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30.09.2019

Deutschland wirbt um mexikanische Fachkräfte

Beide Seiten sollen von Anwerbung profitieren / Von Florian Steinmeyer

Mexiko-Stadt (GTAI) - Das Bundesgesundheitsministerium will Pflegekräfte aus Mexiko anwerben. Doch nicht nur für soziale Berufe bietet das Land ein riesiges Fachkräftepotenzial.

Auf der Suche nach Fachkräften schauen deutsche Politiker nach Mexiko. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn reiste am 20. September 2019 in das lateinamerikanische Land und hatte Einiges im Gepäck. So übergab er 15 Repräsentanten von Pflegeschulen Einladungsschreiben, damit sich diese ein Bild von den Arbeitsbedingungen in Deutschland machen können. Wieder zurück in Mexiko sollen sie heimische Pflegekräfte über die hiesigen Arbeitsmöglichkeiten informieren und somit als Multiplikatoren fungieren.

Auswanderungswillige Qualifizierte will Spahn durch einen beschleunigten Visaprozess unterstützen. Auch soll sichergestellt werden, dass die Arbeitsbedingungen und Löhne in Deutschland fair sind. Eine konkrete Zielmarke für die Anwerbung aus Mexiko gibt es nicht, Spahn geht jedoch von einigen hundert Pflegekräften aus. Zuvor hatte sich das Gesundheitsministerium bereits um Fachkräfte aus dem Kosovo und von den Philippinen bemüht. Der Bedarf in Deutschland ist groß: Rund 50.000 bis 80.000 Stellen können in Deutschland nicht besetzt werden. Besonders kritisch ist die Situation in der Alten- und Krankenpflege.

Programm soll für alle Seiten Vorteile bringen

So verlockend die Anwerbung im Ausland scheint, so politisch und moralisch heikel ist sie. Das Gesundheitsministerium betont daher, dass es stets darauf achte, dass alle Seiten von dem Programm profitieren. Deshalb wirbt es nur in solchen Ländern um Fachkräfte, deren Demografie und Arbeitsmarktsituation die Abwanderung zuließen.

Eine Win-win-Situation hält auch Emmanuel Winkler, Stabsstellenleiter Duale Ausbildung aus dem ExperTS-Programm an der Deutsch-Mexikanischen Industrie- und Handelskammer (AHK Mexiko), für möglich: "Wegen der interkulturellen Kompetenzen sowie der familiären Prägung schaffen es die Mexikaner, verschiedene Kulturen mit Freude und Leidenschaft zu verbinden." Dies sei im Pflegebereich besonders wichtig. Zudem stärken die Auswanderer durch Rücküberweisungen die mexikanische Wirtschaft und bringen wertvolle Erkenntnisse aus einem anderen Arbeitsumfeld mit nach Hause, so Winkler.

Mexiko top bei MINT-Absolventen

Nicht nur in der Pflegebranche bietet Mexiko einen großen Pool an Spezialisten. Mit rund 190.000 Absolventen in den sogenannten MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) lag das Land 2016 laut den Vereinten Nationen in den weltweiten Top zehn. Jüngere Vergleichsdaten sind nicht verfügbar. Besonders bei der Ausbildung von Ingenieuren ist Mexiko stark: Knapp 160.000 Personen und somit rund 21 Prozent aller Hochschulabgänger schlossen 2016 ein entsprechendes Studium ab.

Angesichts der schlechten Konjunkturlage und der schwach entwickelten Industrie in weiten Landesteilen finden viele von ihnen jedoch keinen Job oder üben Tätigkeiten aus, für die sie überqualifiziert sind. Die Arbeitslosenquote der 25- bis 29-Jährigen lag 2018 mit 4,6 Prozent deutlich über dem bevölkerungsweiten Durchschnitt von 3,3 Prozent. Und: Die Zahl spiegelt nicht die komplette Problematik wider, da informelle Jobs und Unterbeschäftigung häufig vorkommen, unter denen junge Arbeitnehmer ebenfalls besonders leiden.

ZAV in Mexiko tätig

Bereits seit 2017 wirbt die Zentrale Arbeits- und Fachvermittlung (ZAV), eine Dienststelle der Bundesagentur für Arbeit, in Mexiko für das Arbeiten in Deutschland. Und informiert beispielsweise Interessierte auf Veranstaltungen über hiesige Voraussetzungen und Arbeitsbedingungen. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) bietet ausländischen Arbeitnehmern mit dem Portal "Make it in Germany" relevante Informationen aus einer Hand. Gleichzeitig erfahren dort deutsche Unternehmen, wie sie Fachkräfte gewinnen können.

Deutschland kann die qualifizierten Arbeitskräfte gut gebrauchen: Laut einer aktuellen Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung und der Hochschule Coburg benötigt das Land pro Jahr 260.000 Zuwanderer. Nur so lasse sich der demografisch bedingte Arbeitskräftemangel annährend ausgleichen. Die Studie, veröffentlicht im Februar 2019, war von der Bertelsmann-Stiftung in Auftrag gegeben worden.

Kulturelle Nähe, offene Mentalität

Bei dem Thema Fachkräfteanwerbung darf nicht vergessen werden, dass es für ausländische Arbeitnehmer häufig schwierig ist, den Neuanfang in einem bisher unbekannten Land zu meistern. Auch Emmanuel Winkler von der AHK Mexiko sieht diese Herausforderung. Allerdings: "Das überaus positive Deutschlandbild der Mexikaner hilft, diese für eine Arbeit hierzulande zu interessieren." Zudem sei die interkulturelle Barriere für sie nicht so hoch wie etwa für Kandidaten aus Ostasien oder aus dem arabischen Raum.

Nur wenige Mexikaner kommen für die Arbeit nach Deutschland

Bislang kann Deutschland nur wenige Fachkräfte aus Mexiko anziehen. Laut Daten des Ausländerzentralregisters wurden im Jahr 2018 netto (unter Berücksichtigung von Rückwanderung) nur 390 neue Aufenthaltserlaubnisse zum Zweck der Erwerbstätigkeit vergeben. Damit lag das lateinamerikanische Land an 20. Position unter allen Ländern weltweit. Betrachtet man nur die Nationen in Übersee, rangierte Mexiko an zehnter Stelle.

Kontaktadressen

Bezeichnung Internetadresse Anmerkungen
Bundesministerium für Gesundheit (BMG) http://www.bundesgesundheitsministerium.de Ministerium mit Programm zur Fachkräfteanwerbung in Mexiko
Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) http://www.arbeitsagentur.de/vor-ort/zav/startseite Fachstelle für die Anwerbung von ausländischen Fachkräften
Make it in Germany http://www.make-it-in-germany.com Informationsportal des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi)

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekten in Mexiko sind unter http://www.gtai.de/mexiko abrufbar.

Dieser Artikel ist relevant für:

Mexiko, Deutschland Arbeitsmarkt / Löhne / Ausbildung

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