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10.05.2018

Elektromobilität Polen: Flottenbetreiber voller Energie

Über 1.000 Elektrobusse bis 2023 / Von Michal Wozniak (April 2018)

Berlin (GTAI) - Dank prallgefüllter EU-Töpfe sind polnische Betriebe des öffentlichen Personen-Nahverkehrs (ÖPNV) auf den Geschmack gekommen und wollen massiv elektrisch angetriebene Busse beschaffen. Das Nationale Zentrum für Forschung und Entwicklung führt zurzeit einen Wettbewerb durch, dessen Gewinner Bestellungen für bis zu 1.000 Fahrzeuge winken. Andere Flottenbetreiber sind noch in der Testphase, setzen sich aber ambitionierte Ziele. (Kontaktadressen)

Während der Individualtransport mit Elektroantrieb noch stockt, surren ÖPNV-Betriebe schon Richtung Zukunft. Laut dem Polnischen Verband der Automobilindustrie (Polski Zwiazek Przemyslu Motoryzacyjnego; PZPM) waren 2017 fast ein Fünftel der 771 in Polen neuzugelassenen Stadtbusse Fahrzeuge mit elektrischer Antriebskomponente. Die Nachfrage nach Elektrobussen hat sich gegenüber dem Vorjahr auf 63 Stück mehr als verzehnfacht, im Falle von Hybridbussen stieg die Zahl der Zulassungen von 17 auf 81. Dies entspricht auch den Regierungsvorstellungen: "Zuerst sollte der ÖPNV elektrifiziert werden, danach der Lieferverkehr und erst am Ende Pkw. Es ist auch logisch, da die ersten beiden Gruppen das meiste Kohlendioxid ausstoßen", erklärt Piotr Zaremba, Vorstandsvorsitzender der staatseigenen ElectroMobility Poland.

Im Rahmen des Programms "Emissionsfreier ÖPNV" stellen das Nationale Zentrum für Forschung und Entwicklung (Narodowe Centrum Badan i Rozwoju; NCBiR) und der Nationale Fonds für Umweltschutz und Wasserwirtschaft (Narodowy Fundusz Ochrony Srodowiska i Gospodarki Wodnej; NFOSiGW) über 570 Millionen Euro für die Förderung von Elektrobussen zur Verfügung. Zuerst wird ein Wettbewerb darüber entscheiden, welcher Anbieter umgerechnet 24 Millionen Euro für die Entwicklung entsprechender Fahrzeuge erhält. Für die restlichen Mittel können sich dann 26 Städte und Gemeinden die Fahrzeuge in den Jahren 2019 bis 2023 anschaffen. Die Gelder sollen für bis zu 1.000 Fahrzeuge reichen.

Wichtige Ausschreibungen im Bereich Elektromobilität in Polen (Auswahl; Investitionssumme in Mio. Euro)
Akteur/Projekt Investitions-summe Projektstand Anmerkungen
Entwicklung von Elektrobussen 577 Verfahren läuft seit 3.1.18 Entwicklung, Lieferung und Unterstützung bei der technischen Einbindung von Elektrobussen in den ÖPNV; Midi-, Maxi- und Mega-Klasse; Gewinner erhält 24 Mio. Euro für Entwicklungsarbeiten, den Rest in Folgeaufträgen von 26 Städten bis 2023
Elektrobusse für den Städtischen Busbetrieb in Warschau k.A. Ausschreibungen 2018 bis 2019 Der Betrieb plant, bis 2020 knapp 90 zusätzliche Elektrobusse diverser Größen in Betrieb zu nehmen; Ausschreibungen werden publiziert unter: http://www.mza.waw.pl/spolka-mza/przetargi-zakupy-i-sprzedaz/wg-prawa-zamowien-publicznych
Elektrobusse für Städtisches Verkehrsunternehmen Posen k.A. Ausschreibung veröffentlicht am 4.4.18; Angebote müssen bis 10.5.18 eingereicht werden Kauf von 21 Elektrobussen, davon 6 12-Meter-Busse für mindestens 70 Passagiere und 15 Doppelgelenkbusse für mindestens 110 Passagiere; http://www.mpk.poznan.pl/przetargi/ogloszone/3506-przetarg-na-dostaw-fabrycznie-nowych-niskopodogowych-autobusow-miejskich-o-napdzie-elektrycznym
Elektrobusse für Stadtamt Belchatow 1,4 Ausschreibung veröffentlicht am 13.4.18; Angebote müssen bis 22.5.18 eingereicht werden Kauf von drei Elektrobussen für mindestens 70 Passagiere, 160 kW Leistung und Lademöglichkeiten mit 40 kW und 80 kW; https://belchatow.bip.gov.pl/publiccontracts/view/11980

Quelle: Recherchen von Germany Trade & Invest

Mit der Förderung kommen Vorgaben

Das Elektromobilitätsgesetz schreibt feste Mindestanteile von Elektrobussen bei städtischen ÖPNV-Betrieben vor. Im Jahr 2021 soll jeder zwanzigste Stadtbus unter Strom stehen. Bei einer Gesamtzahl von knapp 12.000 Fahrzeugen Ende 2016, davon weniger als 100 Elektrobusse Ende 2017, müssten in den nächsten vier Jahren also alle 12 Monate doppelt so viele angeschafft werden wie 2017. Danach sollen sich die Anteile bis 2025 alle zwei Jahre verdoppeln. Das Ziel für 2028 lautet 30 Prozent Elektrobusanteil und über 3.000 entsprechende Fahrzeuge.

Etwa halb so viele batterieelektrische Fahrzeuge sollen dann auch im Einsatz der lokalen Selbstverwaltungen sein. Bereits 2025 sollen Gemeinden und Landkreise mit mehr als 50.000 Einwohnern 30 Prozent ihrer Fahrzeuge an der Steckdose betanken. Wie Experten anmerken, sind in das Gesetz aber zahlreiche Ausnahmen eingebaut, die es einzelnen Organisationseinheiten erlauben könnten, diese Ziele auszusetzen oder längere Übergangsfristen zu etablieren.

Flottenbetreiber wollen zuerst testen

Ambitionierte Ziele verfolgen auch Privatunternehmen. Der Betreiber des polnischen Taxi-Rufdienstes iTaxi will mit einer eigenen Flotte von Elektroautos ein Zeichen setzen. Passend zur erhofften Marketingwirkung macht ein Tesla Model S den Anfang. Firmenchef Lech Kaniuk schaut aber weiter: Binnen sechs bis acht Jahren sollen alle mit der App zusammenarbeitenden Taxifahrer elektrisch unterwegs sein, was etwa 10.000 Fahrzeuge in über 150 Städten bedeuten würde. Die Konkurrenz bleibt skeptisch: "Die Wahrheit ist, dass heute der Einsatz eines Elektrotaxis verlustbringend ist", erklärt Artur Oporski, Vorsitzender beim Taxibetrieb Ele.

Ob der Batterieantrieb mehr wirtschaftlichen Sinn im Lieferverkehr macht, will die Polnische Post (Poczta Polska) testen. "Wir beschäftigen 25.000 Briefträger. Das ergibt ein großes Einsatzpotenzial für Elektrofahrzeuge," erklärte Przemyslaw Sypniewski, Vorstandsvorsitzender des Unternehmens, in einer Pressemeldung. Bis Ende 2018 sollen in zehn polnischen Städten insgesamt 50 Fahrzeuge getestet werden. Dabei sind Citroen, Nissan, Peugeot, Renault und Zeppelin Goupil sowie die beiden einheimischen Anbieter Komel und Melex. Untersucht werden Zuladung, Reichweite und Ladetechnologien sowie das Einsparpotenzial gegenüber traditionellen Verbrennern.

Sharing is caring - für die Umwelt

Bei kleineren Fahrzeugen wie Scootern und Dreirädern arbeitet die Polnische Post bereits mit dem Start-up Jeden Slad (Eine Spur) zusammen, das im Rahmen des Post-eigenen Wettbewerbs für Jungunternehmer - GammaRebels powered by Poczta Polska - unterstützt wird. Obwohl Jeden Slad bereits mit mehreren kommerziellen Kunden über den Einsatz ihrer Flotte verhandelt, besteht das Hauptgeschäft bisher aus der Kurzzeitvermietung von Elektrorollern in Warschau. Die Firma verfügte Anfang 2018 über eine Flotte von 100 Fahrzeugen. Im kommenden Jahr soll diese auf 500 wachsen. Kunden können den Service entweder ad hoc oder über ein Monatsabo nutzen, das zwischen 14 und 21 Euro kostet.

Zum gleichen Minutenpreis wie die Elektroscooter werden mitunter auch Autos im Car-Sharing-Modell angeboten. Allerdings tankte der überwältigende Anteil der Ende 2017 verfügbaren 2.000 Kurzverleih-Autos fossile Brennstoffe. Immerhin griff der zweitgrößte Anbieter, Panek Car Sharing, bei seiner 300 Fahrzeuge umfassenden Flotte in Warschau ausschließlich auf Hybrid-Ausführungen des Toyota Yaris zurück.

Der auf ein höheres Preissegment spezialisierte Service 4Mobility startete im Oktober 2017 ein Pilotprojekt mit elektrischen BMW i3 in Warschau. Neben dem bayrischen Produkt setzt der Energiekonzern Innogy Polska in einen weiteren Pilotprojekt in Warschau auch Nissan Leaf, Renault Zoe und Hyundai Ioniq ein. Binnen knapp zwei Monaten sollen die Kosten, Aufwand, Kundenreaktionen und -verhalten erforscht werden, um die Basis für einen dauerhaften Car-Sharing-Dienst zu schaffen. Wann dieser aber starten wird, steht noch nicht fest.

Von der strombetriebenen Lösung überzeugt ist hingegen die schlesische Firma Transporters. Sie betreibt nicht nur ein Ladenetzwerk, sondern auch den Car-Sharing-Dienst GreenGoo. Bis Ende 2018 soll dieser 400 Fahrzeuge zur Verfügung stellen, allesamt ausschließlich mit Strom betrieben.

Mehr zum Kraftfahrzeugmarkt Polen finden Sie in unserer Reihe "Branche kompakt Kfz-Industrie" unter: http://www.gtai.de/brk-kfz-polen

Mehr zu Entwicklungen auf den globalen Märkten für Elektrostraßenfahrzeuge finden Sie unter: http://www.gtai.de/elektromobilitaet

Mehr zu Polen finden Sie unter: http://www.gtai.de/Polen

Kontaktadressen

Bezeichnung Internetadresse Anmerkungen
Nationaler Fonds für Umweltschutz und Wasserwirtschaft http://www.nfosigw.gov.pl Narodowy Fundusz Ochrony Srodowiska i Gospdoarki Wodnej; Beaufsichtigt Programme und Fördermittel zur Förderung der Elektromobilität
Electromobility Poland http://www.emobilitypoland.pl Staatliche Einheit unterstützt den Bau von Elektrofahrzeugen
Nationales Zentrum für Forschung und Entwicklung http://www.ncbr.gov.pl Narodowe Centrum Badan i Rozwoju; staatliche Agentur zur Steigerung der Forschungs- und Entwicklungsbemühungen der polnischen Wirtschaft, darunter im Bereich Elektromobilität
Polnische Post http://www.poczta-polska.pl Poczta Polska

Dieser Artikel ist relevant für:

Polen Öffentlicher-Personen-Nahverkehr (ÖPNV), Elektromobilität

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