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18.10.2019

Deutsche Logistikfirmen erschließen Potenzial der neuen Seidenstraße in Russland

Transportunternehmen profitieren vom steigendem Warenaustausch / Von Hans-Jürgen Wittmann

Moskau (GTAI) - Russland ist integraler Bestandteil des Ost-West-Korridors der chinesischen Belt and Road Initiative. Der Warenaustausch über russisches Gebiet bietet deutschen Firmen Geschäftschancen.

China macht deutschen Unternehmen auf dem russischen Markt immer mehr Konkurrenz. Bei Konsumgütern ist der Onlineshop Alibaba die unbestrittene Nummer eins im grenzüberschreitenden Handel. Bei Investitionsgütern erschweren die Asiaten mit einer aggressiven Preispolitik deutschen Lieferanten das Leben. "China ist dabei, in klassischen Stärkebereichen der deutschen Exportindustrie unseren Unternehmen den Rang abzulaufen", erklärte der Vorstandsvorsitzende der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (AHK), Matthias Schepp, bei der Vorstellung der aktuellen Geschäftsklima-Umfrage im Juni 2019.

Geschäftschancen für deutsche Unternehmen

Dabei kann die Einbindung Russlands in die Belt and Road Initiative (BRI, neue Seidenstraße) auch positive Anknüpfungspunkte für deutsche Unternehmen bieten. Bis Juni 2018 wurden auf den bislang bestehenden Korridoren von China nach Europa insgesamt über 10.000 Transporte durchgeführt und damit rund 800.000 Standardcontainer zwischen 48 chinesischen und 42 europäischen Städten befördert, davon bis 2017 allein 65.000 zwischen China und Deutschland.

Der Geschäftsführer des Logistikspezialisten Rhenus in Russland, Olaf Metzger, sieht im wachsenden Güterverkehr zwischen Europa und China entlang der eurasischen Transportkorridore gute Geschäftschancen für deutsche Unternehmen: "Wir haben bereits früh das Potenzial der neuen Seidenstraße erkannt und entsprechend ein eigenes Geschäftsmodell namens ,Rhenus Silk Way' entwickelt."

Im Rahmen dieses Projekts befördert das internationale Logistikunternehmen einerseits Güter zwischen seinen Kunden in Europa und China. Andererseits werden Waren von Russland aus zu den Abnehmern sowohl nach Osten als auch nach Westen transportiert. Dabei liegt der Fokus neben Ausrüstungen für die Landwirtschaft auf landwirtschaftlichen Gütern wie Milchprodukten, Saatgut und Pflanzenschutzmitteln. Die Sammelguttransporte werden größtenteils über Lkw abgewickelt. Auf Kundenwunsch kann der Transport auch über die Schiene erfolgen.

Die Ware wird beispielsweise aus Hubs in Europa, etwa dem hessischen Dietzenbach, oder aus den Lagern des 2018 übernommenen Logistikunternehmens Spaarmann in Forst oder Frankfurt/Oder versendet. Auch aus Mailand oder Vilnius gehen Sendungen gen Osten auf die Reise. Von Dietzenbach aus dauert der Transport per Straße nach China üblicherweise zwei bis drei Wochen, abhängig von der Jahreszeit und den Straßenverhältnissen. Bei einem klirrend kalten Winter auf vereisten sibirischen Straßen kann es entsprechend länger dauern.

Logistikzentren in Russland als Teil des "Rhenus Silk Way"

In Russland werden die Waren umgeschlagen. Dazu hat Rhenus im Mai 2019 ein Logistikzentrum im Gebiet Woronesch eröffnet. Im Herzen des Schwarzerde-Gebiets liegt Woronesch geografisch günstig, nämlich direkt an der Kreuzung der Nord-Süd-Autobahn M4 "Don" und der Ost-West-Verbindung A144 von Kursk nach Saratow. Von beiden Trassen sind Transportkorridore nach China gut zu erreichen. Zudem befindet sich mit dem deutschen Milchproduzenten Stefan Dürr ein wichtiger Kunde von Rhenus in der Region, dessen Waren von dort verschickt werden.

Rhenus denkt bereits über den Ausbau des Projekts "Rhenus Silk Way" nach: So soll in Woronesch eine neue Lageranlage für Saatgut entstehen. Auch in anderen russischen Regionen sind weitere Hubs geplant: "In Krasnodar werden wir bis Ende 2021 ein Logistikzentrum für landwirtschaftliche Produkte, sowie bis Ende 2022 einen Lagerkomplex für Pflanzenschutzmittel errichten", gibt Olaf Metzger Einblicke in die Unternehmensstrategie.

Überdies wird in Smolensk ein Lager zur Zollabfertigung von Gefahrgut und ein zusätzliches Terminal zur Kennzeichnung von Waren entstehen. Bestimmte Warengruppen müssen bei der Einfuhr nach Russland mit einem digitalen Data-Matrix-Code oder einem RFID-Tag versehen werden. Seit 2016 sind Pelze und seit 2019 Tabakwaren (seit 1. März) und bestimmte Arzneimittel (seit 1. Juli) von der Kennzeichnungspflicht betroffen. Im Jahr 2020 sollen alle Arzneimittel, Schuhe, Milchprodukte, Fotokameras, Reifen, Bekleidung, Heimtextilien, Juwelierwaren und Parfüms digital gekennzeichnet werden. Weitere Waren (zum Beispiel Rollstühle, Fahrräder, Kinderwaren) werden folgen.

Umsetzung der Seidenstraßenprojekte erfolgt von Russland und China aus

Den chinesischen Markt haben Rhenus-Mitarbeiter zunächst aus den Niederlassungen in Moskau und Jekaterinburg entwickelt. Unterstützung beim Aufbau einer lokalen Präsenz bekamen sie von den Kollegen aus der Niederlassung in Shanghai. So konnte Rhenus landestypische Hürden wie Sprache oder Mentalität umschiffen. Gleich hinter der russischen Grenzstadt Sabaikalsk, im autonomen Gebiet Pinyin (Innere Mongolei), hat der deutsche Logistikspezialist bereits einen Hub eingerichtet. In Harbin, der Hauptstadt der Provinz Heilongjiang, ist die Eröffnung eines weiteren Verteilzentrums geplant.

Entlang der Seidenstraße sind mehrere Unternehmen der Rhenus-Gruppe im Einsatz. Von China aus erbringt Rhenus über den Geschäftszweig "Rhenus Air & Ocean" von Shanghai aus Speditionsdienstleistungen auf der Schiene. Rhenus Intermodal Systems bietet chinesischen Unternehmen das Leasing von Containern auf Zügen zwischen Russland und den GUS-Staaten an. Das Tochterunternehmen Contargo wickelt Züge zwischen Deutschland und China entlang der Seidenstraße ab. Endstation ist dabei das Intermodal-Terminal in Duisburg (DIT), das mehrheitlich Contargo gehört. Die Tochtergesellschaft LTE bietet Bahntransporte mit eigenen Lokomotiven an. Pro Woche gehen bis zu fünf Züge von China nach Europa auf die Reise.

Grüner Korridor soll Zollabwicklung vereinfachen

Um den Grenzübertritt an der russisch-chinesischen Grenze zu beschleunigen, plant Rhenus, einen "grünen Zollkorridor" einzurichten. Dabei handelt es sich um ein vereinfachtes System zur elektronischen Abfertigung von Waren, bei dem Rhenus-Mitarbeiter und Zollbeamte Hand in Hand arbeiten. Eine entsprechende Lösung hat der deutsche Logistik-Dienstleister bereits mit Unterstützung der AHK an der russisch-belarussischen Grenze entwickelt - als erstes ausländisches Unternehmen in Russland: "Unsere Lkw können seither in Smolensk viel schneller abgefertigt werden, was Kosten spart und den Transport beschleunigt", unterstreicht Olaf Metzger die Vorteile des Projekts.

Weitere deutsche Firmen erschließen Logistikpotenzial

Neben Rhenus setzen weitere deutsche Logistikdienstleister auf den steigenden Warenverkehr zwischen China und Europa über Russland. Hellmann und die Vereinigte Transportlogistikfirma der Eurasischen Eisenbahnallianz (UTLC ERA) arbeiten beim Transport von Pkw zusammen. Seit April 2019 liefert Hellmann täglich Fahrzeuge aus Bremerhaven nach Chongqing.

Seit 2011 sind Containerzüge der DB Cargo entlang der Seidenstraße unterwegs. Bis 2030 soll sich das Zugaufkommen auf etwa 10.000 Züge pro Jahr verdoppeln. Zusammen mit der russischen Logistikfirma Fesco realisiert DB Cargo seit Sommer 2019 den Transport leicht verderblicher Waren innerhalb von 20 Tagen zwischen Russland und China.

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Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll und Ausschreibungen in Russland sind unter http://www.gtai.de/russland abrufbar.

Unter http://www.gtai.de/seidenstrasse finden Sie zahlreiche weitere GTAI-Beiträge zum Thema neue Seidenstraße.

Dieser Artikel ist relevant für:

Russland, China Logistik / Speditionen, Seidenstraße

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