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02.10.2018

Deutsche Chemiekonzerne investieren verstärkt in den USA

Bislang keine Strafzölle auf chemische Erzeugnisse / Von Heiko Steinacher

Bonn (GTAI) - Mehrere Anbieter erweitern ihr Spezialchemikaliengeschäft in den USA, mitunter durch Kapazitätsausbau. Im Außenhandel steigert Deutschland im Chemiebereich seine Arzneimittellieferungen.

Der Kölner Spezialchemiekonzern Lanxess wird in den nächsten vier Jahren gut ein halbe Milliarde Euro in die Modernisierung und den Ausbau seiner US-amerikanischen Werke investieren. "Die Energiekosten sind nur ein Drittel von dem, was wir in Deutschland zahlen. Die Wirtschaft wächst, die Steuerreform hilft noch dazu", sagte der Vorstandsvorsitzende Matthias Zachert Mitte Juli 2018 gegenüber dem Handelsblatt. Mit der Übernahme des US-Anbieters von Flammschutz- und Schmierstoffzusätzen Chemtura hatte Lanxess sein Nordamerikageschäft bereits 2017 ausgebaut.

Neben Lanxess wollen noch weitere Unternehmen ihr Spezialchemie-Business in den USA weiterentwickeln. Der malaysische Mineralölkonzern Petronas hat dabei vor allem Übernahmen im Visier. Um sich noch stärker auf Spezialchemikalien konzentrieren zu können, will sich Evonik Industries von seinem US-Standort Jayhawk in Galena, Kansas, trennen, an dem Vorprodukte für Agrarchemikalien hergestellt werden. Ferner investiert die US-Tochter des Essener Mischkonzerns am Standort Osceola, Arkansas, in eine Anlage zur Compoundierung eines Acrylatprodukts. Die neue Produktionslinie soll im 1. Quartal 2019 in Betrieb gehen und den Output der am Standort hergestellten Spezialformmassen fast verdoppeln.

Einige Beobachter meinen, dass der Zusammenschluss der US-Chemieriesen Dow Chemical und DuPont zu DowDuPont der deutschen BASF durchaus Vorteile bringen könnte. Zum einen wird der neu entstandene Konzern in die Bereiche Agrar, Werkstoffe und Spezialitäten mit jeweils eigenständigen Unternehmen aufgespalten. DuPont stößt einen Großteil seines Pflanzenschutzmittelgeschäfts ab - ein Geschäftsbereich, in den die BASF, die für fast 6 Milliarden Euro wesentliche Teile des Saatgut- und Unkrautvernichtungsmittel-Business von Bayer übernimmt, vordringen möchte. Zum anderen könnte BASF in Teile des Spezialchemiegeschäfts von DowDuPont investieren, die möglicherweise nach der Abspaltung veräußert werden.

Bayer sah sich wegen des umstrittenen Unkrautvernichters Glyphosat bis Anfang September 2018 in den USA mit rund 8.700 Klagen konfrontiert. Das Ausmaß des Risikos ist schwer einzuschätzen, doch könnten nach Meinung von Beobachtern Strafzahlungen in Milliardenhöhe auf den Konzern zukommen.

Bis 2022 hohe Investitionen erwartet

Der Ölpreis ist nach dem Ausstieg Washingtons aus dem Atomabkommen mit Iran in den letzten Monaten im Trend stabil geblieben und beflügelt Investitionen in die Schiefergasförderung. Ein Großteil davon soll als Flüssiggas exportiert werden, unter anderem nach Europa. Laut dem amerikanischen Chemieverband ACC (American Chemical Council) sollen die Investitionen in die gesamte US-Chemieindustrie 2018 um gut 6 Prozent steigen, in den vier Folgejahren im Schnitt sogar um rund 7 Prozent jährlich. Im Jahr 2022 werden sie dann etwa 48 Milliarden US-Dollar (US$) erreichen.

Die Fein- und Spezialchemikaliensparte in den USA profitiert 2018 von der guten Allgemeinkonjunktur. Der Internationale Währungsfonds prognostiziert der größten Volkswirtschaft der Welt in dem Jahr ein Wirtschaftswachstum von fast 3 Prozent.

Der private Konsum dürfte 2018 in den USA ebenfalls um knapp 3 Prozent zulegen und belebt daher die Nachfrage nach Wasch- und Körperpflegemitteln. Heimische Akteure werden ihre Produktion von Konsumchemie sowie in den Bereichen Agrochemikalien, Beschichtungen, petrochemische Basisprodukte und organische Chemikalien voraussichtlich ausweiten. Der deutsche Verband der Chemischen Industrie (VCI) prognostiziert der US-Chemie- und Pharmaindustrie 2018 ein Output-Wachstum von 3 Prozent, der ACC geht sogar von 3,4 Prozent aus.

Nachfrage nach Baustoffen und Konsumchemikalien steigt

Einem Bericht des ACC zur Jahresmitte 2018 zufolge können Chemieunternehmen in dem Jahr auch mit einer stabilen US-Nachfrage nach Baustoffen und Bauchemie rechnen, da sich der Wohnungsbau weiter erholt. Die Automobilindustrie bleibt ebenfalls ein wichtiger Abnehmer, auch wenn der Kfz-Absatz leicht zurückgehen dürfte.

Für deutsche Produzenten von Chemieerzeugnissen bleibt die Situation mit Blick auf die Vereinigten Staaten indessen angespannt. Zwar hat die US-Regierung bisher keine Schutzzölle auf Waren der chemischen Industrie verhängt, im Gegensatz zu Stahl und Aluminium. Sollte der Handelsstreit mit Washington aber eskalieren, könnte das auch die deutsche Chemiebranche treffen. Eine große Gefahr wären Strafzölle auf europäische Autos. Lanxess zum Beispiel bescherte die Automobilindustrie 2017 gut ein Viertel seines Konzernumsatzes. Laut dem VCI haben einige Kundenbranchen schon im 1. Halbjahr 2018 die Produktion aus Verunsicherung leicht zurückgefahren. Wobei es neben Handelskonflikten natürlich auch noch weitere Unsicherheitsfaktoren im Exportgeschäft gibt, darunter der bevorstehende Brexit.

Über das Anfang September 2018 in Charleston, South Carolina, eröffnete neue Werk für die dritte Generation des Mercedes-Benz Sprinter werden sich wohl eher Chemiefirmen mit Produktionsstätten vor Ort freuen. Da die USA auf leichte Nutzfahrzeuge und Transporter ("light trucks") schon seit den 1960er Jahren 25 Prozent Zoll erheben, wurden die für den US-Markt bestimmten Modelle bisher nach ihrer Fertigung in Deutschland teilweise auseinander- und vor Ort wieder zusammengebaut. Die Folge: Es waren nur die 2,5 Prozent Zoll fällig, die auf Pkw und Pkw-Teile erhoben werden. Mit der Produktionsverlagerung vermeidet Daimler dieses Zollproblem nun komplett.

Chemieimporte aus Deutschland steigen an

Für Deutschlands Chemiebranche sind die USA ein wichtiger Exportmarkt: Nach Angaben der U.S. International Trade Commission führten die USA 2017 chemische Erzeugnisse im Wert von gut 21 Milliarden US$ aus Deutschland ein. Auf Dollarbasis war das ein leichter Rückgang um 2,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Doch in den ersten sieben Monaten 2018 zog der Wert der Importe wieder an und lag um gut 25 Prozent höher als im Vergleichszeitraum ein Jahr zuvor. Die Importe medizinischer und pharmazeutischer Erzeugnisse entwickelten sich in diesem Zeitraum besonders positiv, mit einer Steigerung um 39 Prozent.

USA: Importe von Chemieerzeugnissen aus Deutschland (in Mio. US$, Veränderung in %)
SITC Produktgruppe 2015 2016 2017 Jan.-Juli 2018 1) Veränderung zu Jan.-Juli 2017 2)
5 Chemische Erzeugnisse 23.449 22.050 21.503 15.673 25,1
51 Organische chemische Erzeugnisse 2.712 2.532 2.989 1.598 -10.8
52 Anorganische chemische Erzeugnisse 819 893 830 580 19,1
53 Farbmittel, Gerbstoffe, Farben (und Lacke) 506 495 525 329 9,4
54 Medizinische und pharmazeutische Erzeugnisse 14.744 13.515 12.212 9.924 38,8
55 Ätherische Öle, Körperpflege-, Putz- und Reinigungsmittel etc. 542 560 577 346 5,1
56 Düngemittel (ausgenommen solche der Gruppe 272) 85 76 89 47 -2,1
57 Kunststoffe in Primärformen 1.459 1.376 1.539 1.005 15,4
58 Kunststoffe in anderen Formen als Primärformen 724 705 779 526 16,2
59 Andere chemische Erzeugnisse und Waren 1.858 1.898 1.964 1.319 20,4

Quelle: U.S. Department of Commerce, U.S. International Trade Commission

Weitere Informationen zu den USA finden Sie unter: http://www.gtai.de/usa

Dieser Artikel ist relevant für:

USA Chemische Industrie, allgemein

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