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16.03.2018

Elektromobilität Finnland: Kleiner Markt mit starken Wachstumsraten

Steigende Angebotsvielfalt setzt Platzhirsche unter Druck / Von Marc Lehnfeld (März 2018)

Helsinki (GTAI) - Finnland ist mit einem Bestand von weniger als 1.500 batterieelektrisch angetriebenen Pkw ein kleiner E-Mobilitätsmarkt. Mit einer Verdopplung der Neuzulassungen gewinnt er aber rasant an Fahrt und wird vielfältiger. Ein echter Durchbruch könnte mit mehr Modellen und besseren Lademöglichkeiten erfolgen. Mittelfristig sind Plug-in-Hybride die bevorzugte Wahl in dem weiten, dünnbesiedelten Land. (Kontaktadressen)

Der Absatz von Elektrofahrzeugen in Finnland gewinnt deutlich an Dynamik. Zwar ist das Niveau niedrig, aber die Absatzchancen sind besser denn je: Dank der frisch eingeführten staatlichen Kaufprämie und weiterer Investitionen in die Ladeinfrastruktur. Ende 2017 zählte die nationale Behörde für Verkehrssicherheit Trafi nur 1.449 batterieelektrische Pkw (BEV) und 5.729 Plug-in-Hybride (PHEV) auf den finnischen Straßen. In beiden Segmenten haben sich die Neuzulassungen 2017 gegenüber dem Vorjahr aber mehr als verdoppelt.

Neuzulassungen von Pkw mit Elektroantrieben (Stückzahlen)
Indikator 2016 2017 Anteil an Gesamtzulassungen 2017 (in %)
Batterieelektrische Fahrzeuge (BEV) 223 502 0,4
Plug-in-Hybride (PHEV) 1.208 2.553 2,2
Hybride (HEV) 4.679 8.514 7,2
Fahrzeuge mit elektrischem Antrieb insgesamt 6.110 11.569 9,8

Anmerkung: Neuzulassungen sonstiger BEV 2017: Lieferwagen 44 (Veränderung -25,4 Prozent), Lkw 0 (Bestand 1), Busse 9 (-10 Prozent), Motorräder 6 (-53,8 Prozent)

Quellen: Statistics Finland; Finnish Transport Safety Agency Trafi

"Wir erwarten, dass bis 2021 die Plug-in-Hybride als Übergangstechnologie die Schlüsselrolle beim Verkauf von Elektrofahrzeugen einnehmen und dann einen Anteil von fünf bis zehn Prozent an den Neuzulassungen ausmachen werden", erklärt Kenneth Nyman, Vice President Network Development beim finnischen Automobilhändler Veho Group, der unter anderem die deutschen Marken Mercedes-Benz und Smart in Finnland vertreibt. "Die Markteinführung vieler neuer Modelle 2021 wird den Absatz von batterieelektrischen Pkw antreiben und den Anteil von PHEV und BEV an den Neuzulassungen bis 2025 auf rund 25 bis 30 Prozent steigen lassen."

Finnland im Tesla-Hype

Bei den BEV ist Finnland derzeit überwiegend ein Markt für Premiumprodukte und im absoluten Tesla-Hype. Das "Model S" des US-amerikanischen Herstellers kostet inklusive der einmaligen Registrierungssteuer zwar mindestens 91.500 Euro, war aber 2017 mit 150 erstzugelassenen Fahrzeugen und einem Wachstum von 77 Prozent gegenüber dem Vorjahr der beliebteste Vollelektro-Pkw - wie auch im gesamten BEV-Bestand des Landes. Rund 45 Prozent aller zugelassenen finnischen Elektrofahrzeuge stammen von den Kaliforniern.

Rangliste der meistverkauften Elektro-Pkw (Stückzahlen; Veränderung in %)
Modell 2016 2017 Veränderung 2017/2016
1. Tesla Model S 85 150 76,5
2. Tesla Model X 36 98 172,2
3. Nissan Leaf 71 66 -7,0
4. Renault Zoe 2 60 2.900,0
5. Hyundai Ioniq - 55 -

Quelle: Finnish Transport Safety Agency Trafi

250.000 Elektrofahrzeuge bis 2030

Mit der weiteren Popularisierung von Elektroautos sollten auch Late Mover wie die deutschen Hersteller gute Chancen haben, in den nächsten Jahren respektable Marktanteile zu ergattern. Volkswagen war beim Elektroautobestand Ende 2017 zwar nach Tesla und Nissan die drittpopulärste Marke, allerdings mit einem geringen Anteil von fünf Prozent am gesamten BEV-Bestand. "Wenn wir ab 2020 neue Elektrofahrzeuge auf den Markt bringen, werden wir weitere Marktanteile gewinnen und unseren Rückstand aufholen können. Ohnehin kann sich bis dahin die Anbieterlandschaft noch deutlich verändern", erklärt Heikki Ahdekivi, Vice President New Business beim Volkswagen- und Audi-Händler VV-Auto. "Wer dann keine BEV anbietet, könnte deutlich Marktanteile verlieren. Die Reichweiten der Batterien werden dann 400 Kilometer übertreffen und damit für Verbraucher attraktiver. Deshalb halte ich das Regierungsziel für durchaus realistisch."

Die finnische Regierung möchte, dass bis 2030 mindestens 250.000 Elektrofahrzeuge (BEV, PHEV, aber auch Brennstoffzellen-Fahrzeuge) auf den Straßen des Landes fahren. Gemessen am aktuellen Bestand von circa 3,1 Millionen Kfz (2017) entspräche das einem Anteil von rund acht Prozent. Dafür gewährt die Regierung finnischen Privathaushalten seit Anfang 2018 beim Kauf eines E-Autos bis zum Wert von 50.000 Euro (einschließlich Zulassungsgebühr und Mehrwertsteuer) eine Prämie von 2.000 Euro. Das Förderprogramm läuft bis 2021 oder solange die großzügigen Haushaltsmittel, die den Kauf von jährlich 3.000 BEV abdecken, ausreichen.

Achillesferse Ladeinfrastruktur

Die Finnen bleiben beim Elektroautokauf auch in den nächsten Jahren noch zögerlich. In einer Umfrage des Energieunternehmens Fortum geben zehn Prozent der Befragten an sich vorstellen zu können, innerhalb der nächsten fünf Jahre ein Elektroauto zu kaufen. Nur vier Prozent planen den Kauf innerhalb der nächsten zwei Jahre. Die Studie legt auch die größte Verkaufsschwäche offen: So würden 36 Prozent ein E-Auto anschaffen, wenn sie über die notwendige Ladeinfrastruktur zu Hause verfügen würden, und 30 Prozent machen es vom Ausbau der Ladeinfrastruktur abhängig. Rund jeder Fünfte weiß aktuell nicht, wo das Fahrzeug aufzuladen wäre.

"Neben der technologischen Weiterentwicklung können weitere öffentliche Anreize den Verkauf von BEV antreiben. Bis dahin sind PHEV eine bessere Lösung, weil sie den elektrischen Stadtverkehr aber auch den konventionellen Antrieb für längere Fahrten ins weite Land ermöglichen", sagt Christer Stahl, Geschäftsführer von BMW in Finnland. "Wir engagieren uns deshalb erstmals bei der Wohnungsbaumesse in Pori, um Kunden unsere Wandladestationen zu zeigen und das Bewusstsein für Ladeinfrastrukturen bei der zukünftigen Hausplanung zu erhöhen."

Bessere Absatzchancen bestehen bei Firmenwagen, die immerhin rund ein Drittel der Neuzulassungen ausmachen und üblicherweise geleast werden. Bereits 53 Prozent der Fortum-Befragten würden schon jetzt ein E-Auto vorziehen, sofern die Kosten nicht höher als bei konventionellen Antrieben sind. Laut Plan der Regierung soll dafür auch eine mögliche Anpassung der Dienstwagenbesteuerung in Betracht gezogen werden.

Große Hürden stellen die Mobilitätsansprüche der vier Millionen Finnen, die außerhalb der Hauptstadtregion wohnen. Wegen der geringen Bevölkerungsdichte und der gerade auf dem Land langen Fahrtstrecken erfüllen viele BEV die Kundenanforderungen noch nicht. Auch die deutlich verringerte Speicherfähigkeit von Batterien unter den arktischen Bedingungen im Winter bleibt problematisch.

Mehr zu Entwicklungen auf den globalen Märkten für Elektrostraßenfahrzeuge finden

Sie unter: http://www.gtai.de/elektromobilitaet

Mehr zu Finnland finden Sie unter: http://www.gtai.de/finnland

Kontaktadressen

Bezeichnung Internetadresse Anmerkungen
AHK Finnland http://www.dfhk.fi Anlaufstelle für deutsche Unternehmen
Liikenne- ja viestintäministeriö http://www.lvm.fi Ministerium für Verkehr und Kommunikation
Suomen ympäristökeskus (SYKE) http://www.syke.fi Finnisches Umweltzentrum
Liikenteen turvallisuusvirasto Trafi (Trafi) http://www.trafi.fi Behörde für Verkehrssicherheit
Autotuojat ja -teollisuus http://www.autotuojat.fi Verband der Automobilimporteure und der Kfz-Industrie
Autoalan Tiedotuskeskus (AuT) http://www.autoalantiedotuskeskus.fi Informationszentrum des Automobilsektors

(Ma.Le.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Finnland Elektromobilität

Funktionen

Kontakt

Barbara Kussel

‎+49 228 24 993 356

Suche / Mann mit Lupe | © GettyImages/BernardaSv

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