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11.10.2019

Deutsches Mobilitäts-Start-up steigt in den US-Markt ein

Arbeitskosten in Kaliforniens Gig Economy könnten bald deutlich steigen / Von Heiko Steinacher

San Francisco (GTAI) - Das Hamburger Mobilitäts-Start-up Wunder Mobility eröffnet einen Standort im US-Bundesstaat Kalifornien - und tritt damit in Wettbewerb zu den Fahrdienstleistern Uber und Lyft.

Wunder Mobility hat Mitte September 2019 einen Standort in Los Angeles eröffnet. Das Unternehmen plant noch weitere Schritte zur Markterschließung in den USA, machte dazu aber keine näheren Angaben. "Unser Erfolg in Europa und vielen anderen Ländern weltweit bestärkt uns darin, den weltweit größten Markt für Softwarelösungen, die USA, mit der Eröffnung eines Standortes in Kalifornien direkt anzugreifen", sagt Sam Baker, Mitgründer von Wunder Mobility. Baker zufolge bilden die On-Demand-Mobilitätsoptionen von Uber und Lyft erst einen kleinen Teil aller Transportmöglichkeiten ab.

Konkurrenz für US-Platzhirsche

Wunder Mobility bietet eine größere Produktpalette an als seine US-Konkurrenten. Dazu gehören Fahrgemeinschaften, Flottenteilung, Autovermietung und Dienstleistungen wie Datenanalyse, die in Zusammenarbeit mit den Kommunen zu neuen Angeboten ausgebaut werden sollen, zum Beispiel um Parkraum optimal zu nutzen. Dabei kooperiert das Hamburger Start-up mit Erstausrüstern, Städten und Technologie-Start-ups. In den USA arbeitet Wunder Mobility mit einem Automobilunternehmen sowie mit mehreren Start-ups in der Frühphase zusammen, darunter Caramel, einem Carsharing-Start-up, und Kuhmute, einem Ladestationenanbieter.

Offenbar überzeugt das Geschäftsmodell: Von seinen Bestandsinvestoren, darunter den beiden US-Wagniskapitalgebern Blumberg Capital und KCK, sammelte das Unternehmen 2019 erneut 30 Millionen US-Dollar (US$) ein, sodass es seine Serie-B-Runde mit insgesamt 60 Millionen US$ abgeschlossen hat.

"Dennoch ist es schwer für ein Unternehmen aus dem Mobilitätsbereich, ganz egal wo es herkommt, einen Fuß in den US-Markt zu bekommen", dämpft Sven Beiker, Geschäftsführer der Beratungsfirma Silicon Valley Mobility, die Euphorie etwas. "Zwar stellt Wunder Mobility vorrangig die Technologieplattform bereit, auf der Kunden ihre Shared-Mobility-Dienste anbieten können. Doch müssen diese Kunden sehr gut verstehen, wie Lobbying funktioniert, und sie sollten über genug Kapital und einen gewissen Bekanntheitsgrad verfügen, denn die Platzhirsche vor Ort wehren sich", weiß der Mobilitätsexperte und Dozent an der Graduate School of Business der Stanford Universität.

Neues Zentrum zur Entwicklung sauberer Verkehrsmittel

"Wenn innovative Unternehmen den Weg gehen, sich mit den Großen der Branche anzulegen und dabei Nachhaltigkeitsaspekte berücksichtigen, freut uns das sehr - daraus können sich neue Partnerschaften ergeben", sagt Marc Dörfer, Leiter der im September 2019 gegründeten US-Niederlassung von PEM Motion in Sacramento, Kalifornien. Die US-Dependance des Aachener Unternehmens baut das dortige California Mobility Center (CMC) auf, nach dem Vorbild seiner Ramp-up Factory in Aachen. Das CMC soll die Entwicklung sauberer Verkehrsmittel und autonomer Fahrzeugtechnologien fördern. Auch PEM Motion arbeitet sowohl mit Erstaurüstern, Tier-1-Zulieferern und vielen Start-ups aus dem Mobilitätssektor zusammen. "Dabei wollen wir vor allem die Time-to-Market in der Hardwareentwicklung beschleunigen", so Dörfer.

Im Gegensatz zu Uber und Lyft, die dafür Fahrer engagieren, bietet Wunder Mobility über seine Plattform keine Taxidienstleistungen an. Anstatt diese Menschen anzustellen, vergeben die beiden US-Wettbewerber indes Aufträge an Privatfahrer, die über den Auftraggeber weder sozialversichert sind, noch Anspruch auf den Mindestlohn haben.

Dunkle Wolken über der Gig Economy

Dieser Praxis will der kalifornische Gesetzgeber nun Einhalt gebieten: Mitte September 2019 hat der US-Bundesstaat ein Gesetz erlassen, nach dem Unternehmen, die Kontrolle über die Erfüllung von Aufgaben unabhängiger Mitarbeiter haben oder bei denen die Erfüllung dieser Aufgaben Teil der regulären Geschäftstätigkeit ist, diese Mitarbeiter wie Angestellte behandeln müssen.

Das Gesetz unter dem Kürzel AB5 (Assembly Bill 5; https://leginfo.legislature.ca.gov/faces/billNavClient.xhtml?bill_id=201920200AB5) wird am 1. Januar 2020 in Kraft treten. Es könnte die sogenannte Gig Economy, also den Teil des Arbeitsmarktes, bei dem kleine Aufträge kurzfristig an unabhängige Selbständige, Freiberufler oder geringfügig Beschäftigte vergeben werden, komplett umkrempeln. In Kalifornien seien davon rund 1 Million Menschen betroffen, verlautet es aus Fachkreisen, darunter Ride-Hailing-Fahrer, Lebensmittelkuriere, Hausmeister und Bauarbeiter.

Das Gesetz dürfte Signalfunktion für weitere Landesteile haben, besonders für die Bundesstaaten New York, Washington und Oregon. New York führte im Februar 2019 einen gesetzlichen Mindestlohn für Fahrer ein, ohne diese jedoch als Mitarbeiter zu klassifizieren. Und in den Bundesstaaten Washington und Oregon liegen ähnliche Gesetzentwürfe vor wie in Kalifornien, sodass diese eine neue Dynamik entfalten könnten.

MKT201910108000.14

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