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11.04.2019

Energieeffizienz im Vereinigten Königreich: Ambitionierte Ziele, aber unklare Umsetzung

Vielfältige Förderung im öffentlichen und privaten Sektor / Von Robert Scheid (März 2018)

London (GTAI) - Die Energieeffizienz im Gebäudebau hat sich im Vereinigten Königreich in den letzten zehn Jahren deutlich verbessert. Seit 2017 geht es jedoch langsamer voran.

Markttreiber und -hemmnisse
Treiber Hemmnisse
Ambitionierte Klimaziele Unkoordinierte Förderung
Vielseitige Förderprogramme Strenger Denkmalschutz
Potenzial durch Altersstruktur der Gebäude Unsicherheiten aufgrund des Brexit-Prozesses

Quelle: Germany Trade & Invest

Aktuelles zum Thema Energieeffizienz in Gebäuden

Circa ein Viertel des Energieverbrauchs im Vereinigten Königreich stammt aus dem Gebäudebereich. Laut einer Studie des UK Energy Research Centre könnte der Energieverbrauch in diesem Sektor noch um etwa die Hälfte gesenkt werden. In den letzten Jahren haben die Briten bereits große Fortschritte erzielt. Die Gebäudeemissionen haben sich nach Angaben des Department for Business, Energy & Industrial Strategy (BEIS) zwischen 2010 und 2017 um rund 21 Prozent reduziert. Der Rückgang der Emissionen wurde überwiegend durch eine Verbesserung der Energieeffizienz in Wohngebäuden erreicht.

Im internationalen Energieeffizienz-Ranking des American Council for an Energy-Efficient Economy (ACEEE) rangierte das Vereinigte Königreich im Jahr 2018 auf Platz 4 der 25 Volkswirtschaften mit dem höchsten Energieverbrauch weltweit. Damit lag das Land noch hinter Deutschland, Italien und Frankreich. In der Unterkategorie Gebäudeeffizienz belegten die Briten den zweiten Platz. Eine Vielzahl von nationalen und lokalen Anreizen sowie strengere Bauvorschriften haben im vergangenen Jahrzehnt die Gebäudeeffizienz vorangebracht. Aktuellen Daten der Regierung zufolge hat sich jedoch das Tempo verlangsamt. Nach dem "English Housing Survey" des Wohnbauministeriums Ministry of Housing, Communities & Local Government hat sich die Energieeffizienz zwischen 2017 und 2018 nicht mehr verbessert.

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Regierungspläne, Förderprogramme, administrative Hürden

Obwohl das Vereinigte Königreich ambitionierte Klimaziele verabschiedet hat, ist der Fahrplan für die Erreichung der Gebäudeeffizienzziele relativ unklar. Im Juli 2015 kündigte die Regierung den Stopp des bisherigen staatlichen Energieförderprogramms (Green Deal Home Improvement Fund) an. Im August 2015 plante die Regierung dann, die angedachte Zero-Carbon-Pflicht für neue Wohngebäude (geplant ab 2016) sowie die ebenfalls anvisierte Pflicht für alle weiteren Gebäude (angedacht ab 2019) zu kippen, weil die Maßnahmen zu ehrgeizig gewesen seien.

Seitdem ist die wichtigste Grundlage der Energieeffizienzpolitik die im Herbst 2017 veröffentlichte und im April 2018 überarbeitete "Clean Growth Strategy". Das Strategiepapier setzt auf die langfristige Entkarbonisierung des Erdgasnetzes durch die Nutzung von Wasserstoff und auf die Steigerung der Energieeffizienz in Gebäuden. Allerdings werden nur wenige konkrete Anreize definiert. Nennenswert sind Fördermittel für Forschung und Entwicklung sowie die Unterstützung für einkommensschwache Mieter. Maßnahmen für Miet- und Eigentumswohnungen werden hingegen nicht benannt.

Effizientes Heizen steht im Vordergrund

Die verschiedenen Programme zur Förderung der Energieeffizienz auf lokaler und nationaler Ebene bilden einen landesweiten Flickenteppich. Maßnahmen für effizientere Heizungssysteme stehen im Vordergrund. Seit 2011 existiert ein Programm "Warm Home Discount" (WHD) für einkommensschwache Haushalte. Des Weiteren gibt es seit November 2011 die Förderung "Renewable Heat Incentive" für Gewerbebetriebe und seit April 2014 für Haushalte. Dieses Programm bietet finanzielle Anreize für die Verwendung erneuerbarer Energien zu Heizzwecken. Neu ist die Förderung von Wärmenetzen im "Heat Network Investment Project Funding", welches die Regierung mit 320 Millionen Pfund-Sterling (rund 366 Millionen Euro) unterstützt. Eine Testphase lief bereits zwischen Oktober 2016 und März 2017. Das Projekt zur Wärmenetzförderung wird nun bis zum Jahr 2021 finanziert. Im März 2019 stellte die Regierung den sogenannten "Future Homes Standard" vor, der unter anderem ein Verbot von fossilen Heizquellen bei Neubauten ab 2025 vorsieht.

Die Metropole London ist bei der Gebäudeeffizienz im Vergleich zum Rest des Landes Vorreiter. Im Juli 2018 führte der Londoner Bürgermeister das "London Commercial Boiler Scrappage Scheme" beziehungsweise "Cleaner Heat Cash Back Scheme" für gewerbliche Betriebe ein. Ziel ist es, alte Heizkessel in Büros und Läden durch neue effizientere Technologien zu ersetzen. Kleine und mittelständische Unternehmen, die einen Heizkessel mit einer Mindestkapazität von 70 Kilowatt besitzen und deren Heizkessel mehr als zehn Jahre alt ist, bekommen beim Neuerwerb bis zu 30 Prozent Rabatt. Das Programm läuft bis zum 31. März 2020 oder bis der Topf von 10 Millionen Pfund Sterling (rund 11,4 Millionen Euro) ausgeschöpft ist.

Die Richtlinie zur Energieeffizienz im privaten Mietsektor für England und Wales aus dem Jahr 2015 bestimmt, dass Vermieter von privaten oder gewerblichen Objekten einen Energieausweis mit der Mindeststufe E nachweisen müssen, bevor die Objekte neu oder weitervermietet werden dürfen.

Einführung von Smart Meters verzögert sich

Eine wichtige Maßnahme ist das seit 2011 laufende "Smart Metering" Programm. Diese Initiative sieht vor, alle Wohngebäude und Kleinbetriebe mit "intelligenten" Stromzählern auszurüsten. Bis zum Jahr 2020 sollen insgesamt rund 63 Millionen Gas- und Stromzähler in rund 30 Millionen Haushalten und kleinen Betrieben durch Smart Meter ersetzt werden. Verantwortlich für die Umsetzung sind die Energieunternehmen. Aktuellen Berichten zufolge wurde bis Ende 2018 jedoch nur ein Viertel des Ziels erreicht.

Zudem ist das "Energy Company Obligation" (ECO) Programm nennenswert. Große Energieunternehmen sind danach verpflichtet, vor allem einkommensschwachen Kunden beim Energiesparen zu unterstützen, beispielsweise durch Maßnahmen zur Wand- und Dachbodenisolierung.

Im öffentlichen Sektor gibt es weitere Maßnahmen, die die Gebäudeeffizienz steigern sollen. Seit dem 19. Januar 2019 müssen zum Beispiel öffentliche Neubauten den Niedrigstenergiegebäude-Standard (nearly zero energy buildings) erfüllen. Zudem werden im Programm "Public Sector Energy Efficiency Loans Scheme" zinsfreie Kredite für Energieeffizienzprojekte im öffentlichen Sektor zur Verfügung gestellt. Für die Verwaltung ist Salix Finance Ltd. zuständig.

Bauvorschriften regeln Energieeinsparmaßnahmen

Die "Building Regulations (England and Wales) 2010" vom 1. Oktober 2010 bestimmen die Baurichtlinien für England und Wales. Allgemeine Vorgaben für den Bereich Energieeffizienz finden sich in Kapitel 6 ("Energy Efficiency Requirements") der Bauordnung. Genauere Hinweise zur Energieeffizienz im Gebäudebereich befinden sich im Anhang der Vorschriften. Dort wird zum Beispiel detailliert auf Energieeinsparung von Brennstoff und Strom eingegangen. Die vier Unterkapitel (L1A, L2A, L1B und L2B) behandeln jeweils die Vorschriften für neue und bestehende Gebäude.

Die Bauvorschriften sind im Internet abrufbar unter: http://www.legislation.gov.uk/uksi/2010/2214/pdfs/uksi_20102214_en.pdf

Hier finden Sie die Vorschriften zur Energieeinsparung von Brennstoff und Strom: http://www.gov.uk/government/publications/conservation-of-fuel-and-power-approved-document-l.

Kontaktanschriften

Bezeichnung Internetadresse Anmerkung
Clean Growth Strategy http://www.gov.uk/government/publications/clean-growth-strategy Strategiepapier Energieeffizienz
Department for Business, Energy & Industrial Strategy (BEIS) http://www.gov.uk/government/organisations/department-for-business-energy-and-industrial-strategy Regierungsbehörde
Ministry of Housing, Communities & Local Government http://www.gov.uk/government/organisations/ministry-of-housing-communities-and-local-government Zuständiges Ministerium

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Weitere Informationen zum Vereinigten Königreich finden Sie unter http://www.gtai.de/vereinigtes-koenigreich.

Dieser Artikel ist relevant für:

Vereinigtes Königreich Energie, Wasser, Wärme, allgemein, Energieeinsparung, Brexit

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