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31.05.2018

Frankreich: Folgen des Brexits überschaubar

Dennoch drohen Exportausfälle, weniger Investitionen und Störung der Supply Chain / Von Peter Buerstedde

Paris (GTAI) - Frankreich befindet sich wie Deutschland in einer Gruppe europäischer Länder, die von den wirtschaftlichen Auswirkungen eines harten Brexits betroffen wären. Die Effekte sind aber nach Einschätzung von Experten geringer als in noch enger mit der britischen Wirtschaft verzahnten Ländern wie Irland, den Niederlanden oder Belgien. Prognosen rechnen durch den Brexit bis 2021 mit einem Rückgang des französischen Bruttoinlandsproduktes (BIP) von jährlich 0,3 Prozentpunkten. (Kontaktadressen)

Folgen auf mehreren Ebenen

Vielschichtig wie die Beziehungen zwischen Frankreich und dem Vereinigten Königreich sind auch die zu erwartenden Auswirkungen des Brexits. Ein harter Brexit würde durch tarifäre und nichttarifäre Handelshemmnisse vor allem den Warenaustausch treffen. Das Vereinigte Königreich ist für viele französische Produkte ein wichtiger, wenn auch nicht der wichtigste Absatzmarkt. Handelshemmnisse könnten zudem dazu führen, dass Unternehmen stark integrierte grenzüberschreitende Lieferketten (Luftfahrt, Chemie, Kfz) neu ausrichten, und würde damit auch die Investitionsströme beeinflussen.

Eine stärkere Abwertung des britischen Pfundes würde zudem Besucher und Hauskäufer aus dem Vereinigten Königreich abschrecken. Briten bilden in Frankreich die größte Touristengruppe und kaufen die meisten Immobilien. Ein Rückgang der Hauskäufe in Südfrankreich könnte zumindest zum Teil durch Immobilienkäufe in Paris im Zuge der Verlagerung von Jobs aus der Londoner City aufgewogen werden. Bisher gibt es trotz des geplanten Umzugs der europäischen Bankenaufsicht EBA (European Banking Authority) von London nach Paris jedoch kaum Ankündigungen über größere Arbeitsplatzverlagerungen an die Seine.

Gesamtwirtschaftlicher Schaden überschaubar

Die Auswirkungen auf die französische Gesamtwirtschaft dürften insgesamt moderat ausfallen. Kumuliert soll das BIP-Wachstum bis 2021 laut Prognosen von Euler Hermes um 0,3 Prozentpunkte geringer zulegen als ohne Brexit. Allerdings geht Euler Hermes bei den Zahlen vom Abschluss eines eingeschränkten Freihandelsabkommens aus. Kommt dieses nicht zustande, dürften die Auswirkungen stärker ausfallen.

Wirtschaftsverflechtungen zwischen Frankreich und dem Vereinigten Königreich (Anteile in Prozent)
Indikator 2017
Anteil Warenimporte aus dem VK am BIP 1,3
Anteil Dienstleistungsimport aus dem VK am BIP (2016) 0,9
Anteil Warenexport in das VK am BIP 1,4
Anteil Dienstleistungsexport in das VK am BIP (2016) 1,1
Anteil der Direktinvestitionen aus dem VK am Gesamtbestand ausländischer Direktinvestitionen Frankreichs (2016) 11,7

Quelle: Eurostat

Vereinigtes Königreich nicht unter den Top 5-Handelspartnern.

Frankreich importierte (2017) Waren im Wert von 29,3 Milliarden Euro aus dem Vereinigten Königreich. Mit 6,7 Prozent der Importe steht das Vereinigte Königreich damit an sechster Stelle im Ranking der wichtigsten Lieferländer Frankreichs, hinter Deutschland, Spanien, Italien, den USA und Belgien. Umgekehrt lag das Vereinigte Königreich 2017 unter den Hauptabnehmerländern Frankreichs ebenfalls an sechster Stelle. Die französischen Exporte ins Vereinigte Königreich erreichten 31,6 Milliarden Euro oder 5 Prozent der Gesamtexporte. In beiden Richtungen ist der Anteil in den vergangenen fünf Jahren etwa auf gleichem Niveau verblieben.

MKT201805308021.14

Die Auswirkungen eines harten Brexits hängen vielfach mit den dann erhobenen Zollsätzen und nichttarifären Handelshemmnissen zusammen. Die im Rahmen der Welthandelsorganisation (WTO) vereinbarten Zölle sind bei Lebensmitteln (20 Prozent und mehr) und Kfz (10 Prozent) am höchsten. Hinzu kommen bei Lebensmitteln und chemischen Produkten strenge nichttarifäre Auflagen. Die stärksten Auswirkungen dürften daher diese drei Sektoren betreffen.

Enge Lieferketten in der Luftfahrt wichtig im bilateralen Handel

Ein bedeutender Teil des bilateralen Warenaustausches geht auf die Lieferketten der Kfz- sowie der Luftfahrtindustrie zurück. Flugzeugtriebwerke machten 2017 allein 23,6 Prozent der Importe aus dem Vereinigten Königreich aus. Bei Hubschrauberteilen waren es 4,7 Prozent. Die Arbeitsteilung unterliegt hier in erster Linie langfristigen, vielfach politischen Vereinbarungen, und auch infolge des Brexits würden auf die meisten Produkte keine Zölle erhoben, da das Vereinigte Königreich unabhängig von der EU Teil von Sonderabkommen zur Luftfahrtindustrie im Rahmen der WTO ist.

Die Lieferketten könnten aber durch nichttarifäre Handelsbarrieren gestört werden. Dies betrifft auch die Kfz-Industrie, die bisher über die Kanalgrenze hinweg mit kleinen Lagerkapazitäten (just in time) liefern konnte. Zu möglichen Zöllen, die für Kfz-Teile bis zu 4,5 Prozent betragen würden und für fertige Kfz 10 Prozent, dürften Verzögerungen bei der Abwicklung hinzukommen.

Viele Unternehmen, nicht nur aus Frankreich, nutzen den Kanaltunnel und den Hafen von Calais als Umschlagplatz für den Handel mit dem Vereinigten Königreich. Täglich steuern 10.000 Lkw die Stadt an. Will diese ihre Wettbewerbsfähigkeit als Transporthub wahren, müssen neue Umschlagskapazitäten und für längere Standzeiten mehr Lager eingerichtet werden.

Der Kreditversicherer Euler Hermes erwartet in einer Analyse vom März 2017, dass die französischen Warenexporte ins Vereinigten Königreich aufgrund des Brexits im Zeitraum 2017 bis 2021 insgesamt um 3 Milliarden Euro zurückgehen werden und die Dienstleistungsexporte um 1,2 Milliarden.

Französischer Warenhandel mit dem Vereinigten Königreich und Deutschland 2017
Vereinigtes Königreich Deutschland
Importe aus...(Mrd. Euro) 29,3 102,5
Rang in der Importstatistik 6 1
Exporte nach... (Mrd. Euro) 31,6 70,0
Rang in der Exportstatistik 6 1
Handelsvolumen mit... (Mrd. Euro) 60,9 172,4
Rang als Handelspartner 7 1

Quelle: Eurostat

Auswirkungen auf Produktion und Investitionen in Frankreich

Das Vereinigte Königreich ist der wichtigste ausländische Investor in Frankreich. Mit 11,7 Prozent des Gesamtbestandes lag das Land 2016 vor der Schweiz, Deutschland sowie Belgien und den USA. Die Investitionen konzentrieren sich auf Banken/Versicherungen (37,3 Prozent; zum Beispiel Aviva, HSBC) und Immobilien (36,6 Prozent), gefolgt vom verarbeitenden Gewerbe (10,5 Prozent), Handel (5,4 Prozent; Kingfisher) sowie Hotels und Gastronomie (2,3 Prozent). In der Industrie spielt die Nahrungsmittelindustrie (5,2 Prozent) unter anderem mit Diageo eine wichtige Rolle sowie die pharmazeutische Industrie mit AstraZeneca, GlaxoSmithKline und Reckitt Benckiser.

Ein harter Brexit würde einige Regionen Frankreichs besonders stark treffen. So ist die Wirtschaft der nördlichsten französischen Region Hauts-de-France besonders eng mit dem Vereinigten Königreich verflochten und in Calais wird über Hafen und Tunnel ein Großteil des Warenaustausches mit der Insel abgewickelt. Ebenso befürchten die Häfen an der Atlantikküste wirtschaftliche Einbußen, falls das Vereinigte Königreich infolge des Brexits französischen Fischern den Zugang zu seinen Hoheitsgewässern verwehrt.

Neue US-Investitionen dürften eher auf dem Kontinent erfolgen

Vielfach gilt das Vereinigte Königreich als Einfallstor in den europäischen Markt etwa für US-Unternehmen. Künftig dürfte die Sogwirkung des EU-Marktes Investoren eher auf den Kontinent locken. Der Norden Frankreichs rechnet sich hier aufgrund der zentralen Lage in Europa und der guten Verfügbarkeit von Arbeitskräften Chancen aus.

Zulieferungen in der Luftfahrtindustrie sind etwa aufgrund der hohen Spezialisierung der Anbieter und langer Entwicklungszyklen (etwa bei Triebwerken) nicht kurzfristig zu ersetzen und dürften daher bestehen bleiben, auch weil hier Zölle kaum eine Rolle spielen. Neue Investitionsentscheidungen in der Luftfahrtindustrie könnten aber zur Risikominderung eher zugunsten von EU-Standorten fallen. Die britischen Investitionen in der französischen Lebensmittelindustrie (vor allem bei alkoholischen Getränken) betreffen vielfach Produkte mit geschützten regionalen Herkunftsbezeichnungen. Ähnlich wie in Sektoren in denen örtlich gebundene Dienstleistungen erbracht werden und in denen die britische Präsenz hoch ist (Banken, Versicherungen, Handel) dürfte der Brexit hier nicht zu Veränderungen führen.

Kontaktadressen

Eine Bestandsaufnahme der möglichen Brexit-Auswirkungen auf 13 europäische Länder finden Sie in der GTAI-Analyse "Der Brexit und seine Folgen" auf: http://www.gtai.de/brexit-zielmaerkte

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht und Zoll zu Frankreich können Sie unter http://www.gtai.de/frankreich abrufen.

Unter http://www.gtai.de/brexit informiert Germany Trade & Invest regelmäßig über Aktuelles und Hintergründe zum Brexit.

Dieser Artikel ist relevant für:

Frankreich Außenwirtschaft, allgemein, Konjunktur, allgemein, Brexit

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