Suche

22.03.2019

Die Türkei schlittert in eine Rezession

Hoffnung liegt auf neuem Wirtschaftsprogramm nach den Kommunalwahlen / Von Necip C. Bagoglu

Istanbul (GTAI) - Nach einem Einbruch der Wirtschaftsleistung im 4. Quartal 2018 erwarten die meisten Analysten, dass der Abschwung 2019 anhalten wird. Wichtig wären jetzt unpopuläre Strukturreformen.

Die türkische Wirtschaft schrumpft. Im 4. Quartal 2018 ging das Bruttoinlandsprodukt (BIP) gegenüber dem gleichen Zeitraum des Vorjahres real um 3 Prozent zurück. Das geht aus den aktuellen Zahlen des türkischen Statistikamtes TÜIK hervor. Besonders drastisch war der Einbruch in der Bauwirtschaft (Minus 8,7 Prozent) und in der verarbeitenden Industrie (Minus 7,4 Prozent). Der Fahrzeugbau, die Elektroindustrie und die Chemieindustrie meldeten Absatzrückgänge von 10 bis 40 Prozent am Inlandsmarkt.

Importe, Privatkonsum und Investitionen rückläufig

Dass der Inlandsmarkt derzeit äußerst schwach ist, belegen auch die Zahlen zum Privatverbrauch und den Investitionen. Der Konsum der Privathaushalte verzeichnete ein Minus von 8,9 Prozent, die Bruttoanlageinvestitionen schrumpften sogar um 12,9 Prozent. Das macht sich auch bei den Importen bemerkbar: Diese sind im letzten Quartal des Vorjahres um beinahe ein Viertel zurückgegangen.

Für das Jahr 2019 erwarten die meisten internationalen Institute, dass sich der Abschwung fortsetzt. Um bis zu 1,8 Prozent könnte das BIP sinken, so die Prognose der OECD. Eine Erholung der Realwirtschaft könnte im günstigsten Fall frühestens im 2. Halbjahr eintreten.

Hohe Zinsen sind ein Dilemma

Türkische Verbraucher leiden wegen der starken Inflation unter sinkenden Realeinkommen. Vor allem die Lebensmittelpreise schießen in die Höhe. Staatlich organisierte Gemüsestände mit subventionierten Preisen können kaum Abhilfe schaffen.

Um die Inflation und den Währungsverfall in den Griff zu bekommen, ist ein hohes Zinsniveau notwendig. Das Dilemma hierbei für die Regierung und die Zentralbank: Der derzeitige Leitzins von 24 Prozent bremst die Kreditvergabe und dämpft die Investitionsbereitschaft der Unternehmen. Viele vor allem in Fremdwährung verschuldete Firmen, die für den lokalen Markt produzieren, leiden unter den immensen Kostensteigerungen und sind in ihrer Existenz bedroht. Exportorientierte Unternehmen, die Gewinne in Euro oder US-Dollar erwirtschaften, haben es dagegen leichter.

Expansive Fiskalpolitik ist Ursache der Probleme

Auslöser des Währungsverfalls im August 2018 waren die politischen Zerwürfnisse zwischen den USA und der Türkei. Viele Probleme sind aber im Wesentlichen hausgemacht und wurden von Experten lange vorausgesagt. Über mehrere Jahre hinweg hat die türkische Regierung unter Erdogan das Wirtschaftswachstum mit populistischen Ausgabenprogrammen und einer lockeren Geldpolitik angeheizt - stets mit Blick auf kommende Wahlen und das Verfassungsreferendum. Am 31. März 2019 stehen Kommunalwahlen an. Auch da verteilte die Regierung Steuergeschenke an Haushalte und Unternehmen.

Neues Stabilitätsprogramm nach den Wahlen möglich

Beobachter erwarten nach den Kommunalwahlen ein neues Wirtschaftsprogramm, das mehr auf Strukturreformen setzt. Deren Hoffnung fußt darauf, dass in den kommenden vier Jahren keine neuen Wahlen anstehen. Dadurch könnte die Regierung eher bereit sein, weniger populäre Maßnahmen zu ergreifen. Der Schwerpunkt dürfte dennoch erfahrungsgemäß auf Wachstum liegen, um einen weiteren Anstieg der Arbeitslosenquote von zurzeit rund 13 Prozent zu verhindern.

Experten erwarten, dass die Regierung angesichts niedriger Zinsen im Euro-Raum und in den USA ihre Auslandsverschuldung erhöhen wird, um auf diese Weise Finanzierungsmittel für Programme und Projekte zu erhalten. Spielraum für eine expansive Fiskalpolitik hat die türkische Regierung nach wie vor. Das Haushaltsdefizit ist relativ gering und entspricht 2 Prozent des BIP, die Staatsverschuldung liegt bei 30 Prozent des BIP.

Reales BIP-Wachstum nach Verwendungskategorien (in %)
2015 2016 2017 *) 2018
BIP 6,1 3,2 7,4 2,6
Privater Verbrauch 5,4 3,7 6,1 1,1
Staatsverbrauch 3,9 9,5 5,0 3,6
Investitionen 9,3 2,2 7,8 -1,7
.Bauinvestitionen 4,7 2,8 12,2 2,5
.Maschinen und Anlagen 18,5 1,2 0,8 -8,9
Export von Waren und Dienstleistungen 4,3 -1,9 12,0 7,5
Import von Waren und Dienstleistungen 1,7 3,7 10,3 -7,9

*) teilweise revidierte Werte

Quelle: TÜIK

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll und Ausschreibungen in der Türkei sind unter http://www.gtai.de/tuerkei abrufbar.

Dieser Artikel ist relevant für:

Türkei Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Wirtschaftspolitik, allgemein

Funktionen

Sofia Hempel Sofia Hempel | © GTAI/Rheinfoto

Kontakt

Sofia Hempel

‎+49 228 24 993 215

Suche / Mann mit Lupe | © GettyImages/BernardaSv

Suche

Recherchieren Sie aktuelle Marktanalysen, Wirtschaftsdaten, Zoll- und Rechtsinformationen, Projekte und Ausschreibungen aus über 120 Ländern.

Zur Suche