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29.01.2019

Europäische Autobauer kämpfen in Vietnam mit erschwerten Handelsbedingungen

Lokale Autohersteller profitieren von Importrestriktionen / Von Frauke Schmitz-Bauerdick

Hanoi (GTAI) - Der Trend zum eigenen Auto hat auch Vietnam erreicht. Die Verkaufszahlen steigen. Einfuhrrestriktionen aber machen europäischen Autoexporteuren das Leben schwer.

Eine bessere Infrastruktur, höhere Einkommen und eine bislang noch niedrige Durchdringung mit vierrädrigen Fahrzeugen beleben den vietnamesischen Automobilmarkt. Analysten erwarten in den kommenden Jahren eine stetig steigende Nachfrage nach Automobilen. So prognostiziert die Vietnam News Agency zwischen 2018 und 2025 Verkaufssteigerungen von jährlich mehr als 22 Prozent.

Für die Gesamtautobranche Vietnams ist das Jahr 2018 nach einem schwierigen Start auch durchaus zufriedenstellend zu Ende gegangen. Zahlen des vietnamesischen Automobilverbandes Vietnam Automotive Association (VAMA) zufolge konnten knapp 290.000 Autos verkauft werden. Damit erzielte der Sektor gegenüber dem Vorjahr eine Umsatzsteigerung von knapp 6 Prozent.

Über Verkaufserfolge freuten sich insbesondere lokale Autoproduzenten: So stieg der Absatz von in Vietnam zusammengebauten Personenkraftwagen laut VAMA um 31 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Im Ausland produzierende Autobauer hatten 2018 dagegen das Nachsehen. Sie mussten Verkaufseinbußen von mehr als 6 Prozent hinnehmen.

Kfz-Verkäufe in Einheiten nach Bauart (Veränderungen in %)
Kategorie 2017 2018 Veränderung 2018/17
Absatz insgesamt, davon: 272.750 288.683 5,8
.Verkäufe von importierten CKD-Fahrzeugen (Completely Knocked Down, CKD) 194.960 215.704 10,6
.Verkäufe von importierten Komplettfahrzeugen (Completely Built Unit, CBU) 77.790 72.979 -6,2

Quelle: Vietnam Automobile Manufacturers Association (VAMA)

Unklarheiten nach Einführung neuer Regeln ließen Importe einbrechen

Grund für die Verkaufsrückgänge bei Einfuhrfahrzeugen waren die strengen Importneuregelungen in Form von Decree 116, die die Regierung zum Januar 2018 in Kraft gesetzt hatte. Das von Beobachtern als industriepolitische Schutzmaßnahme qualifizierte Dekret unterlegte Importe von einem Tag auf den anderen intensiven Qualitäts-, Sicherheits- und Emissionsprüfungen (Homologisierung), ohne dass Details bekannt und die Umsetzung gesichert waren.

Auch benötigen Importeure infolge von Decree 116 ein durch die Behörden des Herstellerstaates auszustellendes Vehicle Type Approval-Zertifikat (VTA). Daraufhin brachen im 1. Halbjahr 2018 die Neuwagenimporte gegenüber dem Vorjahreszeitraum um mehr als 75 Prozent ein. Erst ab Juli 2018 liefen die Einfuhren wieder an, nachdem das Ministry of Transport konkrete Handlungsanweisungen an die zuständigen Behörden erteilt hatte.

Deutsche Autobauer mussten besonders hohe Rückgänge hinnehmen

Decree 116 hatte gravierende Auswirkungen für im Ausland gebaute Fahrzeuge. Die Einfuhren ausländischer Automobile sackten laut Angaben der vietnamesischen Zollverwaltung 2018 nach Stückzahlen um 16 Prozent, wertmäßig sogar um knapp 20 Prozent ab. Besonders hoch fallen die Verluste europäischer, hier vor allem der deutschen Autoimporteure aus. So verzeichneten deutsche Einfuhren 2018 nach Angaben der vietnamesischen Zollverwaltung gegenüber 2017 Einbußen von knapp 47 Prozent.

Auch die Einfuhren aus Südkorea und Japan gingen massiv zurück. Allerdings hatten koreanische und japanische Autobauer wie Hyundai und Toyota, Mazda und Mitsubishi relativ zügig nach Erlass von Decree 116 die eigene Completely-Knocked-Down-Produktion in Vietnam hochgefahren oder Produktionsausweitungen angekündigt, um den Markt lokal zu bedienen.

Wesentlich besser mit den Anforderungen von Decree 116 kamen die ASEAN-Staaten Thailand und Indonesien zurecht. Insbesondere die thailändische Automobilindustrie konnte, unterstützt durch die thailändischen Registrierungs- und Zertifizierungsbehörden, zügig die von Vietnam verlangten Dokumentationen liefern und profitierte mit massiven Exportsteigerungen. Zudem berichten Branchenvertreter, dass das Homologisierungsverfahren für importierte ASEAN-Automodelle wesentlich zügiger als bei europäischen Einfuhrautos abläuft.

Entwicklung ausgewählter Autoexporte nach Vietnam (in Mio. US$; Veränderung in %)
2017 2018 *) Veränderung 2018/17 *)
EU
.Deutschland 84,9 45,3 -46,6
.Großbritannien 30,0 34,0 13,2
.Frankreich 6,0 4,7 -21,3
ASEAN
. Indonesien 293,6 269,6 - 8,1
. Thailand 704,3 1.089,4 54,7
Ostasien
.Japan 120,9 91,3 -24,5
.Südkorea 226,3 59,1 -73,9
.China 445,4 47,3 -89,3
Sonstige 332,6 195,6 -41,2
Gesamt 2.244,0 1.800,3 - 19,8

*) Schätzung

Quelle: Customs Vietnam

Verkauf und Reparatur ausländischer Automodelle bleibt schwierig

Das Klima für ausländische Autobauer, ob sie - wie Mercedes - in Vietnam produzieren oder aber Fahrzeuge importieren, bleibt weiterhin rau.

So ist zu Beginn des Jahres 2018 mit Zolltarif-Decree 125 ein Zollbegünstigungsprogramm für Kfz-Teile in Kraft getreten. Danach können Autoproduzenten in Vietnam von Zollerleichterungen bei der Einfuhr von Teilezulieferungen aus dem Ausland profitieren - allerdings nur, wenn eine gewisse Stückzahl an Endfahrzeugen in Vietnam gebaut wird.

Die erforderlichen Stückzahlen erreichen bislang lediglich die vietnamesischen Autobauer Thaco (Kia, Mazda, Peugeot) und Hyundai Thang Cong sowie Toyota. Kleinere Produzenten wie Mercedes oder Ford profitieren hingegen nicht von den Zollerleichterungen. So werden hier für den Import von Pkw-Teilen in Vietnam weiterhin Zölle in Höhe von bis zu 25 Prozent vom Zollwert erhoben.

Auch für Autoverkäufer und Werkstätten im Land wird die Situation schwieriger. Die Regierung unterwirft seit September 2018 durch Circular 41/2018 nicht nur komplette Fahrzeuge, sondern auch sicherheitsrelevante Ersatzteile wie Sicherheitsglas, Beleuchtung oder Rückspiegel einem Zertifizierungsverfahren. Müssen also entsprechende Ersatzteile für Wartung oder Reparatur von Fahrzeugen eingeführt werden, können diese erst nach entsprechender Konformitätsprüfung verbaut werden.

Insbesondere für Vertragswerkstätten ausländischer Kfz, die in der Vergangenheit Originalersatzteile bei Bedarf stückweise einführten, sowie deren Kunden, führt dies zu nicht unerheblichen Verzögerungen und Kostensteigerungen.

Importrestriktionen gegen den Geist der Freihandelsabkommen?

Die auf der Einführung neuer Handelshemmnisse beruhende Förderstrategie der vietnamesischen Regierung scheint aufzugehen. Nicht nur wurde der vietnamesische Markt vor der befürchteten Flut ausländischer Kfz insbesondere aus dem ASEAN-Raum zumindest kurzfristig abgeschirmt. Auch die Produktion und der Verkauf lokal produzierter Kfz steigt. Internationale Autobauer weiten ihre Produktion im Land selbst aus.

Auch Automobilzulieferer zieht es, sicherlich auch aufgrund des 3,5 Milliarden US-Dollar (US$) Autoprojektes Vinfast, verstärkt in das südostasiatische Land. Die Zollerleichterungen für Einfuhren von Bau- und Ersatzteilen fördern die Produktion in den lokalen Autofabriken. Hohe Wartezeiten bei Wartung und Reparatur kostspieliger Importautos dürften in Zukunft möglicherweise auch die Liebhaber teurerer Automodelle in die Arme der optisch und technisch durchaus ansehnlichen Vinfast-Produktion treiben.

Dass die Einfuhrerschwerungen allerdings dem Geist der von Vietnam unterzeichneten Freihandelsabkommen wenig entsprechen dürften, scheint demgegenüber in den Hintergrund zu treten, so Beobachter.

Weiterführende Informationen:

Branche kompakt: Vietnams Automobilindustrie in unruhigen Zeiten

http://www.gtai.de/MKT201809248000

Autoverkäufer in Vietnam hoffen auf bessere Zeiten

http://www.gtai.de/MKT201802198003

Vietnam behindert Einfuhren ausländischer Automobile

http://www.gtai.de/MKT201802198004

Vinfast: Vietnam steigt in die Automobilproduktion ein

http://www.gtai.de/MKT201808298001

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekten in Vietnam können Sie unter http://www.gtai.de/vietnam abrufen. Die Seite http://www.gtai.de/asien-pazifik bietet einen Überblick zu verschiedenen Themen in Asien-Pazifik.

Dieser Artikel ist relevant für:

Vietnam Zolltarif, -wert, -verfahren, Warenursprung, allgemein, Wirtschaftsförderung, Industriepolitik, Einfuhrverbote, -beschränkungen, NTHs, allgemein, Straßenfahrzeuge, allgemein, Kfz-Teile, -Zubehör (ohne Brennstoffzellen)

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