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13.06.2017

Deutschland und Indien planen intensivere Zusammenarbeit

Wiederaufnahme der Gespräche über ein EU-Freihandelsabkommen / Von Heena Nazir

Mumbai (GTAI) - Bundeskanzlerin Angela Merkel hat Ende Mai 2017 den indischen Premierminister Narendra Modi zu den 4. Deutsch-Indischen Regierungskonsultationen in Berlin empfangen. Im Mittelpunkt der Gespräche stand unter anderem der Ausbau der wirtschaftlichen Zusammenarbeit. Deutschland ist Indiens wichtigster Handelspartner innerhalb der Europäischen Union (EU). Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien sollen wieder aufgenommen werden.

Die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Indien und Deutschland haben sich in den letzten Jahren dynamisch entwickelt. Circa 1.800 deutsche Firmen haben in dem südasiatischen Land neue Geschäfts- und Investitionsmöglichkeiten gefunden und entsprechend investiert. Auch das Interesse indischer Unternehmen an Deutschland steigt stetig an.

Ende Mai 2017 fanden in Berlin die Deutsch-Indischen Regierungskonsultationen zum vierten Mal statt. Das Ziel ist, die Zusammenarbeit zwischen beiden Staaten weiter zu vertiefen. Deutschland und Indien unterzeichneten mehrere Abkommen zur Kooperation in unterschiedlichen Bereichen, dafür wurde ein Entwicklungsetat in Milliardenhöhe vereinbart. Deutschland will Indien künftig jährlich mit 1 Mrd. Euro unterstützen. Die Investitionen betreffen unter anderem die nachhaltige Stadtentwicklung (Smart Cities Initiative), erneuerbare Energien, digitale Technologien, Infrastrukturprojekte und die Verbesserung der Bildungschancen auf dem indischen Arbeitsmarkt.

Premierminister Modi betonte die Zusammenarbeit in der Ausbildung junger Leute nach dem Vorbild des deutschen dualen Systems. Davon würde nicht nur die indische Seite profitieren sondern auch deutsche Firmen auf dem Subkontinent, die qualifizierte Arbeitskräfte benötigen. Außerdem sicherte Bundeskanzlerin Merkel Unterstützung bei der Umsetzung des Pariser Klimaabkommens zu. Während des Deutschlandbesuchs Modis wurden Vereinbarungen zur Zusammenarbeit in folgenden Bereichen getroffen:

Deutsch-Indische Zusammenarbeit
Vereinbarung
Kooperation in Digitalisierung und Wirtschaft
Ausbildung und Erlernen beruflicher Fähigkeiten
Fortsetzung der Zusammenarbeit im Indisch-Deutschen Zentrum für Nachhaltigkeitsforschung (Sustainability)
Kooperation auf dem Gebiet der Cybersicherheit
Intensivierung der Deutsch-Indischen Entwicklungszusammenarbeit
Aus- und Weiterbildung von Unternehmens- und Nachwuchsführungskräften aus Indien
Berufliche Bildung und Kompetenzentwicklung im Werkzeugmaschinenbereich
Zusammenarbeit im Gesundheitswesen
Kooperation in der alternativen Medizin
Zusammenarbeit im Bereich der Eisenbahnsicherheit
Nachhaltige Stadtentwicklung (Smart City Initiative)

Quelle: Indisches Außenministerium, Juni 2017

Indien hat derzeit mit einem Wachstum in Höhe von 7,1% im Finanzjahr 2016/17 (1.4. bis 31.3.) eine im Vergleich zu anderen Schwellenländern rasch wachsende Wirtschaft. Das Handelsvolumen zwischen Deutschland und Indien betrug 2016 rund 17,4 Mrd. Euro. Indien importierte im vergangenen Jahr Waren im Wert von 9,8 Mrd. Euro aus Deutschland.

Um Investitionen deutscher Firmen zu fördern, will Indien das 2015 vereinbarte Fast-Track-Genehmigungsverfahren weiter ausbauen. Deutschen Unternehmen soll damit das Auslandsgeschäft durch den Abbau bürokratischer Hemmnisse deutlich erleichtert werden.

Die Kündigung des bilateralen Investitionsschutzabkommens von indischer Seite sorgte für Verunsicherung bei den deutschen Firmen. Weiterhin erschweren strukturelle Probleme, mangelhafte Infrastruktur, überbordende Bürokratie und auch die oftmals undurchsichtige Rechtslage deutschen Unternehmen Investitionen in Indien umzusetzen. In diesem Zusammenhang wurde die Diskussion um ein Freihandelskommen wieder lauter.

Gespräche über die Fortsetzung der Verhandlungen

Ein Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien könne die bilaterale Kooperation deutlich voran bringen, und die exportorientierte deutsche Wirtschaft würde stark profitieren. Das Geschäft mit Indien könnte jährlich schätzungsweise 4,6 Mrd. Euro zum Bruttoinlandsprodukt beitragen, berichtete das Ifo-Institut im Auftrag der Bertelsmann Stiftung. Insgesamt gestalten sich die im Jahr 2007 begonnenen Verhandlungen allerdings sehr schwierig, da divergierende Ansichten auf beiden Seiten verhärtet sind.

Indien ist bestrebt, bestimmte Sektoren und vor allem die Millionen Kleinbetriebe des Landes vor der übermächtigen Konkurrenz aus Europa zu schützen. So muss ein ausländisches Unternehmen beispielsweise 30% seiner Produkte oder deren Komponenten in Indien herstellen lassen, damit die Artikel in einem zu 100% eigenen Geschäft verkauft werden dürfen. Die EU versucht im Rahmen des Freihandelsabkommen die weitere Öffnung des Einzelhandels zu erreichen - ein Streitpunkt, bei dem eine Einigung noch aussteht.

Der Schutz des geistigen Eigentums ist ein heikles Thema. Indien ist weltweit der größte Hersteller von medizinischen Nachahmerprodukten und verweigert sich einem Ausbau des Patentschutzes. Die europäische Pharmaindustrie sieht den Schutz ihrer Produkte in Gefahr. Daher besteht die EU bei diesem Thema auf eindeutigen Regelungen.

Ein weiterer strittiger Punkt sind die hohen Einfuhrzölle für Automobile. Die EU fordert im Zuge des Freihandelsabkommens den Abbau von Zöllen für die Einfuhr von Fahrzeugen aus Europa, die aktuell 60% betragen. Das Abkommen sieht eine Reduzierung dieser Einfuhrbelastung um 30% vor. Der indische Automobilsektor bildet das Herzstück der "Make in India"-Kampagne, mit der die Regierung die inländische Industrieproduktion ankurbeln will. Im Herabsenken der Zölle sieht Indien eine Gefahr für die heimische Produktion und stellt sich gegen die Forderung. Auch in der Vergangenheit scheiterte der Abschluss des Abkommens unter anderem an den Unstimmigkeiten über die Öffnung des Kfz-Sektors.

Indien sieht sich ebenso angesichts der hoch subventionierten europäischen Landwirtschaft im Nachteil. Eine weitere Marktöffnung könnte lokale Landwirte in den Ruin treiben, so die Sorge. Expertenschätzungen zufolge beziehen rund 60% der Bevölkerung ihr Einkommen direkt oder indirekt aus der Landwirtschaft. Die EU besteht außerdem auf dem Abbau der hohen Zölle auf Alkohol sowie auf einer vollständigen Öffnung des Banken- und Versicherungssektors.

Während der Konsultationen betonten die Regierungschefs beider Nationen wieder die Wichtigkeit des Voranschreitens eines Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien. Die Hoffnung ist, dass es sich hierbei um erste Signale zur Wiederaufnahme der Gespräche handelt. Viel hängt allerdings von der Kompromissbereitschaft beider Parteien ab.

(HENA)

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekten in Indien können Sie unter http://www.gtai.de/indien abrufen. Die Seite http://www.gtai.de/asien-pazifik bietet einen Überblick zu verschiedenen Themen in Asien-Pazifik.

Dieser Artikel ist relevant für:

Indien Wirtschaftsbeziehungen zu Deutschland, Wirtschaftsbeziehungen zur EU, Entwicklungszusammenarbeit, Handels-, Zollabkommen, WTO, Außenwirtschaftspolitik, allgemein

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