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13.08.2019

Frankreich erwartet Absatzboom für Hörgeräte

Volle Kostenübernahme der Versicherungen ab 2020 / Von Peter Buerstedde

Paris (GTAI) - Mit der vollen Kostenerstattung für bestimmte Hörgeräte durch die Krankenkassen dürfte deren Absatz in Frankreich in den kommenden Jahren deutlich in die Höhe schnellen.

Obwohl die Zuzahlungen in der öffentlichen Gesundheitsfürsorge in Frankreich im internationalen Vergleich besonders niedrig sind, waren Hörgeräte ein Bereich, bei deren Kauf die Versicherten bislang tiefer in die eigene Tasche greifen mussten. Entsprechend niedrig ist der Anteil der Hörgeschädigten, die mit entsprechenden Geräten ausgestattet sind. Nach Informationen des Gesundheitsministeriums leiden 6 Millionen Menschen in Frankreich unter Hörproblemen. Die Hälfte von ihnen müsste ein Hörgerät nutzen, tatsächlich sind es nur 35 Prozent. Damit ist die Ausstattungsrate in Frankreich laut Gesundheitsministerium niedriger als in anderen westeuropäischen Ländern.

Neben ästhetischen Gesichtspunkten sind die hohen Anschaffungskosten ein Haupthindernis. Die Regierung will nun gegensteuern. Ähnlich wie bei den Sehhilfen und beim Zahnersatz wurde 2018 mit Verbänden und anderen Interessenvertretungen der Branche ein Basisproduktkorb (panier 100% Santé) definiert. Für die darin enthaltenen Artikel werden Versicherte ab 2021 keine Zuzahlung mehr leisten müssen.

Der Produktkorb umfasst Hinter-dem-Ohr- und Im-Ohr-Hörgeräte mit mindestens zwölf Frequenzkanälen und mindestens drei Funktionalitäten (unter anderem: Anti-Tinnitus-Funktion, drahtlose Verbindung, Unterdrückung von Windgeräuschen, Mikrofonausrichtung). Dem Kunde muss ferner die Möglichkeit eingeräumt werden, das Gerät einen Monat lang Probe zu tragen. Außerdem muss der Anbieter eine Garantie von vier Jahren gewähren und mindestens zweimal jährlich Checkups durchführen. Der Versicherte hat alle vier Jahre Anrecht auf Kostenerstattung beim Kauf eines neuen Gerätes. Auch Batterien sind rückerstattungsfähig. Anbieter müssen hierfür Angebote zu einem festen Preis vorhalten.

Basisprodukte (100% Santé) wurden 2019 eingeführt. Damit sinkt seit Anfang des Jahres deren Verkaufspreis stufenweise, während die Höhe der Rückerstattung durch Kranken- und Zusatzversicherungen steigt. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums lag der Durchschnittspreis 2018 bei etwa 1.500 Euro je Hörgerät. Davon zahlte der Versicherte 930 Euro oder 62 Prozent. Anfang 2019 sank der Preis auf 1.300 Euro und die Zuzahlung auf 630 Euro. 2020 wird der Versicherte nur noch 380 Euro zahlen und der Gesamtpreis auf 1.100 Euro sinken. Ab 2021 soll die Zuzahlung dann ganz wegfallen und der Verkaufspreis rund 950 Euro betragen.

Insgesamt darf die Höhe der Kostenerstattung durch Kranken- und Zusatzversicherungen den Betrag von 1.700 Euro nicht übersteigen. Eine Rückerstattung kann nur nach Vorlage eines ärztlichen Rezepts erfolgen. Die Hörgeräte dürfen nur von ausgebildeten Hörgeräteakustikern (audioprothesistes) angepasst werden. Für diesen Berufszweig will die Regierung bis 2021 die Ausbildungsquoten von 200 auf 300 Plätze pro Jahr erhöhten, um der zu erwartenden Nachfrage gerecht zu werden.

Hersteller von Hörgeräten können jeweils nur ein Gerät registrieren, für das sie den Preis frei festsetzen, wenn sie gleichzeitig ein Gerät desselben Typs für die vollständige Rückerstattung anmelden. Damit soll ein ausreichendes Angebot sichergestellt werden. Das Antragsformular und eine Liste der registrierten Produkte kann unter folgendem Link in französischer Sprache eingesehen werden: https://solidarites-sante.gouv.fr/systeme-de-sante-et-medico-social/100pourcent-sante/espace-professionnels/les-nouvelles-mesures-audiologie/aides-auditives.

Marktexplosion erwartet

Durch die Einführung voll rückerstattungsfähiger Angebote erwartet das Marktforschungsunternehmen Xerfi in den kommenden Jahren eine "Explosion der Verkaufsvolumina". So sollen 2021 rund 30 Prozent mehr Hörgeräte verkauft werden als 2018. Damit könnte der Anteil der Nutzer von Hörgeräten unter den Personen mit Hörschäden zwischen 2019 und 2022 um zehn Prozentpunkte steigen.

Verkäufe von Hörgeräten in Frankreich (in Stückzahlen)
2017 2018 Veränderung 2018/17 (in %)
Ex-Hörer-Geräte (RIC) 482.621 577.118 +19,6
.mit Batterietyp 312 k.A. 488.646 +28,8
.mit Batterietyp 13 /675 k.A. 60.428 -14,8
.mit Batterietyp 10 k.A. 28.044 -12,9
Im-Ohr-Geräte 64.553 61.811 -4,2
.mit Batterietyp 312 k.A. 8.752 +2,0
.mit Batterietyp 13 /675 k.A. 623 -56,2
.mit Batterietyp 10 k.A. 52.436 -3,9
Hinter-dem-Ohr-Geräte 215.983 201.156 -6,9
Gesamt 763.157 840.085 +10,1

Quelle: Snitem

Die Verbände des Fachhandels hatten für 2019 zunächst einen Markteinbruch erwartet. Viele Menschen, so die Annahme, könnten ihre Käufe aufschieben und auf die vollständige Übernahme der Beschaffungskosten ab 2021 warten. Diese Befürchtung hat sich zunächst nicht bestätigt, auch wenn das Wachstum etwas schwächer ausfällt als 2018. Nach Zahlen des Medizintechnikverbandes Snitem (Syndicat national de l'industrie des technologies médicales) sind die Hörgerätverkäufe im 1. Quartal 2019 um 8,3 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal gestiegen, gegenüber einem Plus von 10,1 Prozent im Gesamtjahr 2018. Snitem berücksichtigt die Verkäufe der sieben führenden Hersteller Hansaton, GN Hearing, Phonak, Prodition, Sivantos, Starkey und Widex. Wie bereits 2018 konnten im 1. Quartal 2019 vor allem Ex-Hörer-Geräte zulegen, das sind Geräte bei denen sich der Lautsprecher direkt im Gehörgang befindet.

Optikerketten wollen mehr Hörgeräte verkaufen

Nach Aussagen des Präsidenten der führenden Fachhandelskette Amplifon aus Italien, Amaury Dutreil, regen die guten Marktaussichten den Appetit verschiedener Akteure an. Es herrsche derzeit eine Art Euphorie im Markt. Neben den Discountern und den führenden Fachhandelsketten wie Amplifon, William Demant aus Dänemark und Entendre aus Frankreich weiten vor allem die Optikerketten ihre Hörgeräteaktivitäten aus. Sie setzen darauf, dass etwa 90 Prozent der potenziellen Hörgerätekunden auch Brillenträger sind. Außerdem zieht der Kauf von Hörgeräten alle paar Monate Nachfolgetermine zur Anpassung oder Überprüfung nach sich. Davon erhoffen sich die Optiker auch zusätzliche Brillenkunden. Der Marktführer unter den Optikerketten, Krys, unterhält in seinen Läden 109 Hörgerätebereiche und will bis 2020 weitere 60 einrichten. Der zweitplatzierte Atol und die Supermarktkette Carrefour hatten 2017 die Einrichtung von Läden innerhalb der Märkte angekündigt, die sowohl Sehhilfen als auch Hörgeräte anbieten. Ein erster Laden wurde Mitte Juli 2019 eröffnet.

Die Details zu den rückerstattungsfähigen Geräten sind in einem Erlass vom 14. November 2018 niedergelegt, der unter folgendem Link in französischer Sprache abgerufen werden kann: http://www.legifrance.gouv.fr/eli/arrete/2018/11/14/SSAS1830986A/jo/texte.

Kontaktadressen

Bezeichnung Internetadresse Anmerkungen
AHK Frankreich http://frankreich.ahk.de Berät beim Markteinstieg in Frankreich
Ministère des Solidarités et de la Santé https://solidarites-sante.gouv.fr/systeme-de-sante-et-medico-social/100pourcent-sante/100-sante-audiologie/ Informationsseiten des Gesundheitsministeriums zu 100% Santé
Syndicat national de l'Industrie des Technologies médicales (Snitem) http://www.snitem.fr Verband der Hersteller von Medizintechnik
Syndicat national des Entreprises de l'Audition (Synea) http://www.synea.net Verband des Fachhandels für Hörgeräte

Weitere Informationen zu Frankreich finden Sie unter http://www.gtai.de/frankreich

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