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27.09.2019

Deutsche Unternehmen investieren in israelische Technologie

Geschäftsstil israelischer Startups hat seine Besonderheiten / Von Wladimir Struminski

Jerusalem (GTAI) - Deutsche Unternehmen, auch Mittelständler, zeigen, sich für Investitionen in israelische Hightech offen. Manchmal ist aber gute Beratung für beide Seiten gefragt.

Israelische Technologie ist bei deutschen Firmen seit langem gefragt, doch konzentrierte sich das Interesse deutscher Unternehmen lange Zeit auf die Vergabe von Forschungs- und Entwicklungsaufträgen oder den Erwerb fertiger Technologielösungen. Demgegenüber waren Investitionen in die israelische Hightech-Branche viel seltener. Auch heute sind solche Investitionen zwar nicht dominant, doch zeigen sie einen Aufwärtstrend.

Eine Erhebung der auf den Wagniskapitalmarkt spezialisierten israelischen Marktforschungsfirma IVC Research im Auftrag der Wirtschaftszeitung Globes stellte fest, dass deutsches Engagement in der israelischen Hightech-Szene seit 2016 zunimmt. Nach IVC-Angaben entfielen im 1. Halbjahr 2019 rund 30 Prozent aller europäischen Hightech-Investitionen auf deutsche Unternehmen.

Nach einer von Start-Up Nation Central durchgeführten Erhebung waren deutsche Unternehmen 2018 an 5 Prozent aller Hightech-Transaktionen in Israel beteiligt. Wie der Geschäftsführer der AHK Israel, Grisha Alroi-Arloser gegenüber Globes erklärte, haben 60 Prozent der Dax30-Firmen Vertretungen in Israel, die nach neuen Technologien Ausschau halten.

Mittelständler zeigen Interesse

Eine Trendwende zu aktivem Engagement deutscher Firmen in Israel beobachtet auch die international tätige Anwaltskanzlei Pearl Cohen Zedek Latzer Baratz (Pearl Cohen), die sich auf die Vertretung von innovationsorientierten Unternehmen spezialisiert und Büros in New York, Tel Aviv und London unterhält. Wie Guy Lachmann, Partner bei Pearl Cohen, gegenüber Germany Trade and Invest erklärte, seien zunehmend mittelständische deutsche Firmen zu sehen, die in Israel investierten.

Der Grund für das steigende Interesse deutscher Firmen an israelischer Technologie sei die zunehmende Erkenntnis, dass disruptive Technologien für den Erfolg, wenn nicht sogar fürs Überleben der betreffenden Unternehmen unerlässlich seien. Deshalb seien deutsche Firmen jetzt risikofreudiger.

Deutsche Investoren seien in der Regel nicht nur am Kauf einer aktuell benötigten technologischen Lösung interessiert, sondern überlegten sich auch, wie israelische Technologie in ihre langfristige Strategie integriert werden könne. Oft würden auch Technologien gesucht, die für Kunden des deutschen Unternehmens wichtig sein könnten. Am gefragtesten sei unter deutschen Firmen die israelische Autotech-Branche. Allerdings mache sich das Interesse auch in anderen Technologiesparten zunehmend bemerkbar, unter anderem Cybertech, Fintech und Foodtech.

Ein beliebtes Finanzierungsinstrument seien unternehmenseigene Wagniskapitalfonds (VC). Bei diesen spiele die Überlegung, wann und mit welchem Gewinn das Investitionsobjekt wiederverkauft werden kann, wie es bei regulären VC-Fonds oft der Fall ist, nicht die ausschließliche Rolle. Vielmehr seien auch Synergieeffekte ein wichtiges Entscheidungskriterium.

Kulturelle Unterschiede beachten

Bei Investitionen deutscher Firmen in israelische Startups könnten indessen, so Lachmann, kulturelle Unterschiede hervortreten, die die Zusammenarbeit belasten oder das Geschäft als Ganzes gefährden. Zwar sei es richtig, dass deutsche und israelische Geschäftsleute ebenso wie Forscher und Wissenschaftler in aller Regel mit Leichtigkeit einen gemeinsamen Nenner fänden. Demgegenüber sei das Zusammentreffen israelischer Startup-Gründer mit etablierten deutschen Unternehmen für kulturelle Unterschiede anfälliger.

Dafür gebe es mehrere Gründe. So etwa nähmen israelische Startup-Gründer den Verkauf ihres Unternehmens oder die Beteiligung eines ausländischen Partners sehr persönlich. Sie projizierten ihre eigene Begeisterung auf den ausländischen Investor, der das Geschäft viel nüchterner sieht. "Deutsche Firmen", so Lachmann, "müssen sich nicht nach solchen Stimmungen ihrer israelischen Gesprächspartner richten, doch sollten sie sich potenzieller Unterschiede bewusst sein, um besser auf diese zu reagieren."

In einem konkreten Fall warnte Lachmann den Delegationsleiter einer deutschen Firma vor der ersten Verhandlungsrunde mit einem israelischen Startup, der israelische Partner würde im Lauf des Gesprächs emotional argumentieren. Das war auch der Fall, als der Israeli die große Bedeutung betonte, die seine Firma für ihn habe, die Zeit, die er in das Projekt investiert habe und sogar die Bedeutung seines Erfolgs für seine Familie und deren Unterhalt. Der vorgewarnte deutsche Manager reagierte ruhig, aber deutlich, indem er erklärte, man sei doch zusammengekommen um zu prüfen, ob eine für beide Seiten vorteilhafte Transaktion möglich sei. Nach diesem Austausch gingen die Verhandlungen sachlich weiter.

Viele israelische Startups sind mit der Mentalität großer, international agierender Unternehmen aus dem Ausland nicht vertraut, weil sie bisher keine Erfahrung mit ausländischen Großinvestoren hatten, sondern allenfalls mit privaten Geldgebern (Angels), die wiederum eine andere Mentalität hätten. Das kann Israelis dazu verleiten, ihre eigene Bedeutung für den deutschen Investor zu überschätzen.

Ihrerseits können Geschäftsleute aus Deutschland einen emotionalen Auftritt und einen Mangel an Bescheidenheit seitens israelischer Verhandlungspartner als aggressiv empfinden und von der geplanten Transaktion abrücken. Falls die Möglichkeit solcher kulturellen Unterschiede nicht im Voraus klar ist, droht das Geschäft an der unterschiedlichen Einstellung der beiden Seiten zu scheitern. Vor diesem Hintergrund kann es sich für deutsche Unternehmen aber auch für israelische Startups empfehlen, kompetente Vertreter oder Berater zu finden, welche die drohenden Fallen kennen und sie vermeiden helfen.

Kaum Investitionen in israelische Produktionsunternehmen

Nach den jüngsten verfügbaren Angaben der israelischen Amtsstatistik belief sich der Bestand deutscher Direktinvestitionen in Israel Ende 2017 auf 525 Millionen US-Dollar beziehungsweise 0,6 Prozent des gesamten Bestands ausländischer Direktinvestitionen. Zu 90 Prozent entfielen die deutschen Investitionen auf Dienstleistungen, wobei auch in Ermangelung einer weitergehenden Unterteilung anzunehmen ist, dass es sich zu einem großen Teil um Investitionen in Hightech-Dienste handelte. Weitere 10 Prozent waren nicht nach Wirtschaftssektoren aufgeschlüsselt, während die deutschen Investitionen in das verarbeitenden Gewerbe unterhalb der Erfassungsschwelle lagen.

Kontaktadressen

Institution Internetadresse Anmerkungen
Start-Up Nation Central https://www.startupnationcentral.org Nichtregierungsorganisation zur Förderung des Hightech-Sektors
Pearl Cohen Zedek Latzer Baratz https://www.pearlcohen.com Auf innovationsorientierte Unternehmen spezialisierte Anwaltskanzlei

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekten in Israel können Sie unter http://www.gtai.de/israel abrufen.

Dieser Artikel ist relevant für:

Israel Elektrotechnik/Elektronik allgemein, Investitionen aus dem Ausland / Joint Ventures, Start-up

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