Suche

04.12.2018

Erster E-Motorroller fristet in Indonesien ein Nischendasein

Staus und fehlende Ladeinfrastruktur schrecken vom Kauf von Elektrofahrzeugen ab / Von Frank Malerius

Jakarta (GTAI) - Seit einem Jahr fährt ein vor Ort produzierter Elektro-Motorroller auf Indonesiens Straßen. Doch die Verkaufszahlen sind niedrig, denn seine Reichweite ist zu gering.

Der Viar Q1 ist das erste rein elektrische Fahrzeug, das in Indonesien produziert wird. Seit Juni 2017 fährt der Motorroller vorwiegend auf den Straßen des Großraums Jakarta. Doch bisher wurden nach Angaben von Hersteller Viar Motor nur etwa 2.000 Stück des Modells verkauft. Batterie und Antrieb liefert Bosch aus seinen Werken in China zu. Die Technologiepartnerschaft mit dem deutschen Automobilzulieferer ist wichtiger Teil der Marketingkampagne.

Auf den ersten Blick könnte es weltweit kaum ein geeigneteres Terrain für elektrische Motorroller geben als die indonesische Hauptstadt. Denn die Verkehrsstaus in Jakarta sind endlos, die Luft als Resultat daraus ist zum Schneiden dick und der Geräuschpegel dauerhaft hoch.

Doch in der Praxis hat der Viar Q1 für den durchschnittlichen indonesischen Motorradfahrer entscheidende Nachteile. Seine Reichweite beträgt zwar bis zu respektablen 60 Kilometern. Doch wer einen langen Arbeitsweg hat und zwischendurch im Stau stecken bleibt oder Umwege fahren muss, kommt auf der Heimfahrt gegebenenfalls ins Zittern.

Der spontane Vorbehalt von Jakartas Motorradfahrern gegenüber Elektromodellen sind die häufigen Überschwemmungen in der Stadt, die Batterien zu einer Gefahr machen würden. Viar versucht sie zu entkräften, indem das sichere Fahren durch Wasser in Bassins simuliert wird.

MKT201812038008.15

Günstiger Unterhalt, aber schwache Marke

An Preisniveau und Unterhaltskosten kann der holprige Verkaufsstart des maximal 60 Kilometer pro Stunde schnellen Viar Q1 nicht liegen. Er kostet umgerechnet knapp 1.200 US-Dollar und damit etwa so viel wie das Schwestermodell mit Verbrennungsmotor und so viel wie Einsteigervarianten anderer Marken.

Ein komplettes Aufladen der Batterie kostet umgerechnet zwischen 20 und 30 Dollar-Cent und ist damit etwas billiger als die Benzinkosten eines Verbrennungsmotors. Müsste nach 600 bis 800 Ladevorgängen eine neue Batterie gekauft werden, müssten die Kosten von circa 340 US$ mit den zwischenzeitlichen Öl- und Wartungskosten eines konventionellen Motorrades gegengerechnet werden.

Für Motorradfahrer außerhalb der großen Städte hat der Q1 einen wichtigen Vorteil: Seine Batterie hat nur 220 Volt und kann damit auch in den mit nur geringer Spannung ausgestatteten Hütten von Dorfbewohnern geladen werden, ohne dass dafür der Kühlschrank vom Netz genommen werden muss.

Während Bosch in Indonesien großes Renommee genießt, ist der Name Viar allerdings ein bedeutender Minuspunkt. Denn das Unternehmen stellt ansonsten überwiegend klobige Lastenmotorräder her, die teilweise als Müllwagen fungieren - für markenbewusste Indonesier ein Albtraum.

Zu wenige Ladestationen

Ein seit Jahren steigender Anteil des Individualverkehrs in Jakarta entfällt auf die allgegenwärtigen Motorrad-Taxis von Go-jek und Grab, die sich per App buchen lassen und Personen und Waren für Centbeträge transportieren. Die Fahrer mit den grünen Jacken gehören zum Stadtbild, mehrere Zehntausend von ihnen sind alleine im Großraum Jakarta unterwegs.

Könnte man sie mit Elektrorollern ausstatten, würde das die Luftqualität verbessern. Doch auch für sie wäre die Reichweite von 60 Kilometern viel zu gering, zumal sie während der Ladezeit von fünf bis sieben Stunden ohne Verdienst wären. Immerhin hat der staatliche Energieversorger PLN mehr als 1.000 kostenpflichtige Ladestationen im Großraum Jakarta aufgestellt (sie waren ursprünglich für mobile Essensstände gedacht). Sie lassen sich über Google Maps ansteuern. Doch nur die wenigsten von ihnen sind videoüberwacht. Viele Fahrer wagen es nicht, ihr Motorrad dort unbeaufsichtigt stehen zu lassen.

Für die wenigen reinen Elektro-Pkw im Land ist die Lage noch ungünstiger. Für sie gibt es gerade einmal drei öffentliche Ladestationen in der Stadt - und die auch nur im Rahmen einer Testphase. Wer sich den Luxus eines E-Autos leistet, hat deshalb daneben noch mindestens einen Benziner in der Garage stehen.

Ob ein elektrisches Motorrad wirklich umweltfreundlicher ist als ein benzinbetriebenes, hängt von der Art der Stromerzeugung ab. In Indonesien sind die Bedingungen äußerst ungünstig: Fast 60 Prozent des Stroms werden aus Kohle erzeugt, weitere 23 Prozent aus Gas. Auf erneuerbare Energien entfallen gerade einmal 12,5 Prozent.

Weiterer E-Scooter vor Verkaufsstart

Trotz seiner moderaten Verkaufszahlen bekommt der Viar Q1 bald Konkurrenz. Denn der ebenfalls indonesische Hersteller Gesits Technologies Indo (GTI) geht mit dem schnittigen E-Scooter Gesits in die Massenproduktion. Dessen Batterie kommt aus China und Südkorea. Präsident Joko Widodo hat bereits eine medienwirksame Probefahrt auf dem Gesits gemacht. Geplanter Verkaufsstart ist Dezember 2018.

MKT201812038008.14

Motorräder sind noch immer das wichtigste Fortbewegungsmittel in Indonesien. Im Jahr 2017 waren laut Statistikamt BPS (Badan Pusat Statistik) 111 Millionen davon im Land registriert. Damit besitzt durchschnittlich fast jeder Indonesier im fahrtüchtigen Alter eines. Alleine in Jakarta sind 15 Millionen Motorräder gemeldet. Deren Produktion ist zudem ein wichtiger Wirtschaftszweig. Im Jahr 2017 wurden 6,3 Millionen Einheiten hergestellt. In Spitzenzeiten waren es mehr als 8 Millionen Stück.

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekten in Indonesien können Sie unter http://www.gtai.de/indonesien abrufen. Die Seite http://www.gtai.de/asien-pazifik bietet einen Überblick zu verschiedenen Themen in Asien-Pazifik.

Dieser Artikel ist relevant für:

Indonesien Straßenfahrzeuge, allgemein, Motor- und Fahrräder, Elektromobilität

Funktionen

Kontakt

Anna Westenberger

‎+49 30 200 099 393

Suche / Mann mit Lupe | © GettyImages/BernardaSv

Suche

Recherchieren Sie aktuelle Marktanalysen, Wirtschaftsdaten, Zoll- und Rechtsinformationen, Projekte und Ausschreibungen aus über 120 Ländern.

Zur Suche