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01.05.2018

Elektromobilität Polen: Privatkunden fehlt das Geld

Polen würden gerne elektrisch fahren, wenn es nichts zusätzlich kostet / Von Michal Wozniak (April 2018)

Berlin (GTAI) - Der polnische Elektro-Pkw-Markt punktet bisher nur mit hohen Zuwachsraten. Der tatsächliche Verkauf batterieelektrischer Neuwagen und Plug-in-Hybride konnte 2017 gerade eben die 1.000 Stück-Marke knacken. Weit größerer Beliebtheit erfreuen sich Hybride ohne Nachlademöglichkeit. Die Regierung hat ambitionierte Ziele ausgerufen, schlägt bei der Förderung aber weit leisere Töne an. (Kontaktadressen)

Kaum mehr als einer von 5.000 Kunden bestellte 2017 bei polnischen Autohäusern einen Pkw mit batterieelektrischem Antrieb (BEV) oder einen Plug-in-Hybriden (PHEV). Obwohl die daraus resultierenden Wachstumsraten zum Vorjahr bei beeindruckenden 300 beziehungsweise 45 Prozent lagen, musste Polen nach Marktvolumen wesentlich kleineren Ländern wie Ungarn oder Dänemark den Vortritt lassen. Der Anteil am Markt innerhalb der Europäischen Union (EU) lag bei 0,5 Prozent.

Neuzulassungen von Pkw und leichten Nutzfahrzeugen mit elektrischer Antriebskomponente in Polen (Stückzahlen; Anteil am Gesamtmarkt in %)
Indikator 2016 2017 Anteil an Gesamtzulassungen 2017
Batterieelektrische Fahrzeuge (BEV) 108 439 0,1
Plug-in-Hybride (PHEV) 404 585 0,1
Elektrische Fahrzeuge mit Range Extender (EREV) 57 44 0,0
Hybride (HEV) 10.050 16.896 3,5
Fahrzeuge mit elektrischem Antrieb insgesamt 10.619 17.964 3,7

Quelle: ACEA

Wesentlich stärker positioniert sich das Land bei Hybriden ohne Nachlademöglichkeit an der Steckdose (HEV). Mit knapp 17.000 Verkäufen wurden an der Weichsel immerhin 4 Prozent der EU-Nachfrage generiert, was Polen Rang 7 in der Gemeinschaft sicherte. Größter Nutznießer war der japanische Toyota-Konzern: Mehr als neun von zehn verkauften HEV trugen das Logo der Hauptmarke oder des Luxusablegers Lexus. Deutsche Hersteller mussten weit kleinere Brötchen backen: Volkswagen kam auf 19 Verkäufe, Porsche auf 51 und BMW auf 256. Die Münchener konnten allerdings zeitgleich 218 PHEV absetzen.

Rangliste der meistverkauften Elektrofahrzeuge (Stückzahlen; Veränderung in %)
Modell 2016 2017 Veränderung 2017/16
1. Toyota C-HR (HEV) *) 0 4.136 k.A.
2. Toyota Auris Hybrid (HEV) 3.560 3.946 10,8
3. Toyota RAV4 Hybrid (HEV) 2.110 2.887 36,8
4. Toyota Yaris Hybrid (HEV) 1.504 2.416 60,6
5. Lexus NX 300h (HEV) 531 855 61,0
6. Kia Niro (HEV) 182 472 159,3
7. Lexus CT 200h (HEV) 329 400 21,6
8. Lexus RX 450h (HEV) 386 373 -3,4
9. Nissan Leaf (BEV) 25 239 856
10. Hyundai Ioniq (HEV) 37 199 437,8

*) Modell wurde 2017 auf dem Markt eingeführt

Quellen: Marktforschungsinstitut Samar, Nissan Polska

Ambitionierte Ziele der Regierung

Der Entwicklungsplan für Elektromobilität der Regierung in Warschau geht davon aus, dass 2025 rund 1 Million Elektrofahrzeuge über polnische Straßen fahren werden. Experten bleiben aufgrund der spärlichen Förderung aber skeptisch. "Das Elektromobilitätsgesetz definiert die Kaufanreize für Elektrofahrzeuge, darunter den Wegfall der Verbrauchsteuer auf Neufahrzeuge, höhere Amortisationsabschreibungen für Unternehmen, Nutzungserlaubnis für Busspuren, kostenloses Abstellen in kostenpflichtigen Parkzonen sowie Wegfall der Einfahrtsbeschränkungen in städtische Umweltzonen", erklärt der für Elektromobilität zuständige Unterstaatssekretär im Energieministerium, Michal Kurtyka.

Aber gerade an den Umweltzonen zeigt sich, wie weit die Vorstellungen der Regierung an den derzeitigen Bedürfnissen der Privatkunden vorbeigehen. Zum einen ist die in Aussicht gestellte Citymaut für viele Autofahrer, die sich kein neues Auto leisten können, eine spürbare Belastung. In der Diskussion sind Gebührensätze von maximal 2,50 Zloty pro Stunde (Zl, etwa 0,60 Euro; 1 Euro = 4,1602 Zl; Stand: 17.4.18) beziehungsweise 25 Zl pro Tag (etwa 6,01 Euro). Zum anderen befreit der entsprechende Gesetzentwurf nur Fahrzeuge mit Gas-, batterieelektrischem beziehungsweise Wasserstoffantrieb. Die stark nachgefragten Hybride, sogar Plug-in-Hybride, bleiben außen vor. Zwar haben die lokalen Selbstverwaltungen die Möglichkeit, dies ändern, da sie große Freiräume bei der Ausgestaltung ihrer jeweiligen Umweltzone-Regeln erhalten sollen. Andererseits könnten dann die Vorgaben von Stadt zu Stadt stark variieren und die Autofahrer zusätzlich verunsichern.

Das Herz will, das Portemonnaie kann nicht

Auch eine Kaufprämie ist aus heutiger Sicht selbst langfristig nicht vorgesehen. Rafal Czyzewski, Vorstandsvorsitzender des Ladenetzbetreibers Greenway Polska, geht von 50.000 batterieelektrischen Pkw im Jahr 2020 aus. Trifft diese Zahl zu, müssten in den fünf Folgejahren etwa 20 Prozent der Neuzulassungen auf elektrisch angetriebene Autos entfallen, um das Regierungsziel zu erreichen.

Dabei ist das Geld der entscheidende Hemmfaktor. Die Neuwagen-Nachfrage stieg zwar zwischen 2014 und 2017 von 327.000 auf 486.000 Pkw pro Jahr, über 60 Prozent davon wurden aber von Firmen gekauft. Demgegenüber standen 2017 nahezu 870.000 hauptsächlich aus anderen EU-Ländern eingeführte Gebrauchtwagen. Deren Durchschnittsalter von elf Jahren lässt auch eindeutige Rückschlüsse auf die verfügbaren Budgets zu.

Dies zeigt sich auch in entsprechenden Umfragen. Laut einer Studie der Consultingfirma PwC, die 1.000 autofahrende Internetnutzer aus Polen befragt hat, würden 40 Prozent von ihnen ein Elektroauto kaufen. Allerdings nur, wenn Marke, Fahrzeugklasse und Preis dem bevorzugten Verbrenner gleichkämen. Und der Preis sollte für zwei Drittel der Befragten unter 70.000 Zloty (etwa 16.826 Euro) liegen. Dafür gibt es in Polen einzig den an alte Kabinenroller erinnernden Renault Twizy. Das günstigste, viersitzige Vollwertauto, der Smart Forfour electic drive, startet bei 96.000 Zl (etwa 23.071 Euro).

Die eine Langstrecke

Die meisten Polen müssten zudem neben dem Elektroauto noch ein zweites haben, um ihre Mobilitätsansprüche zu befriedigen. Nach einer Umfrage des Marktforschungsinstituts IBRIS im Auftrag der Santander Consumer Bank sind die meisten zwar Wenigfahrer: Nur jeder vierte Pole legt jährlich über 20.000 Pkw-Kilometer zurück. Nahezu genauso viele fahren weniger als 5.000 Kilometer, etwa 18 Prozent zwischen 5.000 und 10.000 Kilometer.

Allerdings bleibt für viele, vor allem Familien, das Auto das bevorzugte Urlaubstransportmittel. Und dann stehen auch schon mal einige hundert Kilometer bis zur Ostsee an, oft aber auch 2.000 nach Kroatien oder Bulgarien. Dafür sind die Reichweiten eines Elektroautos und das verfügbare Ladenetz noch lange nicht ausreichend.

Mehr zum Kraftfahrzeugmarkt Polen finden Sie in unserer Reihe "Branche kompakt Kfz-Industrie" unter: http://www.gtai.de/brk-kfz-polen

Mehr zu Entwicklungen auf den globalen Märkten für Elektrostraßenfahrzeuge finden Sie unter: http://www.gtai.de/elektromobilitaet

Mehr zu Polen finden Sie unter: http://www.gtai.de/Polen

Kontaktadressen

Bezeichnung Internetadresse Anmerkungen
Energieministerium http://www.me.gov.pl Ministerstwo Energii; verantwortlich für Elektromobilität
Nationaler Fonds für Umweltschutz und Wasserwirtschaft http://www.nfosigw.gov.pl Narodowy Fundusz Ochrony Srodowiska i Gospdoarki Wodnej; beaufsichtigt Programme und Fördermittel zur Förderung der Elektromobilität
Electromobility Poland http://www.emobilitypoland.pl Staatliche Einheit unterstützt den Bau von Elektrofahrzeugen
Nationales Zentrum für Forschung und Entwicklung http://www.ncbr.gov.pl Narodowe Centrum Badan i Rozwoju; staatliche Agentur zur Steigerung der Forschungs- und Entwicklungsbemühungen der polnischen Wirtschaft, darunter im Bereich Elektromobilität
Polnischer Verband der Elektromobilität http://www.psem.pl Polskie Stowarzyszenie Elektromobilnosci; Interessenverband für Akteure des Bereichs Elektromobilität

Dieser Artikel ist relevant für:

Polen Elektromobilität

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Fabian Möpert

‎+49 30 200099209

Suche / Mann mit Lupe | © GettyImages/BernardaSv

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