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28.07.2017

Finnland treibt die autonome Schifffahrt voran

Starke Cluster um Konzerne / Fördermöglichkeit für deutsch-finnische Projekte in Vorbereitung/ Von Marc Lehnfeld

Helsinki (GTAI) - Wärtsilä, Rolls-Royce und die Meyer-Gruppe: In Finnland tummeln sich die großen Player im Schiffbau und bilden damit einen etablierten Forschungsstandort für die Technologien der Schifffahrt von morgen. Bis zum Jahr 2025 wird das maritime Forschungscluster erste technische Lösungen für die autonome Schifffahrt entwickeln. In der zweiten Jahreshälfte 2017 können sich deutsche Unternehmen für Forschungskooperationen bewerben. (Internetadressen)

Strategischer Investor stärkt Finnlands Forschung zu autonomer Schifffahrt

Der Schiffbaustandort Finnland will bis 2025 die weltweit ersten Produkte und Dienstleistungen für die unbemannte und autonome Schifffahrt einführen sowie ein global führendes Ökosystem in diesem Feld etablieren. Dabei wird er durch neue Investitionen von Antriebssystemhersteller Rolls-Royce gestärkt. Rolls-Royce gab im März 2017 bekannt, im südwestfinnischen Turku ein Forschungszentrum für Fernsteuerung und autonome Schiffe aufzubauen, um sowohl weitere Produkte und Dienstleistungen für landbasierte Kontrollzentren als auch Lösungen mithilfe künstlicher Intelligenz zu entwickeln.

Die Entscheidung erfolgte gleichzeitig mit der Ankündigung der finnischen Förderagentur Tekes, die Rolls Royce-Forschung in Finnland finanziell in unbekanntem Umfang zu unterstützen. Außerdem gab der Schiffbauzulieferer im vergangenen Jahr bekannt, seine Propellergondelherstellung im finnischen Rauma zu erweitern und dafür rund 57 Mio. Euro in eine modernisierte Produktionsanlage zu investieren.

Zahlreiche Forschungscluster für maritime Technologien

Rolls-Royce gehört in der Schiffstechnologie-Forschung schon jetzt zu den wichtigen Akteuren in Finnland. Das Unternehmen engagiert sich in zahlreichen Forschungsgruppen und Initiativen zur autonomen Schifffahrt. Dazu gehört auch die von Tekes im Rahmen des Forschungsprogramms für die Arktische See geförderte "Advanced Autonomous Waterborne Applications Initiative (AAWA)", in der sowohl autonome als auch Fernsteuerungslösungen für Schiffsmaschinen, -navigation und andere Funktionen entwickelt werden sollen. Nach Auswertung von Germany Trade & Invest sind über 160 finnische Unternehmen und Organisationen mit unterschiedlichen Schwerpunkten in Forschungsprojekten zu maritimen Technologien aktiv.

In der gemeinsamen Forschungsinitiative "One Sea - Autonomous Maritime Ecosystem" wollen die erfahrenen Unternehmen ABB, Cargotec, Ericsson, Meyer Turku, Rolls-Royce, Tieto und Wärtsilä ihre Kompetenzen bündeln und unter der Führung der Organisation DIMECC abgestimmte Produkte und Dienstleistungen entwickeln. Das Ziel ist, von Menschen verursachte Unfälle zu reduzieren, den ökologischen Fußabdruck zu verbessern und Effizienzsteigerungen zu ermöglichen. Dafür hat das Konsortium einen Fahrplan bis 2025 aufgestellt.

Danach sollen schon 2017 Fernüberwachungssysteme entwickelt werden, bevor 2020 Fernsteuerungslösungen für noch bemannte Schiffe zur Verfügung stehen, die bis 2025 dann einen vollständig autonomen Schiffsverkehr ermöglichen können. Ab 2035 soll nach den Plänen von Rolls-Royce die autonome Hochseeschifffahrt automatisiert und unbemannt möglich sein.

Um den Verkehr zu gewährleisten, müssen aber auch internationale Standards geschaffen werden, die Finnlands Ministerium für Transport und Kommunikation (Liikenne ja Viestintäministeriö) sowie die finnische Behörde für Verkehrssicherheit (Trafi) bei der zuständigen International Maritime Organization (IMO) vorantreiben wird. Über die "Digital Baltic Sea Initiative" möchte die finnische Regierung für den Ostseeraum bereits eine entsprechende digitale Cloud-Infrastruktur für den Datenaustausch schaffen.

Fördermittel für deutsch-finnische Kooperationsprojekte in Vorbereitung

Deutsche Mittelständler, die eine Kooperation mit einem finnischen Unternehmen oder einer Forschungseinrichtung planen, können ihr grenzüberschreitendes Forschungsprojekt bald auch staatlich fördern lassen. Das vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie finanzierte Zentrale Innovationsprogramm Mittelstand (ZIM) bereitet dazu in der zweiten Jahreshälfte 2017 einen deutsch-finnischen Forschungscall (Aufruf zur Einreichung von Projektvorschlägen für Forschungskooperationen) mit der staatlichen Förderagentur Tekes in Finnland vor. Auch Unternehmen jenseits des Schiffsbaus können eine Förderung durch das technologieoffene Programm beantragen.

Maximale Fördersätze und Definition antragsberechtigter Unternehmen für ZIM-Kooperationsprojekte mit ausländischen Partnern
Kleine Unternehmen Mittlere Unternehmen Weitere mittelständische Unternehmen
Höchstförderquote *) 55% 50% 40%
Beschäftigte
Jahresumsatz (in Mio. Euro) oder höchstens 10 höchstens 50 unter 50
Jahresbilanzsumme (in Mio. Euro) bis 10 höchstens 43 höchstens 43

*) Bezogen auf die zuwendungsfähigen Kosten von maximal 380.000 Euro. Zuwendungsfähige Kosten sind Personalkosten und anteilig auch Kosten für projektbezogene Aufträge an Dritte und FuE-Aufträge an wissenschaftlich qualifizierte Dritte sowie ein pauschaler Zuschlag für übrige Kosten.

Quelle: Zentrales Innovationsprogramm Mittelstand

Förderfähig sind mittelständische Unternehmen mit weniger als 500 Beschäftigten und entweder einem Jahresumsatz von weniger als 50 Mio. Euro oder einer Bilanzsumme unter 43 Mio. Euro. Pro Unternehmen sind dann bestimmte Kosten in Höhe von maximal 380.000 Euro zuwendungsfähig. Bei einer Höchstförderquote von 55%, die für kleine Unternehmen gilt, ist damit eine Höchstförderung von 209.000 Euro erreichbar. Interessierte deutsche Mittelständler sollten bereits jetzt mit ihren Kooperationspartnern über eine mögliche ZIM-Nutzung sprechen oder mit der Partnersuche beginnen, um für den begrenzten Antragszeitraum gerüstet zu sein.

Kreuzfahrtschiffbau mildert teilweise Folgen der Containerschiffkrise

Finnland ist in der Forschung für maritime Technologien ein attraktiver Standort für ausländische Unternehmen. Zu den rund 900 Branchenunternehmen zählt nicht nur ein breites Netzwerk spezialisierter Unternehmen, wie der Schiffsmotorenhersteller Wärtsilä oder der zur Cargotec-Gruppe gehörende Anbieter von Frachtverladetechnik MacGregor, sondern auch acht Schiffswerften, darunter die Turku Werft der deutschen Meyer-Gruppe.

Bedeutende finnische Schiffbauer und Zulieferer
Unternehmen Umsatz (2016, in Mio. Euro) Umsatzwachstum (in %, nominal, gegenüber Vorjahr) Fokus
ABB Oy 2.227,3 1) 0 Automatisierung und Schiffsteuerung, Antriebssysteme, Energieeffizienz
Wärtsilä Oyj, Sparte Marine Solutions 1.667,0 -3 Schiffsmotoren, Schiffsautomatisierung
Meyer Turku Oy 787,5 +33 Bau von Kreuzfahrtschiffen
Rolls-Royce Oy 321,0 2) -31 Bau von Schiffspropellern
MacGregor Finland Oy 121,4 -46 Maschinen zur Frachtverladung
Arctech Helsinki Shipyard Oy 37,1 -31 Bau von Eisbrechern, Schiffen mit Eisklasse
Deltamarin Oy 23,0 -25 Schiffsdesign, Ingenieur- und Projektdienstleistungen
Napa Oy 18,2 -9 Software für Schiffsdesign und -betrieb
Aker Arctic Technology Oy 13,0 -6 Bau von Eisbrechern, Schiffen mit Eisklasse, Planung, Tests
Elomatic Marine Engineering Oy 7,7 -9 Ingenieur- und Projektdienstleistungen

1) enthält Umsätze anderer Geschäftsbereiche; 2) enthält Umsätze anderer Geschäftsbereiche, weltweiter Umsatz der Rolls-Royce-Sparte "Marine" 2016 rund 1.234,9 Mio. Euro (-23,6% gegenüber 2015).

Quelle: Recherche von Germany Trade & Invest

Wie die internationale Konkurrenz litten 2016 auch die finnischen Zulieferer unter starken Umsatzeinbrüchen. Der niedrige Ölpreis sorgte global für niedrigere Investitionen im Offshore-Geschäft und senkte die Frachtpreise. Außerdem hemmt die Überkapazität bei Containerschiffen neue Schiffsaufträge und Modernisierungsinvestitionen. Im Kontrast dazu sorgt die Turkuer Werft der deutschen Meyer-Gruppe mit seinen bis 2024 gesicherten Aufträgen für Kreuzfahrtschiffe für eine hohe Auslastung bei seinen finnischen Zulieferern.

Nach den zuletzt verfügbaren Strukturdaten des finnischen Branchenverbands Meriteollisuus für das Jahr 2014 beschäftigten die Schiffbauer und ihre Zulieferer rund 30.000 Mitarbeiter bei einem Jahresumsatz von circa 8 Mrd. Euro und einem hohen Exportanteil von 90%.

Internetadressen

Deutsch-Finnische Handelskammer: http://www.dfhk.fi

Forschungscluster DIMECC One Sea: http://www.oneseaecosystem.net

Verband der finnischen Schifffahrtstechnik (Meriteollisuus): http://www.meriteollisuus.teknologiateollisuus.fi

Zentrales Innovationsprogramm Mittelstand (ZIM): http://www.zim-bmwi.de

(Ma.Le.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Finnland Wasserfahrzeuge, Telekommunikations- u. Navigationstechnik (inkl. Mobilfunk), Robotik und Automation, Schiffsverkehr / Häfen, Digitalisierung

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Barbara Kussel

‎+49 228 24 993 356

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