Suche

20.02.2017

Finnlands Industrie 4.0-Szene bewegt sich

Hochspezialisierte IKT-Unternehmen von Big Data bis Predictive Maintenance / Unkomplizierte Partnersuche in offenen Branchennetzwerken / Von Marc Lehnfeld

Helsinki (GTAI) - Voraussichtlich im Mai 2017 wird in Finnland die neue Regierungsstrategie zur Digitalisierung der Wirtschaft veröffentlicht. Die Regierung setzt dabei verstärkt auf die Internationalisierung der Internet of Things-Unternehmen (IoT). Damit öffnet sich auch ein Fenster für deutsche Unternehmen, die von der IKT-Stärke der finnischen Firmen profitieren möchten. Die Deutsch-Finnische Handelskammer bietet mit einer Digitalisierungspartnerschaft Anknüpfungspunkte. (Internetadressen)

Für deutsche Unternehmen lohnt sich der Blick in den digitalisierten Norden, denn während in Deutschland die "Industrie 4.0" vor allem vor dem Hintergrund der Digitalisierung von Produktionsprozessen betrachtet wird, entwickeln finnische Unternehmen Produkte und Dienstleistungen mit dem breiteren Verständnis eines industriellen Internets. Der Großteil der finnischen Firmen im industriellen Internet entwickelt vor allem Kommunikationstechnologie sowie IT-Hard- und Softwarelösungen.

Die Spezialisierung der Unternehmen ist hoch und reicht zum Beispiel von IoT-Software (Iwa Labs, CyberLightning, Process Genius) oder der Datensicherheit (F-Secure, Bittium) über Cloud-Lösungen (Tieto, Elisa), Big Data-Analysen (ionSign, Analytics Cloud, Avarea, Bigdatapump) und Predictive Maintenance (Distence, CollectiveCrunch) hin zur Netzwerktechnik (Nokia, Tosibox). Außerdem existieren einige Hersteller von Automatisierungstechnik wie Etteplan, Fastems oder die Niederlassung der deutschen Firma Beckoff Automation. Auch IoT-Anwender beteiligen sich an Projekten, wie zum Beispiel der Hebezeughersteller Konecranes und das Energieunternehmen Fortum.

Digitalisierungspartnerschaft der Deutsch-Finnischen Handelskammer

Kooperationsinteressierte Unternehmen können sich unter anderem an die im bilateralen Handel etablierte Deutsch-Finnische Handelskammer (DFHK) wenden. Zusammen mit dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) und der finnischen Zentralhandelskammer (Keskuskauppakamari) schloss die DFHK bereits 2016 eine Digitalisierungspartnerschaft, um deutsche und finnische Unternehmen in der Industrie 4.0 und der Automatisierung, aber auch zu den Themen Cleantech und e-Health zusammenzubringen. Gelegenheit zur Vernetzung mit finnischen Anbietern und Entwicklern von Industrie 4.0-Lösungen bietet das Deutsch-Finnische Business Forum, das am 4. und 5.10.17 in Dortmund stattfindet.

Finnische Unternehmen sind offen für Digitalisierungslösungen

Ein Beispiel für die deutsch-finnischen Aktivitäten im industriellen Internet ist das 2016 gegründete Unternehmen CollectiveCrunch. In dem Start-up entwickeln die Gründer Rolf Schmitz und Jarkko Lipponen intelligente Wartungsprognosemodelle, die Wetterdaten mit Sensordaten kombinieren und unter anderem in der Forstindustrie oder im Bergbau eingesetzt werden. CollectiveCrunch profitiert mit seinen Büros in Deutschland und Finnland von den Standortvorteilen in beiden Ländern. Laut Schmitz sprechen für Finnland die einfache Firmengründung, der unkomplizierte Zugang zu Fördermitteln und ein Personalkostenvorteil bei Softwareentwicklern.

"Aus deutscher Sicht beeindruckt mich das technische Verständnis und die Innovationsbereitschaft der Entscheidungsträger in finnischen Unternehmen", erklärt Schmitz. "Finnische Unternehmen stehen Digitalisierungslösungen durch das industrielle Internet sehr offen gegenüber."

In Espoo liegt das Büro des deutsch-finnischen Start-ups sowohl in unmittelbarer Nähe zum Campus der technischen Aalto-Universität als auch zu den Einrichtungen des staatlichen Forschungsinstituts VTT. Beide sind wichtige Akteure bei der Entwicklung von Industrie 4.0-Lösungen. VTT ist nahezu in allen Netzwerken und Forschungsprogrammen zum industriellen Internet aktiv. Das Institut ist damit eine zentrale Anlaufstelle, um Forschungskonsortien in der Industrie 4.0 zu bilden. An den Konsortien sind oft auch die Forscher der Aalto-Universität beteiligt, die einen Industrial Internet Campus eingerichtet haben und dort mit Großunternehmen wie Nokia, Konecranes und Elisa zusammenarbeiten.

Treffpunkt Finnish Industrial Internet Forum

Die zentrale Netzwerkorganisation zum industriellen Internet ist das Finnish Industrial Internet Forum (FIIF, http://www.fiif.fi) mit rund 260 Mitgliedsfirmen und -organisationen. Die drei bis viermal im Jahr stattfindenden Jam Sessions bieten auch ausländischen Unternehmen eine Plattform. Grundsätzlich sind finnische IoT-Unternehmen ausgesprochen offen und am Austausch interessiert.

Ein weiterer Ansprechpartner für die Partnersuche ist die finnische Exportförderagentur Finpro. Mit dem Programm "Capitalize your knowledge" unterstützt die staatliche Initiative rund 40 finnische IoT-Unternehmen bei der Suche nach Geschäftspartnern in Deutschland. Finpro kann auch interessierte deutsche Firmen mit finnischen Partnern verbinden. Gleiches gilt für den Finnland-Pavillon auf der Hannover Messe.

Kurze Entwicklungszyklen bei IoT-Projekten

Ein großer Akteur in Finnlands industrieller Internet-Szene ist der im Land marktführende Telekommunikationsanbieter Elisa Oyj. Das Unternehmen bietet digitale Industrielösungen wie Remote Monitoring, virtuelle Fabriksteuerung, Predictive Maintenance und Tracking Solutions an. Nach eigenen Angaben erwirtschaftet das Unternehmen damit aber noch keinen wesentlichen Anteil am Konzernumsatz, der 2016 insgesamt rund 1,6 Mrd. Euro ausmachte. Allerdings steigt die Nachfrage nach Dienstleistungen zum industriellen Internet.

Elisa entwickelt nicht alle Produkte und Anwendungen selbst, sondern greift auch auf ein Cluster von Unternehmen und Forschungseinrichtungen zurück. "Wir sind dadurch in der Lage, dem Industriekunden bereits innerhalb von Wochen maßgeschneiderte IoT-Lösungen zu liefern", erklärt Markku Hollström, Vice President Elisa Industrial IoT. "Allerdings setzt die schnelle Entwicklungszeit voraus, dass das Unternehmen schon über einen automatisierten Prozess verfügt, in dem auch Sensoren verbaut sind."

Elisa zeigt anhand von Referenzprojekten, dass IoT-Lösungen kommerzialisierbar sind: So verfügt das Energieunternehmen Fortum über eine von Elisa und Process Genius entwickelte digitale 3D-Echtzeit-Abbildung verschiedener Kraftwerke, die zum Beispiel den Wartungsbedarf von Anlagenteilen überwacht. Für den Schiffsmotorenhersteller Wärtsilä kombinierte Elisa Echtzeit-Positionsdaten von Schiffen mit den CRM-Daten des Herstellers, um den Wartungsservice zu verbessern. Mit dem Start-up Emergence wurden in einem Pilotprojekt schwimmende Seezeichen mit solarbetriebenen Ortungsgeräten ausgerüstet.

Internetadressen

Deutsch-Finnische Handelskammer

Internet: http://www.dfhk.fi

Finnish Industrial Internet Forum (FIIF)

Internet: http://www.fiif.fi

Aalto Industrial Internet Campus

Internet: http://aiic.aalto.fi/en/

Finpro "Capitalize Your Knowledge"

Internet: http://www.exportfinland.fi/web/eng/industrial-internet

Messen und Konferenzen

Konferenz "Internet of Things 2017", 11.-12.04.17 in Helsinki

Internet: http://www.iotnordic.fi

Finnland-Pavillon auf der Hannover Messe, Halle 16, Stand D 10, 24.-28.04.17 in Hannover

Internet: http://www.hannovermesse.de

Konferenz "Manufacturing Performance Days 2017", 29.-31.05.17 in Tampere

Internet: http://www.mpdays.com

Deutsch-Finnisches Business Forum "Industrie 4.0", 5.10.17 in Dortmund

Internet: http://www.dfhk.fi

Zulieferer-Messe "Alihankinta 2017", 26.-28.11.17 in Tampere

Internet: http://www.subcontractingtradefair.com

(Ma.Le.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Finnland EDV-, Telekommunikationsdienstleistungen, allgemein, Telekommunikationsdienste, Software / EDV-Dienstleistungen, Internetdienste, Robotik und Automation, Digitalisierung

Funktionen

Kontakt

Barbara Kussel

‎+49 228 24 993 356

Suche / Mann mit Lupe | © GettyImages/BernardaSv

Suche

Recherchieren Sie aktuelle Marktanalysen, Wirtschaftsdaten, Zoll- und Rechtsinformationen, Projekte und Ausschreibungen aus über 120 Ländern.

Zur Suche