Suche

08.07.2019

Die neue Seidenstraße trifft in Vietnam auf wenig Begeisterung

Bei chinesischen Projekten wird auch chinesisch eingekauft / Von Frauke Schmitz-Bauerdick

Hanoi (GTAI) - Die "Belt and Road Initiative" stellt die vietnamesische Regierung vor eine schwierige Gratwanderung. Gerade im Bereich Kohleenergie aber ist chinesisches Engagement nicht wegzudenken.

Die vietnamesische Führung agiert mit Vorsicht und ist auf Ausgleich mit dem mächtigen und aus vietnamesischer Sicht expansionsfreudigen Nachbarn China bedacht. Bei offiziellen Anlässen, wie dem Belt and Road Forum in Peking im April 2019, ist Vietnam zwar in der Regel prominent vertreten. Allerdings vermeidet die vietnamesische Regierung, konkrete Projektzusagen abzugeben. Sie scheut zurück vor Verpflichtungen, die das Land in eine weitergehende politische oder wirtschaftliche Abhängigkeit zu China bringen könnten.

Auch im offiziellen Sprachgebrauch findet der Begriff "Belt and Road" wenig Verwendung. Dies ist nicht zuletzt der eher chinaunfreundlichen Stimmung eines Großteils der Bevölkerung geschuldet. Viele Menschen in Vietnam fürchten den Ausverkauf des Landes an den als wenig zimperlich eingeschätzten Nachbarn.

Die wirtschaftliche Bedeutung Chinas für Vietnam ist allerdings nicht zu unterschätzen. Das Reich der Mitte ist vom Handelsvolumen her der wichtigste Handelspartner Vietnams. Zudem nehmen seit Beginn 2019 chinesische Investitionen rapide zu.

Bei der Verkehrsinfrastruktur ist die Seidentrasse von geringer Bedeutung

Der Aufbau der vietnamesischen Infrastruktur ist eines der Top-Themen auf der Agenda der Regierung. Schätzungen des 2017 Global Infrastructure Outlooks von Oxford Economics zufolge muss das Land zwischen 2016 und 2040 mehr als 600 Milliarden US-Dollar (US$) in die Verkehrs- und Energieinfrastruktur investieren.

Trotz dieser gewaltigen Aufgabe stehen in Vietnam bislang nur einzelne Verkehrsinfrastrukturprojekte im Banner der Seidenstraßeninitiative. So bauen chinesische Unternehmen die erste Metrolinie in Hanoi. Allerdings liegt die Fertigstellung weit hinter dem anfänglich avisierten Zeitplan zurück. Auch die Kosten sind von ursprünglich 550 Millionen US$ auf 969 Millionen US$ gestiegen.

Zudem planen Vietnam und China den Ausbau der Eisenbahn- und Straßeninfrastruktur in den nördlichen Grenzprovinzen Vietnams. So soll unter dem Programm "two corridors, one economic belt" auf zwei Trassen das Straßen- und Eisenbahnnetz zwischen China und Nordvietnam ausgebaut und ein Wirtschaftskorridor zwischen den beiden Ländern etabliert werden. Allerdings befindet sich das Projekt noch im Anfangsstadium. Für die Eisenbahntrasse Lao Cai - Hanoi - Haiphong wurden chinesische Planer Anfang 2019 mit der Erstellung einer Machbarkeitsstudie beauftragt.

Im Bereich Straßenbau möchte sich China allerdings stärker engagieren. So hat die China Pacific Construction Group (CPCG) Interesse an einer Beteiligung am Nord-Süd-Expressway, einem Straßenbauprojekt mit einem Investitionsvolumen in Höhe von 5 Milliarden US$, angemeldet. Das Projekt befindet sich zurzeit in der Ausschreibung, die Entscheidung wird voraussichtlich im September 2019 fallen.

China baut Vietnams Kohlekraftwerke

Im Bereich Energieinfrastruktur sind chinesische Finanzierung und Unternehmen hingegen kaum wegzudenken. Gerade bei Kohlekraftwerken zählen chinesische Banken und Unternehmen zu den wichtigsten Investoren oder Durchführern. So finanzierten bis Ende 2016 einem Bericht von GreenID zufolge chinesische Finanzinstitute annähernd 50 Prozent aller Kohleinvestitionen im Land. Projekte wie das Hai-Duong-Kohlekraftwerk, das 2020 ans Netz gehen soll, oder das 2019 fertiggestellte Vinh-Tan-1-Kraftwerk werden von der chinesischen Regierung als gelungene Beispiele der Seidenstraßeninitiative herangezogen.

Ansonsten schlägt sich die Ausweitung chinesischer Seidenstraßenprojekte eher in vordergründig privaten Investitionen nieder, auch wenn diese nicht selten durch chinesische staatliche Träger gedeckt werden. Chinesische Investoren betreiben erste Industrieparks in Vietnam. Die Zhejiang Qianjiang Investment Management Co. Ltd. betreibt im Auftrag der chinesischen Provinz Zhejiang in der Nähe von Ho Chi Minh City den Long Giang Industrial Park. Im nördlichen Haiphong soll 2021 der Ausbau der dritten Phase des Vietnam China Economic and Trade Cooperation Parks (VCEP), betrieben durch die staatliche Holding Shenzhen Investment, abgeschlossen werden.

Allgemein ziehen die Investitionen chinesischer Unternehmen in Vietnam massiv an. Gegenüber dem Vorjahreszeitraum hat sich in den ersten fünf Monaten 2019 die Höhe chinesischer Neuinvestitionen mit knapp 1,7 Milliarden US$ verfünffacht. China ist im Jahr 2019 bislang wichtigster Investor und hat Südkorea, Singapur, Hongkong (SVR) und Japan hinter sich gelassen. Insbesondere Unternehmen der verarbeitenden Industrie, vor allem aus den Bereichen Textil, Plastik, Gummi, Metallverarbeitung, Stahl und Zement lagern Produktionsstätten nach Vietnam aus.

Bei chinesischen Projekten bleibt für nicht-chinesische Zulieferer wenig Raum

Generell sind die Chancen für nicht-chinesische Marktteilnehmer, sich an Seidenstraßenprojekten zu beteiligen, klein. In den Sektoren, in denen chinesische Unternehmen in Vietnam unterwegs sind, verfügt China sowohl über die notwendigen Technologien als auch über die erforderlichen Vorprodukte und Materialien. In der Regel werden die Leistungen und benötigten Güter direkt aus China importiert. Auch vietnamesische Unternehmen kommen in den seltensten Fällen zum Zug.

Ausgewählte Großprojekte
Projektbezeichnung Investitionssumme (Mio. US$) und Geldgeber Umsetzungszeitraum und Projektstand Durchführer/Generalauftragnehmer mit Nationalität
Hai Duong Thermal Power Plant 1.870 Im Bau; Fertigstellung geplant 2020 Generalunternehmer: JAKS Resources (Malaysia); Kontraktoren: Southwest Electric Power Design Institute Co., Ltd. (China); China Power Engineering Consulting Group International Engineering Co. (China)
Metro 2A Cat Linh - Ha Dong, Hanoi 969; China Exim Bank Baustart 2011; Fertigstellung geplant 2021 China Railway Sixth Group (China)
Solarkraftwerk Dau Tieng 1 und 2, Tay Ninh Provinz 400 Fertigstellung Juni 2019 Power China (China)
Vietnam China Economic and Trade Cooperation Park (VCEP) 175; Shenzhen Investment Holdings Co. Ltd. (100 Prozent staatliches Unternehmen der Volksregierung Shenzhen) Im Bau; 1. und 2. Phase abgeschlossen; Ausbau 3. Phase bis 2021 Shenzhen Shenyue United Investment Co., Ltd. (VCEP)(Tochter der Shenzhen Investment Holdings Co., Ltd. (SIHC))
Long Jiang Industrial Park (LJIP), Tien Giang Province 100 Baustart 2007; Ausbau fortlaufend Zhejiang Qianjiang Investment Management Co. Ltd. (China)
Eisenbahn Hai Phong - Hanoi - Lao Cai Projektvorschlag Machbarkeitsstudie im März 2019 beauftragt China 5th Railway Survey and Design Institute (China)

Quelle: Eigenrecherchen von Germany Trade & Invest (GTAI), Pressemeldungen

Wichtige chinesische Firmen nach Sektoren
Sektor Firmenname Aktivitäten
Straßenbau China Railway 6th Group EPC-Durchführer
Solar/Windenergie Power China Huadong Engineering Corporation EPC-Durchführer und andere Package
Energie China Energy and Electricity Construction Group EPC-Durchführer

Quelle: Eigenrecherchen von GTAI, Pressemeldungen

Unter http://www.gtai.de/seidenstrasse finden Sie zahlreiche weitere GTAI-Beiträge zum Thema neue Seidenstraße.

Dieser Artikel ist relevant für:

Vietnam, China Verkehrsinfrastrukturbau, allgemein, Kraftwerksbau, Seidenstraße

Funktionen

Lisa Flatten Lisa Flatten | © GTAI/Rheinfoto

Kontakt

Lisa Flatten

‎+49 228 24 993 392

Suche / Mann mit Lupe | © GettyImages/BernardaSv

Suche

Recherchieren Sie aktuelle Marktanalysen, Wirtschaftsdaten, Zoll- und Rechtsinformationen, Projekte und Ausschreibungen aus über 120 Ländern.

Zur Suche