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21.09.2018

Eritreisch-äthiopischer Frieden belebt wirtschaftliche Entwicklung

VAE will sein Engagement in der Region ausbauen / Von Martin Böll

Nairobi (GTAI) - Der Friedensprozess zwischen Eritrea und Äthiopien entwickelt sich positiv. Erste Projektpläne wie die Wiedereröffnung einer Handelsroute zeigen, wohin die Reise gehen könnte.

Im Juli 2018 haben Eritrea und Äthiopien nach zwei Dekaden ihre Feindseligkeiten formal beendet. Damit besteht die Hoffnung auf langfristige politische und ökonomische Entwicklungen nicht nur in beiden Ländern, sondern auch in der Region. Dazu gehört die Wiedereröffnung der Handelsroute von Äthiopien in die eritreischen Häfen Massawa und Assab am Roten Meer.

Bislang muss Äthiopien mehr als 90 Prozent seines Außenhandels über den Hafen von Dschibuti abwickeln, was eine große Abhängigkeit bedeutet und für den Warenverkehr seiner nördlichen Provinzen einen teuren Umweg darstellt. Für Eritrea wäre eine Wiedereröffnung der Verkehrsroute ein lukratives Transitgeschäfte. Zudem würde es ausländische Investitionen in seine Häfen nebst angeschlossener Logistik verstärken. Damit könnte sich das Land eine dritte Einnahmequelle neben den Transfers von Auslandseritreern und dem Bergbaugeschäft erschließen.

Aller Anfang war schwer

Das alles braucht Zeit und geht nicht von heute auf morgen. Entscheidend aber ist, dass ein Anfang gemacht wurde, damit beide Länder wieder zueinander finden. Gewinner gäbe es auf beiden Seiten: Eritreische Firmen könnten ihre Dienstleistungen dem ökonomisch viel größeren und erfolgreicheren Partner Äthiopien zur Verfügung stellen und von dessen Erfahrung profitieren. Darüber hinaus hätte die eritreische Wirtschaft in Äthiopien erstmals einen nennenswerten potenziellen Auslandshandelspartner für ihre Waren. Der rapide wachsende äthiopische Konsumgütermarkt bietet für den kleinen Nachbarn reichlich Chancen, hinzukommt die schnelle Entwicklung der äthiopischen Landwirtschaft und Leichtindustrie.

Vor dem Konflikt beider Länder waren äthiopische Firmen zu gut 90 Prozent an allen Geschäftstätigkeiten in der Hafenstadt Assab involviert. Von dem Rückzug hat sich die Hafenstadt dann nie richtig erholt. Lediglich 2015 gab es einen Push, als die Navy der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) begann, die Hafenanlagen von Assab zu nutzen.

Alternative Assab

Verkehrstechnisch wäre Assab für Addis Abeba eine Transportalternative. Die Entfernung beträgt auf der schnellsten Verbindung 882 Kilometer im Vergleich zu 754 Kilometern auf der Route Addis Abeba - Dschibuti. Abzuwarten bleibt, inwieweit Eritrea Äthiopien bei Abfertigungsfragen entgegen kommen wird. Vor dem Konflikt beider Länder hatte Äthiopien in Assab seine eigenen Zollbüros, so dass auf eine weitere Kontrolle an der Grenze verzichtet werden konnte.

An potenziellen Investoren dürfte es nicht fehlen: Vor allem die VAE haben ein erklärtes Interesse an Investitionen in Eritrea, nachdem sie mit ihrem Hafen-Engagement in Dschibuti Schiffbruch erlitten haben. Ein starkes Logistikgeschäft in Assab dürfte die Konkurrenz mit Dschibuti beleben, was wiederum zu einer höheren Effektivität führen dürfte. Ein möglicher Verlierer wäre dabei Dschibuti, während Eritrea, Äthiopien und der Rest der Region davon profitieren dürften.

VAE mit Interesse und Geld

Dass es die VAE mit ihrem Eritrea-Engagement ernst meinen, zeigt eine Ankündigung von Mitte August 2018, eine Ölpipeline zwischen Addis Abeba und Assab bauen zu wollen. Dabei ist die Pipeline auch ein politisches Statement zugunsten von Eritrea, über das die VAE verstärkt Investitionen in Äthiopien voranbringen wollen. Neben dem wirtschaftlichen Aspekt geht es den VAE auch um strategische Interessen am Horn von Afrika und der diesbezüglichen Konkurrenz zu Katar und der Türkei.

Eritrea wird derweil die Straße zwischen Assab und der äthiopischen Grenzstadt Bure von zwei auf vier Spuren ausbauen, meldet der staatliche Fernsehsender Eri-TV. Die Straße wurde nach dem Ausbruch des Krieges zwischen beiden Ländern 1998 so gut wie nicht mehr benutzt.

Eritrea - Äthiopien 2018 im Vergleich
Eritrea Äthiopien
Landesgröße (in qkm) 124.320 1.221.900
Bevölkerung 2017 (in Mio.) 5,1 1) 107,5
Bruttoinlandsprodukt (BIP; in Mrd. US$) 1) 5,8 64,4
Wirtschaftswachstum (real; in %) 2) 5,4 7,6
Inflationsrate (Durchschnitt; in %) 2) 13,0 13,2
Warenexporte (in Mio. US$) 2) 760 3.770
Warenimporte (in Mio. US$) 2) 1.236 15.223
Leistungsbilanzdefizit (in % des BIP) -3,1 -10,7
Auslandsverschuldung (Jahresende in Mio. US$) 2) 802 29.152
Deutsche Exporte (in Mio. US$) 3) 10,7 370,5
Deutsche Importe (in Mio. US$) 3) 0,0 195,4

1) Schätzung; 2) Prognose; 3) vorläufig

Quellen: Economist Intelligence Unit (EIU); Statistisches Bundesamt

Der Frieden mit Äthiopien könnte für Eritrea zum Game Changer werden. Das Land gilt bislang als eines der am schlechtesten regierten Länder Afrikas. Menschenrechte werden von der herrschenden Militärdiktatur nicht geachtet. UN-Sanktionen greifen kaum. Und staatliche Misswirtschaft gibt dem Privatsektor bislang keine Chance.

Wirtschaftswachstum dank Bergbau

Im laufenden Jahr kann Eritrea mit einem realen Wirtschaftswachstum von 5,4 Prozent rechnen, was auf das Konto nennenswerter Bergbauaktivitäten und steigender Weltmarktpreise für Kupfer und Zink zurückgeht. Grundsätzlich könnte das Wirtschaftswachstum deutlich höher ausfallen, würde Eritrea auch außerhalb des Bergbaus privates Engagement zulassen.

Stattdessen aber liegt die Wirtschaft mehrheitlich in den Händen schlecht geführter Staatsbetriebe, die mit ihren Einnahmen den aufgeblähten Militärhaushalt alimentieren, nicht aber die breite Armut in der Bevölkerung bekämpfen. Die Landwirtschaft bleibt rudimentär, gilt als wenig produktiv und extrem wetterabhängig. Die Inflation galoppiert, weil die Nahrungsmittelproduktion unzureichend ist und es einen akuten Mangel an Devisen gibt, was zum großen Teil einer überbewerteten Inlandswährung geschuldet ist.

Außerhalb des Bergbausektors profitiert Eritrea vom strategischen Interesse einiger Golfländer an seinen Häfen - und das bereits vor dem Friedensschluss. Dies gilt insbesondere für die VAE, seit diese ihre Hafenkonzession im benachbarten Dschibuti verloren haben. Von der EU finanzierte Entwicklungsprogramme kommen derweil dem Dienstleistungssektor zugute. Grundsätzlich könnte auch ein Tourismussektor entwickelt werden, nachdem die Hauptstadt Asmara von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt wurde. Reisewarnungen westlicher Staaten stehen einem Touristenansturm allerdings noch im Wege.

Die Zahl der Eritreer die aus dem Land fliehen bleibt unverändert hoch. Die EU setzt bislang darauf, mit Entwicklungshilfe und gutem Zureden den Flüchtlingsstrom zu bremsen. Dabei ist die Migration für das Land von ökonomischem Vorteil: Arbeitslosigkeit wird so exportiert und die substanziellen Transfers aus dem Ausland an zurückgebliebene Familienangehörige mindern das akute Devisenproblem.

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekten in Afrika können Sie unter http://www.gtai.de/afrika abrufen.

Dieser Artikel ist relevant für:

Äthiopien, Eritrea, Vereinigte Arabische Emirate Handel, allgemein, Transport und Verkehr, allgemein, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein

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