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10.07.2019

Deutsche Firmen machen gute Geschäfte im russischen Murmansk

Technik für Bergwerke, Baustoffhersteller und Windparks gefragt / Von Gerit Schulze

Murmansk (GTAI) - Bei den großen Investitionsvorhaben in der Region Murmansk sind deutsche Unternehmen beliebte Zulieferer. Besonders im Rohstoff- und Energiesektor kommen sie zum Zuge.

Hinter dem Polarkreis warten auf deutsche Unternehmen in Russland gute Geschäftschancen. Das zeigte eine Delegationsreise der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer auf die Halbinsel Kola im Juni 2019. Die Teilnehmer besuchten den Rohstoffkonzern PhosAgro. Europas größter Phosphatdünger-Hersteller hat in den letzten fünf Jahren rund 2,7 Milliarden Euro in die Modernisierung seiner Produktion gesteckt. Ein Teil davon ist auf die Kola-Halbinsel geflossen, wo das Unternehmen in Kirowsk Apatit- und Nephelinvorkommen fördert. Der Abbau von Apatit dort hatte 2018 einen neuen Rekordwert erreicht, auch dank deutscher Technik.

PhosAgro setzt auf deutsche Bergbautechnik

In den Gruben kommen moderne Bergwerks- und Tunnelfahrzeuge von GHH und Schalke (beide Gelsenkirchen) und der Hermann Paus Maschinenfabrik (Emsland) zum Einsatz. Jedes Jahr werden 30 neue Geräte für den Untertagebau angeschafft, sagte Alexander Kalugin, stellvertretender Technischer Direktor der PhosAgro-Filiale Kirowsk.

Thyssen-Krupp hat für einen offenen Steinbruch eine Anlage zum automatischen Abtransport von jährlich 30 Millionen Tonnen Abraum geliefert. Dazu gehören 4,3 Kilometer lange Förderbänder, die auch bei extremem Frost funktionieren müssen. Dafür investierte PhosAgro rund 70 Millionen Euro.

Die Apatit-Vorräte in Kirowsk reichen laut Alexander Kalugin noch 60 bis 70 Jahre. Das Unternehmen will nach eigenen Angaben weiter in die Förderung investieren und die Ausbeute an Apatit-Konzentrat 2019 auf 10,5 Millionen Tonnen erhöhen. Bei der neuen Technologie legt das Unternehmen viel Wert darauf, zu automatisieren und die Arbeitsproduktivität zu erhöhen. Beispielsweise will PhosAgro Gesteinsbohrungen ferngesteuert durchführen. Ein Wi-Fi-Netz unter Tage ermögliche schon heute die genau Positionsbestimmung der Abbaugeräte.

Analysetechnik aus Osnabrück für die Erzaufbereitung

Daneben soll der Aufbereitungsprozess modernisiert werden, um aus Erzen niedriger Qualität mehr wertvolle Rohstoffe zu gewinnen. Bei Trennverfahren wie Flotation, Zerreiben oder Zermahlen setzt PhosAgro in Kirowsk auf Laborautomation und Analysetechnik des Osnabrücker Herstellers Herzog.

Allerdings sind deutsche Anlagenbauer auch im Gebiet Murmansk zunehmend der chinesischen Konkurrenz ausgesetzt. Wie PhosAgro-Experte Kalugin erklärt, bewerben sich bei Lieferungen von Bergbautechnik Hersteller aus aller Welt, im Erzaufbereitungswerk käme aber überwiegend chinesische Technik zum Einsatz.

Norilsk Nickel und Severstal investieren in Förder- und Verladetechnik

Auch Norilsk Nickel (Nornikel) ist im Gebiet Murmansk aktiv bei der Rohstoffförderung - Sulfide zur Gewinnung von Kupfer und Nickel. Norilsk Nickel will alle drei Produktionsstandorte in der Region - Sapoljarny, Nikel, Montschegorsk - modernisieren, neue Verladekapazitäten schaffen und den Schadstoffausstoß senken. Dafür sind Investitionen von rund 470 Millionen Euro vorgesehen (http://www.kolagmk.ru).

Dritter wichtiger Rohstoffkonzern auf der Halbinsel ist Severstal. Das Unternehmen baut in Olenogorsk Eisenerz ab und hat dort 2018 rund 4,2 Millionen Tonnen Eisenerzkonzentrat gewonnen (http://olcon.ru). Severstal investiert fortlaufend in neue Fördertechnik und will moderne Magnet-Trennverfahren einführen.

Eine gute Gelegenheit, sich mit Bergbautechnik auf der Halbinsel zu präsentieren und Kontakte zu knüpfen, bietet die Internationale Bergbaukonferenz MGPK. Sie findet am 14. und 15. November 2019 in der Stadt Kirowsk statt und hat die nachhaltige Entwicklung der Bergbauindustrie in der arktischen Region zum Schwerpunktthema (http://conference.ncci.ru).

In Windeseile zur Energiewende

Ein weiteres interessantes Geschäftsfeld auf der Halbinsel Kola ist der Energiesektor. Als eine der wenigen russischen Regionen ist Murmansk nicht an das Gasleitungsnetz angeschlossen. Wärme wird überwiegend in Kesselanlagen produziert, die mit Heizöl befeuert werden. Diese Abhängigkeit von Schweröl will die Gebietsverwaltung verringern, Wärmeregulierung über Thermostate in Wohngebäuden einführen und die Kessel auf Gas, Kohle und Strom umstellen. Auch Müllverbrennungsanlagen sind im Gespräch.

Die Gebietsverwaltung sieht großes Potenzial bei der Nutzung natürlicher Ressourcen. Wind, Sonne, Wasserkraft und die Gezeiten in der Kola-Bucht könnten als erneuerbare Energiequellen genutzt werden. Das Gebiet Murmansk gilt als einer der aussichtsreichsten Standorte für die Produktion von Windstrom. Nach Angaben des russischen Windkraft-Verbandes RAWI sollen in der Region bis 2023 Kapazitäten von 351 Megawatt aufgebaut werden. Damit wäre die Halbinsel Kola nach den Gebieten Krasnodar und Rostow-am-Don der drittgrößte Standort für Windräder in Russland.

Enel und Fortum errichten Windparks an der Küste der Barentssee

Bis 2021 will der italienische Energiekonzern Enel nahe der Ortschaft Teriberka 57 Windräder mit einer Gesamtleistung von 201 Megawatt in Betrieb nehmen. Das Vorhaben kostet über 270 Millionen Euro. Den Lieferauftrag für die Anlagen hat Siemens Gamesa bekommen, das rund 65 Prozent der Wertschöpfung in Russland erbringen muss. Im Sankt Petersburger Werk baut Siemens unter anderem die Maschinenhäuser, Kühl- und Steuersysteme.

Finnlands Energiekonzern Fortum plant bis 2022 einen großen Windpark mit 150 Megawatt Leistung im Gebiet Murmansk.

Neues Werk für Meeresplattformen entsteht in der Kola-Bucht

An Bedeutung gewinnt die Polarregion auch dank Russlands riesiger Gasverflüssigungsprojekte. Novatek bereitet derzeit den Bau einer zweiten Anlage auf der Gydan-Halbinsel in der Karasee vor (Arctic LNG-2). Das Werk soll ab 2023 schrittweise in Betrieb gehen. Es wird durch sein Eigengewicht von 660.000 Tonnen auf dem Meeresgrund ruhen. Dafür braucht Novatek riesige Stahlbetonelemente, die bislang kein Produzent in Russland herstellen kann. Deshalb baut das Unternehmen in Belokamenka bei Murmansk ein "Zentrum für großtonnagige Meeresplattformen" (ZSKMS). Auf 260 Hektar entsteht in der Kola-Bucht ein Unternehmen zur Herstellung der Trägerelemente. Zu dem Komplex gehören zwei Trockendocks, Betonwerke, vier Kai-Anlagen, eine eigene Wasserversorgung, ein Umspannwerk und Unterkünfte für 15.000 Beschäftigte.

Ein Teil der Werkshallen und Anlegestellen ist bereits fertig. Die Produktionsausrüstungen für die Betonwerke hat Liebherr geliefert. Im dritten Quartal 2020 soll der Betrieb der Anlage starten. Nach Angaben von Dmitri Agejew, Generaldirektor von Novatek-Murmansk, soll das Werk auch nach Fertigstellung von Arctic LNG-2 genutzt werden. "Wir planen noch weitere Gasverflüssigungsanlagen, eine Auslastung ist also langfristig gesichert."

Kontaktadressen

PhosAgro, Filiale Kirowsk "Apatit"

Alexander Iwanowitsch Kalugin, Stellvertretender Technischer Direktor

Uliza Leningradskaja 1

184250 Murmanskaja oblast, gorod Kirowsk

Tel. +7815 31 35489

akalugin@phosagro.ru

http://www.phosagro.ru

OOO Novatek-Murmansk

Dmitri Wladimirowitsch Agejew, Generaldirektor

Uliza Spolochi 4a

183025 Murmansk

Tel. +7 8152 998000

dmitriy.ageev@nm.novatek.ru

murmansk@nm.novatek.ru

Weitere Informationen zur Region Murmansk finden Sie im Artikel: „Murmansk wird zum Drehkreuz für Russlands Arktispläne“ https://www.gtai.de/MKT201907088003

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll und Ausschreibungen in Russland sind unter https://www.gtai.de/russland abrufbar.

Dieser Artikel ist relevant für:

Russland Bergbau / Rohstoffe, allgemein, Strom-/ Energieerzeugung, Wind, Öl, Gas, Erze, Regionalstruktur, Bergbaumaschinen, Geo-Bohrtechnik

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