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19.07.2017

Estland ist Vorreiter bei Personalisierter Medizin

Umfangreiche Biobank mit Gen- und Gesundheitsdaten / Forschung über Massendatenanalyse soll ermöglicht werden / Von Marc Lehnfeld

Tallinn (GTAI) - Der digitale Pionier Estland nutzt seine Vorreiterrolle beim Thema E-Health auch, um die Entwicklung von Personalisierter Medizin voranzutreiben. Basierend auf riesigen Mengen digital erfasster Patientendaten, suchen Forscher und Pharmafirmen mit Hilfe von Algorithmen und Optimierungsmodellen individuelle, bestmögliche Therapien und Medikamente - und die Politik verbessert die Rahmenbedingungen weiter. (Internetadressen)

E-Health-Strategie verbessert Rahmenbedingungen für Personalisierte Medizin

Die Entwicklung der Personalisierten Medizin ist weltweit auf dem Vormarsch. Auch Estland, das in punkto Digitalisierung zu den Vorreitern in der Welt gehört, spielt hier in der ersten Liga. Das Land beteiligt sich an internationalen Projekten und bietet mit seiner großen Sammlung von Gen- und weiteren Gesundheitsdaten, gebündelt in einer sogenannten Biobank, sowie seinem E-Health-System attraktive Forschungsbedingungen für Unternehmen. Der universitären und kommerziellen Forschung stehen umfassende Patientendaten zur Verfügung, die das weit digitalisierte Gesundheitswesen vielfach direkt zur digitalen Verarbeitung zur Verfügung stellen kann.

Laut Verband Forschender Arzneimittelhersteller (vfa) in Deutschland ist Personalisierte Medizin ein neues Behandlungskonzept, bei der die Entscheidung über die bestmögliche Therapie nicht nur aufgrund einer Diagnose festgelegt wird, sondern auch die Charakteristika eines Patienten berücksichtigt (https://www.vfa.de/de/arzneimittel-forschung/personalisierte-medizin/personalisierte-medizin-das-beste-medikament-fuer-den-patienten-finden.html). Dazu gehören neben den bisher schon üblicherweise berücksichtigten Merkmalen wie Alter oder Kondition in Zukunft auch Biomarker, also die genetischen, molekularen und zellulären Besonderheiten eines Patienten. Basierend auf diesen Informationen versucht die Personalisierte Medizin bestmögliche, individualisierte Medikamente und Therapien zu finden.

Mit dem "Estonian eHealth Strategic Development Plan 2020" (http://www.sm.ee/et/strateegia) will das estnische Ministerium für soziale Angelegenheiten zum Beispiel im Bereich der Dateninfrastruktur die Qualität und Austauschmöglichkeiten der Daten verbessern. Damit soll auch der Forschungsrahmen für die Personalisierte Medizin optimiert werden. Zu den strategischen Zielen gehört insbesondere die Entwicklung von digitalen Lösungen zur Behandlungsunterstützung ("digital decision-support solutions"). Aus den Datenmassen des Gesundheitssystems sollen Erkenntnisse über erfolgreiche Behandlungsmethoden in Form von Algorithmen entwickelt werden, die Ärzte bei der Entscheidungsfindung unterstützen.

Biobank und Genforschung treffen auf digitales Gesundheitswesen

Basierend auf Massendatenanalysen soll auch die Genforschung vorangetrieben werden. Dies geschieht an der südestnischen Universität Tartu: Hier arbeiten das Exzellenzzentrum für Genomik und Translationale Medizin, das bis 2023 aus dem Europäischen Regionalfonds gefördert wird, sowie das Genomzentrum, das mit einem Team von über 50 Mitarbeitern eine umfangreiche Biobank betreibt.

Bis heute haben knapp 52.000 Esten freiwillig ihre Daten zur Verfügung gestellt, die nicht nur genetische Informationen sondern auch genaue persönliche Angaben zum Gesundheitsstatus und Lebensstil umfassen. Das Genomzentrum ist daher nicht nur eine Gendaten- sondern vielmehr eine Biobank, mit deren Daten Forscher gen- und lebensstilbedingte Prävalenzen für Krankheiten ermitteln können.

Die anonymisierten Daten sind auch für kommerzielle Forschungsprojekte zugänglich und für Pharmaunternehmen, die zum Thema Personalisierte Medizin forschen, sehr interessant. Das Zentrum wurde im Zuge eines nationalen Genprojektes gegründet. Bereits im Jahr 2000 hatte der Gesetzgeber die Forschung mit menschlichen Genen ermöglicht (Link zum Gesetz: https://www.riigiteataja.ee/en/eli/531102013003/consolide).

Die Biobank wird zusätzlich mit weiteren Gesundheitsdaten aus verschiedenen Quellen gespeist, hierzu gehören die öffentliche Krankenversicherung oder das Krebsregister. Vor diesem Hintergrund ist das Thema Datenintegration ein Kernanliegen der Personalisierten Medizin in Estland. Möglich sind die Entwicklungen nur, weil das Land ein im internationalen Vergleich stark ausgebautes E-Health-Systems entwickelt hat, über das der folgende GTAI-Artikel genauer informiert:

http://www.gtai.de/GTAI/Navigation/DE/Trade/Maerkte/suche,t=kleines-estland-als-ehealth-testmarkt-interessant,did=1671196.html

Öffnung der digitalen Patientenakte schafft Markt für Gesundheitsapps

Personalisierte Medizin wird in Estland aber nicht nur als Feld der Gen- und Pharmaforschung betrachtet. Vielmehr sollen die Bürger in Zukunft in der Lage sein ihre Gesundheit mit Hilfe der digitalen Patientenakte in die eigene Hand zu nehmen. Die Schnittstelle zum System ist bereits geöffnet, so dass kommerzielle Anbieter Apps und Fitnessgeräte mit Zugriff auf die Gesundheitsdaten entwickeln können.

So stellt zum Beispiel die App von Medikeep den Nutzern Informationen über verschriebene Medikamente zur Verfügung und deckt gefährliche Wechselwirkungen auf. Medikeep wurde auch über den Grants4Apps-Accelerator des deutschen Life Science-Konzerns Bayer gefördert. Außerdem wird im Juni 2017 der Sieger des HIVdigital-Hackathons, organisiert von der estnischen GlaxoSmithKline-Niederlassung und dem Connected Health-Cluster, bekanntgegeben. Das Cluster ist auch der erste Ansprechpartner für deutsche Unternehmen, die sich in Estland engagieren möchten und einen lokalen Partner suchen.

Datensicherheit auch im digitalen Estland wichtiges Thema

Bei deutschen Betrachtern erzeugt die in Estland übliche dezentrale Speicherung umfangreicher persönlicher Daten und ihre breite Verwendung einerseits große Bewunderung über die progressive estnische Haltung. Zum anderen zeigt sich aber auch äußerste Skepsis in punkto Datenschutz. "Wir garantieren die Datensicherheit durch die technische Sicherheit des Systems, eine strenge Rechtslage bei Missbrauch und die Rückverfolgbarkeit der Datenzugriffe durch die Patienten", erklärt Ain Aaviksoo, Deputy Secretary General for E-services and Innovation (CIIO) beim estnischen Sozialministerium. "Außerdem kann jeder Bürger seine digitale Patientenakte sperren lassen. Dass nur 0,6% der Einwohner das zum Teil oder vollständig tun, spricht für das Vertrauen in unser System."

Interessierten Unternehmen bietet die zweite Jahreshälfte 2017 eine gute Möglichkeit für das Networking vor Ort. Dann präsentiert sich Estland im Rahmen der EU-Ratspräsidentschaft mit seinen Vorzügen im Bereich E-Health und Personalisierte Medizin. Die für Branchenunternehmen relevante Veranstaltung "eHealthTallinn 2017" findet vom 16. bis 18.10.17 in Tallinn statt (http://www.sm.ee/en/ehealthtallinn-2017).

Internetadressen

Estnisches Genomzentrum an der Universität Tartu (EGCUT, Eesti Geenivaramu)

Internet: http://www.geenivaramu.ee/en

Estnisches HealthTech Cluster "Connected Health"

Internet: http://www.connectedhealth.ee

Exzellenzzentrum für Genomik und Translationale Medizin an der Universität Tartu

Internet: https://www.sisu.ut.ee/gentransmed/home-0

Estnisches Ministerium für soziale Angelegenheiten (Sotsiaalministeerium)

Internet: http://www.sm.ee/en

Deutsch-Baltische Handelskammer

Internet: http://www.ahk-balt.org

(Ma.Le.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Estland Gesundheitswesen allgemein, Digitalisierung

Kontakt

Barbara Kussel

‎+49 228 24 993 356

Suche / Mann mit Lupe | © GettyImages/BernardaSv

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