattle für 9 Milliarden US$ erworben. Mitte November hat Novartis angekündigt, den Krebsspezialisten Endocyte aus West Lafayette im Nordwesten des Staates Indiana für 2,1 Milliarden US-Dollar übernehmen zu wollen.

Chancen für Verpackungs- und Zukunftstechnologien

Die biopharmazeutische Industrie ist auch deshalb interessant, weil sie Anbietern gleich einer ganzen Reihe von Zukunftstechnologien Absatzchancen eröffnet. Dazu zählen vor allem Datenerfassungs- und Analysetechnologien, Nanotechnologien und die sogenannten OMICS-Methoden, die in der Systembiologie angewandt werden. Omics ist ein Neologismus und steht für molekularbiologische Methoden, die auf "-omik" (englisch: -omics) enden, wie Genomik, Proteomik und Metabolomik.

Auch Verpackungsspezialisten sehen Geschäftschancen. So hat der deutsche Pharmadienstleister Vetter bereits vor zwei Jahren ein Grundstück in der Nähe von Chicago gekauft, um ein eigenes Produktionswerk für die keimfreie Abfüllung von Spritzen zu errichten. Vetter liefert Produkte an zahlreiche Pharmafirmen, darunter das in North Chicago ansässige biopharmazeutische Unternehmen AbbVie.

Mit rund einem Drittel Weltmarktanteil sind die USA der größte Markt für Biopharmazeutika. Auch in der biopharmazeutischen Forschung haben die US-Amerikaner weltweit die Nase vorn. Zu den größten forschenden Unternehmen zählen AbbVie, Amgen, Bristol-Myers Squibb, Eli Lily and Company, Johnson & Johnson, Merck & Co. und Pfizer. Auch Ableger internationaler Pharmakonzerne, wie GlaxoSmithKline, Roche und Novartis betreiben Forschung und Entwicklung in den USA.

Arzneimittelpreise sind zum Reizthema geworden

Ein starker Euphoriedämpfer für forschende Pharmaunternehmen ist die Diskussion um Medikamentenpreise. US-Präsident Donald Trump hat die hohen Kosten im Gesundheitswesen wiederholt angeprangert. Insbesondere teure, rezeptpflichtige Arzneimittel sind ihm ein Dorn im Auge. In diesem Punkt zeigen sich Republikaner und Demokraten in seltener Eintracht, sodass einige Beobachter eine politische Allianz zur Senkung der Arzneimittelpreise erwarten. Neben Roche, Novartis und Pfizer haben auch die deutschen Pharmakonzerne Merck und Bayer angekündigt, die Preise für rezeptpflichtige Medikamente zumindest bis Ende 2018 nicht anzuheben.

Durch die bis dato freie Preisbestimmung in den USA können forschende Pharmaunternehmen Umsatzrückgänge bei Blockbustern durch Preiserhöhungen bei anderen Medikamenten abmildern. Sollte es dabei zu Einschränkungen kommen, könnten sie ihre Entwicklungspläne für neue Arzneistoffe auf den Prüfstand stellen. Denn die Forschungs- und Entwicklungskosten für ein neues Arzneimittel liegen in den USA im Schnitt bei 2,6 Milliarden US$. Das schätzen Wissenschaftler im Fachblatt "Jama Internal Medicine". Zum Vergleich: In Deutschland gehen industriefinanzierte Studien von 1 bis 2 Milliarden US$ aus. Allerdings sind die Arzneimittelpreise in den USA auch die höchsten weltweit.

Nachfrage nach pharmazeutischen Produkten (in Milliarden US$, wenn nicht anders angegeben)
Jahr 2010 2015 2016 2021 Wachstum *)
Insgesamt 188,0 243,9 258,1 305,5 3,4
.Hormone und verwandte Erzeugnisse 41,0 51,6 55,0 68,0 4,3
.Mittel zur Behandlung von Erkrankungen des zentralen Nervensystems 43,9 42,5 47,3 49,5 0,9
.Antiinfektiva 16,1 44,5 38,6 18,5 -13,7
.Kardiovaskuläre Medikamente 25,7 20,6 24,8 22,5 -1,9
.Atemwegstherapeutika 18,3 18,1 16,1 13,5 -3,5
.Nahrungsersatzstoffe 9,3 11,3 12,4 14,0 2,5
.Mittel gegen urogenitale und Erkrankungen der Verdauungswege 10,9 8,9 8,1 7,3 -2,1
.Dermatologische Medikamente 4,9 5,4 5,3 5,7 1,5
.Biologika 17,9 41,0 50,5 106,5 16,1

*) in Prozent, durchschnittlich pro Jahr im Zeitraum 2016 bis 2021

Quelle: The Freedonia Group

Weitere Informationen zu den USA finden Sie unter: HYPERLINK "file:///\\\\san-filer.gtai.lan\\MatschossR\\1_Artikel_und_Berichte\\Gelesen\\www.gtai.de\\usa" http://www.gtai.de/usa

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