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20.02.2018

Digitalisierungsmeister Finnland baut E-Health- und E-Government-Lösungen aus

Start-up-Szene treibt Innovationen / Universitätskliniken bauen virtuelle Gesundheitszentren auf / Von Marc Lehnfeld

Helsinki (GTAI) - Die Digitalisierung gehört zu den Kernkompetenzen Finnlands: Das Land ist europäischer Spitzenreiter beim Online-Banking und der Verwendung von Cloud-Lösungen. Zudem erreicht es im Networked Readiness Index des Weltwirtschaftsforums und im EU-Ranking für die digitale Wirtschaft und Gesellschaft jeweils den zweiten Platz. Für Innovationen sorgen die lebhafte Start-up-Szene und Investitionen der Regierung in E-Government und E-Health. (Kontaktadressen)

Finnland schneidet in Digitalisierungsrankings sehr gut ab

Die hervorragende IKT-Infrastruktur und die hohe Forschungskompetenz gehören zu Finnlands Stärken. Im Index für die digitale Wirtschaft und Gesellschaft (DESI) der EU belegt Finnland 2017 nach Dänemark den zweiten Platz. Im weiten Feld der Digitalisierung beachtenswert sind in dem nordischen Land vor allem die Entwicklung der Industrie 4.0, der Ausbau des E-Health-Systems, das Forschungsumfeld um den neuen Mobilfunkstandard 5G herum sowie das autonome Fahren auf der Straße und zur See.

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Insbesondere für Datenzentren herrschen dank der günstigen Strompreise, des kühlen Klimas und zahlreicher Brownfield-Objekte gute Standortbedingungen. Branchenriesen wie Google, Equinix, Microsoft und Fujitsu, aber auch der deutsche Webhoster und Rechenzentrenbetreiber Hetzner Online haben über die Jahre hinweg kräftig in Datenzentren vor Ort investiert. Seit 2016 verfügen Deutschland und Finnland zudem mit dem Unterseekabel C-Lion 1 über eine direkte Hochgeschwindigkeitsverbindung zwischen Helsinki und Rostock. Durch den Anschluss an den Internetknotenpunkt DE-CIX erreicht die Datenübertragungsgeschwindigkeit zwischen Frankfurt und Helsinki eine Latenz von 19,7 ms.

Die finnische Regierung treibt außerdem Pläne für eine neue Breitbandverbindung zwischen Europa und Asien voran. Unter dem Namen "Arctic Connect" soll das Datenkabel über die bisher unbelegte Nordwestpassage durch den arktischen Ozean bis nach China und Japan verlaufen. Damit soll die Datenübertragung zwischen den beiden Kontinenten gegenüber der bereits existierenden Südroute um rund 31 Prozent schneller werden. Für die Strecke von Frankfurt nach Peking wir dann eine Latenz (RTD, round trip delay) von 165 ms erreicht werden. Darüber hinaus versprechen sich die Investoren eine verbesserte Datensicherheit durch das ununterbrochene neue Datenkabel. Mehr zu Arctic Connect fasst der GTAI-Artikel "Arctic Connect - Neue Breitbandverbindung zwischen Europa und Asien über die Nordostpassage" zusammen: https://www.gtai.de/MKT201708148001

Lebendige Start-up-Szene

Zu den wichtigen Treibern der finnischen Digitalisierung gehören die großen IT-Firmen des Landes wie Tieto, Microsoft Mobile und Nokia - mittlerweile wieder Finnlands größtes Unternehmen. Die Umstrukturierungen infolge des Verkaufs der Handy-Sparte von Nokia an Microsoft hatten eine rege Gründerwelle in Finnland angestoßen. Das ist ein Grund dafür, dass auch Start-ups bedeutende Akteure der Digitalisierung sind. Hinzu kommt der Aufstieg der Gaming-Branche um Rovio ("Angry Birds") und Supercell ("Clash of Clans") - beides sogenannte "Unicorns", also Start-ups mit einem Marktwert von über 1 Milliarde US-Dollar.

Im Start-up-Ökosystem der Hauptstadt Helsinki tummelt sich seit 2015 mit mittlerweile 50 Beschäftigten auch der deutsche Online-Modehändler Zalando, um neue Shopping-Apps zu entwickeln. In den nächsten Jahren könnte das Team auf 200 Mitarbeiter wachsen. Starke Technologie-Universitäten und eine etablierte Mobilbranche waren die Gründe dafür, dass Zalando sich für Finnland entschieden hat.

Finnlands Investoren-Szene gehört zu den lebendigsten in Europa. Das nordische Land hat zwar zahlenmäßig ein deutlich kleineres Business-Angel-Netzwerk als Deutschland, dafür investierten die finnischen Business Angels 2016 mit 53 Millionen Euro erstmals mehr als die deutschen (51 Millionen Euro). Damit liegt Finnland im europäischen Vergleich auf dem dritten Platz hinter dem Vereinigten Königreich und Spanien. Finnische Venture-Capital-Investoren beteiligten sich 2016 mit rund 121 Millionen Euro an Unternehmen.

Eine gute Gelegenheit, Finnlands Start-up-Landschaft kennenzulernen, bietet das alljährliche Start-up-Festival Slush, das in Helsinki rund 20.000 Teilnehmer versammelt und zu den größten Gründerveranstaltungen Europas zählt. Ein maßgeschneidertes Angebot für interessierte deutsche Start-ups, größere Unternehmen und Regionen bietet die Deutsch-Finnische Handelskammer.

Finnland rüstet bei E-Government- und E-Health-Lösungen auf

Die amtierende finnische Regierung des Ministerpräsidenten Juha Sipilä sieht in der Digitalisierung ein großes Potenzial, um die Produktivität in der öffentlichen Verwaltung zu verbessern und investiert daher rund 100 Millionen Euro in den Ausbau digitaler Dienstleistungen für die Bürger. In einer Roadmap sind 112 Bürgerdienstleistungen, die digitalisiert werden sollen, festgehalten. Ein großer Teil davon ist bereits realisiert, bis 2021 sollen alle Projekte fertiggestellt sein.

Um bereits vorliegende Informationen dienstleistungsübergreifend nutzen zu können, plant die Regierung ein Informationsmanagement-Gesetz bis 2019 und nach dem Prinzip des "One-Stop-Shop-Service-Models" eine landesweit weitgehend einheitliche IT-Architektur aufzubauen. Dabei nutzt die finnische Regierung auch die digitale Expertise Estlands. Beide Länder wollen ihre für das E-Government genutzte estnische "X-Road"-Infrastruktur für grenzüberschreitende Lösungen gemeinsam weiterentwickeln.

Bei E-Health-Lösungen zählt Finnland schon heute zu den fortschrittlichsten Ländern in der Welt. Bereits seit 2010 werden Rezepte für verschreibungspflichtige Medikamente digital über die Kanta-Plattform der Sozialversicherungsanstalt Kela ausgestellt - in 2017 rund 31,9 Millionen Mal. Darüber hinaus können Patienten auf der MyKanta-Internetseite (http://www.omakanta.fi) die ausgestellten Rezepte sowie ihre Patientendaten inklusive ärztlicher Diagnosen einsehen.

Virtuelle Gesundheitszentren etabliert

Ein Beispiel für den Ausbau des E-Health-Systems ist das Virtual Hospital 2.0 mit dem Projekt "Terveyskylä" ("Gesundheitsdorf"), in dem die fünf Universitätskrankenhäuser in virtuellen Gesundheitszentren Informationen zur Selbstbehandlung und Diagnose bereitstellen. Bis Ende 2018 sollen in 20 Häusern rund 30 verschiedene Patientengruppen bedient werden.

Finnlands IT- und Medizintechnikunternehmen entwickeln ebenfalls E-Health-Produkte und -Dienstleistungen, wie zum Beispiel in der Niederlassung des Technologiekonzerns GE. Im Health Innovation Village bietet GE seit 2014 rund 40 E-Health-Unternehmen, überwiegend Start-ups, eine Werkstatt, Büroflächen und eine Umgebung für den Austausch der Firmen untereinander. "Wir schaffen damit ein offenes Ökosystem im E-Health-Bereich, an das sich weitere Unternehmen anschließen können. Unser Ziel ist es nicht unbedingt, in die lokalen Partner zu investieren, sondern GE-Produkte als Plattform oder Schnittstelle für neue Lösungen bereitzustellen", sagt Village Chief Mikko Kauppinen.

Kontaktadressen

Bezeichnung Internetadresse
Deutsch-Finnische Handelskammer http://www.dfhk.fi
Finnisches Ministerium für Verkehr und Kommunikation (LVM, Liikenne- ja Viestintäministeriö) http://www.lvm.fi/en/home
Finnisches Gesundheits- und Sozialministerium (STM, Sosiaali- ja Terveysministeriö) http://stm.fi/en/frontpage
Slush http://www.slush.org
Finnish Venture Capital Association (FVCA, Pääomasijoittajat) http://www.paaomasijoittajat.fi/in-english/
Finnish Business Angel Network (FiBAN) http://www.fiban.org
Projekt Terveyskylä ("Gesundheitsdorf") http://www.terveyskyla.fi

(Ma.Le.)

Mehr Informationen zum Land finden Sie unter http://www.gtai.de/finnland

Dieser Artikel ist relevant für:

Finnland Gesundheitswesen allgemein, Robotik und Automation, Digitalisierung

Funktionen

Kontakt

Barbara Kussel

‎+49 228 24 993 356

Suche / Mann mit Lupe | © GettyImages/BernardaSv

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