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27.06.2019

Frankreich fördert die Entwicklung neuer elektronischer Komponenten

1 Milliarde Euro für Forschung und Produktionsvorhaben / Von Peter Buerstedde

Paris (GTAI) - Die Elektronikindustrie in Frankreich spielt international keine große Rolle mehr. Grund für die Regierung, dem Sektor mit Fördermitteln neuen Schwung zu verleihen.

Die Elektronikindustrie in Frankreich erhält in den kommenden Jahren Fördermittel von etwa 1 Milliarde Euro, um neue Elektronikkomponenten zu entwickeln und zu fertigen. Die Kommission der Europäischen Union (EU) hatte am 18. Dezember 2018 erstmals ein gemeinsames Projekt zur Förderung der Mikroelektronik von vier Mitgliedstaaten genehmigt. Frankreich, Deutschland, Italien und das Vereinigte Königreich werden Staatshilfen ermöglicht, die nach EU-Regeln sonst unzulässig sind. Das Projekt ist im gemeinsamen Interesse der gesamten EU (IPCEI, Important Project of Common European Interest). In Frankreich hat die Regierung das Vorhaben gemeinsam mit weiteren Projekten des EU-Programms ECSEL als Plan Nano 2022 zusammengefasst.

Der französische Zentralstaat stellt 886,5 Millionen Euro zur Verfügung. Etwa 200 Millionen Euro kommen von Gebietskörperschaften und der EU. Die sieben in Frankreich beteiligten Unternehmen sollen weitere 4 Milliarden Euro mobilisieren. Insgesamt sollen rund 5 Milliarden Euro investiert werden. Dabei geht es um die Entwicklung einer neuen Generation elektronischer Komponenten bis 2022 sowie um erste Fertigungsvorhaben. Beteiligt sind in Frankreich das französisch-italienische Unternehmen STMicroelectronics, Soitec, Sofradir und Ulis sowie Murata aus Japan, die deutsch-französische Gruppe UMS und das deutsche Unternehmen XFab.

Frankreich hat immer noch Unternehmen mit Potenzial

Der Plan Nano 2022 ist Teil einer Wiederbelebungsstrategie für den Sektor. Die Elektronikindustrie profitierte in Frankreich vor der Jahrtausendwende vor allem von der starken Nachfrage eines gut entwickelten Telekommunikationssektors. Mit der Verlagerung der Produktion nach Asien, Osteuropa und in die Maghrebstaaten ist sie in den letzten Jahren stark zusammengeschrumpft. Sie verfügt aber als Zulieferer für große Industriesektoren wie Kfz, Luftfahrt, Verteidigung, Bahnverkehr und Energie weiter über starke Unternehmen auf allen Stufen der Wertschöpfungskette. Zudem haben große Zulieferer wie Thales und Valeo Teile ihrer Elektronikproduktion bewahrt. Durch die Übernahme des weltgrößten Chipkartenherstellers Gemalto ebenfalls aus Frankreich, die im April 2019 abgeschlossen wurde, ist Thales zu einem führenden Anbieter von Cybersecurity-Lösungen geworden.

Das französisch-italienische Unternehmen STMicroelectronics ist einer der größten Halbleiterhersteller weltweit. Souriau und Radiall sind große Anbieter in der Verbindungstechnik. Hinzu kommen vier Firmen unter den 50 größten Auftragsherstellern für Mikrochips (EMS, Electronics Manufacturing Services) weltweit mit AsteelFlash, Eolane, Lacroix Electronics und All Circuit. Im Bereich der Forschung sind in Frankreich einige anerkannte Institute für Elektronik (unter Anderem CEA Leti, LAAS-CNRS oder IEMN) ansässig mit insgesamt etwa 10.000 Forschern. Diese Einrichtungen haben eine Reihe erfolgreicher Unternehmen hervorgebracht, wie Soitec, Sofradir, Tronics und Kalray.

Überwiegend Kleinstunternehmen am Markt

Nach einer Studie des Marktforschungsunternehmens IEIC (In Extenso Innovation Croissance) umfasst die Elektronikindustrie in Frankreich etwa 1.000 Unternehmen mit 70.000 Mitarbeitern und einem Umsatz von 15 Milliarden Euro. In der Komponentenfertigung zählen die Marktforscher 187 Betriebe mit 30.000 Mitarbeiter und 6 Milliarden Euro Umsatz. Hinzu kommen 513 Unternehmen in der Auftragsfertigung (EMS) mit 25.000 Mitarbeitern und 4 Milliarden Euro Umsatz.

Trotz einiger erfolgreicher Akteure spielt die französische Elektronikindustrie international eine geringe Rolle. Mit etwa 2 Milliarden Euro Umsatz kommen die fünf französischen Firmen unter den 50 größten EMS weltweit auf weniger als 1 Prozent des Weltmarktes. In der Halbleiterindustrie ist STMicroelectronics ein wichtiger Akteur, aber die Umsätze der Firma betragen weniger als ein Achtel des Branchenführers Samsung. Insgesamt schätzen die Marktforscher von IEIC, dass die französische Elektronikindustrie etwa 2 Prozent der weltweiten Produktion ausmacht.

Gleichzeitig sind die Firmen außer den 20 Branchengrößen in der Regel sehr klein. Damit haben sie nicht die notwendigen Mittel zur Verfügung, um ihre Produktion zu modernisieren, ins Ausland zu expandieren oder durch mehr Forschung ihre Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Bei der Präsentation der Studie von IEIC sagte der Präsident des EMS-Unternehmens AsteelFlash, Gilles Benhamou, dass sein Unternehmen immer stärker als Dienstleister für Komplettlösungen angesehen wird. In der Rolle seien sie für große Auftraggeber nur interessant, wenn sie ihnen ins Ausland folgen könnten.

Unternehmen nutzen kaum Industrie-4.0-Anwendungen

Die kleineren Akteure der französischen Elektronikbranche haben Schwierigkeiten, Investitionen in Industrie-4.0-Lösungen finanziell zu stemmen. Vielfach sind laut der Zusammenfassung der Studie unter den Unternehmen in der Elektronik-Auftragsfertigung (EMS) in Frankreich noch manuelle Lösungen in der Produktion vorherrschend. So nutzten nur wenige Firmen Systeme zur automatischen optischen Inspektion (AOI) oder zur Lotpasteninspektion (Solder Paste Inspection, SPI) sowie Roboter für die der Bestückung vor- und nachgelagerten Bereiche oder fahrerlose Transportfahrzeuge.

Etwa 50 Prozent der für die Studie identifizierten Branchenunternehmen verfügen über ein Eigenkapital von weniger als 500.000 Euro. Sie könnten daher der Studie zufolge eine Industrie-4.0-Transformation nicht finanzieren. Gleichzeitig kooperieren sie nicht ausreichend stark. Dies mache sie auch anfälliger für die Komponentenengpässe, die periodisch die Industrie heimsuchen und etwa 2018 dem Sektor zugesetzt hatten.

Staat gewährt bis 2020 eine Sonderabschreibung auf Digitalisierungstechnik

In einem im März 2019 geschlossenen Abkommen haben Branchenfirmen und die Regierung verschiedene Maßnahmen vereinbart, um die Digitalisierung der Unternehmen voranzutreiben. Zudem wollen sie den Fachkräftemangel bekämpfen. Bei ihren Digitalisierungsprojekten können kleine und mittlere Unternehmen in Frankreich bis 2020 von einer Sonderabschreibung (suramortissement) von zusätzlich 40 Prozent Gebrauch machen. Diese hatte die Regierung zum Jahresbeginn 2019 wieder eingesetzt. Eine vorherige Vergünstigung war im April 2017 ausgelaufen. Das wiederbelebte Förderinstrument gilt für Anschaffungen von Digitalisierungstechnik (Robotik, 3D-Druck, Software, Sensorik, Automatisierungstechnik) bis Ende 2020.

Das Branchenabkommen der Elektronikindustrie kann auf der Seite des Nationalen Industrierates CNI (Conseil National de l'Industrie) eingesehen werden (http://www.conseil-national-industrie.gouv.fr/sites/www.conseil-national-industrie.gouv.fr/files/files/csf/electronique/contrat-filiere-electronique-signe.pdf).

Kontaktadressen

Bezeichnung Internetadresse Anmerkungen
AHK Frankreich http://frankreich.ahk.de Berät beim Markteinstieg in Frankreich
Syndicat national des entreprises de sous-traitance électronique (SNESE) http://www.snese.com Verband der EMS-Unternehmen
Fédération des industries électriques, électroniques et de communication (FIEEC) http://www.fieec.fr Verband für Elektrotechnik, Elektronik und Kommunikationstechnik

Weitere Informationen zu Frankreich finden Sie unter http://www.gtai.de/frankreich

Dieser Artikel ist relevant für:

Frankreich Elektronik, allgemein, Elektronische Bauelemente, Digitalisierung

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