Suche

15.02.2017

Eurasische Wirtschaftsunion richtet Informationssystem für die Landwirtschaft ein

Einrichtung von Datenbanken für Nutzpflanzen und Zuchttiere / Prognosen zur Entwicklung der Agrarmärkte geplant / Von Edda Wolf

Bonn (GTAI) - Die Eurasische Wirtschaftsunion plant, ein integriertes Informationssystem für die Landwirtschaft ihrer Mitgliedsländer zu schaffen. Es werden sieben gemeinsame, via Internet zugängliche Datenbanken eingerichtet. Dazu zählen ein Register für landwirtschaftliche Nutzpflanzen, eine Datenbank für Zuchttiere und Erfolge in der Tierzucht (Zuchtleistungen), eine Datenbank für landwirtschaftliche Forschungsaktivitäten und eine Datenbank für Prognoseindikatoren für die Entwicklung der Agrarmärkte.

Erst einmal eingerichtet, liefert das Informationssystem eine Analyse der aktuellen Situation der Landwirtschaft in den Ländern der EAWU, vorausschauende Indikatoren für die Entwicklung des Agrarbusiness für die gesamte Wirtschaftsunion und die einzelnen Mitgliedstaaten, sowie Prognosen für Angebot und Nachfrage der wichtigsten landwirtschaftlichen Erzeugnisse. Diese Prognosen sollen für einen Zeitraum von zwei Jahren erstellt und jährlich aktualisiert werden. Für die Zukunft streben die EAWU-Länder auch langfristige Prognosen an.

Die Prognosen werden es den Ländern der EAWU ermöglichen, ihre nationale Agrarindustriepolitik miteinander zu koordinieren, ein ausgewogenes Funktionieren der heimischen Lebensmittelmärkte zu erreichen, die Dynamik und die Richtung der Entwicklung der landwirtschaftlichen Produktion einzuschätzen, die Investitionsattraktivität der Agrarindustrie unter Berücksichtigung der Gesamtgröße des Marktes zu erhöhen und die Ernährungssicherheit in der EAWU zu gewährleisten.

Die gemeinsamen Informationsressourcen sollen dazu beitragen, die Zusammenarbeit der EAWU-Mitgliedsländer im Bereich Landwirtschaft zu verbessern. Die Automatisierung der Erfassung, Verarbeitung und Speicherung von Daten im Rahmen des gemeinsamen Informationssystems ermöglicht es, die Interaktion der Mitgliedsländer bei der Abstimmung der Agrarpolitik zu optimieren.

"Im Online-Modus werden alle Benutzer der Datenbanken in der Lage sein, den Zustand des Agrar- und Lebensmittelmarktes für alle fünf Mitgliedsländer der Eurasischen Wirtschaftsunion zu analysieren, um die Situation der Lebensmittelsicherheit und die Entwicklung des wissenschaftlichen Potenzials in der Landwirtschaft der Länder zu beurteilen", betonte der Minister für die Industrie und den Agrarindustrie-Komplex der Eurasischen Wirtschaftsunion, Sergej Sidorskij:

Landwirtschaftliche Produktion in der Wirtschaftsunion stieg 2016 um 4%

Die landwirtschaftliche Produktion in den EAWU-Mitgliedsländern wuchs 2016 um etwa 4%. Wachstumstreiber war die Rekord-Getreideernte von 141,2 Mio. Tonnen. Das entsprach einem Plus von 14,2% gegenüber dem Vorjahr. Außerdem erzeugten die Landwirte in der EAWU mehr Fleisch 6,1%, Pflanzenöl 5,9%, Mehl 3,4%, Käse und Tworog (Quark) 2,7%. Die Einfuhr von Lebensmitteln aus Nicht-EAWU-Ländern sank um mehr als 10%.

Für 2017 plant die EAWU, den Export von Getreide auf 40 Mio. t zu erhöhen. Die Einfuhr von Fleisch und Fleischprodukten soll auf 0,9 Mio. t, von Milchprodukten auf 3,2 Mio. t und von weißem Zucker auf 0,2 Mio. t sinken.

Der durchschnittliche Grad der Selbstversorgung mit Lebensmitteln in der EAWU von 94% soll bis Ende 2017 gewahrt werden. Die Selbstversorgung mit Fleisch soll von den 2015 erreichten 91% bis Ende 2017 auf 94% steigen, mit Milch und Milchprodukten von 94 auf 96% und mit Obst von 62 auf 65%. Zudem wird 2017 die vollständige Selbstversorgung (inklusive Intra-EAWU-Handel) mit Geflügelfleisch erreicht.

Russland wird sich 2017 zu 79% mit Rindfleisch sowie zu 96% (2015: 82%) mit Milch und Milchprodukten selbst versorgen können (Lieferungen aus anderen EAWU-Ländern eingerechnet). Kasachstan und Armenien werden den Bedarf an Geflügelfleisch zu 81% beziehungsweise 83% aus eigener Erzeugung decken können; Armenien und Kirgisistan den Bedarf an Pflanzenfetten zu 79% beziehungsweise 85%.

Prognose der Entwicklung der Landwirtschaft in der Eurasischen Wirtschaftsunion für den Zwei-Jahres-Zeitraum 2016-2017

Kennziffer Produktion Export Intra-EAWU-Handel Import
Veränderung 2017 gegenüber 2015 8% 19% 15% -15%

Quelle: Interview mit Sergej Sidorskij, Minister der Eurasischen Wirtschaftsunion

Bei Milch wird für die Wirtschaftsunion insgesamt für 2107 ein Wachstum der Produktion auf 46,5 Mio. t (2016: 45,4 Mio. t), eine Zunahme des Intra-EAWU-Handels auf 5,2 Mio. t, ein Rückgang des Imports aus Drittländern auf 3,2 Mio. t und ein Anstieg des Exports in Drittländer auf 633.000 t prognostiziert. Dennoch bleiben Probleme bei der Entwicklung der Milchviehhaltung bestehen, wie die lange Amortisationsdauer der Investitionen, saisonale Preiseinbrüche und die hohe Abhängigkeit von importierten Ausrüstungen. Um die Effizienz in der Milchwirtschaft zu erhöhen, wollen die EAWU-Länder künftig ihre Kräfte zur Entwicklung einer ausgewogenen Fütterung und von Tierarzneimitteln bündeln. Außerdem soll die Zuchtarbeit koordiniert werden zur Realisierung gemeinsamer Zuchtprogramme und zur Einführung innovativer Technologien in die Zucht (Selektion).

Jeder dritte in der EAWU verzehrte Apfel wird zurzeit importiert. Dabei könnten Äpfel und andere Obstsorten in den Mitgliedsländern vom Klima her angebaut werden. Stattdessen geben die EAWU-Länder jährlich etwa 1 Mrd. US$ für die Einfuhr von Obst aus. Damit das künftig nicht mehr nötig ist, wurden staatliche Programme zur Entwicklung der Produktion von Obst und Beeren gestartet. Der Bedarf an Importen (unter Berücksichtigung der Entwicklungsprogramme) wird für das Jahr 2020 auf etwa 2,2 Mio. t geschätzt, darunter Äpfel und Birnen etwa 1,5 Mio. t.

Die EAWU-Länder exportieren nur wenige landwirtschaftliche Erzeugnisse mit hoher Wertschöpfung (Anteil: 6,4%). Dagegen entfällt ein Fünftel der Importe auf derartige Erzeugnisse. Deshalb streben die EAWU-Länder danach, den Anteil der landwirtschaftlichen Rohstoffe und Waren mit niedriger Wertschöpfung am Export zu reduzieren und die Warenstruktur zu diversifizieren mit Lieferungen von hochgradig verarbeiteten Agrarrohstoffen und Lebensmitteln.

Um die Selbstversorgung auszuweiten, verfolgen die EAWU-Länder eine Politik der Importsubstitution. In Russland liegen die Schwerpunkte auf der Entwicklung der Produktion von Getreide, Milch, Schweine- und Geflügelfleisch, Früchten und Gemüse aus dem Gewächshaus. Kasachstan verfügt über einen gut entwickelten Getreideanbau und eine umfangreiche Weidewirtschaft, die für qualitativ gutes Rindfleisch sorgt. Belarus besetzt traditionell die Nische als wichtiger Lieferant von Milch- und Fleischprodukten. Armenien und Kirgisistan besitzen das Potenzial, die Abhängigkeit der EAWU-Länder von Importen von Früchten, Obst und Erzeugnissen daraus zu verringern.

Der Umfang der Exporte von Belarus eröffnet die Möglichkeit, 8 bis 15% der Importe von Milch und Milchprodukten in den einzelnen Ländern der EAWU abzulösen. Armenien könnte 4% des gesamten Imports der Wirtschaftsunion an Wurstwaren und 3% des Imports an Lammfleisch ersetzen; Kasachstan - 9% des Imports an Milchprodukten, 12% des Imports an Teigwaren und über 4% des Imports an Schokolade-Erzeugnissen; Russland - 13% des Imports von Geflügelfleisch und 78% des Imports von alkoholfreien Getränken.

Die Mitgliedsländer der EAWU kaufen jedes Jahr Vorleistungen und High-Tech-Ausrüstungen für die landwirtschaftliche Produktion im Wert von 4,5 Mrd. US$ ein. Auch in diesem Bereich soll die Importabhängigkeit verringert werden. Russland fördert den Landmaschinenbau 2017 mit 13,7 Mrd. Rubel.

Zu den problematischen Fragen in der Landwirtschaft der EAWU-Länder gehören das niedrige Ausstattungsniveau mit moderner Landtechnik und Düngemitteln sowie das unzureichende Entwicklungsniveau der Gewächshauswirtschaft und der Transport-Logistik-Infrastruktur für die Lagerung und den Umschlag landwirtschaftlicher Erzeugnisse.

Der gemeinsame Markt der EAWU für landwirtschaftliche Erzeugnisse wird aktuell durch Vorbehalte und Einfuhrstopps der russischen Aufsichtsbehörde Rosselchosnadzor gegenüber belarussischen Fleischwaren gestört. Die Systeme der Veterinär- und Sanitärkontrolle von Armenien, Belarus, Kasachstan und Russland entsprechen den Anforderungen der gemeinsam vereinbarten EAWU-Standards und stehen deshalb theoretisch gleichberechtigt nebeneinander. Eine Veterinärkontrolle und -aufsicht bei Lieferungen der EAWU-Länder untereinander erfolgt nur, um die Ausbreitung von Infektionskrankheiten bei Tieren (Schweinepest, Vogelgrippe) zu verhindern. Aus einem anderen als diesem Grund dürfen EAWU-Mitglieder keine Beschränkungen für die Lieferung von landwirtschaftlichen Erzeugnissen aus anderen EAWU-Ländern einführen. Dennoch kommt dies vor. Russland schützt seinen Binnenmarkt zurzeit vor der Lieferung von Fleisch- und Milchprodukten aus Belarus. Belarus hat nun das Recht, sich an den Gerichtshof der EAWU zu wenden, um eine abschließende Lösung diese Frage zu erreichen.

Alle Erzeugnisse tierischen Ursprungs, die in der EAWU produziert oder dorthin eingeführt werden, werden künftig markiert. Das betrifft nicht nur Fleisch, Fleischwaren, Milch und Eier, sondern auch Futtermittel, pharmazeutische und andere Erzeugnisse aus tierischen Rohstoffen. So sieht es ein Dokument der Eurasischen Wirtschaftskommission vor. In einem gemeinsamen IT-System der EAWU sollen Daten über die Partie und einzelne Erzeugnisse, das Datum der Herstellung, der Hersteller und weitere Angaben erfasst werden. Für jede Art von Produkt werden bestimmte Anforderungen festgelegt. Für Fleisch muss das Schlachtdatum und die Identifikationsnummer angegeben werden. Für rohe oder pasteurisierte Milch und rohen Rahm - das Datum und der Zeitpunkt der Abfüllung beim Lieferanten, für Eier - die Güteklasse und das Sortierdatum. Händler und Produzenten von Lebensmitteln aus tierischen Erzeugnissen erhalten die Möglichkeit, diese von der Farm bis zum Wareneingang zu verfolgen.

(E.W.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Russland, Weißrussland, Belarus, Armenien, Kasachstan, Kirgisistan Land- und Forstwirtschaft, Fischerei, allgemein, Pflanzenproduktion, Tierproduktion

Funktionen

Kontakt

Edda Wolf

GUS/Südosteuropa

‎+49 228 24 993 214

Suche / Mann mit Lupe | © GettyImages/BernardaSv

Suche

Recherchieren Sie aktuelle Marktanalysen, Wirtschaftsdaten, Zoll- und Rechtsinformationen, Projekte und Ausschreibungen aus über 120 Ländern.

Zur Suche