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25.04.2019

Finnland wird Testmarkt für Health-Apps

Consumer-Health-Produkte und Apps können Daten in Patientenakten speichern / Von Marc Lehnfeld

Helsinki (GTAI) - Bisher konnten in Finnland nur Ärzte Informationen in der digitalen Patientenakte speichern. Jetzt können auch Patienten ihre Daten hochladen, zum Beispiel über Apps.

Fast 700.000 Bürger nutzen nationales E-Health-System

Wer in Finnland zum Arzt geht, kann digital auf die erhobenen Patientendaten zugreifen. So ist es finnischen Bürgern möglich, auch außerhalb der Arztpraxis ihre Laborwerte und Diagnosen einzusehen. Diesen Zugriff auf ihre Patientendaten nutzen über 690.000 Bürger.

Das finnische E-Health-System gehört zu den weltweit fortschrittlichsten seiner Art. Im Digital Economy and Society Index (DESI) 2018 der Kommission der Europäischen Union (EU) belegt Finnland in der Kategorie "Digital Public Services" den ersten Platz vor Estland und Dänemark. Die das E-Health-System verwaltende finnische Sozialversicherungsanstalt Kela wagt jetzt einen nächsten großen Schritt.

Ab sofort können nicht nur Ärzte, sondern auch die Bürger selbst Gesundheitsdaten in ihre persönliche, private Gesundheitsakte hochladen. Dafür hat Kela die Gesundheitsakte um den Abschnitt "Personal Health Record (PHR)" erweitert. Dort können die Bürger ihre privat regelmäßig erhobenen Werte, zum Beispiel zum Blutdruck, Blutzucker oder Gewicht, einspeisen.

Große Offenheit im Umgang mit Patientendaten

Die Bürger erheben diese Daten mit Consumer-Health-Produkten wie digital vernetzte Pulsuhren, Blutdruckmessgeräten oder Körperwaagen. Solche Consumer-Health-Produkte sind in Finnland weit verbreitet, jetzt können die Bürger die erhobenen Daten auch in das PHR hochladen und mit ihrem Arzt teilen. Die Offenheit im Umgang mit Patientendaten und das Vertrauen der Bürger in den sicheren Umgang der öffentlichen Verwaltung mit diesen Daten sind in Finnland sehr groß.

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Der so entstehende Datenpool ermöglicht auch privaten App-Entwicklern neue Möglichkeiten, denn mit Zustimmung des Patienten kann eine App auf alle Daten zugreifen, die der Bürger zuvor hochgeladen hat. So könnten in Zukunft Apps vermarktet werden, die die Gesundheitsdaten auswerten und individuelle Empfehlungen aussprechen. Auch Fitnesstrainer oder Ernährungsberater können mit Patientenzustimmung auf die Informationen zugreifen und dadurch zielgerichteter mit ihren Kunden arbeiten.

"Mit dem HL7 FHIR-Standard nutzen wir einen international verbreiteten Standard, weshalb es unkompliziert ist, neue Apps für unsere Personal Health Records zu entwickeln. Noch in diesem Jahr stellen wir von HL7 FHIR STU3 auf die aktuellere HL7 FHIR R4-Version um", erklärt Anna Korpela, Software Analyst bei Kanta. "Wir bieten außerdem eine Sandbox, mit der Entwickler ihre Programme ausprobieren können." Allerdings müssen die Apps bestimmte Kriterien erfüllen und einen Zulassungstest bestehen, bevor sie in die produktive Umgebung der Kanta PHR integriert werden. Interessierte Entwickler können sich mit ihren Fragen an kantakehitys@kela.fi wenden.

Terveyskylä-Projekt verbessert digitale Patientenunterstützung

Eine erste Anwendung für die Dateneinspeisung durch Patienten findet im Rahmen des Projektes "Omapolku", auf Deutsch "eigener Pfad", statt. Über Omapolku können seit Ende 2018 Gesundheitsdaten, geliefert von digitalen Waagen, Schrittzählern oder Pulsmessern, in den Personal Health Record eingespeist werden. Omapolku gehört zum staatlich geförderten Forschungsprojekt Terveyskylä, was "Gesundheitsdorf" bedeutet (https://www.terveyskyla.fi).

Für Terveyskylä haben Finnlands fünf Universitätskrankenhäuser gemeinsam eine digitale Plattform entwickelt, auf der 115 digitale Behandlungspfade in verschiedenen Fachrichtungen zur Verfügung stehen, die Patienten informieren und begleiten. Der Behandlungsprozess wird für die Patienten damit transparenter und für das Gesundheitssystem effizienter, weil über die digitale Plattform zum Beispiel zusätzliche Wege eingespart werden und Behandlungsgespräche, -nachrichten oder -chats digital abgewickelt werden können.

Die Anwendungsgebiete sind breit. So können zum Beispiel Patienten, die operiert werden müssen, vor ihrem Eingriff umfangreich informiert und in der Nachsorge zusätzlich digital betreut werden. Gerade im nördlichen, wenig besiedelten Finnland mit langen Wegen zum nächsten Universitätskrankenhaus ist das ein wichtiges Thema. Auch chronisch Kranke wie Diabetes-Typ-1-Patienten können über die Online-Plattform informiert und behandelt werden. Die entwickelten digitalen Behandlungspfade können medizintechnische Geräte wie auch Anwendungen auf Basis künstlicher Intelligenz enthalten und entsprechen der ISO13485 und verfügen damit über eine CE-Zertifizierung.

CleverHealth Network sucht neue technische Lösungen

Die Terveyskylä-Homepage zählte 2018 rund 16 Millionen Aufrufe und wird täglich im Schnitt von 14.200 Nutzern besucht. Die digitalen Behandlungsmöglichkeiten sind keine technische Spielerei, sondern setzen geschätzte Kapazitäten um 300 Millionen Euro pro Jahr frei, die anderweitig eingesetzt werden können. Das Terveyskylä-Projekt ist zwar seit Ende 2018 abgeschlossen, aber die Dienstleistungen werden von den Universitätskrankenhäusern weiterentwickelt und aktualisiert.

"Unser System kann auch in anderen Ländern bei anderen Krankenhäusern oder Ärztehäusern implementiert werden", sagt Sari Kaari, Project Manager beim IT Management des Helsinkier Universitätskrankenhauses (HUS). "Wir sind außerdem offen für deutsche Forschungspartner. In unserem HUS Datalake verfügen wir über eine umfangreiche Datensammlung von Labordaten bis zu Geninformationen von Patienten aus der Hauptstadtregion, die für Forschungsprojekte genutzt werden können."

HUS ist auch der Koordinator des CleverHealth Network (http://www.cleverhealth.fi), in dem seit 2017 Unternehmen wie Microsoft, Nokia und IBM an neuen technischen Lösungen und optimierten Behandlungen arbeiten und dafür auf den Datenschatz des Universitätsklinikums von Helsinki zugreifen können. Das System wird von der finnischen Wirtschaftsförderungsgesellschaft Business Finland finanziert.

Eine Gelegenheit, die finnische E-Health-Szene kennenzulernen, bietet sich unter anderem während der europäischen Konferenz "HIMSS & Health 2.0" (https://www.himsseuropeconference.eu), die vom 11. bis 13. Juni 2019 in Helsinki stattfindet.

Kontaktadressen

Bezeichnung Kontakt Anmerkung
Germany Trade & Invest http://www.gtai.de/finnland
AHK Finnland http://www.dfhk.fi Anlaufstelle für deutsche Unternehmen
Sosiaali- ja Terveysministeriö https://stm.fi/en/frontpage Finnisches Ministerium für soziale Angelegenheiten und Gesundheit
Kela https://www.kela.fi/web/en Finnische Sozialversicherungsanstalt
Kanta https://www.kanta.fi/en/citizens Digitales Dienstleistungsportal im finnischen Gesundheitswesen unter Verwaltung der finnischen Sozialversicherungsanstalt Kela
Terveyden ja Hyvinvoinnin Laitos (THL) https://thl.fi/en/web/thlfi-en Nationales Institut für Gesundheit und Wohlfahrt

Weitere Informationen zum Land finden Sie unter http://www.gtai.de/finnland.

Dieser Artikel ist relevant für:

Finnland Gesundheitswesen allgemein, Medizintechnik, allgemein, Digitalisierung

Funktionen

Kontakt

Barbara Kussel

‎+49 228 24 993 356

Suche / Mann mit Lupe | © GettyImages/BernardaSv

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