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22.01.2018

Digitalisierung soll Russlands Wirtschaft modernisieren

IT-Infrastruktur wird für 6,3 Milliarden Euro ausgebaut / Deutsch-Russische Initiative für Digitalisierung / Von Hans-Jürgen Wittmann

Moskau (GTAI) - Russland treibt die Digitalisierung voran. Das Land verfügt über internetaffine Einwohner, gut ausgebildete Softwareentwickler und Europas größten E-Commerce-Markt. Doch beim Thema Industrie 4.0 hinkt Russland etwa fünf Jahre hinter den USA her. Mit der Digitalisierungsoffensive will der Kreml die heimische Wirtschaft und Gesellschaft in die digitale Zukunft führen. Deutsche Unternehmen sind als Partner für digitale Lösungen gern gesehen.

Russland steht vor einer neuen Revolution: Doch diesmal fließen statt Blut nur Bits und Bytes. Präsident Wladimir Putin vergleicht die Digitalisierung mit der Elektrifizierung der Sowjetunion ein Jahrhundert zuvor. Aktuell trägt die Digitalwirtschaft etwa 4 Prozent zum russischen Bruttoinlandsprodukt (BIP) bei, hat die Unternehmensberatung McKinsey errechnet. Und die Branche wächst dynamisch. Bereits 2021 könnte ihr Anteil am BIP auf 4,7 Prozent steigen.

Das Potenzial und der Nachholbedarf in Russland sind gewaltig. Die Anzahl der SIM-Karten zur Verbindung von Sensoren und Maschinen mit dem Internet stieg 2017 um 40 Prozent auf 14,5 Millionen Stück. Bis 2019 wird diese Zahl auf 23,5 Millionen SIM-Karten zunehmen, prognostiziert die Marktforschungsagentur AS&M.

Regierung startet Initiative "Digitale Wirtschaft"

Im Rahmen der staatlichen Initiative "Digitale Wirtschaft", die am 28. Juli 2017 startete, werden bis 2024 jährlich etwa 1,4 Milliarden Euro in die Einführung digitaler Technologien fließen. Für 2018 und 2019 stehen sogar 7,4 Milliarden Euro bereit. Sieben Teilprogramme beschäftigen sich mit den Themen digitale Infrastruktur (6,3 Milliarden Euro), Forschung und Entwicklung (72,5 Millionen Euro), IT-Sicherheit (51 Millionen Euro), Gesetzgebung (4,1 Millionen Euro), Ausbildung von Fachkräften, Smart Cities und digitale Gesundheitswirtschaft.

Es sollen zehn Hightech-IT-Unternehmen entstehen, neue industrielle Plattformen gegründet und jährlich etwa 120.000 IT-Fachkräfte ausgebildet werden. Die Schwerpunkte liegen auf Softwareentwicklung, künstlicher Intelligenz und Kybernetik. Bis 2024 sollen 97 Prozent aller Haushalte in Russland einen Breitband-Internetzugang und alle russischen Millionenstädte ein Mobilfunknetz der 5. Generation (5G) bekommen. Außerdem werden Rechenzentren und IT-Sicherheitszentren eingerichtet.

Sankt Petersburg erhält Innovationscampus

In Russland gibt es bislang drei Innovations- und Forschungszentren für IT und Digitalisierung: Akademgorodok in Nowosibirsk, Innopolis bei Kasan und Skolkowo bei Moskau. Ein viertes Zentrum soll im Sankt Petersburger Vorort Juschni hinzukommen. Für etwa 585 Millionen Euro ist auf dem Gelände der Staatlichen Universität für Informationstechnologien, Mechanik und Optik (ITMO) der Innovationscampus "High Park" geplant. Auf einer Fläche von 400.000 Quadratmetern sollen ein Lehrcampus, ein Businessinkubator und innovative Produktionscluster entstehen. Die Forschungsschwerpunkte liegen auf IT, Photonik, Quantentechnologie, Robotertechnik, Biomedizin und Smart Materials.

Deutsch-Russische Initiative für Digitalisierung

Deutschland ist als Partner bei der Digitalisierung der russischen Wirtschaft willkommen. Unternehmen wie Siemens, Bosch und SAP haben sich mit russischen Firmen und dem Ostausschuss der Deutschen Wirtschaft, der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (AHK) sowie dem Russischen Verband für Industrielle und Unternehmer (RSPP) zur German Russian Initiative for Digitalization (GRID) zusammengeschlossen. In einem Vorführzentrum und mittels einer Roadshow erhalten russische Unternehmen Einblick in Industrie 4.0-Lösungen der deutschen Wirtschaft.

Siemens führt russische Industrieunternehmen in die digitale Zukunft

Erfolgreiche Digitalisierungsprojekte mit deutschen Unternehmen werden bereits realisiert. Siemens erarbeitet für Kamaz Lösungen zum Aufbau einer Smart Factory und zur Automatisierung der Produktion von elektro- und gasbetriebenen Fahrzeugen. Zudem hat der Münchner Technologiekonzern mit dem Tscheljabinsker Rohrwalzwerk für fünf Jahre eine Vereinbarung zur Automatisierung der Produktion, Einführung energieeffizienter Lösungen und Überwachung von Industrieabfällen geschlossen. Für das Ministerium für Information und Kommunikation in Tatarstan wird Siemens einen Datenintegrationsdienst einrichten und dazu die technische Ausrüstung im Wert von 1 Milliarde Euro liefern.

Bereits im Februar 2017 eröffnete Siemens zusammen mit der Russischen Eisenbahn (RZD) ein Datenverarbeitungszentrum in Moskau. Dort laufen Datenströme von Zügen aus 15 Ländern zusammen. Über die Auswertung der Metadaten werden Erfahrungswerte generiert, die dabei helfen sollen, den Betrieb zu optimieren und die technische Wartung zu optimieren (Predictive Maintenance).

Im Rahmen des Projekts "4.0 RU" entwickelt Siemens zusammen mit der Maschinenbau-Holding STAN, Kaspersky Labs und der Logistikfirma ITELMA einen digitalen Produktionsprozess von Bauteilen für den Mittelstreckenflieger MS-21. Diese Lösung ermöglicht dem Flugzeugbauer Irkut die Arbeitsproduktivität zu erhöhen, die Qualität zu verbessern und die Kosten zu senken.

Mit der Universität Kasan unterzeichnete Siemens ein Abkommen zur Erforschung und Erprobung digitaler Ausrüstung und Software für die Diagnose und Behandlung von Krankheiten. Mit der Universität Sankt Petersburg schloss Siemens Ende November 2017 eine strategische Partnerschaft zur Grundlagen- und angewandten Forschung im Bereich künstliche Intelligenz. Die Lösungen sollen in der Öl- und Gasindustrie, der städtischen Infrastruktur (smart cities) und bei der Energieerzeugung (smart grids) Anwendung finden.

Siemens, DMG Mori und KUKA digitalisieren Maschinenbau

Zur Einführung digitaler Technologien und des Industrie 4.0-Konzepts in der russischen Werkzeugmaschinenindustrie arbeitet Siemens mit der Moskauer Werkzeugmaschinenfabrik DMTG RUS zusammen. Außerdem kooperieren Siemens und DMG Mori mit dem Zentrum "Digitaler Maschinenbau" an der Staatlichen Technischen Universität Tambov - dem ersten von 15 geplanten Zentren. Der deutsch-japanische Werkzeugmaschinenbauer DMG Mori hat die CNC-Maschinen in seinem Werk in Uljanowsk mit dem Interface Celos vernetzt, sammelt so Betriebsdaten und speichert diese in Clouds ab. Diese können zu Diagnosezwecken an andere Anlagen verschickt werden, um frühzeitig Fehler zu erkennen und Stillstände zu vermeiden.

KUKA Robotics vereinbarte im September 2017 die Lieferung von mehr als 100 Industrierobotern an den Lkw-Produzenten Kamaz. In einem firmeneigenen Servicezentrum in Nabereschnye Chelny sollen Kamaz-Mitarbeiter ihre Kompetenzen in der Anwendung von Industrierobotern erweitern. Bereits im Dezember 2017 eröffnete der deutsch-chinesische Roboterhersteller ein neues Büro in Moskau, in dem Vorführ-Roboter stehen, an denen Kunden direkt vor Ort geschult werden können. In der verarbeitenden Industrie Russlands kommt zurzeit erst ein Roboter auf 10.000 Arbeiter zum Einsatz; in anderen Industrieländern sind es im Durchschnitt 70.

Software-Lösungen von SAP gefragt

SAP baut in Moskau ein neues Innovationszentrum. Ab Mitte 2018 sollen digitale innovative Lösungen in den Bereichen Internet of Things (IoT), Block-Chain, Machine Learning, Analyse von Big Data und Informationssicherheit erarbeitet werden. Mit Rosatom unterzeichnete der deutsche Software-Entwickler im Juni 2017 ein Memorandum für die Gründung eines Kompetenzzentrums zur Automatisierung der Abläufe in Atomkraftwerken unter Verwendung von Big Data und maschinellem Lernen.

Daneben betreibt SAP mit dem russischen Stahlproduzenten NLMK ein Innovationslabor, in dem nach digitalen Lösungen für den Bergbau und die Metallindustrie geforscht wird. Für den Stahlriesen Severstal erstellt der deutsche Softwarekonzern einen Onlineshop zum Vertrieb von Produkten. Ab 2018 werden Bestellungen von etwa 5.000 Stahlteilen nur noch im Internet möglich sein. Mit dem Gebiet Tjumen arbeitet SAP an Lösungen für die Digitalisierung des Poliklinik-Systems und sorgt damit für eine bessere medizinische Versorgung.

Auch Unternehmen aus dem Freistaat Bayern beteiligen sich gemeinsam mit Firmen aus dem Gebiet Kaluga an Digitalisierungsprojekten. Vertreter beider Regionen und Unternehmen vereinbarten dies im Oktober 2017 in München. Dabei geht es um die Entwicklung digitaler Technologien und deren Anwendung in Industrie, Energiewirtschaft, Logistik und Gesundheit.

(HJW)

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Russland Robotik und Automation, Digitalisierung

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